Arkadien in Yorkshire

God's Own Country (GB 2017)

Pierre Lemaitres meisterhafter Roman Drei Tage und ein Leben dreht sich um das Verschwinden des sechsjährigen Rémi in einem kleinen französischen Ort und den zwölfjährigen Beauval, der den kleinen Jungen ohne Plan zu Tode gebracht und seine Leiche in einem Erdloch versteckt hat. Beauvals Bangen, während ein Jahrhundertsturm im angrenzenden Wald sämtliche Spuren verwischt, und das Gefühl, eine lebenslange Schuld auf sich geladen zu haben, durchzieht diese berührende Erzählung, in der mich ein ganz bestimmter Satz besonders beschäftigt hat: „Sie nahm das Zimmer mit einer Neugier in Augenschein, die nichts von Neugier hatte.“ Hier wird von einer Art von Interesse gesprochen, das sich sehr ernsthaft und tiefgehend mit der Person und deren Umfeld beschäftigt, auf die es sich bezieht. Wenn in Francis Lees international höchst erfolgreichem Filmdrama God’s Own Country Gheorghe, der rumänische Wanderarbeiter, zum ersten Mal den Hof der Familie Saxby betritt, auf dem er die nächste Zeit verbringen wird, blickt er sich auf vergleichbare Weise um. Auf John hingegen, der mit ihm zusammenarbeiten soll, treffen bei Gheorghes Anblick die Worte aus Alan Hollinghurts Roman Die Verzauberten zu: „Er hatte das beklemmende Gefühl, vor einem Rätsel zu stehen, als habe er einen Hinweis verpasst, eine Erklärung nicht verstanden, die nun nie mehr wiederholt würde.“

Das größte Rätsel für John Saxby ist wohl er selbst.  Josh O’Connor verleiht ihm das schmale Gesicht eines traurigen jungen Mannes, der mit seiner verschlossenen und launischen Art überall aneckt, sich jeden Abend bis zur Besinnungslosigkeit betrinkt und am nächsten Morgen die Seele aus dem Leib kotzt. Was in ihm nagt, wird in einem Gespräch mit einer ehemaligen Schulfreundin klar, die auf einem College studiert und nur in den Ferien in die Enge der Kleinstadt zurückkommt. Früher habe er oft gelacht, meint sie – doch John, der sich an den Hof gefesselt und wie in einem Gefängnis fühlt, hat das Lachen und damit auch den entspannten und auch freundlichen Umgang mit anderen Menschen verlernt. Zu Beginn des Films treffen sich auf einer Viehauktion seine Blicke und die eines anderen Teilnehmers. Sie haben schnellen, ziemlich rohen Sex im Transportanhänger, John schlägt das anschließende Angebot des anderen, zusammen etwas zu trinken, brüsk aus. Schuften bis zur Erschöpfung und ohne die Hoffnung, dass sich daran etwas ändern wird: „No one give a flying fuck what I think“, bricht es aus John bei einem späteren Gespräch mit seinem Vater Martin (Ian Hart) heraus. „I’m just here to slog me guts out cos you’re fucking fucked.”

Was John mit letzterer Bemerkung meint, ist der Schlaganfall, von dem der Vater eine schwere Gehbehinderung davongetragen und Schwierigkeiten mit dem Sprechen hat. Tatsächlich liegt ein Großteil der Arbeit auf der Farm in Johns Händen. Die Mutter hat die Familie und das harte Leben auf dem armseligen Hof längst verlassen, das ständige Nörgeln der Großmutter Deidre (Gemma Jones) hört John schon gar nicht mehr. Die Zurechtweisungen durch den Vater, der sich zerfressen fühlt von der wütenden Ohnmacht ob seines Schicksals, verschlechtern die Stimmung zusehends. Der Sex, den er mit anderen Männern hat, dient wie der Alkohol nur dazu, Druck abzulassen; glücklich macht er John nicht. Auftritt Gheorghe (Alec Secăreanu), der bärtige Farmgehilfe mit den großen dunklen Augen. Die Vorbehalte ihm gegenüber sind beträchtlich. John nennt ihn einen Zigeuner und meint, er wäre besser in Rumänien geblieben. Seine Einstellung ihm gegenüber soll sich schon bald ändern.

Trotz der großen Gefühle, die bald zwischen den beiden Männern aufzuwallen beginnen, gerät God’s Own Country in keinem Moment seiner Erzählung in den Verdacht der oberflächlichen Romanze; die Geschichte entwickelt ihre Dramatik nämlich aus der ganz klaren Verankerung im Realismus des Alltags ihrer Figuren und des harten Lebens auf dem Bauernhof im Norden Englands. Die ruhige Stimmung, die gedämpften Farben, der sehr sparsamer Einsatz von Musik, ganz konkrete Einzelheiten wie die Untersuchung einer trächtigen Kuh, die Geburt eines Schafes und die Arbeit an einer Trockensteinmauer – es ist so kalt und unwirtlich, dass man zuweilen allein beim Zuschauen zu frieren glaubt.

