Weiße Elche

Don't Ever Wipe Tears Without Gloves (Schweden 2012)

Der junge Mann, der einem Greis gleicht, windet sich unter großen Schmerzen. Die Krankenschwestern, die seine offenen Wunden versorgen, tragen Mundschutz und Plastikhandschuhe. Die jüngere von ihnen, vom Mitgefühl überwältigt, zieht sich dann aber einen der Handschuhe aus und streicht dem Patienten sanft über die Wange. Dass sie sich umgehend die Hände desinfizieren solle, herrscht sie die ältere Kollegin an – schon die Eingangssequenz von Kaijser da Silvas dreiteiligem Fernsehmelodram Torka aldrig tårar utan handskar stellt der Bezug zu seinem Titel dar. „Es war wie ein Krieg, ausgefochten in Friedenszeiten“, heißt es kurz darauf. Basierend auf einer Romantrilogie des Autors Jonas Gardell schildern die mit „Liebe“, „Krankheit“ und „Tod“ überschriebenen knapp einstündigen Folgen die Auswirkungen der AIDS-Epidemie auf eine Gruppe schwuler Freunde im Stockholm der frühen 1980er-Jahre – zu einer Zeit, als die positive Diagnose einem fast hundertprozentigem Todesurteil glich. Mit großem Einfühlungsvermögen, visuellem Einfallsreichtum und ausgezeichneten schauspielerischen Leistungen geht das Narrativ der Serie unter die Haut und lässt uns – selbst wenn uns die Umstände natürlich bewusst waren – kopfschüttelnd angesichts der Borniertheit, ja der Unmenschlichkeit zurück, mit der sich die Opfer der vielerorts als solche apostrophierten „Schwulenpest“ konfrontiert sahen.

Auf elegante Weise, wie selbstverständlich und ohne Brüche werden in der Erzählung verschiedene Zeitebenen aus mehreren Jahrzehnten miteinander verwoben: Kindheit, Jugend, die Zeit als junge Männer und dann auch die des Leidens und des Sterbens sind eins im Fluss des Lebens und des Erinnerns. Wenn Rasmus als Kind das Fensterglas anhaucht und seinen Namen schreibt und der kleine Benjamin auf der frisch geputzten Scheibe der Tür des Sommerhauses seiner Familie einen schmutzigen Handabdruck hinterlässt und darauf die Linien betrachtet, als könnte er in ihnen seine Zukunft lesen, stellen sie sich die Frage nach ihrer Identität, die sie ihr ganzes Leben begleiten wird. Später, als junge schwule Männer, werden sie daran fast verzweifeln – Benjamin als Zeuge Jehovas, der sich von den strengen Fesseln seiner Familie und der religiösen Gemeinschaft nur unter den größten Schwierigkeiten zu lösen vermag, auf der einen Seite, Rasmus, getrieben von seiner Gier nach Freiheit, die auch sein Recht einschließt, seine Sexualität mit wem und wann immer er es möchte auszuleben. Auf der Zugfahrt aus dem ländlichen Värmland nach Stockholm wiederholt Rasmus die Szene mit den Buchstaben seines Namens auf der Fensterscheibe; dann wechselt er seine Kleidung und kommt als anderer Mensch in der Großstadt an, zu der er aus seinem bislang behüteten Leben aufgebrochen ist. An einem Schwulentreffpunkt am  Stockholmer Hauptbahnhof findet er sich erstmals unter Gleichen – und ist sich bewusst, im wahrsten Sinne des Wortes angekommen zu sein. „This is my life!“ ist der Song, der bei seinem ersten Besuch in einem Schwulenclub gespielt wird. Dass es selbst hier zu Ausgrenzungen und Beschimpfungen Schwulen gegenüber kommt, nimmt Rasmus kaum wahr. Auch die ersten Anzeichen der Ausbreitung einer neuen Krankheit lassen sich noch verdrängen; das Wissen darüber ist auch noch viel zu gering. Als er das erste Mal mit einem Mann schläft, entdeckt Rasmus bräunliche Flecken auf dessen Rücken. Der Mann meint, es handele sich bloß um eine Allergie. „Macht es dir was aus?“ Rasmus verneint und strahlt in seiner Naivität vor Verzückung und Lust, als der Mann in ihn eindringt: Er hat eine neue Welt betreten. Angesichts der Doppeldeutigkeit dieses Schritts läuft es uns kalt über den Rücken.

