Lieb und Leid und Welt und Traum

Leid und Herrlichkeit (Spanien 2019)

Der amerikanische Schriftsteller und Philosoph Henry David Thoreau hat einmal gesagt: „Auf lange Sicht trifft man nur, worauf man zielt.“ Genau darum dreht sich Dolor y gloria von Pedro Almodóvar – sich einen Fokus zu suchen und sein Leben darauf auszurichten; und, falls man dieses Ziel je aus den Augen verlieren sollte, alles zu tun, um es wieder einzufangen. Von einem Heimatlosen in diesem Sinne erzählt dieser Film, der als teils melancholischer, teil ironischer Blick des spanischen Meisterregisseurs auf sein eigenes Leben und Schaffen verstanden werden kann und doch viel mehr ist als Reminiszenz oder Revisionismus im Umfeld eines Künstlerlebens. „Wir erinnern uns nicht an den Tag, wir erinnern uns an Augenblicke“, lautet einer der so brillant auf den Punkt gebrachten Gedanken des italienischen Autors Cesare Pavese. Um solche markanten Momente kreisen die Erinnerungen von Salvador Mallo, dem Protagonisten des Films und Alter Ego Almodóvars, wenn er sich in schlaflosen Nächten im Bett herumwälzt oder im Rausch einer Mischung aus einer Vielzahl von Medikamenten oder auch von Heroin all den Schmerzen zu entkommen versucht, die seinen Körper und seine Seele martern. Antonio Banderas, der einst von Almodóvar ebenso für die Leinwand entdeckt wurde wie Penélope Cruz, die in Leid und Herrlichkeit in Rückblenden die Mutter des Kindes Salvador verkörpert, dem in der unschuldigen Beziehung zu einem schönen jungen Arbeiter eines Tages die Erkenntnis seines Selbst offenbart wird – eine jener in geradezu überirdischer Vollendung komponierten Gänsehautszenen, mit denen sich Almodóvar in Filmen wie Todo sobre mi madre (Alles über meine Mutter, 1999) oder La mala educación (2004) in die ewige Historie des Kinos eingetragen hat.

In der für ihn gewohnt kunstvoll verschachtelten Weise erzählt Almodóvar von Salvador Mello, einem, der als Filmkünstler Großes geschaffen und breite Anerkennung erfahren hat und dennoch an seinem Werk und sich selbst bis zur Selbstzerstörung hadert, einem Schmerzensmann im wahrsten Sinne des Wortes. Leicht gebückt geht er durch sein Leben, Antonio Banderas macht für uns nachvollziehbar, dass ihm jeder Schritt, aber auch jeder Gedanke Pein bereitet. Da ist einer, der doch eigentlich genießen könnte, was er im Leben erreicht hat, so ganz und gar nicht mit sich selbst im Reinen. In einem Buch streicht Salvador die Zeilen an: „Das Leben schmeckt mir so wenig, wie eine wirkungslose Arznei. Ich sehe klar vor mir, wie leicht ich mich von diesem Leid erlösen könnte.“ Die Selbstzweifel, die Salvador keine Ruhe lassen, sind mit drei Menschen verbunden, mit Versäumnissen aus der gemeinsamen Vergangenheit, und wir lernen sie im Verlauf der Handlung allmählich kennen. Mehr als drei Jahrzehnte zuvor entzweite ein Zwist Salvador und Alberto (Asier Etxeandia), den Hauptdarsteller eines Films, der jetzt restauriert und wiederaufgeführt wird. „Dein Blickwinkel hat sich verändert“, meint dieser, als ihn Salvador nach langer Zeit wieder aufsucht. „Der Film ist immer noch derselbe.“ Darauf antwortet Salvador, er habe sich mit dem Film versöhnt. Dieser Weg zu dieser Versöhnung, mit konkreten Menschen, mit Ereignissen und Entscheidungen, die nicht mehr rückgängig gemacht werden können, kurz mit seiner Vergangenheit ist es, auf dem wir Salvador in Leid und Herrlichkeit begleiten.

