Sehnsuchtsmelodie

Frühstück bei Tiffany (Breakfast at Tiffany's, USA 1961)

 

Im Werk des amerikanischen Schriftstellers Truman Capote finden wir nicht wenige Charaktere, von denen wir nach dem Studium so mancher biografischer Hintergründe auf den Autor selbst schließen dürfen. Es sind Außenseiter und gesellschaftliche Randfiguren, die getrieben sind von der Sehnsucht nach menschlicher Nähe und dem Traum, akzeptiert und angenommen zu werden. Wie alle anderen so genannten „Normalen“ auch, suchen Capotes Figuren Sicherheit, Geborgenheit und Liebe.

In diesem Sinne sind wir ganz nah bei Holly Golightly, Capotes bekanntester literarischen Figur, und dem Frühstück, das sie frühmorgens vor den Schaufenstern des Juweliers Tiffany’s auf der Fifth Avenue einnimmt. Wann immer Holly von ihren „mean reds“ gequält wird, Depressionen, weil sie sich niemandem und nirgendwo zugehörig fühlt, sucht sie diesen Ort auf. So auch in der Anfangsszene von Blake Edwards’ Frühstück bei Tiffany mit der zauberhaften Audrey Hepburn. Die Straßen New Yorks sind noch verlassen, als ein Taxi hält und Holly ihm entsteigt, man kann es nicht anders nennen. In dem schwarzen Kleid von Givenchy, mit den hochgesteckten Haaren, den Handschuhen, dem Schmuck und der Sonnenbrille kommt sie geradewegs von einer der Partys, auf denen sie ihre innere Leere und ihre Lebensangst zu vergessen sucht und jene Begleiter findet, die ihren Lebenswandel finanzieren. Mit Gebäck und Kaffee besieht sich Holly den teuren Schmuck in den Schaufenstern, einmal ist ihr Spiegelbild umrahmt von den Kerzenleuchtern im Geschäft. Doch Holly muss ihren Traum woanders finden, in der Wirklichkeit, so stöckelt sie der aufgehenden Sonne entgegen, und allmählich erwacht die Stadt zu Leben.

Auch Holly wird von den Geistern ihrer Vergangenheit heimgesucht. Eines Tages steht ihr ältlicher Ex-Ehemann vor der Tür, mit dem sie im Alter von nur vierzehn Jahren verheiratet wurde. Hinter der lebenslustigen und lebenshungrigen Fassade, wir haben es längst geahnt, verbirgt sich ein zutiefst unsicheres, verängstigtes Geschöpf. Natürlich kann man dem Film seine Sentimentalität und geradezu haltlose Melancholie vorwerfen, in seiner Textur aus tragischen und komödiantischen Elementen entwickelt er aber eine leichtfüßige, von für die damalige Zeit auch zuweilen recht gewagten Dialogen getragene Wirkung, die auch heute noch zu bestechen weiß. Hinzu kommen Henry Mancinis oscargekröntes Titellied „Moon River“ und Audrey Hepburns elfenhafte Schönheit, unter der wir Hollys wahre Gefühle und ihr geheimes Sehnen nach nichts weniger als der wahren Liebe erahnen. Von dem Mondfluss als einem „dream maker“ ist in dem Lied die Rede und von Menschen, die durch die Welt streifen und am Ende des Regenbogens echte Freundschaft zu finden hoffen. Ein Wunsch, der schließlich bei einem Kuss im Regen eingelöst wird.