 

„Du weißt, dass du homosexuell bist, oder?“ – Ein Satz, der Benjamin den Boden unter den Füßen wegzieht. Ganz braver Junge von nebenan, in Anzug und Krawatte und die Bibel unter dem Arm, hat er an der Wohnungstür von Paul (Simon Berger) angeläutet, einem Freund von Rasmus. Paul lebt sein Schwulsein ganz offen, und seine Bemerkung wirft Benjamin aus der Bahn seines durch den Glauben und die Vorgaben seiner Eltern geregelten Lebens. Woran er es denn gemerkt habe, fragt er Paul bei ihrem nächsten Gespräch. Die Antwort: „Es ist dir ins Gesicht geschrieben.“ In Benjamin steigt die Verzweiflung hoch. Er spricht von der vermeintlichen Sünde als einem „Dorn im Fleisch“ und sieht im Hadern mit sich selbst die Versuchung als Probe Gottes. Und doch fällt dann ein Satz, der seine Sehnsucht offenbart, er selbst sein zu können: „Ich will jemanden lieben, der mich liebt.“

Sich von den Fesseln seines Glaubens zu lösen, bedeutet für Benjamin eine ungeheure Herausforderung. Pauls Einladung zu folgen, doch gemeinsam mit ihm und seinen Freunden Weihnachten zu feiern, ist ein erster wichtiger Schritt. Es ist einer der schönsten Momente der Serie, wenn Rasmus und Benjamin, die sich gerade erst kennengelernt haben, miteinander die Feier verlassen, dann in der Winternacht vor dem Haus stehen und in ihrer Verliebtheit nicht wissen, wie es weitergehen soll. Dicke Schneeflocken fallen auf sie herab und sie stellen fest, dass sie sich beide in der Gegend nicht gut auskennen und nicht wissen würden, in welche Richtung sie gehen sollen – „Wollen wir da zusammen hin?“ Und wenn sich im Gehen ihre Hände berühren, haben wir Adam Lundgren und Adam Pålsson, die beiden feschen Hauptdarsteller in den Rollen von Benjamin und Rasmus, längst ins Herz geschlossen.

In einer der Rückblenden in die Kindheit führt uns Regisseur Kaijser ganz unaufdringlich zur zentralen Metapher seiner Filmerzählung. Rasmus und seine Eltern sind im Wald beim Heidelbeerpflücken, da entdecken sie einen weißen Elch. Schon in Rob Reiners wunderbarer Coming-of-age-Geschichte Stand By Me (1986) finden wir ein vergleichbar starkes Bild. Gordie (Will Wheaton), einer von vier Zwölfjährigen, die sich im ländlichen Oregon in einem langen heißen Sommer aufgemacht haben, um die Leiche eines vermissten Jungen zu finden, wacht morgens früh auf und entfernt sich ein Stück von dem Lager, das die Freunde im Wald aufgeschlagen haben. Er gelangt zu den Bahngleisen, denen sie schon am Vortag gefolgt sind; wie eine überirdische Erscheinung steht dort ganz still ein Reh und gewährt dem unsicheren, von Lebensangst zerfressenen Gordie einen Moment der inneren Ruhe, die schließlich sogar zu so etwas wie Einsicht in die eigenen Fähigkeiten führen wird. Auch Helen Mirren als Königin Elizabeth II. erkennt in einem ähnlichen Augenblick in Stephen Frears’ The Queen (2006) die geradezu royale Würde, die ein Hirsch, dem ihr Mann seit Tagen nachpirscht, ausstrahlt. Hier ist es nun, dem skandinavischen Setting gemäß, ein Elch und für den kleinen Rasmus ist sein Anblick es ein Moment für die Ewigkeit, den er nie vergessen wird. Sein Vater erklärt ihm, dass es sich bei diesen Tieren um keine Albinos handeln würde, sondern dass die Farbe ihres Fells auf eigene Gene zurückzuführen sei. Früher, erzählt er seinem Sohn, habe man weißen Elchen magische Kräfte zugeschrieben, und auch heute noch würde es ein großes Unglück bedeuten, eines der Tiere zu töten. Wem die weißen Elche denn nicht passen würden, fragt Rasmus. „Denen, die das Fremde fürchten“, antwortet sein Vater. Die weißen Elche, die Schwulen, diejenigen, die „anders“ sind – eigentlich sind sie es, die Angst haben müssen vor denen, die es einfach nicht schaffen, mit ihrer schieren Existenz klarzukommen.

