An den Rand gedrängt und darüber hinaus

01:54 (Kanada 2016)

Marilyn (Argentinien 2018)

Ein alter Mann telefoniert mit seiner Tochter, man hört nur seine Seite der Unterhaltung. Der Mann lebt allein, das Verhältnis zur Tochter ist kein in­niges. Im Hintergrund läuft der Fernseher mit leisem Ton, ein Auffla­ck­ern der Außenwelt ohne Einfluss auf das stille Drama, das sich zwischen dem Vater und seiner Tochter abspielt. Die beiden sind aufeinander eingespielt, wenn es um die Rituale des Einander-Verletzens geht und darum, die eigene Verletzlichkeit zu verbergen. Trotzdem bricht immer wieder Verbitterung durch: „Tut mir leid, dass ich existiere!“ Auf einge­fah­re­nen Wegen gibt ein Wort das andere, die Sehnsucht nach Nähe, nach Bestä­tigung und Sinnhaf­tigkeit dessen, was vom Leben geblieben ist, sieht sich zwischen Grantigkeit und Weiner­lichkeit, Resignation und kurzen Momenten von Aggressi­vität ge­fangen. Das Lächeln des Mannes ist gefroren wie die Gefühle, die hier durch das Telefon aufeinandertreffen.

Der Schauspieler Otto Grünmandl verkörpert diesen alten Mann ohne Illusionen und Zukunft in dem Film 71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls (1994) in einer dieser langen Szenen, die jener Art von psychischer Folter entspricht – für die Charaktere gleichermaßen wie für das Publikum –,  die sich durch das gesamte Werk des österreichischen Regisseurs Michael Haneke ziehen. Der Streifen zeichnet eine sachlich-kühle Abfolge von Ereignissen, die dem Amoklauf eines Studenten vorausgehen, der an einem Weihnachtstag in einer Bankfiliale drei Menschen und dann sich selbst erschießt. Hanekes kühl-distanzierte Darstel­lungs­weise der im Titel des Films angesprochenen Anzahl von Sequenzen, deren Zusammen­hang sich dem Betrachter erst allmählich erschließt, entpuppt sich als laborhafte Versuchsanordnungen von Einsamkeit, Isolation und Trostlosigkeit, die unweigerlich auf eine sinnlose Amoktat zutreiben - eine fast klinisch-präzise Dokumentation von Gewalt.

In dieser Weise funktionieren sämtliche Einträge in Hanekes Werk bis zu seinen internationalen Erfolgen mit Das weiße Band (2009) und Amour (2012), betrachten wir hier exemplarisch nur einige frühe. In Der siebente Kontinent (1989) etwa ist es das lange Sterben einer Mittelstandsfamilie, Vater, Mutter, Tochter (Dieter Berner, Birgit Doll und Leni Tanzer), die den gemeinsamen Freitod beschließen und auch tatsächlich bis zur finalen Konsequenz durchziehen. Die Geschäfte sind abgewickelt, das Auto ist verkauft und ein letztes Sektfrühstück angerichtet, dann werden die Bilder im Haus abgenommen, die Kleider zerschnitten, Kinderzeichnungen zerrissen, Möbel zersägt und Geld die Toilette hinuntergespült. Berge von Schutt sind, was der Familie früher etwas bedeutet hat. Die Fische aus dem umgestoßenen Aquarium liegen auf dem Boden und japsen nach Luft, das Wasser mit all den darin aufgelösten Tabletten schmeckt bitter, und der Vater schreibt die Sterbezeiten seiner Tochter und dann auch seiner Frau an die Wand. Im Rauschen des Fernsehapparates liegt schließlich auch er auf dem Bett und stirbt seinen langsamen Tod.