Die zweite Person, die zumindest für eine Nacht wieder in sein Leben tritt, ist Federico (Leonardo Sbaraglia), seine einzige große Liebe. Auf Drängen Albertos hat Salvador seine Kurzgeschichte „Die Sucht“ zu einem Bühnenstück verarbeitet. Darin geht es um seine Leidenschaft für den Film und für einen ganz bestimmten Menschen. In den Filmen, deren Projektion er in dem Dorf, in dem er lebte, er als kleiner Junge mit großem Staunen beiwohnte, erzählt Salvador, sei immer viel Wasser vorgekommen: der Grund, weshalb die Kinder ständig pinkeln mussten – was sie gleich neben der Leinwand erledigt hätten. Die kurzen Sätze, mit denen er diese Stimmung wiedergibt, charakterisieren die ganz spezielle Poesie dieses Textes: „Im Kino meiner Kindheit riecht es immer nach Pisse. Und Jasmin. Und Sommerwind.“ Das Einpersonenstück, das Alberto ohne Kulissen und Effekte auf eine kleine Bühne in Madrid bringt, führt von der einen L iebe zu einer anderen. Federico, dessen Heroinsucht die Beziehung zu Salvador damals zerstörte und der jetzt eigentlich in Buenos Aires lebt, befindet sich im Publikum. Er hält sich aufgrund von Erbschaftsangelegenheiten in Madrid auf und sucht nach der Aufführung Kontakt zu Salvador. Die zwei Männer verbringen eine Nacht der Reminiszenzen, trotz der vielen Jahre, die verstrichen sind, wird spürbar, wie nahe sie einander noch sind. „Liebe reicht nicht aus, um die Person zu retten, die man liebt“, hat Federico als Erklärung für ihre Trennung gefunden. Und Salvador gesteht ihm: „Du hast mein Leben erfüllt, wie es bis heute niemand sonst konnte.“ Im gegenseitigen Verstehen und schließlich einem langen Kuss löst sich jedes Unbehagen über die Vorkommnisse in der Vergangenheit auf – ein berührender Moment des liebevollen Umgangs von zwei Menschen miteinander, die in ihrer Freundschaft vielleicht tatsächlich eine neue Möglichkeit des Umgangs miteinander gefunden haben.

Virginia Woolf, James Joyce oder auch Arthur Schnitzler haben in ihrem Werk den „stream of consciousness“ entwickelt, eine Erzähltechnik der assoziativen Folge von Vorstellungen, die sich aus dem Anlass von äußerem Geschehen entwickeln. In dem fließenden Strom von Salvadors Erinnerungen tauchen immer wieder Motive aus Almodóvars Filmen auf. Die Schaffenskrise eines Künstlers, Leidenschaft und Begehren und die Verzweiflung, die damit mitunter einhergeht, die komplizierten Verhältnisse in Beziehungen der unterschiedlichsten Formen, nicht zuletzt die Rolle der Mutter sind rote Fäden, die auch den Handlungsverlauf von Dolor y gloria bestimmen. Die Mutter aus Salvadors Kindheit wäscht wie andere Frauen auch in einem Fluss die Wäsche, sie singt mit ihnen, wenn sie die nassen Tücher und Kleidungsstücke am Ufer auf Büschen zum Trocknen auflegt, und Salvador, der kleine Junge, ist unter ihnen und unbeschwert und in ihrer Gemeinschaft geborgen. Diese Mutter ist es auch, die ihm in einer anderen Szene ein Abendessen aus einem Stück Schokolade zwischen Weißbrotscheiben bereitet, als sie im Laufe ihrer Reise zum Vater, der in einem Dorf bereits ihr neues Zuhause eingerichtet hat, aufgrund eines Feiertages ohne Zugverkehr in einem Bahnhof festsitzen und die mit ihrem kleinen Sohn ganz ernsthaft die Frage diskutiert, ob Liz und Robert Taylor, deren Klebebilder Salvador in der Verpackung der Schokolade findet, denn Geschwister wären. Und sie ist es, die nicht einmal angesichts ihrer neuen Behausung in einer armseligen Höhlenwohnung den Mut verliert, sondern sich anschickt, daraus ein lebenswertes Umfeld zu gestalten.

Näher am Jetzt sind Salvadors Erinnerungen an die Gespräche mit seiner Mutter (Julieta Serrano), als sie, trotz ihres Alters und beeinträchtigten Gesundheitszustandes resolut wie eh und je, ihm genaue Anweisungen für die Zeit nach ihrem Tod gibt. Dass es ihm Leid tue, nicht der Sohn gewesen zu sein, den sie sich wohl gewünscht habe, mein Salvador, dass er einfach so sei, wie er sei, und sie enttäuscht habe. Sie habe ihn zur Welt gebracht und für ihn geschuftet, damit er es besser habe als sein Vater und sie, wischt die Mutter seine Bedenken weg und äußert ihren letzten Wunsch: Salvador solle sie zum Sterben zurück ins Dorf bringen. Dass es nicht mehr dazu kam, er diesem Wunsch nicht entsprechen konnte, weil die Mutter am nächsten Tag auf der Intensivstation des Krankenhauses starb, ist einer jener Gedanken, die Salvador immer noch heimsuchen.