Derselbe Vater, den Stefan Sauk in all seiner Zwiespältigkeit verkörpert, steht, als er die Nachricht vom bevorstehenden Tod seines Sohnes erfährt, schluchzend vor dem Haus und spürt die kleine Hand von Rasmus, dem Kind, tröstend wieder in der seinen. Er nimmt am Sterbebett des Sohnes, der blind ist und offene Geschwüre im Gesicht und fast keine Haare mehr hat, die Hand von Benjamin, der Rasmus all die Jahre seiner Krankheit gepflegt hat, in die seine. Und er teilt nach Rasmus’ Tod Benjamin, der nicht glauben kann, was er da hört, mit, dass seine Frau und er ihn bei der Beerdigung nicht dabeihaben wollen. Rasmus’ Wünsche, was seine Beerdigung betrifft, die Musik, die Rede, der Grabstein, nichts zählt mehr. „Du bist wie ein Sohn für uns“, hat Rasmus’ Mutter (Annika Olsson) gerade noch zu Benjamin gemeint und ihm einen selbstgestrickten Pullover geschenkt. Benjamin und Rasmus’ Vater haben gemeinsam die letzten Zigaretten des Verstorbenen geraucht und Benjamin hat die Eltern seines Geliebten gebeten, doch über Nacht in der Wohnung zu bleiben: Er könne jetzt nicht allein sein. Ob er denn keine Freunde habe?, hat der Vater gefragt. „Die sind alle tot“, war Benjamins Antwort. Und nach all dem offenbaren Verständnis und dem Mitgefühl diese Nachricht: Benjamins Name dürfe nicht in der Todesanzeige stehen und sie würden nicht wollen, dass die Beerdigung zu einem „Schwulenspektakel“ ausarten würde. Es wäre das einfachste, wird ihm ins Gesicht gesagt, wenn er gar nicht erscheinen würde: „Du gehörst nicht zur Familie.“

Die differenzierte Zeichnung der Eltern ist eine der Stärken der Serie, dies trifft auch für jene von Benjamin zu, die als Zeugen Jehovas einen offen schwulen Sohn nicht in ihrer Mitte dulden wollen. Schon in einer frühen Einstellung sehen wir Benjamins Mutter (Marie Richardson), die Briefe ihres Sohnes ungeöffnet in eine Lade legt und ihn dann mit ein paar Zeilen bittet, ihr nicht mehr zu schreiben: „Für mich gibt es dich nicht mehr.“ Wie als böses Omen klingen die Worte, die Benjamin, als für die Eltern ihre enge und engstirnige Welt noch in Ordnung war, bei einem gemeinsamen Gebet aus der Bibel vorgelesen hat: „Ihr wisst genau, dass der Tag des Herrn kommt wie ein Dieb in der Nacht. Während die Menschen sagen: „Friede und Sicherheit“, kommt plötzlich Verderben über sie.“ Als Rasmus aus einem Brief sein positives Testergebnis erfährt, erleben wir in Zwischenschnitten einen Ausflug zum Strand in seiner Kindheit mit. Als Spiegelung der Szenen, in denen er seinen Namen auf Fensterscheiben schreibt, legt er ihn in dieser Erinnerung mit Muscheln in den Sand. Da schneidet er sich an der scharfen Kante einer Muschel und läuft mit blutendem Finger zu seiner Mutter. „Blut ist nichts Schlimmes, mein Schatz“, versichert ihm diese. Doch der erwachsene Rasmus hält das Ergebnis des Bluttests in der Hand, das für ihn das Todesurteil bedeutet.

„Wir waren so jung. Wir liebten uns so sehr“, hören wir die Stimme des viel älteren Benjamin aus dem Off. „Und da geschah es, dass die Krankheit in die Stadt kam.“ Dass er es nicht ertragen könnte, in seinem Leben keine Rolle zu spielen, hat Rasmus Benjamin einmal in der ersten Verliebtheit versichert. Doch das gemeinsame Leben unter unterschiedlichen Prämissen hat sie auseinander gebracht. Rasmus kann nicht verstehen, dass Benjamin noch immer bei seiner Kirche bleibt, Benjamin seinerseits kann mit der Lust auf Sex mit immer neuen Männern und seiner unstillbaren  Suche nach Freiheit, die Rasmus antreibt, nichts anfangen. Als Benjamin beim Heimkommen in die gemeinsame Wohnung seinen Freund schluchzend auf dem Boden vorfindet und er vom positiven Test erfährt, ist der Schock so groß, dass er sich vor der Mutter outet. Eine entwürdigende Szene, als diese ihm versichert, dass es sicherlich ein Heilmittel gegen diese Krankheit gebe und er sich eben anstrengen müsse, um sie zu überwinden. „Du verstehst nicht!“, schreit ihr Benjamin entgegen. „Ich will so sein!“ Und während sich Rasmus in einer Vorwegnahme der Schmerzen, die ihn noch martern werden, auf dem Boden krümmt, spülen die Wellen seinen Muschelnamen vom Strand der Kindheit weg; und die Liegestühle der Eltern, die eben noch bei ihm am Strand saßen, sind leer.

