Stille ist Mord

120 BPM (Frankreich 2017)

„Seine letzte Woche verbrachte Simon im Krankenhaus“, erinnert sich in Alan Hollinghurts Roman The Spell (1998) der Protagonist Robin an das Sterben seines Partners: „Er war schon in dem Stadium, in dem Hilfe und Beruhigung am nötigsten und am vergeblichsten waren.“ Am nötigsten und am vergeblichsten – ein berührendes Bild. Zu einem solchen Moment, der irgendwie nicht mehr im Leben, doch auch noch nicht im Tod anzusiedeln ist, führt das Filmdrama 120 BPM des aus Marokko stammenden französischen Regisseurs Robin Campillo. Wenn wir am Schluss des Films neben Nathan am Totenbett seines Geliebten Sean sitzen, ist dessen Kampf gegen die Krankheit und gegen die Ignoranz einer Gesellschaft angesichts ihrer Opfer zu Ende. Sean war nur noch Haut und Knochen, als Nathan ihn zuvor noch ins Bad getragen hat. Dass er vorsichtig sein solle, sich nicht zu stechen, hat ihn Sean vor dem Einschlafen noch gewarnt. In der Nacht springt Nathan auf wie aus einem bösen Traum. Er zittert am ganzen Körper, als er die Spritze mit Morphium aufzieht und es dem im Schlaf röchelnden Sean injiziert. Nathan muss dann wieder eingeschlafen sein; zusammengekrümmt liegt er am Morgen auf der Matte auf dem Boden neben dem Bett. Er betastet den Toten, er will die ausweglose Suche nach einem Rest von Leben in dem geliebten Menschen nicht aufgeben, er bricht schluchzend zusammen: „Il est mort!“

Der eher zurückhaltende Nathan und der quirlig-extrovertierte Sean haben sich bei einer Versammlung der Aktivistengruppe Act Up kennengelernt; Arnaud Valois und Nahuel Pérez Biscayart verleihen ihnen mit ihrem direkten Spiel, das so authentisch wirkt wie der ganze Film, große Glaubwürdigkeit und eine emotionale Tiefe, wie man sie nur selten findet. Der Film ist im Paris der 1990er-Jahre angesiedelt, etwa zehn Jahre nach dem Ausbruch der Epidemie, und dabei so nah am Lebensgefühl dieser Zeit, „wie Fiktion nur sein kann“ (Jana Weiss). Die Mitglieder der Gruppe versuchen, durch öffentlichkeitswirksame Aktionen auf die Anliegen der AIDS-Kranken aufmerksam zu machen und Druck auf die Regierung und auf Pharmakonzerne auszuüben, vermehrt in die Forschung nach wirksamen Medikamenten, die Betreuung der Erkrankten, aber auch in so Grundlegendes wie die Aufklärung an Schulen zu investieren. Wenn sie über die Herstellung von Kunstblut diskutieren und damit gefüllte Ballons gegen die Wände von Büros der Konzerne werfen, wird uns das Ausmaß ihrer Hilflosigkeit, ja des Gefühls der ohnmächtigen Wut bewusst, die sie angesichts einer politischen Stimmung verspüren, die die Kommunikation mit ihnen verweigert. Regisseur Campillo, der auch das Drehbuch zum Film schrieb, war selbst Mitglied der Gruppe. „Es ist ein Film über die Zeit von Act Up, als wir aufhörten, die netten Schwulen zu sein“, beschreibt er die damaligen Zeitumstände. „Wir wollten mehr sein als nur Opfer. Wir wurden durch unsere Aktionen zu fiesen Schwulen und dreckigen Lesben. Wir mussten die Vorstellung der Gesellschaft von dieser Epidemie verändern!“