Hanekes Filme verhandeln die Rolle, die Ge­walt in un­se­rer Gesellschaft spielt, einfache Antworten be­züglich ihrer Ursachen geben diese Narrative freilich nicht, sie verweigern sich einer klaren, erklärenden Auflösung. Ohne musikalische Untermalung, die nicht aus der Handlung selbst herrührt, und ohne Schnitt hält die Ka­me­ra in diesen fast klinisch präzisen Analysen minuten­lang auf Sze­nen der Brutalität, die so alltäglich, geradezu nebenbei pas­siert, dass man kaum glauben mag, was man da zu sehen bekommt. In Bennys Video (1992) ermordet der titelgebende Teenager (Arno Frisch) das Mädchen (Ingrid Strassner), das er in seiner Stammvideothek kennengelernt und in die elterliche Luxuswohnung eingeladen hat, mit einem Bolzenschussgerät. Wir verfolgen die Szene über den Fernsehschirm, auf dem sich Benny zuvor immer wieder die Tötung eines Schweins angesehen hat. Das schwer verletzte Mädchen kriecht über den Boden, sie weint und schluchzt, zum Teil spielt sich das außerhalb des Bildausschnittes des TV-Gerätes ab. Dass sie Ruhe geben solle, ruft Benny mehrmals, dann lädt er die Waffe nach und schießt, daraufhin abermals Schreien und Flehen des Mädchens und Bennys genervte Bitte, doch endlich still zu sein. Neuerliches Laden, ein letzter Schuss. Und Benny trinkt Wasser und isst Joghurt und ihm sind trotz seiner ungeheuerlichen Tat keine Emotionen oder der Anflug einer Sinnfrage anzumerken.

Auch das perfide Katz- und Mausspiel, das die beiden Burschen in Funny Games mit der Familie in ihrem Ferienhaus am See treiben, richtet sich nicht nach den Regeln des Spannungskinos. Haneke bricht mit gewohnten Konventionen, nicht zuletzt, wenn die Delinquenten mitunter direkt in die Kamera anblicken und ihre Handlungen auf zynische Weise kommentieren. Arno Frisch und Frank Giering sind die zwei jungen Männer in der ursprünglichen Fassung des Stoffes aus 1997, Michael Pitt und Brady Corbet in der bildidenten amerikanischen Version zehn Jahre später, Susanne Lothar und Ulrich Mühe stehen im ersten Film Naomi Watts und Tim Roth im zweiten gegenüber – brillante Darstellungen allesamt. „Ich versuche Wege zu finden, um Gewalt als das darzustellen, was sie immer ist, als nicht konsumierbar“, sagte Haneke einmal. Die lakonische Hand des Regisseurs, die Banalität des Tötens und des Sterbens – ein höhnischer Kommentar zu den Zuschauererwartungen, die von Genrefilmen üblicherweise brav bedient werden: etwa wenn bei einem Auszählspiel das nächste Opfer eruiert werden soll und jenes Familienmitglied stirbt, von dem man es am wenigsten erwarten würde, nämlich das Kind (Stefan Clapczinyski/Devon Gearhart); oder wenn der Mutter die Flucht gelingt und sie auf der Suche nach Hilfe auf näherkommende Scheinwerfer zuläuft, die sich alsbald als der Wagen der Mörder entpuppen.

Nun haben Michael Hanekes Filme nichts mit schwulem Kino zu tun, sie können uns aber einen Weg zum Verständnis weisen, wenn sich schwule Filme mit dem Thema von Gewalt befassen, jener nach außen wie jener nach innen. Diese befassen sich nicht selten mit der Art und Weise, auf die die Protagonisten Erfahrungen machen (müssen), die mit ihrer Identität und dem Platz verknüpft sind, der ihnen von der Gesellschaft, in der sie leben, eingeräumt wird. Der amerikanische Schriftsteller mit koreanischen Wurzeln Alexander Chee stellt die Problematik in seinem Essaysband How to Write an Autobiographical Novel (2018; Wie man einen autobiografischen Roman schreibt) wie folgt dar: „Vor allem als schwuler Mann macht man die Entdeckung, dass man im Laufe eines Lebens mehrere, manchmal einander widersprechende Ichs durchläuft und man in manchen Momenten schmerzlich dieses Zentrum des Selbst vermisst, über das alle Menschen um einen herum so selbstverständlich zu verfügen scheinen.“ Und er führt weiter aus: „Es fordert kein großes psychologisches Gespür, die Gründe dafür in den Erfahrungen als Kind und Heranwachsender zu suchen. Im unerklärlichen Schweigen etwa, mit dem man aufgewachsen ist, oder den unmissverständlichen Botschaften von Ausgrenzung und Scham.“