„Es war wie früher, als wir „Mörder und Detektiv“ spielten.“ – Eine der Voice-over-Erzählungen von Benjamin, während wir Kinder im Kreis sitzen sehen und immer wieder eines von ihnen so tut, als würde es leblos niedersinken. „Dabei blinzelten die Mörder ihre Opfer an, und sie starben dann. Man wusste nicht, wer Mörder war und wer sterben sollte. Aber wir starben. Einer nach dem anderen.“ Ben kommt nach dem peinigenden Gespräch mit seiner Mutter nachts heim. Er schickt sich an, sich zu Rasmus ins Bett zu legen, da wehrt ihn dieser ab: Er solle ihn nicht anfassen, er habe jetzt die Pest. „Ich darf dich nie wieder berühren. Was wird nun geschehen?“ Darauf Benjamin: „Ich weiß es nicht. Aber ich werde dich berühren.“ Und er umarmt und streichelt den Geliebten.

Für seine Eltern ist Benjamin der Todgeweihte. Bei einem letzten Besuch bringen sie ihm Rosen und einen Kuchen, sie sitzen beisammen und trinken Kaffee und teilen ihm mit, dass nun, da er aus ihrer Gemeinschaft ausgetreten sei, auch sie keinerlei Kontakt mehr mit ihm haben würden. Und Benjamin erkennt: „Das ist meine Beerdigung.“ Und zwischen diesen Szenen immer wieder Bilder von Männern, die sich von Schmerzen gepeinigt in ihren Krankenhausbetten wälzen. „Nun lief er an so vielen Zimmern vorbei, in denen ausgezehrte Männer am Tropf hingen“, heißt es in Edmund Whites Roman Our Young Man, in dem ein wunderschönes männliches Model die ewige Jugend gepachtet zu haben scheint und mit dem Altern und Sterben, das um ihn herum stattfindet, nichts anzufangen weiß: „Es wirkte, als versuchte man Auschwitz-Opfer wiederzubeleben.“ Und einige Seiten weiter sehen wir AIDS-Patienten mit seinen Augen: „… viele von ihnen noch jung, wie er vermutete, aber mit ihren eingefallenen Gesichtern und den offenen Mündern sahen sie uralt aus.“ Regisseur Kaijser erzeugt in uns immer dann die stärksten Gefühle, wenn er Bilder der jungen Liebe mit anderen des Siechtums montiert. Benjamin und Rasmus, wie sie voll des Lebens auf ihren Rädern fahren, wie sie nackt im Meer nahe Stockholm baden, wie sie zu Beginn ihrer Beziehung verliebt miteinander tanzen: „Sind wir jetzt zusammen?“ Im Gegenschnitt das Zimmer im Krankenhaus, in dem Benjamin seinem blinden Freund die wenigen Haare kämmt, die ihm noch nicht ausgegangen sind, und ihm vormacht, sie wären dicht und glänzend. Und dann das Vergehen der Jahre, insgesamt sind es zehn, und die Weihnachtsfeiern in Pauls Wohnung - mit von Mal zu Mal weniger Mitgliedern der Freundesgruppe.

