Die Schönheit und die Hässlichkeit

Die Hütte am See (Finnland/GB 2017)

In Michael Ondaatjes Roman Kriegslicht (2018) erhalten zwei Kinder, als sie von ihren Eltern durch Umstände getrennt werden, die mit der Nachkriegszeit und Spionage zu tun haben, von ihrem Ziehvater eine Warnung. Gustav Mahler, so erzählt er ihnen, habe an manchen Stellen in seine Partituren das Wort „schwer“ geschrieben. Auf solche Momente müssten sie sich in ihrem Leben vorbereiten: „… sodass wir richtig damit umgehen könnten, falls wir einmal von unserem Verstand Gebrauch machen müssten.“ Augenblicke wie diese, Hindernisse, die ihnen in den Weg gelegt werden, ob durch andere Menschen oder das Schicksal, und Schwierigkeiten, die es zu überwinden gilt, haben sich im Leben von Leevi und Tareq bereits zuhauf gefunden, als die beiden durch Zufall in Mikko Makelas wundersamem finnischen Sommermärchen Die Hütte am See aufeinander treffen. Ein geradezu klassisches Kammerspiel. Das kleine Ferienhaus, das zu renovieren der syrische Flüchtling Tareq gekommen ist, die Abgeschiedenheit, in der er und Leevi, der Sohn des Besitzers des Grundstücks, einander näher kommen werden, wo sie in ihren Gesprächen miteinander so ehrlich sein werden, dass es fast wehtut. Die große, die übergroße, die schier unstillbare Sehnsucht nach menschlicher Nähe – in Leevis und Tareqs Augen, in ihren Blicken füreinander wird sie auf zarte, zärtliche, zuweilen schmerzliche Weise spürbar.

Der Streifen wurde in diversen Besprechungen mit zwei anderen schwulen Filmen der letzten Zeit verglichen: mit Francis Lees God’s Own Country (2017), weil sich darin ein Migrant in der Form eines rumänischen Saisonarbeiters und der Sohn des Besitzers einer Schaffarm in der kargen Schönheit des englischen Hochlandes näher kommen; und mit Andrew Haighs Weekend (2011; Rezension in Gay Movie Moments), wegen der dokumentarisch anmutenden und gänzlich unaufgeregten Weise, wie hier zwei Männer und ihr Mut gezeigt werden, sich auf die Liebe einzulassen. Die Hütte am See, zum Teil durch Crowdfunding finanziert, geht jedoch einen Schritt weiter. Sehr leise, sehr poetisch, gleichzeitig verhalten und besonders in den Sexszenen auch wieder sehr direkt, entwickelt sich zwischen Leevi und Tareq eine Geschichte, als ob Regisseur und Drehbuchautor Makela sie einfach beobachtet und die Kamera drauf gehalten hätte. Ein Ort, wie aus der Welt gefallen: In den Szenen, in denen Leevi und Tareq sich einander öffnen und die beinahe in Echtzeit vor uns ablaufen, bleibt die Welt außen vor; Tareqs Flucht aus Syrien, die Sehnsucht nach seiner Familie, die zurückbleiben musste und doch auch die Angst, in ihrer traditionellen Lebensweise nie er selbst sein zu können auf der einen Seite, auf der anderen der Unfalltod von Leevis Mutter und seine ständigen Auseinandersetzungen mit dem Vater, von dem er sich überwacht fühlt und dem gegenüber er sich nicht zu outen wagt, werden nur am Rand gestreift – gerade soweit, wie sie bei den ersten Schritten, die die beiden jungen Männer aufeinander zuzugehen wagen, von ihnen selbst angesprochen werden. Manche Rezensenten haben diese nur zuweilen blitzlichtartig erhellten Hintergründe moniert, doch es ist genau diese Erzählweise, es sind genau diese zum Teil von Janne Puustinen als Leevi und Boodi Kabbani als Tareq beim Dreh improvisierten Dialoge in Englisch, ihrer gemeinsamen Sprache, die dem Film seine zutiefst berührende Ehrlichkeit, seine Unmittelbarkeit und stille Intensität verleihen. Die Worte und die Pausen dazwischen, das Gesagte und das Ungesagte, die Leerstellen zwischen den Sätzen - in diesen Bildern, den Blicken und Gesten der beiden wunderbaren Darsteller liegt eine Art von sinnlichem Schwebezustand, liegt große emotionale Wahrheit.

