The Price You Pay

Anders als die Anderen (Deutschland 1919)

Große Freiheit (Österreich/Deutschland 2021)

 

Diese beiden Filme trennt ein Zeitraum von über hundert Jahren, doch es vereint sie die Auseinandersetzung mit demselben Thema. Worum es geht, ist das himmelhohe Unrecht des Paragraphen 175 des deutschen Strafgesetzbuches. Von seiner Einführung im Jahr 1872 an stellte er sexuelle Handlungen zwischen Personen männlichen Geschlechts unter Strafe. Nach Reformen 1969 und 1973 wurde er erst nach der Wiedervereinigung mit der in diesem Punkt liberaleren DDR im Jahr 1994 aufgehoben. So konnte es geschehen, dass ein Häftling nach der Befreiung aus einem nationalsozialistischen Konzentrationslager direkt in ein Gefängnis überstellt wurde, um dort den Rest seiner, auch von den alliierten Mächten als rechtens angesehenen, „Strafe“ abzusitzen.

Sebastian Meises Spielfilm Große Freiheit, 2021 in Cannes mit dem Preis der Jury ausgezeichnet, entwirft das Schicksal eines solchen schwulen Mannes mit dem Namen Hans Hoffmann, indem er, Blitzlichtern gleich, drei Stationen in seinem Leben herausgreift und diese dann auf kunstvolle Weise miteinander verwebt. Was dabei entsteht, ist ein Geflecht aus Verfolgung und Angst, aus ständiger Erniedrigung, Ablehnung und Ausgrenzung und, daraus folgend, einer Existenz im Heimlichen und Verborgenen, in der es Hans dennoch gelingt, wie es die Jury in ihrer Entscheidung formuliert, nicht zu verbittern, sondern „grundsätzlich anderen Menschen zugewandt“ zu bleiben. Franz Rogowski verkörpert diesen Hans mit beachtlicher Präsenz; ohne viele Worte und mit reduzierter Gestik, spricht er mit seinen Augen, seinem Zögern, seiner (an)gespannten Zurückhaltung. Der österreichische Schauspieler Georg Friedrich ist ihm mit der für ihn schon typischen Authentizität anfangs Gegenpart, der allmählich zu seinem Freund und Vertrauten wird. Friedrich ist in der Rolle des zu lebenslanger Haft verurteilten Mörders Viktor zu sehen, mit dem sich Hans in der ersten der drei Zeitebenen, 1945, die Zelle teilen muss. Der homophobe Viktor betrachtet Hans voller Abscheu und bedroht ihn, sollte er sich ihm nähern, mit dem Tod. Der Moment des Umdenkens ergibt sich, als Viktor die Nummer aus dem KZ auf Hans‘ Unterarm entdeckt. Er bietet ihm eine Tätowierung an, die sie unkenntlich machen würde, und Hans geht darauf ein – die ersten Berührungen im physischen, aber auch übertragenen Sinn zwischen den beiden Männern.

„Es ist kaum zu glauben“, führt Regisseur Meise in einem Interview aus, „mit welcher Akribie, welchem Einfallsreichtum und abstrusem Aufwand der Staat zahllosen, völlig harmlosen Männern hinterherjagte.“ Er nimmt dabei etwa auf hinter Spiegeln versteckte Kameras in öffentlichen Toiletten Bezug. Der Kontakt zwischen Hans und einem jungen Mann auf einer solchen Klappe führt im Jahr 1968 zu seiner dritten Verurteilung. Im Gefängnis trifft er diesen Leo, gespielt von Anton von Lucke, wieder, die beiden entwickeln Gefühle füreinander. Die ständige Überwachung hat Hans erfinderisch gemacht. Leo und er verweigern den Gehorsam bei der nächtlichen Kontrolle und werden zur Strafe in eine käfigartige Zelle im Freien verlegt. Dort, auf dem kalten Steinboden, finden sie eine Art Insel der Zweisamkeit, auf der sie unbeobachtet sind und in einer dunklen Ecke Küsse und andere Zärtlichkeiten austauschen. In dieser Zeitebene, die 1968 spielt, können sie dabei unter Decken etwas Wärme finden, in jener von 1957 gibt es nicht einmal diese. Hier befindet sich Hans gemeinsam mit seinem festen Freund Oskar (Thomas Prenn, für seine Leistung in Hochwald 2021 mit dem österreichischen Filmpreis als bester männlicher Darsteller ausgezeichnet) im Gefängnis. Die beiden werden von den Wärtern aber strikt getrennt, auch für sie gibt es keine andere Gelegenheit der Nähe als in dem Zellenkäfig im Freien. Hans ersinnt diesen Plan und schickt Oskar eine Nachricht in Form von angestochenen Buchstaben in einer Bibel. Dass er ihn unendlich vermisse, ihn in den Armen halten möchte und von einem Zusammenleben träume, spricht er in diesem ganz eigenen Liebesbrief aus.