Einer von ihnen, Bengt (Christoffer Svensson) geht seinen ganz eigenen Weg. Wir sehen ihn mit strahlenden Augen und voller Zuversicht bei der Abschlussaufführung seiner Schauspielschule und wir sehen ihn, wie er von einem Arzt sein positives Testergebnis mitgeteilt bekommt. Er geht durch die Straßen wie in Trance, er kommt in seine Wohnung, er öffnet ein Fenster und stellt einen Stuhl unter die Deckenlampe. Mit konzentrierten Bewegungen formt er aus Kabeln eine Schlinge, da erreicht ihn ein Anruf einer jungen Frau aus seiner Klasse: Der Intendant habe sich nach ihm erkundigt, ein wunderbares Zeichen für seine Zukunft, und er solle doch kommen und mit ihnen feiern. Bengt sagt ihr zu, doch schon steht er auf dem Stuhl; da springt seine Katze hoch und streicht um seine Füße. Bengt steigt wieder herunter und bringt die Katze vor die Tür, dann erst tritt er den Sessel unter seinen Füßen weg. „In diesen Jahren trugen wir uns gegenseitig“, erzählt Benjamin von der dunkelsten Zeit, in der der Kreis der Freunde immer kleiner wird. „Im wahrsten Sinne des Wortes. Die HIV-Positiven, die sich kannten, trugen die Särge ihrer Freunde zu Grabe.“ Einer nach dem anderen fällt der Krankheit zum Opfer, bei einer Geburtstagsfeier sprechen sie den bitteren Satz über die Geschenke aus: Musik die der Beschenkte nie hören, Bücher die er nie lesen wird. Und dann bei den Trauerfeiern die Scheinheiligkeit der Familien: Erzählungen über angebliche Freundinnen, Spenden an die Krebshilfe. „Jede Beerdigung ist eine Probe für die eigene“, meint Paul einmal sarkastisch.

Pauls Begräbnis gerät dann auch zur großen Oper. Noch ein letztes Mal haben sie Weihnachten gefeiert – sie waren dabei nur noch zu dritt. Dann musste Paul, der sich kaum mehr auf den Beinen halten konnte, wieder ins Krankenhaus. Seine Totenfeier findet in einem alten Theater statt und ist ein Fest des Lebens. Auf der Bühne ist jene Szenerie aus dem kitschigen Bibelbild der Zeugen Jehovas aufgebaut, das Benjamin bei seinem ersten Besuch in Pauls Wohnung mitgebracht hat. Auf einer grünen Wiese weiden Schafe, es gibt einen Löwen und einen lilagewandeten Gospelchor und über dem offenen Sarg tanzt ein dunkelhäutiger männlicher Engel in Hotpants. Das Singen, das Klatschen, die Freude und die Tränen – Rasmus ist nach seinem Tod dieser Ausdruck dessen, wer und was er einmal war, nicht vergönnt.

Über zwanzig Jahre nach Rasmus’ Tod erhält Benjamin einen Anruf: Rasmus’ Vater sei schon ein Jahr nach seinem Sohn gestorben, die Mutter nun auch. Nun, endlich, lädt ihn ein alter Onkel ein, könne Benjamin das Grab des Geliebten besuchen. In der Tat hatte Benjamin nach Rasmus keine echte Beziehung mehr, und in seiner Wohnung sind Fotos von früher zu einer Art Altar mit immer frischen Blumen aufgebaut. Er kommt auf derselben Zugstrecke ins Dorf, auf der Rasmus einst als Neunzehnjähriger die Flucht in die Gegenrichtung, nach Stockholm, angetreten hat. Der Onkel zeigt ihm das Haus, in dem Rasmus aufgewachsen ist, und führt ihn zum Grab. Dann sitzen die beiden auf einer Bank und Benjamin erzählt von den Jahren des Dahinsiechens, der Schmerzen von der Gürtelrose, „als ob man auf ihn einstechen würde“. Der Krebs habe Rasmus’ schönes Gesicht zerstört, aber er habe ihn nie allein gelassen. „Ich musste mitansehen, wie das Wertvollste in meinem Leben einfach vernichtet wurde.“

Kurz bevor die Krankheit die Überhand über ihn gewann, wacht Rasmus einmal nachts auf. Er blickt durchs Fenster und sieht auf der Straße den Müllwagen fahren. Benjamin versucht, den Weinenden zu beruhigen. „Ich will nicht“, schreit Rasmus. „Ich will einfach nicht. Ich will nicht sterben!“ Es sei nicht fair, schluchzt er, er sei erst zweiundzwanzig und würde nur noch auf einen beginnenden Husten achten und darauf, ob seine Lymphknoten anschwellen. Er könne nicht schlafen aus Angst. Sie würden einen nach dem Tod in einen Plastiksack stecken: „Als wäre man Müll.“ Und immer wieder: „Ich will nicht sterben, ich will kein Müll sein.“ Benjamin möchte ihn umarmen, doch wie schon zuvor, stößt ihn Rasmus zurück, er dürfe ihn nicht anfassen. Doch Benjamin ringt ihn nieder und hält ihn in seiner Umarmung umfangen. Und Rasmus: „Ich bin eklig!“