Die Szenerie ist Yorkshire, sind die windzerzausten Weiden und Hochmoore aus Emily Brontës Klassiker Sturmhöhe aus dem Jahr 1847. Dort trotzt das prächtige Gutshaus, das dem Roman den Originaltitel Wuthering Heights gibt, dem Wetter und dem Chaos der Emotionen, denen sich das viktorianische Figurenpersonal unterworfen sieht: „One may guess the power of the north wind blowing over the edge, by the excessive slant of a few stunted firs at the end of the house; and by a range of gaunt thorns all stretching their limbs one way, as if craving alms of the sun.” In God’s Own Country sind es die Ruinen eines Hofes fernab der Farm, wo John und Gheorghe die trächtigen Schafe überwachen sollen. „It’s beautiful up here, but lonely, no?“, meint Gheorghe beim Blick über die Weite der wilden Landschaft.

Wenn die beiden Männer einander an diesem unwirtlichen Ort näher kommen, ist das für mich die schönste Szene dieses Films. Zuvor hat der fleißige Gheorghe sein Geschick bei der Arbeit mit den Tieren bewiesen; wir merken, dass er ganz genau weiß, was er tut, wenn er etwa auf effiziente, aber auch einfühlsame Weise ein leblos geborenes Lamm zum Atmen bringt oder einem toten Tier das Fell abzieht, um es einem anderen anzulegen, sodass es von einem Muttertier angenommen wird. Johns Umgang mit den Schafen ist hingegen genauso ruppig wie Gheorghe gegenüber, wenn er ihm beim morgendlichen Pinkeln jäh in den Schritt greift. Sie stürzen sich aufeinander und wälzen sich wie in einem Ringkampf auf dem schlammigen Boden. Zartheit zuzulassen, muss John erst lernen, und Gheorghe ist ihm ein geduldiger Lehrer. Sie sitzen am offenen Feuer, wärmen sich die klammen Hände und beginnen ein Spiel der bewusst gesteuerten Provokationen: „Freak.“ – „Faggot.“ – Fuck off.“ Im warmen Schein von Petroleumlampen versucht es John gleich darauf auf die bewährte Weise. Er greift Gheorghe zwischen die Beine, da packt dieser seine Hand und führt sie an seine Wange, streicht mit ihr über die bartstoppelige Haut und küsst sie. Den ersten Kussversuch auf die Lippen wehrt John noch ab. Doch Gheorghe lässt nicht locker – mit dem Zähmen von Tieren, das hat er uns schon bewiesen, kennt er sich aus, da wird er mit diesem störrischen Landburschen auch noch fertig werden. Er streichelt John Hals und seine nackte Brust, nimmt dann wieder seine Hand in die seine und zieht sie zu sich. Ihr Keuchen klingt, als würde es aus Schmerzen entstehen; schließlich fällt eine unsichtbare Wand und es kommt zu dem schon längst ersehnten Kuss. Die beiden Männer sitzen einander gegenüber, jeder nimmt den Kopf des anderen zwischen die Hände, sie schauen einander intensiv in die Augen. Sie haben Sex mit einer Gier, die auch viel von ihrer Verzweiflung am Leben innehat, doch zum ersten Mal auch mit einer neuen, bislang ungeahnten Zärtlichkeit. An diesem unwirtlichen Ort, wo sie einander helfen, ihre Barrikaden einzureißen, und einander als Menschen nahe kommen, haben sie die Magie ihres persönlichen Arkadiens auferstehen lassen.

Den Mythos von Arkadien finden wir in der Idealisierung des Hirtenlebens in der Schäferdichtung, einer beliebten Gattung der Barockliteratur. Ihre Verse drehen sich nicht selten um die Figuren einer abweisend-spröden Geliebten und des sich nach ihr verzehrenden Liebenden. Der Ort dieses wehmütigen Schmachtens wird zuweilen mit Arkadien benannt, dessen Einwohner sich als das älteste griechische Volk wähnten. Die Idylle der Natur, das Glück und die Zufriedenheit von Menschen, denen die Arbeit als Hirten keine Belastung darstellt, die Vorstellung eines goldenen Zeitalters – als Schäfer verkleidet, flüchten sich Adelige vor dem als unerträglich empfundenen Mühsal ihres sozialen Lebens aufs Land und in eine Existenz jenseits gesellschaftlicher Zwänge: Eskapismus pur, der mit den realen Lebensumständen der Hirten wenig bis nichts gemein hat, mögen sich diese, die man – so ihr Aufgabenfeld sich auf diese Tierart bezieht – Cowboys nennen kann, auf dem amerikanischen Brokeback Mountain befinden oder auf den sturmumtosten Höhen Yorkshires.