Ein junger Mann in Kanada, ein anderer in Argentinien. Sie leben in einem kaum vergleichbaren Umfeld und machen dennoch ähnliche Erfahrungen mit unerträglicher körperlicher und seelischer Verwundung. Marcos, der Protagonist von Martín Rodríguez Redondos kleinem und sehr feinen Film Marilyn, wohnt mit seiner Familie auf einer Farm im ländlichen Argentinien.  Er ist ein schüchterner Junge, einer, der sich als sehr stiller, in sich gekehrter, beinahe stoischer Beobachter durch ein Leben bewegt, das - man merkt es rasch - nicht das seine ist. Walter Rodríguez verleiht Marcos mit leicht femininen Bewegungen und stets angespannten Schultern die Körperhaltung von einem mit der Aura, „anders“ zu sein; kaum zeigt er Emotionen und schon gar keine Reaktionen, wie unberührt scheint er selbst die tiefsten Demütigungen über sich ergehen zu lassen. Dass ein solches Verhalten zuweilen nur die Ruhe vor dem Sturm ist, wissen wir aus Michael Hanekes Zustandsbeschreibungen von Seelen in Aufruhr, die sich ihren Gemütszustand nach außen nicht anmerken lassen, und erwarten schon jetzt ein schlimmes Ende.

Der Einstieg in Marilyn ist offenbar zu Beginn der großen Ferien angesiedelt, denn Marcos kommt mit dem Zeugnis aus der Schule in sein armseliges Zuhause. Der Vater Carlos (Germán de Silva) ist stolz auf ihn, er will dem talentierten Sohn auch einen Computerkurs zahlen: „Du wirst uns einmal versorgen.“ Die verhärmte Mutter Olga (Catalina Saavedra) hingegen wirft nur einen kurzen Blick auf das Zeugnis. Jetzt sei Schluss mit Spaß, meint sie fast verächtlich, jetzt beginne für Marcos der „Ernst des Lebens“. Gemeint ist die Arbeit für den Landbesitzer, dessen Rinder Marcos‘ Familie versorgt und dessen Sohn zu seiner Nemesis gerieren wird. Mit höchster Konzentration und feinen Strichen zeichnet der Film die sozialen Unterschiede und strenge Rollenverteilung in dieser Gesellschaft. Die Gutsherren sind Weiße, Marcos sind seine indigenen Wurzeln anzusehen, die Verhältnisse der Macht sind keine, die in diesem Umfeld hinterfragt werden.

Wenn es darum geht, er selbst zu sein, muss sich Marcos verstecken. Er zieht sich heimlich in eine Kammer zurück, um Kleider anzuprobieren und sich zu schminken und sich dabei mit dem Handy zu filmen. Er hat Talent im Umgang mit der Nähmaschine und nicht, wenn es darum geht, Kühe zu melken. Mit dem Sohn des Landbesitzers tauscht er schon mal heimliche Blicke, ist seinen Spott und den seiner Kumpel aber ebenso gewohnt wie den offensichtlichen Neid und das abschätzige Gehabe seines Bruders. In der brütenden Hitze, im ständigen Klagen der Grillen baut sich auf diese Weise eine Atmosphäre der latenten Bedrohung auf, in der uns Marcos sehr verletzlich, fast zerbrechlich erscheint. Wir erwarten, dass ihm Leid angetan wird, und sind umso mehr vor den Kopf gestoßen, als er am Ende des Films selbst zur Waffe greift.

