An den Rand gedrängt und darüber hinaus

01:54 (Kanada 2016)

Das Thema Mobbing und zwei ganz unterschiedliche Herangehensweisen dazu. Auf der einen Seite John Butlers Handsome Devil, ein Film so richtig zum Wohlfühlen, wie er im Lehrbuch von schwulen coming of age-Geschichten steht. Was der „Guardian“ als „sentimental feelgoodery“ bezeichnet hat: Die irische Internatsschule in Harry Potter-Manier, die beiden Jungen, die auf den ersten Blick so gar nichts gemein haben, der eine, Ned, als der archetypische schmächtige Außenseiter mit den entzückend abstehenden Ohren und den rotgefärbten Haaren, der andere, Conor, der Rugbystar der Schule, in der nichts so sehr zählt wie dieser Sport. Ein gemeinsames Interesse, die Musik, verbindet die beiden, es folgt die erste Annäherung und alles geht sehr schüchtern und so behutsam zu, sodass auch kein Heterozuschauer dadurch verschreckt werden könnte. Ein besonders aggressiver Mitschüler, der versteckt schwule Englischlehrer und der homophobe Sportcoach vervollständigen das Personal, und es fallen sinnige Sätze wie: „If you spend your whole life being someone else, who is gonna be you?” Die vorhersehbare Handlung mündet schließlich im entscheidenden Spiel und dabei bei dem Tor, mit dem Conor seine Mannschaft auf die Gewinnerseite schießt, und in der Offenbarung, wie tolerant im Grunde genommen alle doch eigentlich sind. Also alles wie gehabt – und doch sehr nett zu verfolgen, was der flotten Inszenierung und den überaus sympathischen Darstellern Fionn O’Shea (Ned) und Nicholas Galitzine (Conor) und ihrem liebenswerten Zusammenspiel zuzuschreiben ist. Und so manch wirklich witzigen Dialogen, wie etwa jenem, wenn Conor und der Englischlehrer (Andrew Scott, der Moriatry aus der brillanten Sherlock-Serie), die in einem Schwulenclub zufällig aufeinander getroffen sind, einander im letzten Zug zur Schule in einem herrlich gezwungenen ungezwungenen Gespräch einander „a certain degree of discretion“ versichern. Das sind klarerweise keine filmischen Gänsehautmomente, aber Szenen, die wirklich Spaß machen.

Am Schluss des Films sehen wir Ned einen Essay schreiben. Den Moment, in dem er sich selbst verleugnet habe, formuliert er, habe wohl schon jeder einmal erlebt. Doch mit der Hilfe eines guten Freundes, folgert er aus seinen Erlebnissen, sei es möglich, mit der eigenen Stimme statt mit einer anderen zu sprechen. Klingt gut und passt in diese Art von Filmkomödie. Umgelegt auf den kanadischen Streifen 01:54 jedoch führt dieser Glaube an die Möglichkeit eines glücklichen Endes ins genaue Gegenteil, nämlich in die menschliche Katastrophe. Aus dem Mobbing von Angesicht zu Angesicht, das zum ersten dramatischen Klimax in diesem Film führt, entwickelt sich im Verlauf der Handlung jenes im virtuellen Raum des Internet. Tim (Antoine-Olivier Pilon aus Xavier Dolans Mommy) und Francis (Robert Naylor), als Freunde die Nerds ihrer Schule und die Angriffsfläche für tagtäglichen Spott und Häme, liegen nebeneinander am Lagerfeuer. Ihr Versteck, ein abgeschiedener Ort zwischen Straßen und einer Brücke, an dem sie ab und zu chemikalische Experimente, zuweilen sogar mit Sprengstoffen, durchführen. Francis hat die Augen geschlossen, er scheint zu schlafen. Tim beugt sich zu ihm und den Kopf über den seinen. Ihre Lippen sind nur Millimeter voneinander entfernt, doch bevor sie sich berühren können, zögert Tim und zieht sich wieder zurück. Hätte er in diesem Moment den Mut aufgebracht, zu seinen Gefühlen Francis gegenüber zu stehen, werden wir später spekulieren, wäre den beiden Jungen und allen, die sie lieben, die Tragik erspart geblieben, der der Film bis zum bitteren Ende nachspürt.

