Blicke, ohne Worte

Herzstein (Dänemark/Island 2016)

Es beginnt mit Blicken ohne viele Worte. Drei Burschen, alle um die dreizehn oder vierzehn Jahre alt, genießen auf einem Pier die seltenen Sonnenstrahlen im isländischen Sommer. Thor drückt sich neben ihnen herum. Er trägt als einziger ein Shirt und betrachtet verstohlen ihre nackten Oberkörper. Dabei sucht er nach Anzeichen der aufkeimenden Männlichkeit, die er an sich selbst noch schmerzhaft vermisst. Seine Augen bleiben an Kristján hängen, seinem besten Freund, dessen Finger mit den ersten Achselhaaren spielen. Später wird Thor vor dem Spiegel im Badezimmer stehen und seine Muskeln anspannen, er wird sich mit einem Büschel aus der Bürste seiner Schwestern ein Schamhaartoupet basteln. Der liebevolle Spott der Kameraden tut weh und macht wütend, und als Thor unter dem Pier einen Fischschwarm entdeckt, ergibt sich die Gelegenheit, diese Wut, die aus Unsicherheit resultiert, an den geangelten Tieren auszulassen. Die Jungen zertrümmern und zertreten den Fischen die Köpfe. Den Stolz, den größten Fang aufweisen zu können, vermag Thor nicht auszukosten. Er solle die Fische vor dem Haus stehen lassen, meint die Mutter. Sie werden dort vergammeln.

Borgarfjörður eystri, ein kleines Fischerdörfchen irgendwo in Island, gibt den Schauplatz für Guðmundur Arnar Guðmundssons Langfilmdebut Hjartasteinn. Die Natur in ihrer wilden Schönheit ist viel mehr als reine Kulisse: Die karge Landschaft des Hinterlandes, die sturmzerzausten Weiden und eiskalten Seen, die steilen Klippen am Meer, das unablässige Brausen der Brandung – die Menschen, die hier leben, sind ständig Wind und Wetter ausgesetzt. Kaum ein Tag dieses Sommers, an dem sie der Regen nicht durchnässt, einmal schneit es sogar. In den kleinen, schachtelartigen Häusern finden sie nur scheinbar Zuflucht – die Familien, die darin leben sind dysfunktional und zerrissen. Thors Vater hat sich aus dem Staub gemacht, seine Mutter gibt sich Mühe, die Familie zusammenzuhalten, doch ihr macht die Sehnsucht nach einem Partner sehr zu schaffen. Kristjáns Vater ist ein brutaler Säufer, seine Mutter ist zu schwach, um sich ihm gegenüber zu behaupten. Mit den älteren Jungen gibt es bei jedem Aufeinandertreffen im und um den kleinen Dorfladen aggressive Auseinandersetzungen. Wann immer diese Figuren ihre Emotionen, die sie schier zu zerreißen drohen, nicht mehr zurückzuhalten vermögen, sucht sich die Gewalt ihren Weg und ihren Fokus. Dies trifft nicht nur auf Kristjáns Vater zu, der dann, wenn ihm etwas gegen den Strich läuft, einfach zuschlägt. Als Thors Mutter am Esstisch ihr Bedürfnis artikuliert, nicht länger allein bleiben zu wollen, während ihr Mann eine jüngere Freundin hat, kommt es zum heftigen Wortwechsel mit ihren Töchtern. Es fallen Sätze, die man innerhalb dieser Familie nicht für möglich gehalten hätte, und es bleibt nicht beim verbalen Streit.