Doch Almodóvar führt seinen filmischen Protagonisten auf seinem Weg der Versöhnung mit den Drachen seiner Vergangenheit in die richtige Richtung. Die sonnendurchfluteten Eindrücke aus der Kindheit, mit allen Sinnen und aller Intensität wahrgenommen, und was sie unser Leben lang mit uns anstellen, ist ein weiteres von Almodóvars primären Motiven. „Da seine gesamte Gedankenwelt sich in nichts als einem tiefen Seufzer zusammenfassen hätte lassen, blieb ihm nur die Alternative des Schweigens.“ Dieser Satz aus dem Roman Die Tour des österreichischen Schriftstellers Stefan Soder passt auf Salvador bei der Unternehmung seiner inneren Rückschau – bevor die Erinnerung an jenen Moment, der sein Leben verändern sollte, ihm eine neue Stimme gibt: eine Stimme, die mit einem schönen jungen Mann namens Eduardo (César Vicente) zusammenhängt, und deren kindlichem Nährboden der Darsteller Asier Flores wunderbar zwischen Unschuld und dem ersten Aufflackern von gleichgeschlechtlichem Begehren verkörpert.

Schon bei der Ankunft in dem Dorf mit den weißgestrichenen Hauswänden und den Höhlenwohnungen für die Ärmsten der Familien streift der Blick des kleinen Salvador jenen Eduardos; und hier beginnt die Weltenverzauberung, beginnt das Märchen, das Almodóvar aus Salvadors Kindheit spinnt. Die Räume der Höhlenwohnung öffnen sich zu einem Innenhof mit Blick direkt in den Himmel. Alles ist desolat, Salvadors Mutter heuert Eduardo an, die unterirdischen Zimmer mit frischer weißer Farbe und Fliesen in ein echtes Zuhause zu verwandeln. Im Gegenzug, so wird vereinbart, soll der talentierte Salvador dem Analphabeten Eduardo Lesen, Schreiben und Rechnen beibringen. Die abendlichen Stunden des Lernens, angefangen von den Buchstaben des Alphabets, machen Eduardo zu schaffen, doch Salvador ist ihm ein geduldiger Lehrer. Die Tipps, wie Eduardo den Bleistift halten soll, die Kinderhand, die die Hand des jungen Mannes führt – das Idyll des gemeinsamen Weges zu einem gefassten Ziel. Und dann dieser Tag, an den sich Salvador fünf Jahrzehnte später erinnert, als er in einer Galerie auf ein Aquarell stößt, das ihn selbst als Kind, auf einem Stuhl in der Mitte des Höhlenhofes lesend, zeigt. Es ist ein heißer Tag, Eduardo klebt gerade die letzte der Fliesen über der Kochstelle an die Wand, da lässt ihn dieser Anblick nicht los. Salvador solle sich nicht bewegen, drängt er ihn, und fertigt auf einem Stück eines Papiersacks mit getrockneter weißer Farbe eine Skizze an. Er würde die Zeichnung daheim fertig machen, verspricht Eduardo. Salvador, dem die Hitze beim langen ruhigen Sitzen zu schaffen machte, legt sich auf sein Bett, seine Wangen sind rot und fiebrig heiß und wie im Halbschlaf oder einem Traum sieht er, wie sich Eduardo auszieht und an einem Blechbottich zu waschen beginnt. Die Kamera badet in Salvadors großen dunklen Augen, und dann in dem Bild, das diese Augen sehen, ohne es wirklich zu verstehen; die langsamen Bewegungen der geschmeidigen Glieder, das leise Plätschern des Wassers und wie es den Rücken hinabläuft und über die Beine, einem Körper, der dem einer griechischen Statue gleicht. Das Spiel der Muskeln unter der gleißenden Sonne, in die Salvador aus dem Halbdunkel seines Schlafraumes schaut – Eduardos Gebaren ist völlig unschuldig und ohne Hintergedanken; doch als er Salvador bittet, ihm ein Handtuch zu holen, wendet er sich, nackt wie er ist, dem Jungen frontal zu und als Salvador auf einmal direkt vor ihm steht, verblüfft und mit halb offenem Mund, ist sein Blick nicht mehr der eines Kindes, sondern der eines Menschen, der sich von einem Moment auf den anderen selbst erkennt: ein Blitzschlag, eine Erkenntnis, eine Offenbarung im lauten Geschrei der Grillen, die dem Jungen den Boden unter den Füßen entzieht. Das Handtuch entgleitet seinen Händen, Salvador strauchelt, seine Knie knicken ein und er verliert das Bewusstsein.

