Die Schmerzen des Übergangs

Die Wunde (Südafrika 2017)

Es bedarf nur weniger Einstellungen, um das Lebensumfeld von Xolani (sensibel und mit großer Zurückhaltung: Nakhane Touré) zu umreißen. Die Arbeit in einer Lagerhalle, die Fahrt auf der Ladefläche eines Pickups von der Großstadt in ländliches Gebiet, die Ankunft im Dorf, wo die Jungen, die zu Männern werden, und die Alten, die ihnen den Weg dorthin weisen sollen, schon versammelt sind. Die Bitte eines Vaters, Xolani solle streng mit seinem Sohn Kwanda (zwischen Verletzlichkeit und Trotz: Niza Jay Ncoyini) sein: „Der Junge ist zu weich.“ Er bringe immer „diese Freunde“ nach Hause und ihm fehle der Respekt vor den Traditionen, die ihm im Leben in Johannesburg mit iPhone und Markenschuhen abhanden gekommen seien. Die Beschneidung selbst geht rasch vor sich. Die Burschen sind nackt bis auf Tücher, die sie um die Hüften geschlungen haben. Der Beschneider herrscht sie an, die Beine zu spreizen, dann beißen sie die Zähne zusammen – den Schmerzen nachzugeben, wäre in ihrem sozialen Umfeld unakzeptabel. „Ich bin ein Mann!“ – der Satz klingt vorerst noch eher nach Selbstbeschwichtigung denn nach jenem Triumph, der für sie nach dem Abschluss ihrer Initiation darin mitschwingen wird.

Die Geschichte, die Regisseur und Drehbuchautor John Trengove zwischen diese beiden Pole setzt, befasst sich sehr genau und sehr nahe an den Figuren, die darin agieren, mit der Vorstellung davon, was Männlichkeit in einem streng patriarchalischen System wie jenem der gezeigten afrikanischen Gesellschaft denn bedeutet. Sein Film mit dem Originaltitel Inxeba rührt denn auch in mehrerlei Hinsicht in offenen Wunden. Die Initiationsrituale des Volks der Xhosa und damit auch die als Ukwaluka bezeichnete Beschneidung von Jugendlichen stellen immer noch ein Tabu innerhalb der südafrikanischen Bevölkerung dar. Kein Geringerer als Nelson Mandela brach es und schrieb in seiner Autobiografie Der lange Weg zur Freiheit (1994) erstmals darüber. Es ist allenthalben nachzulesen, dass dieses Ritual auch die Idee einer Heilung von Homosexualität beinhalte, würde in dieser traditionellen Gesellschaft doch gleichgeschlechtliches Verhalten zwischen Heranwachsenden, nicht aber unter Erwachsenen toleriert. In intensiven, zugleich malerischen, aber auch sehr realistischen Bildern nähert sich der Film dieser auch heute noch weitgehend unbekannten Thematik an und seziert darin die Widersprüchlichkeiten einer Männergesellschaft, die zutiefst homophob ist, aber im Umgang der Initiierten untereinander und auch in deren Verhältnis zu ihren Betreuern homoerotisch angehauchte Rituale pflegt. „Wir haben uns vorgestellt“, so Trengove, „dass „Schwulsein“ wie eine Art Virus den patriarchalischen Organismus angreift – und uns gefragt, was dann passieren könnte, wie jener Organismus auf diese Art des Eindringens reagiert.“ Diverse afrikanische Staatschefs, die im Grunde genommen nur vom diktatorischen Charakter ihrer Regime anzulenken versuchen, stellen auch heute noch und in letzter Zeit vermehrt wieder Homosexualität als Symptom der westlichen Dekadenz dar, das die „traditionelle“ Kultur“ bedrohe. Wenngleich Südafrika als das fortschrittlichste Land auf dem Kontinent gilt, was die Rechte von LGBTs betrifft, erscheint schwule Liebe selbst dort vielerorts als veritable Bedrohung. „I am an unspeakable of the Oscar Wilde sort“, hat sich der englische Schriftsteller E. M. Forster (Maurice) einmal selbst bezeichnet. „The love that dare not speak ist name“ war die diesbezügliche Umschreibung im berühmten Gedicht „Two Loves“ (1894) von Lord Alfred Douglas, Wildes großer Liebe, die sein Leben in der Intoleranz des viktorianischen Zeitalters geradewegs in den Abgrund führte. Xolani, der nichts will als in friedfertiger Zurückgezogenheit mit seiner wahren Identität leben, wird – anstatt selbst zu Fall zu kommen – einen Menschen, der für seinen Liebhaber und ihn eine Bedrohung darstellt, eine solche Klippe hinunterstoßen müssen.