In diesem klar und realistisch gezeichneten, zuweilen bedrohlichen Umfeld entwirft Guðmundsson sein vielschichtiges Bild der Freundschaft zwischen Thor und Kristján, ihrer Blicke und Berührungen und, wie sich bald zeigen wird, der ganz unterschiedliche Bedeutung, die diese für die beiden Jungen haben. Guðmundssons Erzählduktus ist von einer bewundernswert natürlichen Geradlinigkeit; die Selbstverständlichkeit, mit der er den Schauplatz und die wichtigen Charaktere seines Films darlegt und in diese Informationen, die nie nur mit dem Kopf, sondern mit dem Herzen gegeben scheinen, die Einschreibung seiner zentralen Themen und Motive vornimmt, bestimmt den Ton und die Stimmung des Streifens, den ruhigen Fluss seiner Geschichte. Wenn darin zwischen Thor und Kristján Worte fallen, sind diese nicht immer dazu da, um ihre wahren Gefühle darzulegen, sondern eher, um sie zu verbergen. Die Zeichnung der Charaktere konzentriert sich auf die Ambivalenz in der Beziehung zwischen Thor und Kristján – Thors Selbstzweifel, was seinen noch kindlichen Körper und seine aufkeimende Sexualität betrifft, ebenso wie Kristjáns zärtliche Zuneigung dem Freund gegenüber. Sie wollen ihre Unsicherheit dem anderen gegenüber nicht eingestehen, obwohl es doch sonst niemanden gäbe, dem sie solch intime Gefühle anvertrauen könnten. Wenn Thor wieder einmal von seinen Schwestern aufgezogen wird, legt Kristján seinen Arm beschützend um ihn. Doch meist - beim Herumlungern auf einem Schrottplatz oder Herumziehen durch die Weiden und Felder - wehren die Jungen, auch Kristján, die Berührungen des anderen als „schwul“ und reines Spiel ab.

Didier Eribon formuliert in Rückkehr nach Reims, einem Rückblick in seine Kindheit und Jugend in einem homophoben Lebensumfeld im Arbeitermilieu der Fünfziger- und Sechzigerjahre: „Mein Begehren und meine Sexualität allmählich zu entdecken hieß, mich mit dieser immer schon durch Schmähworte definierten und stigmatisierten Kategorie zuzuordnen und den Schrecken all derer zu durchleben, denen klar wird, dass solche Beleidigungen sie ein Leben lang bedrohen werden.“ Dass eine solche Einschätzung über die Schwierigkeit, gegenüber einer Umwelt, die als feindlich charakterisiert werden muss, zu seinem wahren Ich zu stehen, auch auf eine Geschichte aus dem angeblich so fortschrittlichen Island von heute passt, mag verwundern. Doch Kristjáns Begehren ähnelt dem von Eribon, das „in der Furcht lebt, verspottet, stigmatisiert und analysiert zu werden.“ Ihre Suche nach dem, was Männlichkeit (auch) ausmachen könnte, führt Thor und Kristján in unterschiedliche Richtungen. Ohne es wahrhaben zu wollen, spürt Thor natürlich, dass Kristjáns Freundschaft zu ihm zu mehr wird, zum Brennen, zu Liebe. Die widersprüchlichen Empfindungen, die daraus entstehen, tragen nur noch zu Thors Unsicherheit bei. Sein eigenes Begehren richtet sich auf ein älteres Mädchen, Beta, mit der er den ersten Kuss auszutauschen wagt, dennoch fühlt er sich dem Freund, dessen Schutz er sich immer sicher sein kann, sehr nahe und nimmt die Schwingungen von dessen heimlichen romantischen Gefühle wahr. Diese unterschiedlichen Perspektiven im ungleichen Empfinden der beiden Freunde, die der Film ernst nimmt und gleichwertig entwickelt, machen Herzstein zu einem sensiblen Coming-of-age-Drama jenseits sämtlicher Klischees des Genres.

Zwei Jungen entdecken die Liebe, und im Zentrum dieses Zwiespalts steht eine wunderbar ruhige, wunderbar berührende Szene, in der Thors Schwestern die beiden dazu gedrängt haben, der jüngeren von ihnen Modell für ein Gemälde zu sitzen. Warme, rötliche Farben – das Wohnzimmer des Hauses wird zum Sinnbild eines Refugiums. Die Mädchen schminken die Jungen, sie tragen Lippenstift, Lidschatten und Wangenrouge auf, dann sollen sie sich, fast nackt, aneinanderschmiegen wie ein romantisches Paar. Thors Kopf ruht auf Kritjáns Schulter, dessen herzzerreißendes Schmachten dabei tausend stumme zärtliche Worte spricht. Die Kamera nimmt seinen Blick auf, wir sehen Thor, so wie Kristján ihn sieht. Die schmalen Körper, die Sinnlichkeit der Berührungen, die Hände der beiden auf der Haut des anderen, die kindlichen Züge, die jetzt so offen und so verletzlich erscheinen, das heftige, fast keuchende Atmen, in dem sich das Rasen der Herzen einen Weg aus der engen Brust sucht. Kurz hebt Thor die Augen, da verkrampfen sich Kristjáns Finger um seinen Oberarm – der direkte Blick ist in diesem Moment einfach zuviel für ihn.