Auf der Rückseite des Aquarells, das an diesem bedeutsamen Tag skizziert wurde, entdeckt Salvador einen aufgeklebten Brief von Eduardo. Er ist an ihn gerichtet, wurde aber wohl von seiner Mutter nicht an ihn weitergegeben. Eduardo schreibt, dass er ihm das fertige Bild schicke, er gibt auch seine Adresse an und hofft auf seinen Besuch. Dass er diesen Brief überhaupt schreiben könne, drückt Eduardo aus, habe er allein Salvador zu verdanken, und er erinnert sich, wie seine Hand bei seinen ersten ungeschickten Schreibbemühungen auf der seinen gelegen sei. Ob er Nachforschungen über Eduardo anstellen und ihn vielleicht wiedersehen wolle, möchte Salvadors Sekretärin wissen. Doch dieser verneint – nach fünfzig Jahren sei zu viel Zeit verstrichen; und die Hauptsache: Das Bild habe seinen Empfänger erreicht. Und doch ist der Knoten, der Salvadors Versöhnung mit seiner Vergangenheit all die Zeit blockiert hat, gelöst. Er beginnt wieder zu schreiben: „Die erste Begierde“ ist der Text betitelt und so etwas wie frischer Lebensmut in diesem Neuanfang zu spüren. Parallel dazu wird eine medizinische Diagnose gestellt und die Linderung von belastenden Beschwerden durch eine Operation in Aussicht gestellt. Salvador erzählt dem Arzt von seinem Projekt. Ob es sich um ein Drama oder eine Komödie handle, wird er gefragt. „Das weiß man erst …“, setzt Salvador zu sprechen an, bevor die Narkose ihr Wirkung entfaltet.

Die österreichische Radiojournalistin Mirjam Jessa erzählt in einer Sendung zum 160. Geburtstag des Komponisten Gustav Mahler von dem Neunzehnjährigen, dem Liebeskummer sehr zu schaffen macht, in dieser Lebenskrise aber im Wipfel eines Lindenbaumes Trost und Geborgenheit findet: „Überall Ruhe! Heiligste Ruhe“ Fünf Jahre später verfasste Mahler nach neuerlichem Liebesschmerz seine „Lieder eines fahrenden Gesellen“. Auch im letzten Lied, „in dem ihn zunächst die blauen Augen der Geliebten in die weite leere feindliche Welt verbannen, wie Schuberts Müllersburschen, wie den Wanderer der Winterreise“ (Jessa), sucht er Rettung unter einen Lindenbaum: „Da hab‘ ich zum ersten Mal im Schlaf geruht!/Unter dem Lindenbaum,/Der hat seine Blüten über mich ge­schneit,/Da wusst‘ ich nicht, wie das Leben tut,/War alles, alles wieder gut!“ Mahler, der Komponist der Spätromantik, und Almodóvar, das Enfant terrible der spanischen Filmkunst – die Sehnsucht nach der Süße der Leichtigkeit des Seins, dem Verschwinden der Probleme und des Leids des Herzens und der Seele, dem Einswerden mit der Welt verbindet sie über die Jahrhunderte hinweg.  Von „Lieb und Leid und Welt und Traum“ sinniert Mahler am Schluss seines Liedes, wenn, wie es Mirjam Jessa formuliert, „alles nach dem Moment der Versöhnung der Gegensätze strebt, eben nach Erlösung“.

Diese Erlösung hat auch Salvador gefunden. Das Ende von Leid und Herrlichkeit führt uns in die kleine Bahnstation zurück, wo sich der Junge und seine Mutter auf einer über eine Bank gebreitete Decke und auf dem Boden zu deren Füßen zur Nachtruhe betten. Die Kamera weicht langsam von dieser Szenerie zurück und auf einmal werden wir gewahr, dass es sich um ein Filmset handelt. Und Salvador in seiner Funktion als Regisseur ruft „Cut!“ und schließt die Dreharbeiten zu seinem neuen Film ab. Wie einer, der zurückgeschaut hat in sein Leben und der es für gut befunden hat.