Die Fesseln der Stigmata

Luca (USA/Italien 2021)

 

Da stehen junge Männer, Teenager und Twens unterschiedlicher Herkunft und Nationalität, am Rand der Bühne, einer neben dem anderen, und verknoten ihre Pullover miteinander. Jeder Knoten, so erzählen sie, ist ein Erlebnis von früher, ein kleiner Moment, der für sie selbst aber gar nicht klein gewesen ist, sondern eine prägende Szene, die ihren Beitrag dazu geleistet hat, sie zu dem zu machen, der und wer sie sind. Es sind intime Augenblicke des Erinnerns, die die Burschen in ihrer ganz eigenen Weise in unmittelbarer Authentizität und einer fast festlichen Stimmung an- und aussprechen. Sie bilden das Herz des berührenden Stücks Boys Awakening aus dem Jahr 2015, einer Frank Wedekinds gesellschaftskritischem Drama Frühlings Erwachen (1891) nachempfundenen Produktion des Theaters Foxfire und von Dschungel Wien. „There is always one moment in childhood when the door opens and lets the future in“, hat der britische Schriftsteller Graham Greene einmal geschrieben. Diese prägenden Erlebnisse und dieser eine, alles auf den Kopf stellende Moment, in dem einem Kind der erste Blick in seine mögliche Zukunft gelingt, beschreibt auch der Pixar-Film Luca. Natürlich kann dieser, ganz der Werbelinie von Disney entsprechend, als ausgelassene, mit großer Detailfreude und in wunderbar nostalgischen und von passenden Schlagern dieser Zeit untermalten Bildern eines Italien der 1950er-Jahre animierte Geschichte einer Bubenfreundschaft gelesen werden; freilich setzt man sich dann über das hinweg, was zwischen den Zeilen geschrieben steht und uns der queere Subtext der Dialoge und der Wendungen des Handlungsverlaufes mit erstaunlicher Deutlichkeit nahelegt.

Die heteronormativen Scheuklappen des Publikums müssen gewaltig sein, um diesen Film misszuverstehen. Tatsächlich dreht er sich um das Coming out, das innere und jenes nach außen, von zwei Jungen, wobei dem Titelhelden die Erkenntnis seines wahren Ich schwerer fällt als seinem Freund Alberto. Wo immer er sich auch befinde, so lautet die Coda am Schluss des Films, Luca könne ganz einfach er selbst sein. Von dem beschaulichen Dorf an der italienischen Riviera bricht Luca auf, er fährt in einem Zug in die Welt hinaus, um in der Stadt die Schule zu gehen wie andere Kinder auch. Der Abschied von Alberto fällt beiden nicht leicht und als der Zug schon losgefahren ist, beugt sich Luca nochmals aus dem Fenster, um zu Alberto, der am Bahnsteig steht,  zurückzuschauen. Wie immer, wenn er nass wird, verwandelt sich Luca im Regen in das Meereswesen, das die Leute vom Festland den größten Teil der Geschichte über für ein Seeungeheuer gehalten haben, doch jetzt ist das kein Problem mehr, denn er hat gelernt, sich nicht mehr zu fürchten und zu verstellen; er ist ganz einfach er selbst.

Das Frühlingserwachen des Burschen beginnt gleich zu Beginn des Films, als er auf dem Meeresgrund einen Wecker findet, also einen Gegenstand aus jener anderen Welt, vor der ihn seine Eltern immer gewarnt haben. Luca und seine Familie leben unter dem Meeresspiegel und das Bild, das die Mutter und der Vater von den Fische jagenden mörderischen Wesen zeichnen, die sich in Booten über ihren Köpfen bewegen, ist ein denkbar horribles. In Luca aber ist die Neugier geweckt, besonders, als er auf einen zweiten Jungen namens Alberto stößt. Der ist einer wie er, lebt auf dem Land und kehrt nur hin und wieder ins Meer zurück. Alberto ist ein liebenswertes Großmaul, das seine Unsicherheiten hinter angeberischem Gehabe zu verbergen sucht. Luca folgt ihm auf den Strand und erlebt zum ersten Mal die Verwandlung in einen Menschenjungen. Er macht seine ersten ungelenken Schritte auf zwei Beinen und erstarrt alsbald nicht mehr vor Schreck, wenn sich seine Schuppen in menschliche Haut verwandeln oder umgekehrt. Bei Luca handelt es sich im doppelten Sinne des Idioms um eine „fish out of the water story“. Damit wird im Englischen eine Erzählung bezeichnet, in der eine Figur in eine völlig neue Welt gerät und sich dort mit der für sie ungewohnten Umgebung zurechtfinden muss. Für Luca ist diese Entdeckungsreise, als Suche nach dem wahren Ich, im wahrsten Sinne des Wortes so etwas wie eine Mensch-Werdung, und zwar in Folge der Bewältigung des Stigmas der Homosexualität.

 

Der kanadische Soziologe Irving Goffman unterscheidet zwischen sichtbaren und unsichtbaren Stigmata. Zu den ersteren solcher Merkmale von als unerwünscht empfundenem „Anderssein“ zählt die Hautfarbe, zu zweiteren die Homosexualität. Die Autonomie des Individuums erscheint in diesem Zusammenhang als überaus verletzlich, die Drohung von Diskriminierung steht als immanente Gefahr quasi ständig im Raum. Goffman spricht vom Selbst als Zuschreibungsprodukt, man ist sozusagen das, als was man von anderen wahrgenommen wird. Merkmale, die Randgruppen von der normativen Mitte unterscheiden, werden als negativ bewertet, woraus sich wiederum neuerlich Stigmatisierung ergibt – ein Teufelskreis.

