Froschregen

Magnolia (USA 1999)

 

Das Inferno ist nicht vorherzusehen, aber, wie der Erzähler des Films festellt: „Strange things happen all the time.“ Der erste Frosch kracht auf die Windschutzscheibe eines Autos, das nächtens auf verlassener Straße vor einer roten Ampel wartet. In ebenso roten Schlieren rutscht er langsam vor den schockierten Augen des Fahrers die Scheibe hinunter. Unweit davon hört Claudia, eine depressive, von ihren Eltern entfremdete Frau, beim Koksen hinter ihrem Rücken ein seltsames Geräusch – und als sie vorsichtig den Vorhang lüftet, splittert das Glas der Scheibe unter dem einsetzenden Regen an Fröschen.

Weitere Orte zur selben Zeit, weitere Einträge in ein Tagebuch des völligen Chaos: Der frauenhassende Motivationstrainer Frank, ein wiedergefundener Sohn, hat nur Augen für seinen sterbenden Vater Earl, der nach Luft keucht und dann den Kampf gegen seine Krankheit verliert. Earls Pfleger Phil, dem es mit großem Einsatz gelungen ist, den Kontakt zwischen Vater und Sohn wieder herzustellen, wähnt sich umzingelt vom wahren Trommeln der Tierkörper, die auf das Dach der Villa, in den Pool und rund um ihn auf den Beton zu Hunderten, ja Tausenden aufschlagen. Ein Notarztwagen mit Linda, Earls medikamentensüchtiger Frau, durchbricht den Schranken vor dem Krankenhaus, überschlägt sich und kommt direkt vor dem Eingang zu liegen. Der krebskranke Quizmaster Jimmy hält sich gerade einen Revolver an die Wange, als ein Frosch, dessen Weg wir aus der Vogelperspektive aus der Luft verfolgen können, durch ein Oberlicht und ihm die Waffe zur Seite schlägt, sodass der Schuss ins Leere geht. Der notorische Verlierer Jim, der gerade über eine Regenrinne in ein Elektrogeschäft einbrechen will, wird von einem herabfallenden Frosch zu Boden gestoßen und von dem Polizisten Jim, der kurz zuvor seine Dienstwaffe verloren hat, unter das schützende Dach einer Tankstelle gezogen. Und der kluge Stanley, das Wunderkind einer Quizshow im Fernsehen, sitzt in der Schulbibliothek, umgeben von Büchern und hinter sich an der Wand die Schattenrisse der wie in Zeitlupe fallenden Frösche, zieht ein nicht unzufriedenes Resumee: „This is something that happens.“

Der mittlerweile legendäre Froschregen ist der Punkt, auf den sich die episodenhaften Handlungsstränge in Paul Thomas Andersons dreistündigem Narrativ Magnolia zubewegen. Sie sind zusammengehalten von Musikstücken von Aimee Mann, die diese Fäden zu bündeln scheinen, indem zuweilen verschiedene Charaktere in unterschiedlichen Settings dasselbe Lied singen, von einer großen inszenatorischen Geschmeidigkeit und der Brillanz eines wunderbaren Darstellerensembles (Jason Robards, Julianne  Moore, Philipp Seymour Hoffman, William H. Macy, John C. Reilley, Philip Baker Hall und ein schier entfesselten Tom Cruise). Ist es reiner Zufall, ist es Fügung – der Erzähler aus dem Off gibt selbst zu: „If that was in a movie, I wouldn’t believe it.“ Doch – der Butterfly Effect lässt grüßen – die Dinge des Lebens würden eben einfach ihren eigenen Gesetzen folgen, denn: „We may be through with the past, but the past ain’t through with us.“

Am Ende der Kurzgeschichte „The Life You Save May Be Your Own“ der amerikanischen Südstaatenautorin Flannery O’Connor prasseln „fantastic raindrops, like tin-can tops“ auf den Pickup von Mr. Shiftlet, dem einarmige Betrüger, der eine alte Farmerin um ihren Besitz gebracht und deren geistig behinderte Tochter an einer Tankstelle zurückgelassen hat. Andersons Figurenpersonal unter dem Froschregen sind neun Menschen aus dem San Fernando Valley in Kalifornien, und wenn der Protagonist in O’Connors Geschichte mögliche Skrupel einfach in seiner Selbstgerechtigkeit ertränkt, aufs Gaspedal tritt und in Richtung des Küstenorts Mobile davonfährt, gehen die Charaktere in Magnolia einen anderen Weg. Wie Mr. Shiftlet an einem Scheidepunkt ihres Lebens angelangt, ergreifen sie im Gegensatz zu ihm die Gelegenheit, die eingefahrenen Bahnen neu zu überdenken.

Der Bezug zum Buch Exodus ist augenscheinlich: „Aaron streckte seine Hand über die Gewässer Ägyptens aus. Da stiegen die Frösche herauf und bedeckten ganz Ägypten.“ Kapitel acht, Vers zwei – die Bedeutung der Zahlen der Bibelstelle zieht sich durch den gesamten Film, Referenzen sind in Vielzahl auszumachen, nicht zuletzt im Filmtitel selbst, der acht Buchstaben hat. Wenn am Ende des Films ein neuer Morgen dämmert, ist der Erdboden mit Froschleichen übersät. Gestohlenes Geld wir in den Safe zurückgebracht, ein versöhnlicher Besuch im Krankenhaus, eine Mutter und ihre Tochter, die einander nach langer Zeit wieder in die Augen schauen können: Der tierische Regen als kathartische Wende, als Art von Offenbarung der Schuld der Väter, als Reinigung von Unerledigtem und dadurch Läuterung der Seele, die Möglichkeit zu einer ganz persönlichen Art der Erleuchtung durch die Kraft des Verzeihens. Dass er in Zukunft netter zu ihm sein solle, dringt Stanley in seinen jährzornigen Vater und wiederholt angesichts von dessen unwirscher Reaktion seine Bitte eindringlich. Die Erleuchtung, die der Film für denkbar hält, gibt auch ihm Hoffnung, dass sich etwas zum Besseren ändern könnte; nicht mehr und nicht weniger.