Vom Festhalten des Augenblicks

Sommer 85 (Été 85, Frankreich 2020)

 

Vom bitteren Ende erfahren wir gleich zu Beginn des Films. „Wenn ihr kein Interesse habt am Tod, an der Geschichte von einer Leiche, die ich zu Lebzeiten gekannt habe“, schärft uns das Voice over ein, „wenn ihr nicht wissen wollt, was wir beide erlebt haben und wie er zu einer Leiche wurde, dann vergesst es einfach gleich wieder.“ Dabei sehen wir, wie ein blonder Bursch in Handschellen von einem Polizisten zu einem Verhör geführt wird. Er hebt den Blick, schaut uns direkt an und macht seinen Standpunkt ganz deutlich: „Dann ist diese Geschichte nichts für euch.“

Der jugendliche Protagonist von Francois Ozons freier Adaption des Romans Tanz auf meinem Grab (Dance On My Grave, 1982) des britischen Schriftstellers Aidan Chambers heißt Alex. Wir begleiten ihn durch den im Titel des Films genannten Sommer Mitte der 1980er-Jahre, in dem er mit so profunden Dingen wie der himmelhoch jauchzenden ersten Liebe, dem schier bodenlosen Fall ob der Enttäuschung durch diesen geliebten Menschen bis hin zur schrecklichen Erfahrung von dessen Tod konfrontiert wird. Ozon macht daraus aber keine bleischwere Sache. Hingegen hält er nostalgische Rückschau in eine Zeit, in der er selbst seine Jugend verlebte, und beschwört die Sinnlichkeit von flirrenden Tagen im gleißenden Licht der Sonne über dem Meer, in denen alles möglich erscheint und vieles passiert.

Wir befinden uns in einem kleinen Badeort in der Normandie. Der sechzehnjährige Alex fährt in einem Segelboot aufs Meer, ein Sturm kommt auf, das Boot kentert. Der Retter naht in Gestalt von David, zwei Jahre älter als Alex – wie er in seinem Boot die Wellen durchpflügt, wirkt er wie ein Ritter auf hohem Ross. Das Bild erscheint uns fast übertrieben – erst im weiteren Verlauf der Filmerzählung wird uns das inszenatorische Konzept des Regisseurs klar werden. Jedenfalls schleppt David Alex‘ Boot an den Strand und lässt auch den Geretteten nicht mehr von der Leine. Er sieht nicht nur sehr gut aus, sondern gibt sich hilfsbereit und selbstbewusst; dass er nach dem Tod seines Vaters im Inneren eigentlich verunsichert und selbst auf der Suche nach seinem Platz im Leben ist, erschließt sich dem eher naiv-schüchternen und von dem Älteren schwer beeindruckten Alex in diesem Moment noch nicht.

Die beiden Burschen verbringen immer mehr Zeit miteinander – ob daraus mehr wird, ist zumindest Alex anfangs noch nicht ganz klar. Den Wendepunkt bringt eine Schlägerei, in die sie geraten. Es ist Nacht, sie sitzen mit nacktem Oberkörper im Badezimmer, Alex verarztet Davids aufgeplatzte Lippe, das sind die ersten zarten Berührungen zwischen ihnen. Schließlich fällt die Frage „Kommst du?“, die über das Gesagte hinausreicht. Sie gehen den dunklen Flur entlang auf Davids Zimmer zu. Die Tür steht halb offen, der Raum ist heimelig beleuchtet – sie bewegen sich wie durch einen Tunnel zum Licht. Sie betreten das Zimmer und schließen die Tür vor uns. Nur durch das Schlüsselloch dringt noch ein rötlicher Schimmer. „Ihr wollt wissen, was hinter der Tür passiert?“, fragt Alex aus dem Off. „Das ist normal. Jeder will die Geheimnisse hinter Türen kennen.“ In diesem Augenblick erlischt das Licht. „Aber ich werde nichts sagen. Nur eins: Es war die schönste Nacht meines Lebens.“

Die Überblendung auf den nächsten Morgen zeigt uns die beiden aneinander gekuschelt auf dem Bett liegend. Dies ist auch der Punkt, an dem sie den Pakt schließen, der einen düsteren Unterton in die Geschichte bringt und den weiteren Verlauf der Handlung entscheidend prägen wird. „Wer von uns beiden den anderen überlebt“, drängt David, „verspricht dem anderen, auf seinem Grab zu tanzen.“ Alex bezeichnet es zwar als „albernen Schwur“, würde nach dieser Liebesnacht aber natürlich fast allem zustimmen.