Damals, räsoniert Benjamin, seien alle gestorben, „die von der Liebe besessen waren. Sie waren es, die der Frost sich nahm.“ An Early Frost hieß der erste Film, der sich der Thematik von AIDS annahm, wir sehen den abgemagerten Aidan Quinn noch vor uns. In seinem Entstehungsjahr 1985 war es ein mutiges Unterfangen, sich auf die Seite der Opfer und des Rufes nach Toleranz und Akzeptanz zu stellen. Don’t Ever Wipe Tears Without Gloves spielt genau zu dieser Zeit und vermittelt uns ein Bild davon, was AIDS damals mit den Opfern anstellte – was die Qualen des körperlichen Verfalls, aber auch  die soziale Seite ihres Leidens betrifft. Am Bett des sterbenden Rasmus spricht Benjamin Worte des Trostes: „Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen. Der Tod wird nicht mehr sein. Keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal wird mehr sein.“ Jahre später, nach dem Besuch des Grabes seines Freundes, nimmt er die Vase mit den Blumen von ihrem Platz vor den Fotos weg, stellt sie ins Fenster und öffnet die Vorhänge. Wir sehen, wie ein Leichnam in einen Plastiksack gelegt und dieser mit Klebestreifen verschlossen wird. Wir sehen den Aufkleber „Infektionsrisiko“ darauf. Wir sehen aber auch die Gruppe der Freunde, der lebenden und der toten. Sie treffen sich in einer Allee aus blühenden Bäumen, über ihnen fast wie ein Zelt die rosa Kirschblüten. Sie sind wieder jung, sie sind gesund und sie lachen und freuen sich ihres Lebens.

In seinem Essay zum Filmklassiker Wizard of Oz (1939) analysiert der bedeutende Schriftsteller Salman Rushdie den Wusch der von Judy Garland so einzigartig verkörperten Hauptfigur Dorothy, der bedrückenden Enge der elterlichen Farm in Kansas, die hier sogar in Schwarz-Weiß gezeichnet wird, zu entfliehen: „What she expresses here, what she embodies with the purity of an archetype, is the human dream of leaving, a dream at least as powerful as its countervailing dream of roots.“ In dieser Richtung geht auch David Lynchs The Elephant Man (1980), die Rekonstruktion des über weite Strecken unglücklichen Lebens der Titelfigur, die den Namen Joseph Merrick trug und aufgrund von tumorartigen Wucherungen auf großen Teilen des Körpers ihr Dasein als Jahrmarktsattraktion im viktorianischen England fristen musste. Als Joseph, der im Film John heißt (John Hurt in einer immer noch beeindruckenden Maske), im London Hospital eigens für ihn adaptierte Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt bekommt, kann er es kaum glauben, am Ziel seiner Träume angelangt zu sein: „This is my home?“

Darum geht es essentiell auch in Don't Ever Wipe Tears Without Gloves: Um das Brennen dieser Sehnsucht, „somewhere over the rainbow“ einen Ort zu finden, der echte Heimat sein kann, und dort neue Wurzeln zu schlagen. Trotz der überaus gelungenen filmischen Umsetzung mag dieser klassische Moralanspruch der persönlichen Sinnsuche vielleicht nicht spektakulär wirken; vor dem Hintergrund des verzweifelten Versuchs, den Anspruch auf das Recht auf Liebe in den Zeiten der großen Seuche aufrecht zu erhalten und sich selbst dabei treu zu bleiben, gewinnt dieses Motiv aber an immenser Tiefe. Wie Dorothy in ihrem Wunderland am Fuße des Regenbogens, haben Rasmus und Benjamin ihre Art von Heimat gefunden: in ihrer gemeinsamen Wohnung, an den Orten, an denen sie sich als Schwule geben können, wie sie eben sind, nicht zuletzt bei Pauls Weihnachtsfeiern in der Gruppe ihrer Freunde. Ihre Zeit, dort zu leben und in diesem gemeinsamen Leben ihr Glück zu finden, war jedoch sehr beschränkt. Die Krankheit hat ihnen einen Strich durch die Rechnung gemacht in dieser Geschichte, die sich wie Benjamins Kommentar wiederholt betont, tatsächlich so zugetragen habe.