Luca und Alberto haben einen Traum, nämlich einmal eine echte Vespa zu besitzen, und sie sehen sich darauf fahren wie wir einstmals Audrey Hepburn und Gregory Peck in Ein Herz und eine Krone (Roman Holiday, 1953). Aus diesem Grund verlassen sie den Zufluchtsort ihrer Insel, ihr persönliches kleines Paradies, das ihrer Freundschaft Schutz vor äußeren Einflüssen geboten hat, seien es die Eltern auf dem Meeresgrund oder die Menschen im nahen Küstenstädtchen. „You got me off the island“, erinnert Alberto seinen Freund in einer späteren Szene an die Entscheidung, ihre Komfortzone hinter sich zu lassen. Das Basteln an einer Vespa aus Schrottteilen, das Herumtollen auf dem Land und im Wasser, ohne sich darum zu kümmern, in welchem Stadium der Verwandlung sie sich gerade befinden – ganz wie Peter Pans verlorene Jungen haben sie Tage der Unbeschwertheit, der Selbstvergessenheit, großer Vertrautheit und menschlicher Nähe erlebt. Doch auf die Dauer sind die Isolation und die Flucht vor der Auseinandersetzung mit den Konflikten mit sich selbst und um sie herum für sie auch zu einer Art Gefängnis geworden. Es gilt, die innere Stimme des Zögerns und Zauderns, die Alberto mit dem Namen Bruno benennt, zum Schweigen zu bringen. Wenn sie einander und nicht zuletzt sich selbst mit den geflügelten Worten „Solenzio, Bruno!“ Mut zusprechen, sind dies herrlich lebensbejahende Momente der Beschwörung einer Freundschaft, die daran wächst, dass sie ganz einfach kompromisslos für den anderen einsteht.

In dem Fischerdorf als Schauplatz der „realen Welt“ mit all ihren Verlockungen (Eiscreme, die Vespa) und Gefahren (das Wasser im Brunnen, der Morgentau), in das sie sich schließlich vorwagen, gewinnen sie in dem Mädchen Giulia, ihrerseits eine Außenseiterin, eine typische, unter Umständen lesbische „beste Freundin“, wie sie im Standardpersonal schwuler Figurenkonstellationen immer wieder auftaucht. Gemeinsam mit ihr nehmen sie am alljährlichen Triathlon von Schwimmen, Radfahren und Spaghettiessen teil – mit der Siegesprämie könnten sie sich endlich die ersehnte Vespa leisten. Und die ganze Zeit lang, wenn sie sich in ständiger Gefahr befinden, nass zu werden und sich wieder in die Meereswesen zu verwandeln, die sie ja eigentlich sind, geraten sie in Situationen und fallen Sätze wie in einem klassischen Coming out-Drama.

Schon als Lucas Eltern seine Ausflüge aufs feste Land entdecken, rufen sie einen Onkel aus der Tiefsee zu Hilfe. Luca soll mit ihm eine Zeitlang in der Finsternis verbringen, fern von allen Anreizen und der Versuchung, fern vom Licht, das symbolisch für die Selbsterkenntnis stehen kann – nichts anderes als eine Art Konversionstheraphie haben die Eltern im Sinn. Wenn er wieder ins Meer zurückmüsse, stellt Luca später einmal fest, würde er alles verlieren, was er liebt. Also gilt es zu bleiben und zu kämpfen. „Some people will never accept him, but some will“, lautet demnach auch die weise Voraussicht von Lucas Großmutter, die sich, wie wir erfahren werden, ihrerseits regelmäßig auf Landausflüge begibt. Albertos Eifersucht, als sich Luca auch mit Giulia anzufreunden beginnt, weist auf die Intensität ihrer Beziehung, die viel mehr als reine Freundschaft ist. Ihr Gefühl, gar nicht mehr ohne den anderen sein und sich ein Leben ohne ihn nicht vorstellen zu können, erinnert an die Radikalität der Liebe zwischen Elio und Oliver in Call Me By Your Name (2017). Die Idee, gemeinsam auf der Vespa diesen Ort zu verlassen, soviel Zeit wie nur möglich miteinander zu verbringen und sich ein gemeinsames Leben aufzubauen, spiegelt ihre unbedingte Verbundenheit und tiefe Verbindung. Doch für Luca ist der Weg zu sich selbst ein überaus steiniger. Als Antonio vor Giulia ins Wasser fällt und sich verwandelt, lässt Luca die Gelegenheit, auch seine Maske zu lüften, verstreichen und verleugnet den Freund: „He’s a sea monster!“ In wie vielen queeren Filmen haben wir eine ähnliche Szene der Selbstverleugnung nicht schon gesehen!

Beim Triathlon schließlich bricht Regen aus und die wahre Identität der beiden Freunde wird für alle sichtbar – aber erst in dem Moment, in dem sie nach einem großen Streit wieder zueinanderstehen. So erstrahlen sie in den buntesten Farben ihrer Meeresschuppen, als sie zusammen die engen Gassen des Dorfes hinunterrasen – in der befreienden Erkenntnis, die beengenden Fesseln der Stigmata abgeworfen zu haben.