Was folgt, sind Szenen großer Innigkeit und wachsender Vertrautheit eines unbeschwerten Sommers. Segelausflüge, sich beim Motorradfahren an den anderen schmiegen – Alex spricht in seinen Kommentaren von Liebe. Und darin eine wunderschöne Szene in der Disco. Alex und David tanzen inmitten anderer Jugendlicher, es ist ein wildes Durcheinander in rötlichem Licht und unter flackernden Stroboskopblitzen. Alex und David strahlen einander an und – das ist eine der Stärken des Films – niemand kümmert sich darum, dass sie zwei junge Männer sind: In Sommer 85 geht es um kein schwules Coming out, sondern ums Erwachsenwerden ganz allgemein. Jedenfalls tritt David auf einmal hinter Alex und setzt ihm Kopfhörer auf. Auf einen Schlag ist die laute Discomusik abgeschnitten und wir hören, so wie Alex, aus dem Walkman die getragene Melodie von Rod Stewarts „Sailing“. „I am sailing/I am sailing/Home again/Cross the sea/I am sailing/Stormy waters/To be near you/To be free.“ Alex wird ganz ruhig, um ihn herum hüpfen, schlenkern, tanzen David und die anderen Jugendlichen zu ihrem Rhythmus, Alex aber schließt die Augen und wiegt sich nur hin und her langsam in dem seinen. „Can you hear me?“, singt Rod Stewart – eigentlich können die beiden Burschen einander nicht mehr hören, sie sind getrennt, jeder in seiner eigenen Welt. Sie sind in dieser Szene ein Liebespaar, keine Frage. Doch es handelt sich um eine Liebe und um zwei Leben in zwei unterschiedlichen Geschwindigkeiten.

Der Bruch, den diese Szene vorwegnimmt, ist unvermeidlich, als David einige Zeit später mit einem Mädchen schläft. Die Reminiszenz an den Teenagerklassiker Her mit den kleinen Engländerinnen (À nous les petites Anglaises, 1976) lässt es für uns inhärent logisch erscheinen, dass es sich bei ihr um ein Au pair aus diesem Land handelt. Alex fühlt sich wie das fünfte Rad am Wagen, als sich die beiden am Strand kennenlernen. Als David am nächsten Tag mit einem Knutschfleck im Laden seiner Mutter auftaucht, in dem Alex den Sommer über aushilft, stellt ihn dieser zur Rede. Zuerst wehrt David ab, dass etwas zwischen dem Mädchen und ihm gewesen wäre: „Das ist die Aufregung nicht wert.“ Doch Alex insistiert: „Du hast mich fallen lassen wie eine Socke.“ Ein Wort gibt das andere in diesem auf den Punkt genau geschriebenen Dialog, in dem sich die beiden Jungen im Streit in eine Situation hineinsteigern, die sie bald genauso wenig im Griff haben wie sich selbst. Sie eskaliert dementsprechend. Alex erschienen die gemeinsamen Wochen perfekt, er ist zu sehr verletzt, um jetzt auf Davids Beschwichtigungsversuche einzugehen. Es kommt zu einem Moment der lauernden Stille, die beiden starren einander an. Alex‘ Kommentar: „Es war der traurigste Augenblick meines Lebens.“ Denn Davids Worte sind mehr Wut und der Wunsch, dem anderen und vielleicht auch sich selbst weh zu tun, als eine echte Erklärung: „Mir wurde langsam langweilig.“ – „Wegen was denn?“ – „Wegen wem! Wegen dir!“ Als Verteidigung beschwört Alex ihr gemeinsames Glück. Und David brüllt heraus, dass er genau dieses Gefühl nicht mehr empfinde: „Du langweilst mich.“ Und setzt nach: „Es gab richtig nette Momente. Aber ich mag Veränderung … Einer ist nicht genug. Nicht für mich.“ Dabei schießen David die Tränen in die Augen und wir wundern uns, ob er das, was er da von sich gibt, denn wirklich so meint.

Die beiden jungen Darsteller, Benjamin Voisin als David und ganz besonders Félix Lefebvre als Alex, sind hinreißend in diesem Wechselbad der Emotionen. Die Liebe, die Enttäuschung, die Verzweiflung – in jener Kompromisslosigkeit, wie sie vielleicht nur Teenager erleben. Alex packt einen Stein und schleudert ihn nach David, ein Spiegel zerbirst. Er rennt aus dem Laden, stößt dabei Regale um und fährt mit dem Rad davon – und hört nicht, dass David ihm nachruft, doch zu ihm zurückzukommen. Dann sehen wir David stumm auf dem Boden sitzen und wie Alex sich in seinem Zimmer aufs Bett wirft und bitterlich zu schluchzen beginnt.