Die Liebe und die Wunden, die sie reißt: Wenn es um das schönste aller Gefühle geht, gibt es kaum einen zeitgenössischen Autor, der treffendere Worte von poetischer Überhöhung und weltlicher Abgeklärtheit verwebt als Bodo Kirchhoff. „Ich denke, dass Liebe zum großen Teil aus der Sehnsucht nach Liebe besteht und aus der Erinnerung an sie“, formuliert er und weiß auch über die Verwundungen zu sprechen, die die Liebe im Menschen anzurichten weiß. „Nur die Zeit, sagt man, heile Wunden“, heißt es in Kirchhoffs Roman Parlando, „doch könnte man auch sagen, sie schafft erst den Abstand, eine Wunde überhaupt zu erkennen, auf sie zu blicken und nicht länger ein Teil zu sein.“ Mit solchen Verletzungen und dem Blick darauf, der im Abstand der Zeit, die hier den Übergang von der Jugend zum Erwachsenen markiert, Klarheit schafft, beschäftigt sich Trengoves Film; dass diese Klarheit eine zuweilen nur vermeintliche und in Wahrheit von Selbstüberschätzung und Intoleranz vernebelt ist, führt an seinem Ende in die Katastrophe.

Je weiter der Heilungsprozess der Wunde zwischen seinen Beinen voranschreitet, desto selbstbewusster wird Kwanda. Bald vermeint er, soviel Abstand zu den anderen Initiierten zu haben, dass er gleichsam von außen die Mechanismen ihres Verhaltens zu durchschauen vermag. Mit dem Hochmut dessen, der glaubt, alles verstanden zu haben, in Wirklichkeit jedoch nichts versteht, setzt Kwanda die Kette der Ereignisse in Gang, die ins Unglück führen. Anfangs ist er noch voll der Unsicherheit und Verzagtheit und angewiesen auf den Schutz seines Betreuers Xolani. Als Junge aus der Stadt ist er Außenseiter im Kreis der Burschen aus dem Dorf. Ihre Männlichkeitsrituale, der raue Umgangston, die Beweise physischer Kraft, die oft auf die Erniedrigung des anderen hinauslaufen – das ist nicht seine Welt. Seine Vorstellung über die Freiheit des Einzelnen wirken für die anderen Initiierten überheblich; bald beschimpfen sie ihn als Schwuchtel. Kwanda umgibt sich mit der Aura eines Abgebrühten, letztlich erweist sich sein Verhalten als Engstirnigkeit, die Xolani, nicht zuletzt aber auch ihn selbst in Gefahr bringt. Schon bald deutet er die Blicke und Gesten zwischen Xolani und einem anderen Betreuer namens Vija (Bongile Mantsai) richtig. Wenn er sich – als Schmuckstück und auch, um sich von den anderen Jungen im Lager abzuheben – einen Nasenring setzt, ist es, als bereite er sich auf eine dunkle Tat, einen persönlichen Feldzug vor. „Er ist ein schlechter Junge“, warnt Vija Xolani in einer Art Vorahnung denn auch vor Kwanda. „Klammere dich nicht an ihn. Halte dich fern von ihm.“