Doch vorerst erleben wir, wie in Marcos auf einmal Leben kommt. Ein Dorffest, ein Kleid aus glänzendem Stoff, eine Perücke mit langen Haaren, Make Up, eine Maske und hohe Schuhe – Marcos tanzt mit selig-gelöstem Gesichtsausdruck, den wir von ihm nicht kennen, und geht aus sich heraus, zuerst bei einem Umzug, dann in einem Lokal. Die Musik spricht an seiner Stelle: „Heute lasse ich alles hinter mir/Ich bin wirklich frei.“ Und gleich darauf: „Nichts wird mich verletzen/Nie habe ich mich so gut gefühlt/Mein Name ist Marilyn.“ In dieser Stimmung tanzt Marcos sogar den Sohn des Landbesitzers an und dieser scheint trotz des Grinsens seiner Kumpel Gefallen daran zu finden. Doch auf dem Heimweg kippt die Situation. Die Burschen verfolgen Marcos und die Freundin, mit deren Moped sie fahren. Sie kreisen sie mit ihren Maschinen ein und zwingen Marcos dazu abzusteigen. Sie verjagen das Mädchen, es geht ihnen allein um die Demütigung des Jungen, der nicht in ihre Machowelt passt. Zwei der Burschen stoßen Marcos zu Boden und halten seinen Kopf in den Staub, während ihn der Sohn des Landbesitzers brutal vergewaltigt – als wäre es das Recht der Besitzenden, sich zu nehmen, wonach ihnen verlangt. In der Morgendämmerung stolpert Marcos über die Landstraße, da kommt die Freundin mit ihrem Moped angefahren. Er steigt hinter ihr auf und legt auf der Heimfahrt den Kopf auf ihre Schulter.

Marcos scheint schier alles ertragen zu können, doch als die Mutter und der Bruder auch seine Hoffnung auf Liebe zunichtemachen, bricht seine Welt völlig zusammen. Die Landschaft, in der sich all dies abspielt, wirkt wie überbelichtet. Der heiße Wind, das Flimmern der Luft, der Staub – die Natur scheint ihren Teil beitragen zu wollen, um Marcos den Atem zu rauben. Doch dann lernt er Federico (Andrew Bargsted) kennen, der sich Feder nennt und ein kleines Geschäft in unmittelbarer Nähe zu einer Siedlung betreibt, in der Marcos‘ Mutter, nach dem Tod ihres Mannes vom Landbesitzer aus der Farm gedrängt, ein kleines Haus kaufen möchte. Die beiden Burschen kommen einander auf behutsame Weise näher und haben in einem der unfertigen Gebäude Sex. Marcos hat sich Hals über Kopf in den ein wenig älteren und merklich erfahreneren Federico verliebt. Rührend mutet sein Versuch an, Normalität vorzuspiegeln und sich für eine Einladung zum Essen mit Feders Familie zu revanchieren. Er gibt vor, dass seine Mutter und der Bruder über seine Homosexualität Bescheid wüssten, hat den Tisch gedeckt und gekocht. Die versteinerten Mienen von Mutter und Bruder sprechen aber Bände der Ablehnung und verunsichern ihrerseits Federico.

Als die Mutter später ihren Sohn und seinen Freund beim Schmusen im Auto überrascht, ist dies der Beginn der Eskalation, die geradewegs in den Untergang führt. Sie zerrt Marcos aus dem Wagen und schlägt auf ihn ein, vertreibt Federico. Dass er ihn liebe, versichert Marcos dem anderen Jungen immer wieder am Telefon, aber Federico antwortet nicht mehr auf seine Anrufe. „Was soll ich nur tun?“, lautet Marcos‘ beschwörende Frage auf die Mailbox; doch Federico ist aus seinem Leben verschwunden. Und dann nimmt ihm die Mutter auch noch das Handy weg und kappt auf diese Weise die einzige Verbindung zur Außenwelt und damit auch zu sich selbst, die Marcos geblieben ist. Wir sind Marcos im Verlauf der Handlung des Films immer ganz nah gewesen und doch hat er uns nicht wirklich an sich herangelassen. In langen Einstellungen sind wir ihm gefolgt oder voraus gegangen, konnten aber nicht durch den Panzer der Isolation von seiner Umwelt dringen. In dieser Nacht jedoch kann Marcos die Barrieren beim besten Willen nicht mehr aufrechterhalten; die Maske der Beherrschtheit fällt und die Verzweiflung, die wahrscheinlich bereits jede Faser seines Körpers und seines Denkens beherrscht, bricht hervor. Die Hitze weicht dem Regen und Marcos gibt dem Druck der Unausweichlichkeit der Gewalt nach, die eigentlich sein ganzes Leben beherrscht hat. Im Rauschen des Wassers, das auf das Dach des Hauses herabprasselt, steht Marcos aus dem Bett auf und holt die Flinte seines Vaters hervor. Er lädt sie mit zwei Patronen und erschießt zuerst den Bruder und dann die Mutter. Und erstmals seit er sich erlaubt hat, Federico seine Zuneigung zu zeigen, sehen wir echte Emotionen in Marcos‘ Gesicht. Er weint, er schluchzt; der Kreislauf der Gewalt hat sich geschlossen.