Der Dialog zwischen den beiden, der sich dann nächtens entspinnt, erzählt uns auch von ihrem geheimen Leben zu zweit, das der Festnahme vorausging. „Was sollen wir nur machen?“, fragt Oskar verzweifelt. „Alles, was wir wollen“, meint Hans. „Wir hatten einfach Pech.“ – „Nein, das passiert uns überall.“ – „Nächstes Mal sind wir vorsichtiger.“ Doch Oskar sieht für ihre Beziehung keine Zukunft: „Sollen wir die Wohnung nicht mehr verlassen?“, ruft er mutlos. „Wir können nicht zusammenleben, Hans. Ich kann das nicht.“ Und an Hans geschmiegt, beginnt er zu schluchzen. Am nächsten Tag springt Oskar vom Dach des Gefängnisses in den Tod. Als Hans davon erfährt, befindet er sich im Hof der Anstalt. Er bricht zusammen. Viktor kümmert sich nicht um die Blicke und Kommentare der anderen Häftlinge und nimmt ihn in den Arm, er hält ihn, selbst, als die Wärter versuchen, sie zu trennen, und anzufangen, auf sie einzuprügeln.

Die Gefängnisaufenthalte spielen sich für Hans wie in einer Zeitschleife ab, die lichtlose Isolationszelle bezeichnet Sebastian Meise darin als „Wurmloch“, in der, einem Scharnier zwischen den Jahren und Jahrzehnten gleich, der Übergang von einer der drei Erzählebenen zur nächsten stattfindet. Nach dem Vorfall im Hof und immer wieder, wenn das kafkaeske System einen weiteren Schritt im Versuch setzt, ihn zu brechen, kommt Hans in Einzelhaft in völliger Dunkelheit; nur wenn es Viktor gelingt, Zigaretten und Zündhölzer in die Zelle zu schmuggeln, sehen wir den nackten, erniedrigten Hans im kurzen Aufflackern von Licht. Immer wieder werden wir dabei von dem Ausdruck von Stolz in seinen Zügen überrascht; er ist jemand, der einfach so leben und lieben will, wie es ihm entspricht – und der sich die zumindest innere Freiheit nimmt, so zu sein, wie er eben ist. Jemand anderem aber will er mit der eigenen Sehnsucht nach Nähe keinen Schaden mehr zufügen. In dieser Hinsicht trickst er etwa auch das System aus und gibt zur Aussage, Leo auf der Klappe zum Sex genötigt zu haben – der junge Lehrer geht frei, Hans‘ Haft wird aber verlängert.

In seinem Lied „The Price You Pay“ singt Bruce Springsteen von Lebensentscheidungen und den Konsequenzen, für die man als aufrechter Menschen einstehen muss. „Now they’d come so far and they’d waited so long/Just to end up caught in a dream where everything goes wrong/Where the dark of nights holds back the light of the day/And you’ve gotta stand and fight for the price you pay.“ – Die Dunkelheit der Nacht, die das Licht des Tages zurückhält – für Hans mag seine ganze Existenz diesem Bild ähneln. „Auf der Flucht?“, meint er einmal. „Das bin ich schon mein ganzes Leben!“

In seinem in der deutschen Zwischenkriegszeit angesiedelten und auch damals verfassten Roman Der Puppenjunge (1926) beschreibt John Henry Mackay die Gefühle seiner Protagonisten Hermann und Günther aufs Eindringlichste: „Und weil ihr sie in Nacht und Kerker sperrt – So will ich frei von der Liebe singen. Und weil mein Lied zu den Verfolgten dringt (…) – So darf ich doch von dieser Liebe singen.“ Zu einem solchen Sprechen von Freundschaft und gegenseitigem Respekt, von Zärtlichkeit und Zwischenmenschlichkeit entwickelt sich in Große Freiheit schließlich die Beziehung zwischen Hans und Viktor. Obwohl er sich nach außen so ruppig und abweisend gibt, ist Viktor in Wahrheit doch genauso einsam und zerbrechlich wie alle Menschen. Inmitten der Rohheit und Hässlichkeit des Gefängnisalltags steht Hans ihm bei einem Drogenentzug zur Seite. Wenn sie einander die Nähe geben, die ihnen die Gesellschaft abzusprechen versucht, ist es ihre ganz persönliche Form von Liebe, die sich zwischen ihnen entwickelt hat. Nochmals mit den Worten des bereits oben genannten Autors Mackay, den Hubert Kennedy in dem Aufsatz „Der Dichter der namenlosen Liebe“ zitiert: „Denn im Grunde versteht doch Jeder nur seine eigene Liebe und jede andere ist ihm fremd und unverständlich, wenn nicht unheimlich.“

