The head in the fridge

Freitag, der 13. (Friday the 13th, USA 1980)

Halloween - Die Nacht des Grauens (Halloween, USA 1978)

Halloween H20 (Halloween H20: Twenty Years Later, USA 1998)

Poltergeist (USA 1982)

 

Im Grunde genommen war das damals ja ein arger Spoiler, als zum Start von Freitag, der 13. auf dem Cover des amerikanischen Magazins Fangoria die Schlagzeile erschien: „Whatever you do, don’t open the fridge!“ Sie bezieht sich auf die vielleicht effektivste Szene von Sean S. Cunninghams Horrorfilm über Morde im Ferienlager am Crystal Lake. In diesem ersten Eintrag der vielteiligen Reihe fungiert der berühmt-berüchtigte Jason noch nicht selbst als Killer, die Hockeymaske, die für seine Figur charakteristisch werden sollte, trägt er erst ab dem dritten Teil. Dennoch fungierte der Streifen zusammen mit den ersten Filmen der Halloween- und Nightmare-Reihen als Initialzündung für das bis heute höchst erfolgreiche Genre der Teenie-Slasher, über deren inhärente Gesetzmäßigkeiten sich Filme wie Wes Cravens Scream (1996) und Bücher wie Seth Grahame-Smiths extrem witziger Ratgeber How to Survive a Horror Movie (2007) lustig machen.

Camp Crystal Lak also, ein Mädchen geht durchs Haus und späht um die Ecken, sie erscheint uns extrem angespannt, was angesichts der blutigen Ereignisse um sie herum natürlich nachvollziehbar ist. Diverse Geräusche lassen sie zusammenfahren, in der Küche tastet sie nach einem Messer, und die Musik hält die ganze Zeit diesen langen spukigen Ton – dass Cunnigham Musik nur in Szenen einsetzt, in denen sich der Killer in der Nähe befindet, wissen die Charaktere des Films natürlich nicht. Jedenfalls späht das Mädchen vorsichtig aus dem Fenster, da springt eine Katze herein – ein Moment des Aufatmens und der Entspannung, für die Protagonistin wie für uns selbst. Das Mädchen setzt den Teekessel auf, will für die Katze Futter aus dem Kühlschrank holen – und findet darin einen abgetrennten Kopf. Und noch bevor sie so richtig schreien kann, bohrt sich ein spitzes Mordwerkzeug in ihre Schläfe. Der Teekessel pfeift gerade im dramaturgisch rechten Moment, der Mörder nimmt ihn vom Herd. Wir hatten nach dem Start des Films zumindest für eine Zeitlang ein mulmiges Gefühl, wenn wir vor dem Kühlschrank standen.

So wie uns Poltergeist den unbeschwerten Umgang mit Clownfiguren vergällt hat – ein Parameter des Horrorgenres, der sich auch in den Untaten von Pennywise, dem Clown, in den beiden überaus erfolgreichen Filmversionen von Stephen Kings Roman Es (It) nicht abgenützt hat. Offiziell fungierte Tobe Hooper als Regisseur von Poltergeist, der maßgebliche Einfluss Steven Spielbergs, besonders in der Postproduction des Films, von der Hooper ausgeschlossen war, kann jedoch nicht verleugnet werden. Seit diesem Streifen gehören grinsende Clowngesichter für mich zum Gruseligsten überhaupt. Es ist Abend in dem Haus, in dem sich seit einiger Zeit bereits seltsame Vorkommnisse abspielen. Im Kinderzimmer wird das Licht abgedreht, die kleine Carol Anne (Heather O’Rourke) und ihr Bruder Robbie (Oliver Robins) gehen zu Bett, da schwant dem Buben gleich Böses. Sein Blick fällt auf den Clown auf dem Stuhl am Fußende des Bettes. Er versucht, seine Jacke über die Figur zu werfen, trifft aber daneben. Das Schellen der Glöckchen an der Mütze, das Schlenkern der Hand mit den langen Fingern – Robbie versucht, diese Anzeichen drohenden Unheils zu ignorieren. Eine lange Stille, Kameraeinstellungen ohne Schnitte, die schlafende Carol Anne, die Mutter (Jobeth Williams) in der Badewanne, Moment der Verzögerung, die die Spannung, die Erwartung des Schlimmen, das da noch kommen mag, ins schier Unermessliche steigern.

Wieviel Zeit vergangen ist, wissen wir nicht, als Robbie plötzlich die Augen öffnet und sich im Bett aufsetzt. Der Stuhl, auf dem eben noch der Clown gesessen ist, ist leer. Mit Entsetzen in den Augen schaut Robbie unter sein Bett, zuerst auf der einen Seite, dann auf der anderen: Nichts zu sehen. Er richtet sich wieder auf, da ist der Clown hinter ihm und umschlingt Robbies Hals mit seinen dünnen Armen. Er zieht ihn unters Bett, dort entbrennt ein Kampf auf Leben und Tod. Auch die Mutter wird attakiert und von einer unbekannten Kraft von ihrem Bett hochgezogen, die Wand hinauf und quer über die Zimmerdecke. Einstweilen schwingt die Tür zum Nebenraum des Kinderzimmers auf und jenes Licht dringt heraus, in das Carol Anne später gezogen wird und aus dem ihr Mutter sie in einer Art zweiter Geburt, an einem Seil wie einer Nabelschnur, ins Leben zurückholen wird.