Vija ist verheiratet, doch einmal im Jahr treffen sich Xolani und er hier „auf dem Berg“ und können ihr Begehren füreinander ausleben. Der Sex zwischen ihnen ist brutal, es gibt keine Küsse und keine Zärtlichkeiten. Dennoch wird bald klar, welche Gefühle Xolani für Vija insgeheim hegt – ob es wirklich Liebe ist, die er für ihn empfindet, oder die schiere Sehnsucht nach der Möglichkeit, mit einem anderen Mann eine so starke Emotion zu teilen, ist uns zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar. Es ist aber anrührend mitanzusehen, wie Xolani sich Mühe gibt, seine Zuneigung hinter einer unbeteiligten Fassade zu verbergen. „Das freut mich für dich“, gratuliert er Vija, als dieser ihm erzählt, dass seine Frau wieder ein Kind von ihm erwarte – dabei schimmern in seinen Augen die Tränen. Er stellt in Aussicht, sich Arbeit in seiner Nähe zu suchen: „Dann können wir wieder abhängen wie früher.“ Doch von Vija ist darauf keine Reaktion zu erwarten. Xolani steckt ihm Geld für seine Familie zu, darauf scheint sich Vija ihm gegenüber ein wenig zu öffnen. Eine abendliche Stimmung, Wind streicht durch die hohen Gräser der Savanne. Die beiden Männer sitzen beisammen, da legt Vija den Arm um Xolani: „Mein Freund.“ Und es kommt sogar zu einem Kuss. Xolani versucht, seine Gefühle in Worte zu fassen. Dass er in der Schule der Schlauste gewesen sei und es ihm möglich gewesen wäre, sich anderswo ein besseres Leben aufzubauen: „Ich hätte abhauen können. Stattdessen arbeite ich. Ich lebe allein. Ich esse allein. Ich komme deinetwegen.“ Vijas Abwehrreaktion folgt prompt: „Ich will dein Geld nicht.“ – „Wovor hast du Angst?“, dringt Xolani in ihr. Und Vijas Antwort: „Wir können das nicht machen. Wir können einfach nicht.“ Es entbrennt zwischen ihnen eine Art Ringkampf und die Drohung, im nächsten Jahr nicht mehr wiederzukommen, steht im Raum: „Lauf weg, Feigling.“ Wie oft in diesem Film bleibt Xolani zurück, eine Silhouette im Scherenschnitt zur hereinbrechenden Nacht.

In einer früheren Szene fährt Kwanda dem schlafenden Xolani mit der Hand ein paar Zentimeter über der Haut die Konturen seines Gesichts nach – als würde er ihn streicheln. Xolani schreckt hoch und stößt ihn zurück. Kwanda bezieht sich mit der Verletztheit eines verschmähten Liebhabers auf Vija: „Was siehst du nur in ihm?“ – „Wovon redest du?“ – „Denkst du wirklich, du bist ihm wichtig? Glaubst du, er denkt an dich?“ Von diesem Moment an stehen Kwandas Worte zwischen Xolani und ihm – die doch so Vieles gemeinsam hätten. Und mit der Überheblichkeit der Jugend bohrt Kwanda weiter: „Ich sehe, was du bist, aber du kannst es dir nicht eingestehen. Ich soll ein Mann sein, an mich glauben? Du kannst es ja selbst nicht. Bist du es nicht leid? So zu tun, als seist du jemand, der du nicht bist?“ Dennoch nimmt Xolani seine Rolle wahr, wenn es gilt, Kwanda gegen die anderen Jungen in Schutz zu nehmen. Als Kwanda sich weigert, in ihr Selbstlob des Glücks einzustimmen, nun echte Männer zu sein und mit ihrer Fruchtbarkeit den Fortbestand ihrer Familien sicherzustellen, verteidigt Xolani ihn: „Er wird sprechen, wenn er so weit ist.“

Vijas Unsicherheit Xolani gegenüber zeigt sich in dem provokanten Verhalten, das er nach ihrem Streit an den Tag legt. Er führt alle Burschen auf eine Wanderung zu einem Wasserfall, ohne ihre Betreuer davon zu informieren, er macht sich lustig über den Freund, welches Mädchen denn einen wie ihn heiraten solle, er stiehlt eine Ziege vom Pickup von weißen Rangern und drückt Xolanis Kopf bei einer Rauferei zu Boden wie ein Junge jenen der Ziege, als er ihr die Kehle durchschneidet. Als später die anderen Alkohol trinken und beim Lagerfeuer tanzen und singen, tritt Kwandas Hochmut abermals zutage. Auf die aufmunternden Worte, dass er schon bald nach Hause fahren könne, kommt die ruppige Antwort, dass er jetzt ein Mann sei und sich nichts mehr gefallen lassen würde. Und er greift Xolani direkt an, wenn er unterstreicht, nicht in einem Umfeld leben zu können, in dem er nicht er selbst sein könne. „Sie lassen dich nicht sein, was …“ Er beendet den Satz nicht, doch dann bricht es aus ihm heraus: „Du hast Angst vor dem, was du willst. Dumme Schwuchtel.“ Wie er sich das gedacht habe, fragt ihn Xolani: Dass er mit ihm nach Johannesburg ginge? Und die Einsicht: „Ich habe nur den Berg.“

