Des Menschen Würde

Four Moons (Mexiko 2014)

Ein Mann ist auf der Flucht. Verfolgt von Straßenjungen, stolpert die vermummte Gestalt die Stufen eines Bahnsteigs hinunter und stößt dabei unabsichtlich ein kleines Mädchen zu Boden, sie hetzt durch die engen Gänge der Londoner U-Bahn, den lüsternen Mob schon auf den Fersen, für den es sich bei diesem Mann weniger um einen Menschen als um ein Ungeheuer handelt. In einer öffentlichen Toilette sieht sich der Flüchtende in die Enge getrieben, hier gibt es kein Ein und Aus mehr. Wie ein verwundetes Tier kauert er zwischen den Urinalen am Boden, zitternd vor Angst um das blanke Leben. Und dann brechen aus ihm die Worte, die den Mob zum Verstummen bringen: „I am not an animal! I am a human being!“

Dieser Mann, dem viele das Menschsein absprechen wollen, hieß John Merrick und wurde im viktorianischen England aufgrund der tumorartigen Verwachsungen auf Gesicht und Körper als Der Elefantenmensch apostrophiert. David Lynchs betörende Schwarzweiß-Studie aus dem Jahr 1980 zeichnet diesen Unglücklichen als sanfte Seele, die nur eines möchte: abseits der Jahrmarktsattraktion, als die er sich verdingte, als menschliches Wesen mit seiner Individualität und all seinen Gefühlen wahrgenommen und akzeptiert zu werden und auf diese Weise seine Würde zu bewahren.

Fast wie ein Monster mag sich auch Joaquín angesichts der abwertenden, ja zuweilen angewiderten Blicke der jüngeren Männer in der schwulen Sauna vorkommen. Alonso Echánove gibt ihn mit den großen verwundeten Augen eines alten Poeten, der an der Sehnsucht, die in seinem Herzen brennt, zu zerbrechen droht. Sergio Tovar Velardes Episodenfilm Four Moons ist einer Studie des Begehrens und der Einsamkeit. Velardes bespielt das Terrain der Geschichte mit einem narrativen Vokabular aus unterschiedlichen Stadien der Entwicklung seiner Charaktere. Der kleine Junge, der Gefühle für seinen Cousin hegt, die beiden Freunde aus Kindheitstagen, die einander am College wieder begegnen, die Gier nach sexuellen Abenteuern in einer an und für sich funktionierenden langjährigen Beziehung. Und eben auch Joaquín, der zeitlebens als Dichter verkannt wurde und nun eine späte Ehrung in Form der Auszeichnung durch eine Universität erfahren soll.

Seine Frau, die Töchter, die Enkelkinder sind stolz auf ihn, allein die Beziehungsmuster in der Gegenwelt der schwulen Sauna laufen nach anderen Regeln ab. Joaquíns Begehren richtet sich auf den Stricher Gilberto (Alejandro Belmonte), dessen Namen er erst am Ende der filmischen Ereignisse erfahren soll. Zu Beginn steht die Abscheu des jungen Mannes diesem alten Niemand gegenüber, wenn er auf der Bank in der Sauna von ihm abrückt und das Gesicht verzieht. „Rede nicht so mit mir“, versucht Joaquín aufzubegehren, doch je öfter er nach dem Preis für Sex fragt, desto höher schraubte Gilberto seine Forderungen. „Du behandelst mich wie den letzten Dreck“, ereifert sich Joaquín. „Dabei weißt du gar nicht, wer ich bin. Ich bin jemand Wichtiges.“

Schließlich verwendet der alte Mann das Geld, das er eigentlich für die Weihnachtsgeschenke seiner Enkelkinder gespart hat, um Gilberto für seine Dienste bezahlen zu können. Ein Spiel um Macht und Erniedrigung: Gilberto verschiebt das Treffen auf den nächsten Tag und lässt Joaquín auch dann noch zwei Stunden warten. Als ihn der alte Mann dann beim Sex zu küssen versucht, legt er seine Hand zwischen ihre Lippen. „Es war wunderschön“, meint Joaquín anschließend trotzdem. Was diese filmische Erzählung so besonders macht, ist der Umstand, dass die Geschichte hier nicht endet, sondern einen Wendepunkt einleitet. Sie erzählt davon, was passiert, wenn die zuvor geschilderte Distanz endlich doch durchbrochen wird. In dem Gespräch, das dem Sex folgt, treten Gemeinsamkeiten zutage. Auch Gilberto ist verheiratet, seine Frau und das Kind warten bereits jenseits der Grenze auf ihn. Wie viel es denn kosten würde, wenn Gilberto zu seiner Ehrung erscheinen würde, fragt Joaquín schüchtern. Die beiden Männer kommen zu einer Vereinbarung.

Eine sehr zarte und berührende Szene: Es ist nur ein sehr kleiner Kreis, in dessen Rahmen die Laudatio über den Dichter Joaquín gehalten wird. Auch ein neues Gedicht wird dabei vorgetragen, es handelt von den winzigen Fleckchen von Sonne, die im Herzen leben, von goldenen Feldern und einem Flug nach Norden oder Süden, von einem Gefühl nahe der Freiheit. Währenddessen betritt auch Gilberto den Saal, und in Joaquíns Augen tut sich Freude auf, die über den Moment des Vortrags hinausgeht. Später trifft er Gilberto auf der Toilette. Der junge Mann hat ein Buch gekauft und bittet Joaquín um eine persönliche Widmung. Die Erkenntnis: „Ich kenne deinen Namen nicht.“ Und dann stehen einander auf einmal nicht mehr Freier und Stricher gegenüber, ist die Distanz zwischen ihnen überbrückt, indem zwei Menschen einander einfach die Hand reichen. Joaquín möchte Gilberto die vereinbarte Summe zustecken, doch dieser nimmt das Geld nicht an. Stattdessen küsst er ihn auf den Mund. Was bleibt, als er gegangen ist, ist in den Augen des alten Mannes die Sonne, von der er in seinem Gedicht geschrieben hat – die Würde, schlicht und einfach als der akzeptiert worden zu sein, der er ist.