Die Hölle in uns

Geschichten aus dem Wiener Wald (Österreich/Deutschland 1979)

Alles scheint in den Bahnen der Richtung einer besseren Zukunft zu verlaufen, doch der Schein trügt und die eitle Eintracht ist nur Fassade. Nach ihrer Verhaftung wegen eines vermeintlichen Diebstahls im Nachtklub „Maxim“ kommt Marianne aus dem Gefängnis frei, ihr Vater, der „Zauberkönig“ genannte Besitzer eines Spielwarengeschäfts, ist nach einem Schlaganfall einsichtig geworden und nimmt die einst verstoßene Tochter wieder bei sich auf. Grund für den Zwist war Mariannes Flucht in das, was sie für die wahre Liebe hielt, ein kleiner, verzweifelter Akt von Selbstbestimmung – weg von Oskar, dem feisten Fleischhauer, vor dem sie ekelt, dem sie von ihrem Vater aber versprochen ist, hin zu Alfred, dem Strizzi, der ihr ein Kind macht, dann nichts mehr von ihr wissen will und sie als Nackttänzerin in einem Varieté unterbringt. Doch selbst jetzt, da Mariannes Traum von der Liebe in Scherben liegt, und trotz des unehelichen Kindes ist Oskar bereit, sie zur Frau zu nehmen. Marianne ist bereit, sich ob des Kindeswohls in diese Ehe, die ihr Schicksal zu sein scheint. Alles, was sie will, ist, so etwas wie ein bisschen Frieden zu finden; doch nicht einmal das ist ihr vergönnt.

Die Hölle sind wir hieß ein Film von John Boorman aus dem Jahr 1968, in dem zwei verfeindete Soldaten (Lee Marvin und Toshiro Mifune) auf einer unbewohnten Pazifikinsel ums Überleben kämpfen. Dabei wird selbst diesen sturen Böcken allmählich klar, dass sie auf die gegenseitige Hilfe angewiesen sind und ihre Gegensätze überwinden müssen. Eine ähnliche Grundkonstellation entwirft Jean-Paul Sartre in seinem Stück Geschlossene Gesellschaft, doch er treibt die Geschichte in eine andere, viel extremere Richtung. Sartre stellt seine drei Protagonisten gefangen in einem engen Raum dar, den sie als ihre ganz persönliche Hölle identifizieren, und lässt sie darin erkennen, dass sie zu ihren eigenen Folterknechten bestimmt sind, in der ewigen Verdammnis, die anderen beständig zu quälen und von ihnen gequält zu werden. Nicht einmal töten können sie einander, denn sie sind ja schon tot. Und so gilt auf ewig: „Die Hölle, das sind die anderen.“

Eine solche existentialistische Analyse der Ausweglosigkeit des menschlichen Daseins sehe ich auch in dem grotesk-bösen und (selbst)zerstörerischen Spiel, das die Charaktere in Ödön von Horváths sogenanntem Volksstück Geschichten aus dem Wiener Wald miteinander treiben. In seiner betont werkgetreuen Inszenierung legt Regisseur Maximilian Schell (das Drehbuch schrieb Oscarpreisträger Christopher Hampton, Gefährliche Liebschaften) den Finger in die offene Wunde ihrer Seelen, in denen ein eiterndes Geschwür aus Dummheit, Selbstgerechtigkeit, bornierter Überheblichkeit, Frustration, Bigotterie und verlogener Moral gärt. Mit seinem brillanten Darstellerensemble (Birgit Doll als Marianne, Helmut Qualtinger als Zauberkönig, Götz Kaufmann als Fleischermeister Oskar und Adrienne Gessner als Großmutter) treibt er diese Umstände zu einem fast unerträglichen Höhepunkt, dessen Grausamkeit sich hinter vordergründiger Freundlichkeit verbirgt, dann aber unvermittelt mit gnadenloser Brutalität zustößt. Marianne hat ihr Kind zur Pflege zu Alfreds Mutter in die Wachau gegeben, dort hat die Großmutter ihr böses Werk getan, quasi als böse Hexe im „Wachauerlandl“, das zum Setting eines Albtraums wird. Hoch über der Donau sitzt sie vor ihrer Zither und spielt lustige Weisen, hackt sie mit ihren gichtverkrüppelten Klauen in die Saiten. Einem schwarzen Todesengel gleich, hat sie in der kalten Nacht die Decke vom Kind in seinem Bett gezogen. „Gott gibt und Gott nimmt“, erwidert sie, als sie von ihrer Tochter deswegen zur Rede gestellt wird. „Die Mutter im Zuchthaus und der Vater ein Hallodri. Für manche wär’s besser, wenn’s hin wären.“ Und später diktiert sie den Brief an Marianne: „Wertes Fräulein! Gott der Allmächtige hat es so gewollt, dass Sie kein Kind mehr haben sollen.“

Davon weiß Marianne noch nichts, als sie gemeinsam mit ihrem Vater und dem Fleischhauer kommt, um ihr Kind heimzuholen. Die Babyschelle in den Krallenhänden der Großmutter ist der verstörende Missklang für Mariannes totalen Absturz. Nur für einen Moment lodert in ihr noch einmal so etwas wie Aufbegehren, dann sinkt sie in radikaler Desillusionierung in sich zusammen. „Ich habe mal Gott gefragt, was er mit mir vorhat“, murmelt sie. „Er hat’s mir nicht gesagt.“ Nur Oskar, der Fleischer, ist zur Stelle: „Du wirst meiner Liebe nicht entkommen.“ Darauf Marianne: „Ich kann nimmer. Jetzt kann ich nimmer.“ – „Dann komm!“, bestimmt Oskar, und als jeder letzte Rest an Kraft aus Mariannes Körper und von Widerstand aus ihrem Herzen entwichen ist, nimmt er sie in die Arme und trägt sie ins Tal wie eine Leiche. Das Zerstörungswerk ist getan, die Hölle auf Erden hat eine neue Bewohnerin.