Ein Gänsehautmoment der zutiefst berührenden Art; und mit ähnlicher Wucht trifft uns der Klimax der kanadischen Produktion 01:54 am Herzen. Auch hier ist es der Glaube an die Möglichkeit eines glücklichen Endes, ist es das Aufkeimen von Hoffnung auf ein selbstbewusstes und – bestimmtes Leben, die ins genaue Gegenteil führen, nämlich in die menschliche Katastrophe. Aus dem Mobbing von Angesicht zu Angesicht, das zur ersten dramatischen Höhepunkt in diesem Film führt, entwickelt sich im Verlauf der Handlung jenes im virtuellen Raum des Internet. Tim (Antoine-Olivier Pilon aus Xavier Dolans Mommy) und Francis (Robert Naylor), als Freunde die Nerds ihrer Schule und die Angriffsfläche für tagtäglichen Spott und Häme, liegen nebeneinander am Lagerfeuer. Ihr Versteck, ein abgeschiedener Ort zwischen Straßen und einer Brücke, an dem sie ab und zu chemikalische Experimente, zuweilen sogar mit Sprengstoffen, durchführen. Francis hat die Augen geschlossen, er scheint zu schlafen. Tim beugt sich zu ihm und den Kopf über den seinen. Ihre Lippen sind nur Millimeter voneinander entfernt, doch bevor sie sich berühren können, zögert Tim und zieht sich wieder zurück. Hätte er in diesem Moment den Mut aufgebracht, zu seinen Gefühlen Francis gegenüber zu stehen, werden wir später spekulieren, wäre den beiden Jungen und allen, die sie lieben, die Tragik erspart geblieben, der der Film bis zum bitteren Ende nachspürt.

Die permanenten Demütigungen werden für Francis zur Qual, aus der er kein Entrinnen mehr sieht. Als er in der Schule in einen Spind gesperrt und wieder einmal als Schwuler beschimpft wird, steht Tim nicht zu ihm. Weshalb er ihm denn nicht erzählt habe, dass er schwul sei, bedrängt er ihn so, dass die anderen Jugendlichen es hören können. Die Bestätigung seiner eigenen Rolle im fragilen Gefüge innerhalb der Schule ist ihm in diesem Moment wichtiger als die Freundschaft zu Francis. Als dieser später nirgendwo zu finden ist und nicht ans Telefon geht, macht sich Tim auf die Suche nach ihm. Er findet ihn unweit ihres Verstecks. Francis steht auf der Brücke und klammert sich ans Geländer. Tim fleht ihn an, nicht zu springen. „Je t’aime!“, ruft ihm Francis zu, er liebe ihn. Dann lässt er los und springt in den Tod.

Dass die Suizidrate unter homosexuell empfindenden Jugendlichen um ein Vielfaches höher ist als unter heterosexuellen Gleichaltrigen, ist durch diverse Studien erwiesen, die Recherche im Netz bestätigt diesbezügliche Vermutungen. Wer nicht der Norm entspräche, so die daraus resultierende These, werde diskriminiert, was vor allem Jugendliche in ihrem schulischen Umfeld zu spüren bekämen. Je geringer die Akzeptanz und soziale Einbindung, desto größer seien die Zweifel an sich selbst und den Wert der eigenen Existenz – und desto tiefgreifender die daraus resultierenden Krisen und die Konsequenzen. Wobei nicht die Homosexualität an sich zu Suiziden führe, sondern deren gesellschaftliche Bewertung. Besonders die Ablehnung innerhalb der eigenen Familie spiele eine tragende Rolle, wenn Jugendliche Probleme mit ihrer Identität haben. Die oftmals ablehnende Haltung von relevanten Bezugspersonen ihren Ich-Entwürfen gegenüber mag dann als Auslöser mit Aktionen wie Francis’ Sprung von der Brücke korrelieren. Dieser Moment im Film hat mich trotz seiner Vorgeschichte unerwartet getroffen; er gibt die Richtung vor, in die er sich von nun an bewegen wird, und dass in seinem Narrativ kein Platz für ein glückliches Ende vorhanden ist, liegt nahe.