Die permanenten Demütigungen werden für Francis zur Qual, aus der er kein Entrinnen mehr sieht. Als er in der Schule in einen Spind gesperrt und wieder einmal als Schwuler beschimpft wird, steht Tim nicht zu ihm. Weshalb er ihm denn nicht erzählt habe, dass er schwul sei, bedrängt er ihn so, dass die anderen Jugendlichen es hören können. Die Bestätigung seiner eigenen Rolle im fragilen Gefüge innerhalb der Schule ist ihm in diesem Moment wichtiger als die Freundschaft zu Francis. Als dieser später nirgendwo zu finden ist und nicht ans Telefon geht, macht sich Tim auf die Suche nach ihm. Er findet ihn unweit ihres Verstecks. Francis steht auf der Brücke und klammert sich ans Geländer. Tim fleht ihn an, nicht zu springen. „Je t’aime!“, ruft ihm Francis zu. Dann lässt er los und springt in den Tod.

Dass die Suizidrate unter homosexuell empfindenden Jugendlichen um ein Vielfaches höher ist als unter heterosexuellen Gleichaltrigen, ist durch diverse Studien erwiesen. Wer nicht der Norm entspräche, so die daraus resultierende These, werde diskriminiert, was vor allem Jugendliche an Schulen zu spüren bekämen. In den bekannten Studien von Gary Remafedi (1991) und Robert Garofalo (1998) wird jedoch eher das Gegenteil belegt. Faktoren wie riskantes Verhalten bei Alkohol- und Drogenmissbrauch, Probleme in der Familie und sexueller Missbrauch werden ins Treffen geführt. Die Findung der eigenen Identität, dürfen wir aber wohl schlussfolgern, wird gleichgeschlechtlich empfindenden Jugendlichen nicht selten zu einer veritablen Krise; die vielleicht oftmals ablehnende Haltung der Bevölkerung ihren Ich-Entwürfen gegenüber mag dann als Auslöser mit Aktionen wie Francis’ Sprung von der Brücke korrelieren. Dieser Moment hat mich trotz seiner Vorgeschichte unerwartet getroffen; er gibt die Richtung vor, in die sich der Film von nun an bewegen wird, und dass in seinem Narrativ kein Platz für Romantik und ein glückliches Ende vorhanden ist, liegt nahe.

Der Charakter von Tim schwankt dabei zwischen der Unsicherheit und Verzagtheit eines Jugendlichen, der sich noch nicht selbst gefunden hat, und dem trotzigen Wunsch, den Kopf hoch erhoben durch ein Leben gehen zu können, das man sich selbst ausgesucht hat. Pilon macht die Zerrissenheit seiner Figur, diesen inneren Kampf der Widersprüche, ohne große Gesten, einfach mit der verhaltenen Mimik in seinem Gesicht absolut glaubhaft – eine Maske, die er die längste Zeit des Films über aufrecht zu halten versteht. „Schon hart, dass sich dein Lover umgebracht hat“, versucht ihn Jeff (mit lauernder Überheblichkeit: Lou-Pascal Tremblay), sein Rivale auf dem Sportplatz, zu verletzen. Dass sie alle nicht für Francis da gewesen und bloß Heuchler seien, herrscht Tim seinerseits die Lehrer an. Im Traum sieht er Francis vor sich, sein sinnbildliches schlechtes Gewissen: „Du hast mich im Stich gelassen!“ Vor allen anderen aber küsst er Jennifer (Sophie Nélisse), die einfach nett zu ihm sein möchte, auf den Mund. Später wird sie sich gegen dieses Verhalten zu Wehr setzen: „Du hast mich nur benutzt!“

Drehbuchautor und Regisseur Yan England setzt den Verlauf der Dinge betont ruhig und sehr realistisch in Szene. Die Angst, der Schweiß, die Tränen – hier wird nichts beschönigt. Jeff war an vorderster Front an der Quälerei von Francis beteiligt; nun gegen ihn auf der Laufbahn anzutreten, hat für Tim auch etwas mit Wiedergutmachung zu tun. Tim hat mit dem Lauftraining nach dem Tod seiner Mutter aufgehört, nun nimmt er den Sport wieder auf. Er wird ihm zum sinnstiftenden, zuweilen geradezu existentiellen Inhalt seines Lebens. Als er sich immer mehr der Bestzeit des bisherigen Jugendmeisters Jeff annähert – worauf er Filmtitel Bezug nimmt -, nützt dieser jede Gelegenheit, Tim herunterzumachen. Eine Möglichkeit bietet sich ihm auf einer Party. Dort trinkt Tim, für ihn unüblich, viel Alkohol und hat dann im nächtlichen Garten Sex mit einem anderen Jungen. Jeff kommt zufällig dazu und filmt die Szene mit seinem Handy. Am nächsten Tag setzt er die Hebel der Erpressung an: Tim müsse mit dem Lauftraining aufhören, sonst würde er das Video auf sozialen Medien veröffentlichen.