Die behutsame Annäherung der beiden, auf den ersten Blick so unterschiedlichen, jungen Männer, ihr allmähliches Sich-aufeinander-Einlassen vermittelt den Eindruck des Gegenteils einer stringenten Inszenierung – so, spüren wir, ist der natürliche Ablauf der Dinge auf diesem einsamen Grundstück am See. Die Renovierung der Hütte, das Roden des Unterholzes auf dem Weg zum Steg am See, abends die Zeit in der Sauna, dann das Bier auf der Veranda im Schein weniger Lichter, die zuerst zaghaften, dann immer ehrlicheren Erzählungen ihrer Lebensgeschichten bis zu dem Moment, an dem sie zueinander gefunden haben – ein Herantasten an die eigenen Möglichkeiten und jene des Gegenübers. Leevi legt Musik auf, ein finnischer Schlager, sie lachen, wie furchtbar er denn sei, dann werden sie stiller, ein ruhiges, fast feierliches Lächeln, die Augen flüchten nicht mehr vor dem Blick des anderen, sondern halten ihm stand; schon fallen Leevi und Tareq in einem ungestümen Kuss übereinander her. Am nächsten Tag, abermals nach dem Sex, liegen sie beisammen und nehmen den anderen im sanften Liebkosen der Wangen, der Brust, der Haut ganz anders wahr. Dass Tareqs Augen so unglaublich tief seien, meint Leevi, er müsse ihn immerzu anstarren; er liebe seine schöne Stimme, seinen Bart, die Haare auf seiner Brust. „I like you too“, offenbart auch Tareq seine Gefühle: Leevi verstünde es so gut zu küssen. Im Morgengrauen streifen sie dann durch das Schilf, ihre Hände streichen über die Halme, ihre Finger berühren einander. Die Poesie von Augenblicken, die die Welt bedeuten: A Moment in the Reeds heißt der Film in der englischen Fassung. In einer Umarmung genießen Leevi und Tareq diesen Moment großer Nähe, Worte sind überflüssig, um ihre Gesichter spricht der Wind und in ihnen sprechen ihre Herzen.

Das Wort „schwer“ in Mahlers Partitur – es ist auch in Leevis und Tareqs Liebesgeschichte eingeschrieben: die Schönheit, die Hässlichkeit, das Leben. Am knisternden Kaminfeuer liest Leevi dem Geliebten von seinem Handy ein Gedicht vor, über den Ruf des Todes, „rau und unverschämt“, über Augen, in denen der „Blick des schreienden Todes“ lauere, „im Bauch die Flammen der Hölle. Er möge die Melodie des finnischen Textes, meint Tareq, fragt jedoch nach der Bedeutung. Ein Mann, erklärt ihm Leevi, verbringe die Nacht mit einem anderen Mann: „making love to him“. Er tue es trotz seiner Bedenken: „Because he loves it.“ Eine Emotion, die beide, nachempfinden können. Leevi flüchtete vor seinem Vater und der Enge seines bisherigen Lebens aus dem doch als so liberal geltenden Finnland nach Paris. Tareq seinerseits entkam seinem persönlichen Gefängnis, einem Land im Bürgerkrieg, dem religiösen Konservativismus der islamischen Gesellschaft und seiner Familie im speziellen, und erlebte seine neue Existenz in Europa als bis zu diesem Zeitpunkt unvorstellbaren Befreiungsschlag.

Die Hütte am See verhandelt keinen Katalog an Motivationshintergründen, lässt sie nur hin und wieder leise anklingen, wenn sie mit der Entwicklung der beiden Protagonisten zu tun haben. Es gibt keinen ungewöhnlichen Plot und keine ausgefeilten Twists in dieser filmischen Erzählung, und genau dies macht ihre kompromisslose Stärke und bestechend klare Einfachheit aus. Und doch wird das, was war und um sie herum immer noch ist, Leevis und Tareqs Liebe, ihrer gemeinsamen Zukunft zum Verhängnis. Im Boot am frühen Morgen, der Sonnenaufgang am See. Die beiden jungen Männer sprechen über vergangene Lieben, ohne sagen zu können, ob diese wirklich gewesen seien oder nur eingebildet. Er könne sich nicht erinnern, dass es hier jemals so schön gewesen sei, meint Leevi über seine Jugend an diesem fast magischen Ort: „I hated it. I was so focused on running away that I could only see the ugliness.“ Die Hässlichkeit der Realität bricht bald darauf über ihnen zusammen. Ein Anruf seiner Mutter aus Syrien, ihr Vorwurf, seine Familie zurückgelassen zu haben, bringt Tareq aus dem Gleichgewicht. „I want them to be safe and to be here“, beteuert er. Ein Doppelleben wie in Syrien zu führen, würde er aber nicht mehr ertragen können; gleichzeitig fehle ihm die Energie, seiner Familie sein wahres Ich zu offenbaren. „Your life, your dreams“ – der Geliebte sei so schön, so klug, er habe ihn so gern; doch Leevis weiteres Leben sei in Paris verortet, seines hier in Finnland: Er sehe dieses Land anders als Leevi, es sei jetzt sein Zuhause. In der Frage nach dem Suchen und dem Finden von Heimat entgleiten ihnen die Momente in der Hütte am Schilf und am See und verschwimmt die Vorstellung einer gemeinsamen Zukunft. Für eine kurze Zeit nur haben sie diese Art von Heimat gefunden, im Gegenüber und dadurch auch in sich selbst.