Der Charakter von Tim schwankt dabei zwischen der Unsicherheit und Verzagtheit eines Jugendlichen, der sich noch nicht selbst gefunden hat, und dem trotzigen Wunsch, den Kopf hoch erhoben durch ein Leben gehen zu können, das man sich selbst ausgesucht hat. Pilon macht die Zerrissenheit seiner Figur, diesen inneren Kampf der Widersprüche, ohne große Gesten, einfach mit der verhaltenen Mimik in seinem Gesicht absolut glaubhaft – eine Maske, die er die längste Zeit des Films über aufrecht zu halten versteht. „Schon hart, dass sich dein Lover umgebracht hat“, versucht ihn Jeff (mit lauernder Überheblichkeit: Lou-Pascal Tremblay), sein Rivale auf dem Sportplatz, zu verletzen. Dass sie alle nicht für Francis da gewesen und bloß Heuchler seien, herrscht Tim seinerseits die Lehrer an. Im Traum sieht er Francis vor sich, sein sinnbildliches schlechtes Gewissen: „Du hast mich im Stich gelassen!“ Vor allen anderen aber küsst er Jennifer (Sophie Nélisse), die einfach nett zu ihm sein möchte, auf den Mund. Später wird sie sich gegen dieses Verhalten zu Wehr setzen: „Du hast mich nur benutzt!“

Drehbuchautor und Regisseur Yan England setzt den Verlauf der Dinge betont ruhig und sehr realistisch in Szene. Die Angst, der Schweiß, die Tränen – hier wird nichts beschönigt. Jeff war an vorderster Front an der Quälerei von Francis beteiligt; nun gegen ihn auf der Laufbahn anzutreten, hat für Tim auch etwas mit Wiedergutmachung zu tun. Tim hat mit dem Lauftraining nach dem Tod seiner Mutter aufgehört, nun nimmt er den Sport wieder auf. Er wird ihm zum sinnstiftenden, zuweilen geradezu existentiellen Inhalt seines Lebens. Als er sich immer mehr der Bestzeit des bisherigen Jugendmeisters Jeff annähert – worauf er Filmtitel Bezug nimmt -, nützt dieser jede Gelegenheit, Tim herunterzumachen. Eine Möglichkeit bietet sich ihm auf einer Party. Dort trinkt Tim, für ihn unüblich, viel Alkohol und hat dann im nächtlichen Garten Sex mit einem anderen Jungen. Jeff kommt zufällig dazu und filmt die Szene mit seinem Handy. Am nächsten Tag setzt er die Hebel der Erpressung an: Tim müsse mit dem Lauftraining aufhören, sonst würde er das Video auf sozialen Medien veröffentlichen.

„Das war doch nur Spaß“, versucht sich Jeff am Ende des Films, als die Tragödie ihren Lauf genommen hat, zu rechtfertigen. „Ich konnte ihn nicht beschützen“, fasst Tims Vater seine eigene Hilflosigkeit in banale Worte. Mit der Unterstützung seines Sportlehrers Sullivan (Patrice Godin) beginnt Tim nämlich heimlich zu trainieren, und es gelingt ihm, seine Laufzeit dermaßen zu steigern, dass er sich für den Wettbewerb qualifiziert, an dem auch Jeff teilnimmt. Unter immensem Druck – Jeffs Freund steht mit dem Handy am Rand der Bahn – gibt sich Tim schließlich während des Laufes und obwohl er in Führung liegt geschlagen und lässt Jeff gewinnen. Doch es ist zu spät, das Video ist Momente darauf online – und Tim fühlt voller Entsetzen alle Blicke auf sich gerichtet. Auf seiner Flucht verursacht er einen Autounfall. Im Krankenhaus erfährt sein Vater (David Boutin) aus dem Mund des Sohnes die Zusammenhänge und – ein Augenblick, der Hoffnung macht – steht zu Tim: „Ich liebe dich. Immer. Niemals weniger.“