Der zweite Schlaganfall des Vaters konterkariert Johns und Gheorghes ausgelassenes Plantschen in einem eiskalten Fluss. Während die Großmutter an seinem Bett im Krankenhaus wacht, verbringen die beiden für einige Zeit allein in dem Farmhaus, das für sie eine Art richtiges Zuhause wird, mit allem, was angefangen vom Nudelkochen bis zu einem gemeinsamen Wannenbad dazugehört. Ob er nicht länger bleiben könne als geplant, bringt John im Pub endlich die Worte heraus, die ihm am Herzen liegen. Doch Gheorghe ist skeptisch, worauf sich John wieder einmal betrinkt. Gheorghe wird von einem Einheimischen rassistisch beschimpft, rastet aus, macht sich auf die Suche nach John und findet ihn auf der Toilette beim Sex mit einem unbekannten Jüngling. Als ihm John mit dem Wagen folgt, hat er schon seine Siebensachen gepackt. John will die Realität nicht wahrhaben: „What are you doing?“ – Gheorghes Faust ist geballt und schlägt um ein Haar zu: „Fuck you.“

Weitere sehr berührende Momente hält der Film für uns in der Auseinandersetzung zwischen John und seinem Vater bereit. Der junge Mann muss nun alle Arbeit auf dem Hof allein erledigen, auch nachdem er aus dem Krankenhaus zurückgekommen ist, ist ihm Martin keine Unterstützung mehr. An dieser Hilflosigkeit des Vaters, der schwerer als zuvor mit seinem Schicksal hadert, wächst John – das trotzige Kind ist erwachsen geworden. Er kümmert sich um das Vieh, trinkt keinen Alkohol mehr, bleibt auch abends auf dem Hof, er wäscht Martin in der Badewanne, zum ersten Mal legt er die Hand auf die des Vaters und entsteht so etwas wie Nähe zwischen ihnen. Er wirkt die meiste Zeit sehr ruhig, in sich gekehrt, oder ist es Resignation? Eines Nachts jedoch verwüstet er den Caravan, in dem Gheorghe geschlafen hat, und findet dort seinen Pullover. Er zieht ihn sich an und streicht sanft darüber. Er ruft Gheorghes Nummer an und legt auf, als sich die Mailbox meldet. Dann macht er seinem Vater bei einer Ausfahrt auf einen Hügel verständlich, die Dinge in Zukunft auf seine Weise regeln zu müssen: Er wolle sich aufmachen, um Gheorghe zurückzuholen, verspricht aber wiederzukommen: „And I want it to be different.“

Vor einer Halle des Großbetriebs, in dem Gheorghe Arbeit gefunden hat, wartet John lange Zeit, dann: die Aussprache zwischen den beiden jungen Männern. „Why did you just leave?”, dringt John in Gheorge, der ihm recht ruppig antwortet: „You shouldn’t have come. I’m not the answer.” Dass er ihn einfach sehen musste, beharrt John. „I thought … if I could see you, talk to you, I could make things better. Try at least.” Für einen wortkargen Menschen wie John ist das schon viel, doch Gheorghe reicht es nicht. Ob das alles sei, pariert er. In John toben die Gefühle, doch er schüttelt den Kopf: was er wirklich sagen will, kommt ihm nicht über die Lippen. Da wendet sich Gheorghe zum Gehen. John läuft ein paar Schritte in die andere Richtung, dreht sich dann aber abrupt um, rennt ihm nach und packt ihn an den Schultern: „I’m trying to do this. „I’m trying to sort it out.“ Er sei den ganzen Weg zu ihm gekommen: „And I want you to come back.“ Wie ein Schluchzen brechen die lang aufgestauten Gefühle aus ihm: „With me. And I want us to be together. I don’t want to be a fuck-up anymore. I want to be near you. And that’s what I needed to say.“ Als Reaktion könnte jetzt alles kommen, Gheorghe entscheidet sich für die Ironie ihres alten Spiels: „You’re a freak.“ – „So are you.“ – „Faggot.“  Und unter Tränen: „Fuck off.“ Sie legen ihre Köpfe aneinander und es kommt zu einem Kuss – dabei wirken sie fast winzig unter dem Tor der riesigen Halle, doch nicht verloren, weil sie zusammengehören.

„He’s more myself than I am“, heißt es in Sturmhöhe über den Protagonisten Heathcliff. „Whatever our souls are made of, his and mine are the same.” Und Patrick Wolf singt im Lied „The Days” über den Abspann von God's Own Country: „(…) this heart starts pulling apart/This cold flesh and worn bones./And I long to be carried on/Once to be lifted strong/Out of the loneliness, and the emptiness of the days.” Die Einsamkeit und die Leere der Tage sind vergessen, die Ängste über die Zukunft und die Gefühle füreinander nicht länger unausgesprochen und vieles ist möglich. Es ist dem großen Einfühlungsvermögen von Drehbuchautor und Regisseur Lee in die Menschen, ihr Idiom und die Landschaft zuzuschreiben, die sie geprägt hat, dass in diesem Film trotz der zueilen geradezu überbordenden Romantik immer gerade die richtigen Worte gesprochen werden und keines zuviel. So entsteht die herbe Poesie des Augenblicks, entstehen jene leisen Schwingungen und Zwischentöne, die keinen Kitsch zulassen, sondern echt empfundene Glücksmomente.