Der rote Faden des Films, der durch eine erzählte Zeit von mehreren Monaten führt, sind die wöchentlichen Versammlungen der Gruppe. Die Gefühle der Mitglieder treffen uns wie improvisiert, es ist, als ob wir mitten unter ihnen säßen, diese fast dokumentarisch anmutende Unmittelbarkeit in der Art der Gestaltung ist eine der großen Stärken des Streifens. Regisseur Campillo hat diesen Stil bereits in dem Film Die Klasse aus dem Jahr 2008  angewandt, der die Erfahrungen eines Lehrers in einer Paris Vorstadt wiedergibt und bei dem er für das Drehbuch und den Schnitt verantwortlich zeichnete. Wie die meisten Mitglieder der Gruppe, ist auch bei Sean die Krankheit bereits ausgebrochen, der Anzahl der T-Zellen und die Nebenwirkungen von Medikamenten sind den Alltag und die Gespräche bestimmende Themen. Nach der Aktion mit dem Kunstblut im Pharmakonzern werden Sean und die anderen stundenlang von der Polizei festgehalten. Der Morgen bricht schon heran, als sie mit der Bahn nach Hause fahren. „Es ist so schön“, meint Sean beim Blick aus dem Fenster auf die aufgehende Sonne. „Sieh dir den Himmel an.“ Er wirkt sehr nachdenklich und bedrückt, als er weiterspricht: „Es gibt Momente, da werde ich  mir bewusst, wie AIDS mein Leben verändert hat. Es ist, als ob ich alles intensiver erleben würde. Als ob ich die Welt mit anderen Augen sehen würde. Als ob es mehr Geräusche, mehr Farben, mehr Leben gäbe. Vor allem am Morgen.“ Wie die anderen auch, hat ihm Nathan zugehört und ihn beobachtet. Er ist HIV-negativ, und wir kennen den Grund, weshalb er der Gruppe beigetreten ist, noch nicht. Er wirkt von Seans Worten betroffen, da beginnt dieser zu grinsen und lacht über ihr Pathos: „Es war ein Witz.“ Er versichert, dass mit ihm alles in Ordnung sei. Ganz glauben können wir ihm diese Relativierung aber nicht; Galgenhumor ist nur eine von mehreren Möglichkeiten, sich der Krankheit zu stellen, für die es keine Heilung gibt; und seine Augen sprechen ihre ganz eigene Sprache.

Im Hof einer Schule kommt es zu einem ersten, noch spielerischen Kuss zwischen Sean und Nathan. Sie verteilen Aufklärungsbroschüren an die Jugendlichen und diskutieren mit dem erbosten Direktor die Notwendigkeit der Aufstellung von Kondomautomaten. Auf eine homophobe Bemerkung reagiert Sean mit dem genannten Kuss. Später werden in der Disco, wo die Mitglieder der Gruppe nach jeder Aktion ihre Gedanken betäuben, die flackernden Lichtflecken in mikroskopische Bilder der Attacken des Virus auf Körperzellen übergehen – ein wunderbares Symbol für die Zerrissenheit zwischen der verzweifelten Gier nach Leben und dem Tod, der ihnen allen so nah vor Augen steht.  Sean und Nathan kommen einander nun wirklich nahe. In ihrer ersten Liebesnacht ist die Kamera ganz nah bei ihnen, in diesen intimen Momenten, die sie voller Lust, aber auch immer mit der Barriere der Vorsicht erleben. Ihr Beisammensein wird vom Läuten des Weckers mitten in der Nacht unterbrochen: Zeit, die Medikamente zu nehmen. Sean, der bereits unter dem Kaposi-Sarkom leidet, erzählt Nathan dann, wie er infiziert wurde. Er war gerade sechzehn Jahre alt, es war sein erstes Mal und sein Liebhaber der Mathelehrer. „Wir waren verliebt. Ich vertraute ihm. Und er vertraute mir. Wie zwei Idioten.“

Als ungemein beklemmend habe ich die Szene des Sterbens von Jérémie empfunden, einem ganz jungen Mitglied der Gruppe (Ariel Borenstein, liebenswert mit seinem stillen, schüchternen Lächeln). Die Krankheit ist erst vor kurzem ausgebrochen, die Medikamente sprechen bei ihm nicht an und sein Zustand verschlechtert sich besorgniserregend schnell. Wir hören seine Stimme als Voice over, als er nach einem Zusammenbruch ins Krankenhaus eingeliefert wird. Er vergleicht die Aktionen der Gruppe mit der Revolution von 1848, als ein Sergeant den Befehl zum Feuern gab: „Die Leichen werden auf Karren im Fackellicht durch Paris gefahren.“ Die Demonstranten hätten vor einem Zeitungsverlag gehalten und die Ungerechtigkeit publik gemacht: „Wie bei einer Mobilmachung läutete diese Leichenparade das Ende der Monarchie ein.“ Dazu sehen wir Bilder einer Demonstration von Act Up in einer Kirche, gefilmt, als wären es Szenen aus den Nachrichten. Jérémie ringt indes im Krankenhaus mit dem Atem. „Das wird mein politisches Begräbnis sein“, fährt seine Stimme fort. „Das ist es, was ich möchte. Meine Leiche soll mit Trillerpfeifen und Nebelhörnern durch die Stadt getragen werden.“ Dabei sehen wir, wie ein Freund ihm zu trinken gibt und er sich schließlich im Bett zur Seite rollt. Nur Klavierakkorde haben die Szene begleitet und unterstreichen die Ernsthaftigkeit dieser Augenblicke auch, als die Mitglieder der Gruppe dem Leichenwagen durch die Straßen der Stadt folgen. Sie halten Bilder von Jérémie hoch und skalieren: „Wir sterben. Die Gleichgültigkeit bleibt.“