Im Netz aber wird Tim in den nächsten Tagen von gehässigen Kommentaren überflutet. Es gleicht einer Folter. Er kauert auf dem Boden, er schreit und weint und schluchzt. „Hört auf!“, schreit er: „Stopp!“ Dann ist er auf einmal ganz still. Die Kamera verharrt auf seinem Gesicht, darin spielt sich ein Wechsel der Emotionen ab; es wird klar, dass Tim einen Entschluss gefasst hat. Jennifer findet später auf Tims Computer seine Abschiedsbotschaft: „Was hab ich euch getan?“, fragt er darin. Seit fünf Jahren gehe es nun schon so zu: in der Schule, per SMS, im Web. Tim kenne den Grund nicht. Selbst wenn er nun auf dem Boden liege, würden sie noch weiter auf ihn eintreten. Und die Schlussfolgerung: „Das muss aufhören. Und es hört jetzt auf.“

Auf der Party, die Jeff anlässlich seines Sieges veranstaltet, stellt Tim den Rucksack mit einer selbst gebastelten Bombe ab. Er drängt sich durch die Menge auf seinen Widersacher zu und schlägt ihn nieder: „Du wirst nie wieder jemandem etwas antun.“ Schon vermeint man, den Ausgang der Geschichte zu kennen, schon glaubt man an ein Ende im Sinne von Marilyn, da schlägt die Handlung einen letzten Haken. Vor dem Gebäude entdeckt Tim Jennifer, die auf der Suche nach ihm ins Haus geht. Er läuft ihr nach und versucht sie zu warnen. Doch vergeblich. Da nimmt er den Rucksack wieder an sich und rennt zum Notausgang. Im letzten Moment hat er für sich persönlich eine Entscheidung gegen die Gewalt gegen andere getroffen, sie dadurch aber gegen sich selbst gerichtet. „Die schmerzhafte Sehnsucht nach einem Zuhause lebt in jedem von uns“, schreibt die amerikanische Lyrikerin Maya Angelou. „Es ist die Suche nach einem Ort, […], an dem wir nicht in Frage gestellt werden.“ Tim hat einen solchen Ort in dieser Welt nicht gefunden.

Die Erniedrigung, die Herabwürdigung unter Jugendlichen, das Versagen der Menschlichkeit, das Mobbing in seinen unterschiedlichen Ausprägungen – selbst im als aufgeklärt und liberal apostrophierten Kanada offenbar immer noch ein gravierendes Phänomen. Der Film, so kann man nachlesen, sorgte denn auch für heiße Diskussionen und wurde landesweit an Schulen als Anstoß für pädagogische Maßnahmen der Aufarbeitung der Thematik eingesetzt. Tim ist es gewohnt, niedergeschlagen zu werden, vom Schicksal, von anderen Menschen, und dennoch wieder aufzustehen. Doch dann wird ihm alles einfach zuviel. Es verhält sich wie bei Marcos in Marilyn: Erst als er völlig gebrochen wird, bricht er. Die Szenen seiner Isolation, in der er sich bewegt und vor der davonzulaufen ihm auch das härteste Training nicht ermöglicht, sind wahrlich herzzerreißend. 01:54 ist ein bestürzendes Psychodrama, das vielleicht gerade deshalb so intensiv gerät, weil es sich ganz schnörkellos und konsequent gibt. „Nur Spaß“ – so hat sich die Pein für Tim wahrlich nicht angefühlt. An den Rand gedrängt und darüber hinaus, hat er, wie auch Marcos in der argentinischen Einöde oder die Figuren von Michael Hanekes Arbeiten, deren Motivhintergründe wir aber meist nicht erfahren, den einzigen Ausweg gesucht, der ihm in dieser Situation noch denkbar erschienen ist.