„Das war doch nur Spaß“, versucht sich Jeff am Ende des Films, als die Tragödie ihren Lauf genommen hat, zu rechtfertigen. „Ich konnte ihn nicht beschützen“, fasst Tims Vater seine eigene Hilflosigkeit in banale Worte. Mit der Unterstützung seines Sportlehrers Sullivan (Patrice Godin) beginnt Tim nämlich heimlich zu trainieren, und es gelingt ihm, seine Laufzeit dermaßen zu steigern, dass er sich für den Wettbewerb qualifiziert, an dem auch Jeff teilnimmt. Unter immensem Druck – Jeffs Freund steht mit dem Handy am Rand der Bahn – gibt sich Tim schließlich während des Laufes und obwohl er in Führung liegt geschlagen und lässt Jeff gewinnen. Doch es ist zu spät, das Video ist Momente darauf online – und Tim fühlt voller Entsetzen alle Blicke auf sich gerichtet. Auf seiner Flucht verursacht er einen Autounfall. Im Krankenhaus erfährt sein Vater (David Boutin) aus dem Mund des Sohnes die Zusammenhänge und – ein Augenblick, der Hoffnung macht – steht zu Tim: „Ich liebe dich. Immer. Niemals weniger.“

Im Netz aber wird Tim in den nächsten Tagen von gehässigen Kommentaren überflutet. Es gleicht einer Folter. Er kauert auf dem Boden, er schreit und weint und schluchzt. „Hört auf!“, schreit er: „Stopp!“ Dann ist er auf einmal ganz still. Die Kamera verharrt auf seinem Gesicht, darin spielt sich ein Wechsel der Emotionen ab; es wird klar, dass Tim einen Entschluss gefasst hat. Jennifer findet später auf Tims Computer seine Abschiedsbotschaft: „Was hab ich euch getan?“, fragt er darin. Seit fünf Jahren gehe es nun schon so zu: in der Schule, per SMS, im Web. Tim kenne den Grund nicht. Selbst wenn er nun auf dem Boden liege, würden sie noch weiter auf ihn eintreten. Und die Schlussfolgerung: „Das muss aufhören. Und es hört jetzt auf.“

Auf der Party, die Jeff anlässlich seines Sieges veranstaltet, stellt Tim den Rucksack mit der Bombe ab, die er selbst gebastelt hat. Er drängt sich durch die Menge auf seinen Widersacher zu und schlägt ihn nieder: „Du wirst nie wieder jemandem etwas antun.“ Schon glaubt man, den Ausgang der Geschichte zu kennen, da schlägt sie einen letzten Haken. Vor dem Gebäude entdeckt Tim Jennifer, die auf der Suche nach ihm ins Haus geht. Er läuft ihr nach und versucht sie zu warnen. Doch vergeblich. Da nimmt er den Rucksack wieder an sich und rennt zum Notausgang. Im letzten Moment hat er für sich persönlich eine Entscheidung gegen die Gewalt gegen andere getroffen, sie dadurch aber gegen sich selbst gerichtet. „Die schmerzhafte Sehnsucht nach einem Zuhause lebt in jedem von uns“, schreibt die amerikanische Lyrikerin Maya Angelou. „Es ist die Suche nach einem Ort, (…), an dem wir nicht in Frage gestellt werden.“ Tim hat einen solchen Ort in dieser Welt nicht gefunden.

Die Erniedrigung, die Herabwürdigung unter Jugendlichen, das Versagen der Menschlichkeit, das Mobbing in seinen unterschiedlichen Ausprägungen – selbst im als aufgeklärt und liberal apostrophierten Kanada offenbar immer noch ein gravierendes Phänomen. Der Film, so kann man nachlesen, sorgte denn auch für heiße Diskussionen und wurde landesweit an Schulen als Anstoß für pädagogische Maßnahmen der Aufarbeitung der Thematik eingesetzt. Tim ist es gewohnt, niedergeschlagen zu werden, vom Schicksal, von anderen Menschen, und dennoch wieder aufzustehen. Doch dann wird ihm alles einfach zuviel. Erst als er völlig gebrochen wird, bricht er. Die Szenen seiner Isolation, in der er sich bewegt und vor der davonzulaufen ihm auch das härteste Training nicht ermöglicht, sind wahrlich herzzerreißend. 01:54 ist ein bestürzendes Psychodrama, das vielleicht gerade deshalb so intensiv gerät, weil es sich ganz schnörkellos und konsequent gibt. „Nur Spaß“ – so hat sich die Pein für Tim wahrlich nicht angefühlt. An den Rand gedrängt und darüber hinaus, hat er den einzigen Ausweg gesucht, der ihm in dieser Situation noch denkbar erschienen ist.