Loslassen

Boyhood (USA 2014)

Mommy (Kanada 2014)

 

Zwei Studien über das Vergehen der Zeit und die Vergänglichkeit von Momenten des Glücks, zwei Geschichten über das Loslassen, was sich ja mitunter als ziemlich schmerzhafte Angelegenheit erweisen kann, zwei Narrative über Mütter und ihre Söhne. In Mommy, einer der gewohnt brillanten Arbeiten des lange Zeit als cineastisches Wunderkind apostrophierten kanadischen Regisseurs, Autors und Schauspielers Xavier Dolan, handelt es sich bei dieser Beziehung um eine extrem belastete. Diane, alleinerziehende Mutter, ist durch die Eskapaden ihres fünfzehnjährigen Sohnes Steve, dessen Hyperaktivität wiederholt in Gewalttätigkeit kippt, schlichtweg überfordert. Anne Dorval und Antoine-Olivier Pilon verkörpern ihre Rollen mit authentischer Intensität und großer Glaubwürdigkeit.

Steves Ruhelosigkeit überträgt sich auf Diane, die nie so etwas wie ein bisschen Frieden zu finden scheint und sich dennoch weigert aufzugeben; stattdessen sucht sie immer wieder einen Neuanfang in der Beziehung zu dem Problemkind. „Ich werde dich immer lieben“, gesteht Diane einmal ein. „Das ist ganz natürlich. Aber du wirst mich eines Tages weniger lieben. Und auch das ist ganz natürlich.“ Der Film, der dieser Erkenntnis folgt, wurde im Format 1:1 gedreht, eine äußerst ungewöhnliche Entscheidung Dolans, die er als intimer, privater und auch passender für die beengte Lebenssituation der Charaktere bezeichnete. Allein an zwei Punkten bricht Dolan diese bewusste Enge zum üblichen breiteren Format auf. Zum einen ist da diese Fahrt mit dem Fahrrad die Wohnstraße hinunter, die Freiheit, die Steve auf einmal im Herzen spürt, das Lachen auf seinem Gesicht, als er die Arme ausstreckt und es so ist, als würde er mit den Händen den engen Rahmen um ihn herum zur Seite drücken. Kurz darauf hat Steve die Realität seines Lebens wieder eingeholt und spielt sich der Film wieder im anfänglichen Format ab.

Es ist der zweite Moment des Versuches, diese unerträgliche Enge des Lebens zu sprengen, der uns zu dem Punkt führt, an dem Diane ein Miteinander nicht mehr für möglich hält. Steve wird ein Ausflug aufs Land avisiert, schon als sie im Auto die Stadt hinter sich lassen, füllt das Filmformat wieder die Leinwand. Diane beobachtet Steve, wie er am Strand herumtollt wie ein kleiner Junge, ohne Sorgen, ohne Ängste, ohne ein Zaudern vor dem Morgen. Und nun inszeniert Dolan eine wunderbare Zukunftsfantasie; in warmen Farben, meist in Zeitlupe und manchmal in bewusster Unschärfe läuft vor Diane ihr Leben mit Steve ab, wie sie es sich als Mutter erträumen würde. Der Abschluss der High School, der Brief vom College, die Abfahrt zur Universität, die Hochzeit, auf der ihr erwachsener Sohn sie im Tanz wiegt. Auch wir werden von diesen Bildern und der Musik eingefangen: angesichts des Glücks eines ersehnten, eines erfüllten Lebens.

Und doch ist es Diane selbst, die inmitten ihres Wunschtraums realisiert, dass es sich eben um nichts anderes als einen solchen handelt. „Ich trage dich wie eine Wunde auf meiner Stirn, die sich nicht schließt“, hat Gottfried Benn über seine geliebte Mutter geschrieben. Unter umgekehrten Vorzeichen können wir uns eine solche Wunde, offen und blutend, in Hinblick auf ihren Sohn Steve auf Dianes Stirn vorstellen. Ihre Miene friert ein, der Rahmen des Filmformats zieht sich wieder zusammen. Diane biegt von der Straße auf einen Parkplatz ab und verschwindet unter einem Vorwand in einem nahen Gebäude. Wir sehen, wie sich Steve, der schläfrig ist von diesem herrlichen Tag, allmählich fragt, wo die Mutter denn so lange bleibt. Durch das Wagenfenster kommen unscharfe Gestalten näher, bevor Steve sie noch wahrgenommen hat – drei Wärter, die den Jungen in eine Anstalt bringen sollen. Als Steve diese Bedeutung versteht, springt er aus dem Auto und versucht wegzulaufen. Die Wärter sind hinter ihm her, das Gelände ist umzäunt, es gibt kein Entkommen. Steve versucht sich mit erhobenen Fäusten zu verteidigen, die Wärter haben Stöcke und Elektroschockgeräte. „Warum tust du mir das an?“, schreit Steve der Mutter zu, die sich im Hintergrund hält. „Das ist nur zu deinem Besten!“, ist die Antwort, die sie selbst nicht so recht zu glauben scheint. Steve nennt sie eine Verräterin und ruft im nächsten Atemzug nach seiner Mama. Und als er bewusstlos am Boden liegt, bricht auch die Mutter weinend zusammen. „Children can only grow from something you love to something you lose“, heißt es aus dem Mund der Hexe in Stephen Sondheims Musical Into the Woods.  „Nay, sit, nay, sit, good cousin Capulet,/For you and I are past our dancing days“, versichert Romeo in Shakespeares Liebestragödie seinem Cousin. Die Tage des gemeinsamen Tanzens sind auch für Diane und Steve vorüber.

