One temper of heroic hearts

Goldfinger (GB 1964)

James Bond jagt Dr. No (Dr. No, GB 1962)

Skyfall (GB 2012)

James Bond erwacht aus seiner Bewusstlosigkeit und schlägt die Augen auf. Er findet sich mit gespreizten Armen und Beinen auf etwas gefesselt, das auf den ersten Blick wie eine Stahlplatte wirkt. Goldfinger, der Bösewicht, der da­nach trachtet, die Goldvorräte von Fort Knox in seine Gewalt zu kriegen, erklärt ihm gleich darauf, dass es sich um Gold handelt. Und auch, dass der Laser, der zwischen Bonds Beine gerichtet ist, in der Lage ist, selbst solides Metall zu durchschneiden. Während sich der Laser­strahl langsam in Richtung von James Bonds Männlichkeit hochfrisst, bedenkt Goldfinger den wehrlosen Agenten mit sarkastischen Spitzen. “Do you expect me to talk?”, fragt James Bond schließlich in höchster Not. “No, Mr. Bond, I expect you to die!“, lautet Goldfingers launige Antwort. Und in der Großaufnahme von Sean Connerys Gesicht erkennen wir etwas, das James Bond nur ganz selten zu empfinden scheint: Angst.

Ein Duell zwischen zwei Alphamännchen, gleichzeitig ein Kam­mer­stück von zwei herrlichen Schauspielern. Gerd Fröbes jovial-verächtliche Bösartigkeit ist eine der wenigen Darstellungen, die James Bond im Laufe all der Beiträge der Filmserie durch mittlerweile bereits fast sechs Jahrzehnte abgesehen von wilden Schießereien, farbenfrohen Explosionen und dem üblichen reichlichen Thea­terdonner wirklich zusetzt. „Je stärker das Böse, umso härter der Kampf, umso besser der Film“, hat Alfred Hitchcock in dem berühmten Interview gesagt, das Francois Truf­faut mit ihm führte, und Hitchcock wusste, wovon er sprach. Bevor er am Ende des Films ein Bond-Girl mit dem unnachahmlichen Namen Pussy Galore in die Arme nehmen kann, muss der Agent in Gold­finger, der zumindest bis Skyfall allenthalben als bester Bond-Film aller Zeiten galt, um das fürchten, was seine Identität als Machoheld der Sechzigerjahre definiert.

Sean Con­nerys lakonische Virilität mach­te den britischen Geheimagen­ten mit der Lizenz zum Töten zu jener ein­samen Ikone des Kalten Krie­ges, die den Zwiespalt zwischen beamtetem Killer und kausal dominier­tem Helden, der doch jeden Zug der Handlung selbst bestimmt, mit eis­kaltem Sarkasmus auszugleichen wusste. James Bond, das war und ist eine in die dramaturgischen Muster der Trivial-Serials gekleidete Inven­tarisierung des Zeichensatzes der Welt der Rei­chen und Schönen und nicht zuletzt die Erkenntnis, dass es noch nie leicht war, Stil zu zeigen. Wobei es im ersten Beitrag der Reihe, Dr. No (1962), das Bondgirl war, das mit einem bis dahin unerhörten modischen Akzent die erinnerungswürdigste Szene bestimmte. Ursula Andress alias Honey Rider, die in dem Film wie eine moderne Version von Boticellis Venus der jamaikanischen Brandung entsteigt, beeinflusste nicht nur die männliche Vorstellungswelt einer ganzen Generation, sondern machte ganz nebenbei auch noch den Bikini gesellschaftsfähig. “What are you doing here? Looking for shells?“, fragt Honey den Geheimagenten am Strand betont naiv, worauf Connerys 007 ganz cool reagiert: “I'm just looking."

In Charles Laughtons einziger Regiearbeit Die Nacht des Jägers (1955) spielt Robert Mitchum einen Prediger einer unheimlich-obskuren Sekte. Auf die Finger seiner rechten Hand hat er „love“ geschrieben, auf die der linken „hate“. Mitchums Hände versinnbildlichen den Kampf des Guten gegen das Böse, Sean Connerys Bond war in vergleichbarer Weise die Personifizierung des manichäistischen Dualismus zwischen dem Hellen und dem Dunkeln und trat in Szenen zutage, in denen Bond einen Gegner erschießt und dies dann mit zy­ni­schem Grinsen abtut. Andere Darstellungen des Agenten blieben oberflächlicher – Roger Moore war ein Sir, wie er in britischen Kniggeratgebern stehen mag, doch eigentlich zu weich, um glaubwürdig zu sein, Timothy Dalton agierte eher un­be­holfen, Pierce Bros­nan arg versnobt, und George Lazenby kommentierte sich selbst treffend in Im Geheimdienst Ihrer Majestät (1969) mit der Bemerkung: „This never happend to the other guy.“

In den jüngsten fünf Verhandlungen der Figur des James Bond schlug Daniel Craig mit dem trotzigen Aufbegehren eines waidwunden Raubtiers eine ganz neue, in sich stimmige und sehr interessante Richtung ein. Craigs Interpretation ist die einzige nach Sean Con­nery, in der Bond wirklich glaubhaft gefährlich ist. Goldfinger setzte die Parameter, die Sam Mendes’ Skyfall fünfzig Jahre nach Dr. No schließlich auf atmos­phärisch stimmige und wunderbar befriedigende Weise einzulösen ver­steht. In einer Schlüsselszene muss die wunderbare Judi Dench als Geheimdienstchefin M auf dem Abstellgleis des Alters vor einem minis­terialen Untersuchungsausschuss aussagen, dabei zitiert sie Ten­nyson: „Made weak by time and fate/but strong in will/to strive, to seek, to find/and not to yield“. Doch ist es nicht an ihr, klein beizugeben, sie lacht dem Wandel der Zeiten ins Gesicht: „We are/one equal temper of heroic hearts."

Im Aston Martin fahren Bond und M nach Schottland, im fahlen Morgen­licht blicken sie von einer Kuppe über das Tal, in dem Bond einst aufgewachsen ist, ein Bild von ikonischen Ausmaßen. M spricht ihn auf den Tod seiner Eltern an und stellt fest: „Orphans often make the best recruits.“ Und dann die finale Szene, in der M in einer halb verfallenen Kapelle im Moor Bond in die Augen schaut und meint: „I did get one thing right.“ Das ist ein Abschiedsblick, sie stirbt in Bonds Armen. So emotional haben wir James Bond noch nie gesehen: Tränen rinnen über sein Gesicht, er schließt der Frau, die ihm so etwas wie ein Mutterersatz war, die Augen und küsst sie auf die Stirn. Nie war Bond als Mann verletzlicher als in der Szene mit dem Laserstrahl, der zwischen seine Beine zeigt, nie war die Figur runder und menschlicher als bei Ms Tod. Und all die Jahre dazwischen haben einfach verdammt viel Spaß gemacht.