Das Motiv des Clowns findet sich einige Jahre zuvor bereits in John Carpenters stilbildendem Meisterwerk Halloween und wird schon in der Eingangssequenz des ersten Teils aufgeworfen. Der sechsjährige Michael Myers tötet darin seine ältere Schwester in ihrem Haus in Haddonfield in Illinois mit einem Küchenmesser. Von Anfang an verfolgen wir den Handlungsverlauf durch einen subjektiven Blickwinkel, nämlich die Augen des Kindes, das zum Mörder wird. Seine Identität ist uns aber noch nicht bewusst, niemand würde bei den folgenden Ereignissen an ein Kind denken. Denn die subjektive Kamera macht uns zu Voyeuren auf Michaels Spuren. Dieser beobachtet seine Schwester und ihren Freund beim Knutschen auf dem Wohnzimmersofa – wir wissen, Sex führt in Horrorfilmen meist ziemlich direkt zum Segnen des Zeitlichen. Die beiden Teenager beschließen, die Abwesenheit der Eltern auszunützen und verschwinden im oberen Stock. Michael gelangt durch die Hintertür ins Haus, besorgt sich in der Küche ein Messer mit bedrohlich langer Klinge und sieht schließlich den Burschen wieder die Treppe herunterkommen. Eigentlich ist ja nicht genug Zeit für ein ausführlicheres Einander-Näherkommen vergangen, von diesem kleinen Logikfehler lenkt uns die Spannung dieses Moments aber ab.

Der Boyfriend jedenfalls zieht sich sein T-Shirt herunter und versichert dem Mädchen auf nicht unbedingt glaubwürdige Weise, dass er sie anrufen würde. Michaels Schwester scheint damit jedoch zufrieden zu sein, denn der Bub – für uns immer noch ein geheimnisvoller Unbekannter – hört ihr Summen, als er die Stufen nach oben steigt. Kleidungsstücke liegen vertreut auf dem Boden herum, Michael hebt eine Clownmaske auf und setzt sie sich auf – von nun an sehen auch wir durch den Augenauschnitt der Maske. Die Schwester ist fast nackt und kämmt sich vor ihrer Spiegelkommode die langen Haare, und als sie ihres Bruders angesichtig wird, ein panischer Schrei. Sie bedeckt ihre bloßen Brüste, da sticht er schon auf sie ein, Blicke zur Seite auf das heruntersausende Messer, dann wieder auf das Mädchen, das blutend zu Boden sinkt. Wie in Hitchcocks Duschszene in Psycho (1960) gibt es kein explizites Bild vom Eindringen des Messers in den Körper des Opfers, wie in diesem Film spielt sich das Grausige in erster Linie in unseren Köpfen ab. Und dann die Treppe hinunter und durch die Haustür ins Freie, wo gerade der Wagen der Eltern hält und diese erschrocken wirken und wir zum ersten Mal dieses Tableau des Grauens von außen betrachten: den kleinen Jungen im Clownkostüm, der abwesend-stumpfe, verlorene Ausdruck in seinem Gesicht, das Messer mit der riesigen Klinge, das Blut darauf.

Genau dieses Bild nimmt Regisseur Steve Miner im Finale des besten aller Halloween-Sequels, betitelt Halloween H20, wieder auf. Jamie Lee Curtis hat in ihrer Rolle als Scream-Queen Laurie aus all den Wiederauferstehungsszenarien des schon so oft tot geglaubten Michael Myers gelernt. Sie entwendet den Leichenwagen mit dem Killer im Plastiksack und fährt mit jaulendem Motor durch die Nacht. Immer wieder wirft sie nervöse Blicke über die Schulter, denn im Sack bewegt sich etwas. Michaels Hände kommen hervor, schließlich auch sein Kopf, dann folgt die Attacke. Eine Vollbremsung schleudert Michael durch die Windschutzscheibe hinaus auf die Straße. Laurie fixiert ihren Opponenten, der seit der Halloweennacht zwanzig Jahre zuvor zu ihrer lebenslangen Nemesis geworden ist, und als er sich wieder aufrichtet, fährt sie ihn eiskalt über den Haufen. Michael klammert sich an die Motorhaube, mit Blicken voller Hohn und Hass fixieren die beiden einander, da gerät der Wagen außer Konrolle. Er überschlägt sich einen Abhang hinunter, Laurie wird aus dem Auto geschleudert und Michael zwischen einem Baumstamm und dem Wagen eingeklemmt. Laurie kommt wieder auf die Beine, sie greift nach einer Axt, und blutend humpelt sie auf den Killer zu. Und dann dieser unglaublich intensive Moment: Sie nennt Michael bei seinem Namen, er hebt den Kopf, und als er sie anschaut und sie ihm durch die Ausschnitte in seiner weißen Maske in die Augen blickt, ist große Traurigkeit darin. Hilfesuchend streckt er die Hand nach ihr aus, fast ist es, als wäre er wieder das Kind vom Beginn des ersten Teils. Ihre Finger berühren sich für eine Sekunde, dann holt Laurie mit der Axt aus und schlägt ihm den Kopf ab. Der Kreis schließt sich in dieser langen Serie voller Gänserhaut erzeugender Horrormomente.