Der Streit wird ihr letzter gemeinsamer Moment gewesen sein. Alex sieht im Fernsehen einen Bericht über einen Unfall, ein Motorrad wurde aus einer Kurve geschleudert; auf den Bildern erkennt er Davids Suzuki. Von Davids Mutter wird Alex später erfahren, dass er auf der Suche nach ihm gewesen sei. Verständlich, dass er sich die Schuld am Tod des Freundes gibt: „Ich will, dass er noch lebt.“ Als Mädchen verkleidet, schleicht sich Alex in die Leichenhalle und verliert angesichts von Davids bleichem Körper fast den Verstand: „Ich wünsche mir nur eins: Dass seine Augen sich öffnen, dass sein Mund spricht, dass mich seine Hände liebkosen, dass sein Herz schlägt, dass sein Körper wieder zu ihm wird.“

Natürlich wird Alex den geschlossenen Pakt einhalten und auf Davids Grab tanzen. Er brichts nachts in den umzäunten Friedhof ein und findet ein frisches Grab neben dem von Davids Vater. Mit seinem Walkman und Kopfhörern steht er davor, abermals setzt das Lied „Sailing“ ein. Er sinkt vor dem Grab auf die Knie und fährt sich durch seine Haare wie es früher David getan hat. Er beugt sich vor und streicht über die dunkle Erde, und dann beginnt er sich zur Musik zu bewegen, zuerst langsam und weich, doch dann springt er auf und wird sein Tanz immer wilder. „Can you hear me?/Can you hear me?/Through the dark night,/far away/I am dying,/forever crying/To be with you,/who can say.“ Die Kamera zieht sich vor ihm zurück, wir sehen den Friedhof auf einem Hügel über der nächtlichen Stadt und dann auch die beiden Polizisten, die sich Alex nähern und den vermeintlichen Grabschänder packen und wegzerren.

Ozons Herangehensweise an den Stoff, nämlich die Geschichte in der völlig subjektiven Retrospektive durch Alex‘ Augen für uns erlebbar zu machen, erzeugt einen Raum für jene leisen Zwischentöne des Zweifels, die sie erst so richtig interessant machen. Francis Ford Coppola bediente sich in Die Outsider (The Outsiders, 1983), seiner Adaption von S. E. Hintons gleichnamigen Jugendbuchklassiker aus dem Jahr 1967, dieses Zugangs. C. Thomas Howell als Ponyboy Curtis schreibt darin in einem Schulaufsatz von dem Bandenkrieg, dem die damals ebenfalls blutjungen Schauspieler Matt Dillon und Ralph Macchio zum Opfer fallen. Wie es Ponyboys persönliche Sicht der Dinge ist, die dieser Film vor unseren Augen in sonnenuntergangsgetränkte Bilder heraufbeschwört, so lässt auch Sommer 85 unklar, ob sich die Ereignisse, deren Zeugen wir werden, tatsächlich so abgespielt haben oder ob Alex sie in seinen Aufzeichnungen, die er im Laufe der polizeilichen Ermittlungen nach seiner Festnahme führt, zu seiner romantischen Verklärung der Umstände ins Außerordentliche formt. Dieser parallele Verlauf von zwei narrativen Ebenen zwischen Wahrheit, Fantasie und Projektion ist das Raffinierte an Ozons Regie; inwieweit sie sich miteinander überschneiden oder unter Umständen gar nicht viel miteinander zu tun haben, bleibt offen. „Ich hatte mein Versprechen gehalten“, stellt Alex  jedenfalls fest, als sich in dem erzählerischen Puzzle die Teile nach und nach zu einem stimmigen Ganzen ineinandergefügt haben.

Der deutsche Journalist und Schriftsteller Matthias Frings spricht in einer Rezension über Sommer 85 von der ästhetisch raffinierten Komposition ausgesucht schöner Bilder und dabei über die Rolle der Farben Blau und Rot. Der Himmel, das Meer, Alex‘ Kleidung vom T-Shirt bis zu seiner Jeansjacke stehen insofern auf der einen Seite dieses farblichen Spektrums für Qualitäten wie Freiheit und die Möglichkeiten des Lebens, Davids Muskelshirt und seine Suzuki in der Assoziation mit Liebe und Leidenschaft auf der anderen. Für mich folgt daraus Alex‘ Verbundenheit mit der gesamten Umgebung des Küstenortes. Wann immer die beiden Freunde, etwa beim Segeln, unbeschwerte Gemeinsamkeit erfahren, trägt auch schon mal David ein blaues Shirt und eine Jeansjacke. Aus einer solchen Stimmung reißen Alex die intimen Momente mit David, die in sanften orangen bis intensiv roten Tönen gehalten sind. Sie bringen auch im übertragenen Sinne eine andere Farbe in sein Leben, sie schälen ihn aus seinem gewohnten Umfeld, in das er nach Davids Tod und dem Tanz auf seinem Grab wieder hineingleitet – doch reifer, erfahrener, als neuer Mensch.  

So ist Ozons kleiner, aber sehr feiner Film ein Drama vom Erwachsenwerden, von der ersten Liebe, dem Sehnen und dem Schmerz, die damit verbunden sind, von der Vergänglichkeit alles Schönen und der Erkenntnis, dass man Augenblicke ergreifen muss, wenn sie sich bieten, denn für immer halten kann man sie nicht.