Einstürzende Altbauten

Inception (USA/GB 2010)

 

„Alles war denkbar. Alles war möglich.“ Franz Huchel, der junge Protagonist in Robert Seethalers Roman Der Trafikant (2013), hat vom Kahlenberg aus das Häusermeer Wiens vor sich und dabei das Gefühl, die Stadt und ihre Bewohner seit dem Einmarsch der Nazis nicht mehr zu kennen. Hakenkreuze überall, beschmierte Geschäftsfassaden, Vernadereien, Juden auf den Knien, und sogar der berühmte Professor Freud sieht sein Heil in der Flucht: „Wer tagsüber am Heldenplatz eine Legion von Händen gegen den Himmel reckt und abends brüllend durch die Gassen rennt, der würde auch das Riesenrad aus seinen Angeln heben.“ Franz läuft die steilen Hände des Berges hinunter: „Und für einen Moment wusste er nicht mehr, ob die Zweige, die gegen die Brust und an die Arme schlugen, Wirklichkeit waren oder ob er sich in seinem eigenen Traum befand.“

Ein Kippen der Realität, wachen oder träumen – Dominick Cobb, der zentrale Charakter in Christopher Nolans hochkomplexer Phantasmagorie Inception, wüsste Franz’ Emotionen nachzuvollziehen. Franz hat von Professor Freud den Tipp bekommen, seine Träume aufzuschreiben, um unter Umständen darin so etwas wie einen Sinn finden zu können. Cobb hingegen, mit verzweifelter Intensität von Leonardo DiCaprio verkörpert, ist ein Einbrecher in die Traumwelten anderer Menschen und ein Dieb von Informationen aus ihrem Unterbewusstsein. Des Mordes an seiner Frau verdächtigt, ist Cobb auf der Flucht und von seinen Kindern getrennt. Durch die Lösung eines neuen, besonders heiklen Auftrags, so die spannende Prämisse des Films, würde er die Erlaubnis erhalten, sie wiederzusehen: dermaßen die Sinngebung für seine Existenz.

Nolans Streifen ist vieles: tragische Liebesgschichte, Film noir, Action à la James Bond und die visuell atemberaubende Interpretation von Platons Höhlengleichnis; als führte Alices Sturz durch den Kaninchenbau in immer tiefere Ebenen ihres Bewusstseins, springt auch Incepetion von einer Bedeutungsebene zur nächsten. Traum im Traum im Traum, und dabei die zentrale Frage: Wo beginnt die Realität, wo hört sie auf? „Eines Tages wird man offiziell zugeben müssen, dass das, was wir Wirklichkeit getauft haben, eine noch größere Illusion ist als die Welt des Traumes“, hat Salvador Dali einmal gesagt. In diesem Sinne lässt sich über kaum einen Film so vortrefflich diskutieren wie über diesen, wobei die Verwirrung in der Szene einsetzt, in dem in Paris die Altbauten einstürzen und wie ein Sandwich übereinandergeklappt werden, bis die Stadt für Cobb so unkenntlich geworden ist wie für Franz das braune Wien.

Cobb macht sich gemeinsam mit der Architekturstudentin Ariadne (Ellen Page) an das Designen neuer Traumwelten. Sie sitzen in einem Café, als auf einmal rund um sie Obstkisten, Stühle und die Bistrotische in die Luft fliegen, Scheiben zu Bruch gehen, das Straßenpflaster aufbricht und Mauern explodieren – ganz ruhig und unbehelligt in diesem Chaos einer im wahrsten Sinn des Wortes verrückten Welt. „Je ne regrette rien“, das Lied holt sie wieder in die Realität zurück, Cobb erklärt Ariadne die unterschiedlichen Geschwindigkeiten, mit denen im Schlaf und im wachen Leben Zeit abläuft. Und dann ein neues Eindringen in die Ebene des Traumes. Ariadne lässt die Straße hochkippen, mechanische Geräusche scheinen dabei die Achsen der Wahrnehmung zu verschieben, bis über ihren Köpfen wie in einer Art Spiegelung Autos fahren und sich Menschen kopfunter bewegen.

Was geschieht, wenn man sich mit den Gesetzen der Physik und jenen der Psychologie anlegt, bekommen wir gleich darauf vor Augen geführt. Die Menschen, die Ariadnes Architektur bevölkern, sind jene aus Cobbs Vorstellungswelt, weshalb die Architektin selbst, die Uheberin von Veränderungen, die mit dieser Welt nicht übereinstimmen, als Art Virus empfunden wird, den es abzuwehren gilt. Ariadne und Cobb schreiten auf eine Wand los, die einmal die Straße war, sie steigen daran einfach hoch und befinden sich wieder auf einer horizontalen Ebene; unter ihren Füßen entsteht eine Brücke, riesige Spiegelscheiben multiplizieren sie endlos – und plötzlich sieht sich Ariadne von der Menge attackiert, und eine Frau stürmt mit einem gezückten Messer auf sie los.

Auf diese Weise geht Nolan vor: in der schieren Überwältigung durch visuelle und akustische, doch auch durch gedankliche Sensationen, sodass wir bald mit offenen Augen und offenem Mund und selbigem Hirn dasitzen und selbst in den Psychostrudel hinabgerissen werden, der hier vor uns abläuft. Die Aufhebung der Gravitation und der Kampf in Schwerelosigkeit in einem Hotelflur, die höchstmögliche Zeitlupe in der Darstellung der maximalen Zerstörung, die wiederholte Doppelbödigkeit eines Labyrinths aus endlosen Möglichkeiten der Analyse – und darin die Frage, die auch Cobb sich bis zum Schluss stellt: Traum oder Wirklichkeit?

Cobb benutzt immer wieder einen Kreisel, um Auskunft darüber zu erhalten, in welcher Ebene er sich gerade befindet. Dreht sich der Kreisel weiter, deutet dies auf einen Traum hin, wird er schwächer, auf die Realität. Am Schluss des Films wendet sich Cobb seinen Kindern zu, während der Kreisel sich noch dreht. Die Kamera hält noch einige Sekunden darauf, dann blendet das Bild ab. Kippt der Kreisel oder dreht er sich weiter? I’ve been asked the question more times than I’ve ever been asked any other question about any other film I’ve made”, meinte Nolan dazu in einem Interview mit Entertainment Weekly”. Und weiter: What’s funny to me is that people really do expect me to answer it.” So macht uns Inception selbst zu denen, die Platons Höhle erstmals verlassen: und geblendet sind von den grenzenlosen Möglichkeiten, die die filmische Welt eines wahren Magiers des Kinos für uns bereithält.