Mackays Einordnung von Gefühlen, die von breiten Schichten der Gesellschaft als unnatürlich angesehen wurden, stammt aus der Zeit der Weimarer Republik. Auch der Stummfilm Anders als die Anderen entstand in dieser Ära, die mit Robert Wienes Das Cabinet des Doktor Caligari (1920), Friedrich Wilhelm Murnaus Nosferatu (1922) und Fritz Langs Metropolis (1927) Meilensteine der expressionistischen Filmkunst setzte. Bei Anders als die Anderen, 1919 von Richard Oswald und unter Mitwirkung des Sexualwissenschaftlers Magnus Hirschfeld geschrieben und inszeniert, handelt es sich um den wahrscheinlich ersten Film überhaupt, der sich mit Homosexualität beschäftigt und es riskiert, schwule Protagonisten in den Mittelpunkt seiner Handlung zu stellen. Auch diese Geschichte dreht sich um den Paragraphen 175 und seine zum Teil desaströsen Auswirkungen auf die darin agierenden Figuren – über hundert Jahre vor Große Freiheit

Dass eine Produktion wie diese überhaupt möglich war, war dem Umstand der Aufhebung der staatlichen Zensur im November 1918 zu verdanken. Diese wurde zwei Jahre darauf wieder rückgängig gemacht und der Streifen unter dem Vorwand des Jugendschutzes verboten. Die Kopien wurden vernichtet und weite Teile des Films gingen unwiderruflich verloren. Sein vollständiger Inhalt ist jedoch, wie man nachlesen kann, durch das Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen (Leipzig, 1919) nachvollziehbar. Eine Liebesgeschichte zwischen zwei Männern, eine Erpressung und kein glückliches Ende – eine für damalige Zeiten höchst kontroversielle Darstellung, die in Rezensionen einerseits als „sozialhygienisches Filmwerk“ gelobt, deren Diskussionsgrundlagen andererseits aber auch schon mal als „perverse Erscheinungen des Sexuallebens“ abqualifiziert wurden.

Die Handlung dreht sich um den berühmten Violinisten Paul Körner, verkörpert von Conrad Veidt, einem der herausragenden Darsteller dieser Tage, und seinen Schüler Kurt Sievers (Fritz Schulz). Wenn Kurt bei einem Konzert fasziniert Pauls Spiel lauscht, wenn er ihn am nächsten Tag mit der Bitte aufsucht, sein Schüler werden zu dürfen, denn dies sei sein größter Wunsch, und die beiden wie zu einem geheimen Pakt die Hände aufeinanderlegen, wenn sie einander schließlich beim gemeinsamen Musizieren lächelnde Blicke zuwerfen – schon in den kurzen Ausschnitten, die heute noch existieren, wird die Magie dieser stummen Bilder spürbar. Doch es ist klar, dass die Gesellschaft ihrer Beziehung keine Zukunft gönnt. Die Eltern mit ihren Verkupplungsversuchen einerseits, der Stricher Franz (Reinhold Schünzel) mit seinen erpresserischen Absichten andererseits zerstören ihr Glück. Bleich und mit dunkel umrandeten Augen, folgt Franz dem Paar, als die beiden Männer eingehängt im Park spazieren gehen, und bricht schließlich, als Paul seinen immer dreisteren Geldforderungen nicht mehr nachkommen kann, sogar in seine Wohnung ein. Er durchstöbert Laden und Papiere darin, als ihn Kurt überrascht. Es kommt zu einem dramatischen Kampf, auch Paul eilt herzu. Dass es zwischen ihnen keinen Unterschied gebe, spricht Franz zu Kurt – sie beide würden doch nur von Paul bezahlt. Kurt greift sich ob solcher Worte an die Kehle, ein Ausdruck des Zwiespalts, der in ihm tobt, während Paul und Franz im Hintergrund miteinander ringen.

Es gibt kein glückliches Ende für die Liebenden. Zwar wird Franz wegen Erpressung zu drei Jahren im Zuchthaus verurteilt, doch auch Paul muss aufgrund des Paragraphen 175 ins Gefängnis. Sein Ruf und seine Karriere sind ruiniert und er nimmt sich mit Gift das Leben. In die Handlung integriert – bei einem Vortrag, bei der Gerichtsverhandlung und dann auch an Pauls Totenbett – sind flammende Appelle des Arztes Magnus Hirschfeld gegen den herabwürdigenden Paragraphen und für die Rechte von Homosexuellen. Hirschfeld, der unermüdliche Kämpfer gegen Diskriminierung und für Gleichberechtigung, verwendete für seinen späteren Dokumentarfilm Gesetz der Liebe (1927) Teile von Anders als die Anderen. Der Streifen fiel selbst der Zensur zum Opfer, eine Kopie fand sich aber Jahrzehnte später in der Ukraine wieder. „Es ist eine Liebe wie jede andere“, heißt es in John Henry Mackays Der Puppenjunge. „Aber wer sie nicht als Liebe verstehen kann oder verstehen will, versteht sie nie.“ In seiner berührenden Verteidigungsrede vor dem Gericht, das ihn wegen „unsittlichen Verhaltens“ („gross indecency“) zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilen sollte, zitierte Oscar Wilde aus dem Gedicht „Two Loves“ (1892) seines Liebhabers Lord Alfred Douglas und sprach in Bezug auf ihrer beider Gefühle von „the love that dare not speak its name“. Der Preis, den sie alle bis hin zu Hans Hoffmann in Große Freiheit zahlen mussten, weil sie so waren, wie sie waren, war ein denkbar hoher.