„Laßt vergehn, was vergeht!/Es vergeht, um wiederzukehren,/es altert, um sich zu verjüngen,/es stirbt, um lebendiger zu werden.“ Hölderlins Verse aus „Hyperion oder der Eremit in Griechenland“ vom Ende des 18. Jahrhunderts sehen die Sache des Loslassens schon deutlich positiver. Patricia Arquette in ihrer Oscarrolle als Mutter von Mason, ihrem Sohn an der Schwelle zum Erwachsenwerden, würde ihnen mit der ihr eigenen Vehemenz widersprechen. In Richard Linklaters absolut geglücktem filmischem Experiment Boyhood macht sich Mason (Ellar Coltrane) grade mit Sack und Pack auf den Weg ins College, ohne sich der Dramatik des Augenblicks für seine Mutter bewusst zu sein. Linklaters Film zeigt Szenen aus dem Leben der beiden und dabei die Entwicklung eines Kindes zum Teenager und jungen Erwachsenen und wurde tatsächlich innerhalb von zwölf Jahren in Szene gesetzt. Diese Ausschnitte aus der inszenierten Wirklichkeit, stets an den realen Gegebenheiten der Darsteller und Umstände adaptiert, ergeben zusammengesetzt dieses wahre Wunderwerk an Erzählkunst, eine bezaubernde Ode an das Leben, wie es mit all seinen Höhen und Tiefen eben ist, kurz und gut: in Film gegossene Poesie.änden

Was gut gepflanzt ist, wird nicht ausgerissen. Was treu bewahrt wird, geht nicht verloren. Wer sein Gedächtnis Söhnen und Enkeln hinterläßt, hört nicht auf“, hat Laotse geschrieben. Für Olivia, Masons Mutter in der Krise, wäre es schwer, sich solchen Gedanken hizugeben. „This is the worst day of my life“, schleudert sie Mason entgegen. Dass sie natürlich gewusst habe, dass dieser Tag einmal kommen würde, sieht sie ein, jedoch mit der Einschränkung: „I didn’t know you were gonna be so fuckin’ happy to be leaving.“ Masons weiß nicht so recht, wie er sich verhalten soll, das Unverständnis ist ihm ins Gesicht geschrieben, als ihm seine Mutter die vermeintlichen Meilensteine ihres Lebens schildert: „Getting married. Getting kids. Getting divorced.“ Mit der Aussicht, dass der nächste Schritt nun ihr „fucking funeral“ wäre. Und dem Resümee: „I just thought there would be more.“

Die Ängste einer Mutter als moderne Blaupase der „Seven ages of man“. In seiner Komödie As You Like It beschreibt Shakespeare die Schritte vom Neugeborenen, das von den Eltern noch völlig abhängig ist, über den raunzenden Schüler, den feurigen Liebhaber, den tollkühnen Soldaten und den weisen Richter bis hin zum dürren Alten und dem, was der Dichter als „second childishness“ bezeichnet und seinerseits wieder in die Abhängigkeit von anderen Menschen führt. Shakespeares Sicht ist seiner Zeit verhaftet und in diesem Sinne die eines Mannes auf den Lebensablauf von Männern, dennoch können wir uns darin Olivia gut vorstellen, wie sie vor Mason die Fassung verliert und ihn weinend zum Teufel wünscht, obwohl sie sich ihn in Wahrheit doch an ihn klammern möchte. „All the world’s a stage“, lautet der Beginn von Shakespeares Versen – Diane und Olivia, die Protagonistinnen der beiden Filme, fühlen sich tatsächlich als Figuren in einem Stück, dessen Drehbuch sie gern geändert hätten. Und wachsen an den Herausforderungen, in die sie sich von den Umständen ihres Lebens geworfen sehen.