Schätze

Der Hobbit: Eine unerwartete Reise (The Hobbit: An Unexpected Journey, Neuseeland/USA 2012)

King Kong und die weiße Frau (King Kong, USA 1933)

 

Es gibt diese Bilder, Ikonografien der Popkultur: Charlie in seinem typischen Outfit als Tramp und Frankensteins Kreatur mit den dunklen Schatten unter den Augen und den Narben im Gesicht, Marlon Brando, ganz der Rebell samt Lederjacke und Motorrad, und James Dean, der Sensible, mit gesenktem Blick und dem Gewehr über den Schultern, Marilyn in ihrem sexy weißen Kleid über dem Luftschacht und Audrey, elfenhaft wie immer, in Abendrobe vor dem Schaufenster von Tiffany’s. Ein weiteres Motiv, das zu einem solchen Ankerpunkt der Filmgeschichte wurde, gehört in diese Reihe, der Riesenaffe King Kong hoch über den Straßenschluchten Manhattans auf der Spitze des Empire State Buildings, in dem verzweifelten und, wie man weiß, unmöglichen Versuch, die angreifenden Doppeldecker abzuwehren. Er hat eines der Flugzeuge mit einer Pranke gepackt, er holt gerade aus, um es wegzuschleudern. Die ursprüngliche animalische Kraft des unglücklichen Ungetüms ist geradezu greifbar, der zottelige Pelz, das gefletschte Gebiss, man vermeint, sein Schnauben und Brüllen hören zu können. Und doch ist schon in dieses Bild der Moment des Scheiterns eingeschrieben, des Untergangs, des langen Sturzes in die Tiefe. Kong war nie ein König, sondern bloß ein Wesen, das an seiner Liebe zu Fay Wray verzweifelt, der ersten Scream Queen der Filmgeschichte. Zerschmettert wird er am Fuße des Wolkenkratzers, des damals höchsten Gebäudes der Welt, liegen bleiben. „It was beauty killed the beast“, wird ein beistehender Polizist die eigentliche tragische Relevanz der Ereignisse erkennen.

Marian C. Coopers und Ernest B. Schoedsacks King Kong und die weiße Frau ist eine Mischung aus Abenteuer-, Horror-und Fantasyfilm und, ja, auch das, eine veritablen Liebesromanze. Er war der erste Tonfilm, bei dem Dialogszenen mit Musik unterlegt wurden. Den größten Anteil am Erfolg des Streifens und seinem bleibenden Einfluss hatte aber wohl Willis O’Briens wegweisende Umsetzung des Stop-Motion-Verfahrens, auf die sich auch O’Briens Schüler Ray Harryhausen berief, der spätere Papst dieser Tricktechnik. Harryhausens Kunst war über Jahrzehnte State of the Art, ihren Höhepunkt in Prä-CTI-Zeiten fand sie in dem elegant choreografierten Kampf des Titelhelden mit den Skeletten in Jason und die Argonauten (1963).

Einer, der sich seinerseits immer wieder auf Harryhausen berief, ist Peter Jackson, womit die Brücke zu einer weiteren Gänsehautszene geschlagen ist, die ihrerseits eines Tages in die Riege der ikonischen Bilder eingehen wird – oder es vielleicht sogar schon ist. Ich spreche von Jacksons Der Hobbit, eigentlich damit auch von der Herr der Ringe-Trilogie, und im Speziellen von der Figur des Gollum. Die Szene, in der Bilbo und Gollum einander Rätsel aufgeben, Bilbo in der Hoffnung, als Siegespreis den Weg aus der Höhle gewiesen zu bekommen, in der er gestrandet ist, Gollum schon den Geschmack des zarten Fleisches des Hobbits auf der Zunge, zählt zum tricktechnisch Ausgereiftesten, das es im kontemporären Kino zu sehen gibt. Dazu kommt die dramatische Tiefe, die Jackson als Regisseur und Andy Serkis als Darsteller im sensorengespickten Anzug dem Charakter der Figur in seiner computeranimatorischen Umsetzung geben. „Performance capture“ nennt man dieses Verfahren, hier wird es in absoluter Brillanz eingesetzt.

Die literarischen Bezüge zu Caliban aus Shakespeares Der Sturm (1611) und Grendel im Beowulf-Mythos (nach 700), die Spiegelungen der dunklen Seite der Heldenfiguren dieser Geschichten, stellen nur einen, wenngleich faszinierenden Aspekt des Gollum dar; ist er doch selbst ein Zerrissener im Gut-Böse-Dualismus, gemartert von der Gier nach dem, was er als „my precious“ bezeichnet, seinem Schatz: nämlich dem sämtliche Aktionen des Handlungsverlaufs auslösenden Ring. Der andere, wichtigere, ist, dass wir es hier vermeintlich tatsächlich mit einem lebendigen Wesen zu tun haben, so echt, man kann es nicht anders ausdrücken, wirkt die Filmfigur mit ihrem heimtückischen Grinsen, den rollenden Augen und spitzen Zähne, ihrem verkrüppelten Körper, der vornüber hockenden Körperhaltung, dem vorgestreckt-lauernden Kopf, ihrem kriechenden, hoppelnden, hüpfenden Gang, dazu dem hintergründigen Sarkasmus und dem Aufblitzen der gemarterten gespaltene Seele auf uns. Die Suche nach ihren Schätzen, der weißen Frau, dem Ring, führt King Kong und Gollum schlussendlich in den Untergang, dabei werden sie aber selbst zu Schätzen im filmischen Kosmos, denn auf der Leinwand sind sie zu unvergesslichem Leben erwacht.