Dem Himmel so nah

Ich tanz mich in dein Herz hinein (Top Hat, USA 1935)

Königliche Hochzeit (Royal Wedding, USA 1951)

Zwei ritten nach Texas (Way Out West, USA 1937)

 

Zwei Männer tanzen, und es ist, als hätten sie die Welt um sich herum vergessen. Stan Laurel und Oliver Hardy, die begnadeten Komiker, die man hierzulande als Dick & Doof benannte, Stan & Ollie also machen sich filmhandlungsgemäß in den Wilden Westen auf, der Originaltitel Way Out West nimmt darauf Bezug. Es gilt, der Erbin einer Goldmiene ein Testament zu überbringen, dass auch geldgieriges Gesindel in den Besitz dieser Urkunde gelangen will, liegt auf der Hand, ebenso wie die Tatsache, dass es bei Laurel und Hardys vielleicht gelungenstem Film wie bei allen ihren Arbeiten immer mehr um das Wie als um das Was geht. Die hinreißende Abfolge an Gags mündet in dieser Tanzszene.

Ein Westernstädtchen, wie es im Drehbuch steht, ein Saloon, auf den Stufen davor ein ungezwungenes Arrangement an Cowboys, die auf lässige Weise ein Liedchen anstimmen. Eine Gitarre kommt zum Einsatz, es gibt Jodeleinlagen, die Cowboys sind ganz in ihrem Element, als Stan und Ollie mitsamt dem Esel, der ihnen als Ersatz für ein Pferd dient, vor dem Saloon ankommen. Das Tier wird angebunden, schon will man in den Saloon eintreten, da kann man geradezu mitfühlen, wie den beiden die Musik in die Glieder fährt. Ein Lächeln, ein Grinsen, zwei Männer, die sich ihres Lebens so froh sind, dass ans Stillstehen nicht mehr zu denken ist. Ollie streicht sich über seinen Hut, ein Wippen der Knie und dann der Beine, und schon ist es um die beiden geschehen. Diese Grazie, diese Leichtigkeit, mit der sie sich bewegen, zuerst nebeneinander, dann sogar Hand in Hand, sie heben die Rockzipfel, sie lüften die Hüte, und während hinter ihnen das alltägliche Leben des Westernstädtchens abläuft, gehen sie auf in dieser Melodie und diesem Moment, in dem einfach alles stimmt und nichts krumm ist. Den alten Cowboy im Stuhl neben der Schwingtür zum Saloon hat es längst mitgerissen, als das Liedchen seinem Ende zugeht und Stan und Ollie anfangen, die hölzernen Stufen zu erklimmen, nein hinaufzutänzeln, als würde es sich dabei um den Eingang zum Himmel handeln.

In eben diesem befanden sich bereits zwei Jahre früher Fred Astaire und Ginger Rogers, wohl das Kinotraumtanzpaar schlechthin, in dem Streifen Top Hat, zumal Irving Berlins zeitloser Song als Einstieg zu der Nummer von Astaire intoniert wird: „Heaven/I’m in heaven/And my heart beats/So that I can hardly speak/And I seem to find/The happiness I seek/When we’re out together/Dancing cheek to cheek“. Über den unsäglich schlechten deutschen Titel Ich tanz mich in dein Herz hinein wollen wir kein Wort verlieren, die komplizierten Verwicklungen um die Liebesgeschichte und die Heiratssache zwischen Ginger und Fred sind auch alles andere als wichtig. Was zählt ist das Tanzen, und das passiert graziös und ganz und gar federleicht, wobei hier noch die Komponente von Astaires unerreichter Perfektion hinzukommt. Gingers Traum von einem weißen Kleid vor dieser Kulisse in Weiß, der Fluss des Drehens und Hebens und auch einer kleinen Steppeinlage, und das alles in dieser unnachahmlichen Eleganz - wie nahe kann man sonst dem Himmel sein?

Nach dem ersten Vorsprechen in Hollywood soll die Kritik an Fred Astaire, das kann man nachlesen, gelautet haben: “Can’t sing, can’t act, is slightly balding, but can dance a little.“ Dieses „little“ genügt zumindest, um uns auch heute noch zu verzaubern. Auf jeden Fall in einer Szene, angesichts derer so mancher vielleicht wirklich an Magie glauben möchte. Ich spreche von Astaires Tanz die Wand eines Zimmers hinauf und dann gleich weiter auf dem Plafond und auf der gegenüberliegenden Wand wieder zum Boden hinunter, wo er ein gerahmtes Foto der Geliebten an sich nimmt und glücklich in ein Sofa sinkt. Königliche Hochzeit heißt der Film, der den Rahmen dafür bietet, und worauf sonst könnte man den Terminus von Genialität wohl besser anwenden, als auf ein Stück Film, von dem auch nach 65 Jahren noch in diversen Foren diskutiert wird, wie in aller Welt Astaire zusammen mit Regisseur Stanley Donan und Choreograf Nick Castle es aus dem Hut gezaubert haben könnte.

Dass sich Astaire in einem langsam rotierenden Raum bewegt und der Kameramann in einem gleichzeitig rotierenden Käfig befunden habe, wird allenthalben vermutet, ob durch unmerkliche diffizile Schnitte mitgeholfen wurde, ist weiterhin heiß umstritten – das MGM-Studio hält sich auch heute noch bedeckt. Stanley Kubrick jedenfalls wandte diese Technik für 2001 - Odyssee im Weltraum an, um das Gefühl von Schwerelosigkeit zu kreieren, auch Christopher Nolan wurde bei Inception definitiv davon inspiriert. Doch was eigentlich zählt, ist Fred Astaires bis heute unerreichter, schlichtweg überirdischer Tanz, der uns beim Zuschauen das Gefühl gibt, dies alles würde völlig selbstverständlich und ohne jede Anstrengung ablaufen. Dem Himmel jedenfalls ist er dabei ganz nah.