Zwei andere der Initiierten konfrontieren Xolani kurz drauf mit ihrem Wissen, was er und Vija getan hätten. Da kommt dieser dem Freund zu Hilfe. Er zwingt den Burschen, sich zu entschuldigen, und schlägt ihn dann brutal nieder. Die entscheidende Sequenz spielt sich daraufhin am Wasserfall ab. Xolani ist Vija dorthin gefolgt, beide gehen in einem Akt der Reinigung ins Wasser – man könnte dies, so man möchte, auch als Art Taufe ansehen. Hier lassen sie ihren Gefühlen endlich freien Lauf, hier umarmen sie sich, sie klammern sich aneinander, voller Gier, voller Verzweiflung, ihre Hände sind dabei zu Fäusten geballt. Im Schutz eines Gebüsches unweit des Wasserfalls lassen sie sich endlich gehen – zum ersten Mal kann man das, was zwischen ihnen abläuft, ein Liebesspiel nennen. Kwanda findet sie schlafend, nackt und eng umschlungen. „Weiß deine Frau, was du auf dem Berg Schmutziges machst?“, attackiert er Vija verbal. Dann sucht er sein Heil vor seinem Verfolger in der Flucht.  Xolani folgt Kwandas Spuren und findet ihn am nächsten Morgen: Er würde ihn auf einem sicheren Weg zu einer Straße  bringen. Doch Kwanda kann den Mund nicht halten: „Denkst du, er liebt dich wirklich? Bist du nicht wütend? Bringt er dich nicht in Weißglut?“ Und glaube Xolani wirklich, dass Vija ihm treu sei, dass er nicht auch mit anderen Männern Sex habe? Seine Schlussfolgerung: Vija sollte bloßgestellt werden. Darauf drängt Xolani in ihn: „Du darfst es niemandem erzählen.“ Wie sehr er mit sich hadert, können wir aus seinem Mienenspiel ablesen. Doch das Gift der Selbstgerechtigkeit, vielleicht vernetzt mit jenem der Eifersucht, beherrscht Kwandas Denken längst. Und als er keinerlei Einsicht und Mitleid zu zeigen imstande ist, stößt Xolani ihn schließlich, schon in Sichtweit der Straße, einen steilen Abhang hinunter.

„Ihr habt den ersten von vielen Flüssen des Mannesalters überquert“, hat in der Zeremonie, in der die Initiation ihren Abschluss findet und die Hütten, in denen die Burschen in der Zeit des Übergangs von Jungen zu Erwachsenen gehaust haben, in Brand gesteckt werden, einer der Alten gesprochen – und das Leben in der Stadt mit den „weißen Teufeln“, die dort wohnen, als Menetekel an die Wand gemalt. Solche Flüsse haben auch Kwanda und Xolani überquert. Der eine, dem die Fähigkeit fehlte, sich in die inneren Zwänge eines anderen Menschen hineinzufühlen und Verständnis für seine Motivationen aufzubringen,  jenen Fluss, der die Welt der Lebenden von jener der Toten trennt. Der andere die Grenze zu einem Schritt, der ihn wohl den Rest seines Lebens prägen wird – und der doch bloß ein Akt der Liebe war. Die letzten Bilder des Films zeigen uns Xolani wieder auf der Ladefläche eines Pickups, diesmal in Richtung Stadt zurück. Auf eine sehr schmerzhafte Weise hat auch er seinen ganz persönlichen Übergang durchgemacht, ist auch er in diesen dramatischen Tagen im Busch ein anderer geworden. Doch ob er die Pein der inneren Krise, die sein Leben schon die längste Zeit umklammert hat, wieder mit sich nimmt oder ob er sie auf dem Berg zurückzulassen vermochte, wissen wir nicht.