Die anfängliche Neugier von Sean und Nathan aufeinander und auf das, was hinter der Fassade stecken mag, die Menschen voreinander aufbauen, entwickelt sich zu einer tiefen Vertrautheit; ihre Gefühle schwanken dabei zwischen Wehmut und wehrhaftem Trotz. Nathan bleibt an Seans Seite, auch als dessen Krankheit immer weitere Bereiche seines Lebens einzuschränken beginnt. Nun lernen auch wir die beiden immer besser kennen. In einer langen ungeschnittenen Großaufnahme erzählt Nathan von seiner ersten großen Liebe und seinem Rückzug aus der Szene fünf ganze Jahre lang, als er zum ersten Mal von dieser neuen Krankheit erfuhr. Als er seinen ehemaligen Freund dann wieder traf, war dieser bereits krank. Das Spiel der Emotionen in seinen Zügen ist intensiv, die Motivation, sich mit der Krankheit zu befassen und der Gruppe beizutreten, ist nachvollziehbar geworden. Und wir verstehen, wie sehr Seans Leiden, sein Dahinsiechen an ihm zehrt. Er setzt ihm Infusionen, er übt sich in Zweckoptimismus, mit dem er gegen das Gefühl der Ohnmacht anzukämpfen versucht, das immer stärker wird, und verzagt doch ob der Unabwägbarkeit des Kommenden, das man gar nicht mehr Zukunft nennen kann. Wegen einer Infektion durch den Permanentkatheter muss Sean ins Krankenhaus. „Es ist heiß hier“, meint er, als Nathan und er allein sind. „Draußen ist es eiskalt“, ist Nathans Antwort. Sean ist ehrlich zu ihm: „Mir geht’s nicht gut. Ich hab überall Schmerzen. Ich weiß nicht, ob es Fieber oder Angst ist. Oder beides. Ich habe Angst. Ich habe wirklich Angst. Die ganze Zeit.“ Da ist nichts mehr an Hoffnung, da ist die blanke Verzweiflung – eine herzzerreißende Szene, gerade weil sie so nüchtern erzählt wird. Wenn Nathan Sean dann küsst und anfängt, ihn zu streicheln, sind das Momente immenser Intimität, die so nah wie nur möglich in die Beziehung zwischen den beiden Männern vorzudringen wagt.

Die Geschichte mündet in traurige, aber völlig unkitschige Bilder der blutroten Seine; im Morgengrauen schlagen die Wellen gegen die Kais, aus der Luft wirkt das rote Band des Flusses wie eine klaffende Wunde im Land. Dazu hören wir das keuchende Atmen von einem, der seinen letzten Kampf ums Überleben bestreitet. In jeder dieser Sekunden schnürt uns die Furcht dass es plötzlich aussetzen könnte, förmlich die Brust zusammen. Später, als Nathan Sean leblos im Bett vorgefunden hat, zieht die Mutter Kleidungsstücke über den völlig abgemagerten Köper ihres Kindes, der wie verloren wirkt in der viel zu großen Hose, dem viel zu weiten Hemd. Nach und nach kommen alle Mitglieder der Gruppe in der Wohnung zusammen. Sie sprechen über den Nachruf auf Sean: „Er war verrückt, witzig, verbissen und lebendig.“ Die Mutter möchte Seans Mut hinzugefügt wissen.

Die berühmten Worte von Marc Aurel: „Nicht den Tod sollte man fürchten, sondern dass man nie beginnen wird, zu leben.“ Sean hat die sechsundzwanzig Jahre, die er hatte, wohl bis zur Neige ausgeschöpft. Wie die anderen seiner Gruppe auch, hat er gegen die Bigotterie der Gesellschaft, die Ignoranz der Politik und die Geldgier der Pharmaindustrie gekämpft, er hat sich seiner Krankheit und dem bevorstehenden Tod entgegengestellt, solange er die Kraft dazu hatte; er hat sein Schicksal nicht einfach als gegeben und unabdingbar hingenommen, sondern dagegen aufbegehrt – mit Wut und Aggression, mal mit schwarzem Humor; und dann wieder waren da Tränen der Resignation. „Der Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt“, hat Berthold Brecht einmal gesagt. In seinem Sinne verstreuen die Freunde einen Teil von Seans Asche über ein Buffet bei einem Pharmakongress. Dabei halten sie Schilder hoch, die das Motto ihres Einsatzes zusammenfassen: „Silence = Mort“, das Schweigen ist der Tod. Am Schluss des Films tanzen sie wieder in der Disco. Das Spiel der flackernden Lichter hat die Aktion am Buffet bereits die diese Szenerie geholt. Das Leben, die Liebe, der Tod – die Musik setzt unvermittelt aus, nur noch das Schlagen eines Herzens, 120 beats per minute, ist zu hören, das sich gegen die Stille stemmt, gegen den Tod. Und dann bricht auch dieser Rhythmus ab.