Plötzliche Geräusche von draußen sprengen die Nähe zwischen den Buben und legen die Tragik bloß, die sich zwischen ihnen entwickelt. Sie springen auf, als wären sie bei etwas Unrechtem, Verbotenem ertappt worden. Sie wischen sich die Schminke vom Gesicht und ziehen sich an, gehen dann durch den Regen und geben sich Mühe, die Knoten zwischen ihnen durch Lachen zu lösen. Daheim schaut sich Kjristján im Spiegel an. Er fährt sich über die noch immer leicht roten Lippen und Wangen und betrachtet die Fingerspitzen, als ob daran etwas von seiner Seele haften geblieben wäre. Schließlich beginnt er zu lächeln – wie einer, der im Spiegelbild sein Selbst gefunden hat. Woran er denkt, wenn er sich dann im Dunkeln streichelt, können wir erahnen; sein Atem ist so heftig wie vorhin beim Malen. „Ich konnte nicht mein ganzes Leben mit der Scham und der Angst verbringen, schwul zu sein“, schreibt Eribon in seinem

autobiografischen Text über diesen zentralen Moment der Selbstfindung: „Das war einfach zu peinvoll und zu mühsam.“ Auch Kristján, so hat es den Anschein, hat nun mit seiner Identität Frieden geschlossen.

Dass dies aber wohl nicht so bleiben wird, ist uns klar. Bei einem Ausflug mit Beta und einem anderen Mädchen zu Pferde muss Kristján nachts im Zelt beobachten, wie sich Thor und Beta küssen und dann eng aneinanderschmiegen. Thor merkt, dass dies seinem Freund nicht entgangen ist und reicht ihm über Betas Kopf hinweg die Hand. Doch die Berührung ist nicht jene, die sich Kristján herbeisehnt. Am nächsten Morgen steigt Kristján, nur mit der Unterhose bekleidet, in einen eiskalten Teich in der Nähe. Er holt tief Luft und taucht unter Wasser. Dort ballt er die Hände zu Fäusten und schreit seinen Schmerz hinaus – um seinen Körper und seine Seele, um sich selbst zu spüren. Diese Gefühle, die er vor den anderen später wieder zu unterdrücken versucht, offenbaren sich schließlich auch vor Thor. Dieser gibt beim Ausmisten in einem Pferdestall damit an, bei einem Besuch bei seinem Vater Alkohol getrunken zu haben. Der habe doch gar keine Lust, ihn zu sehen, erwidert Kristján. Und Thor: Zumindest würde er ihn nicht schlagen. Eine Art Machtkampf, zuerst mit verletzenden Worten; dann beginnen die Jungen, einander mit Mist zu bewerfen und zu raufen. Ob er denn glaube, Beta wolle ihn jetzt noch küssen, keucht Kristján, als er auf Thor im Dreck liegt. „Küss du mich doch!“, reizt ihn Thor an seinem wundesten Punkt. Und Kristján wird ganz sanft und neigt ihm die Lippen zu. Thor stößt ihn zurück, worauf die beiden wieder in die übliche Bewertung ihres Tuns als reines Spiel verfallen. Mehrmals, immer wieder, versichert ihm Kristján, dass er nur einen Witz gemacht habe. Viel mehr als die Be- und Abwertung in der Hierarchie der sexuellen Normen durch seine Umwelt fürchtet er schlicht und einfach, seinen besten Freund zu verlieren, sollten diesem seine wahren Gefühle ihm gegenüber klar werden.

Kurz darauf liegen die Freunde einander in den Armen. Kristjáns Vater hat Thor auf der Suche nach Vogeleiern über eine Felsklippe abgeseilt, eine Mutprobe, die ihm im unausgesprochenen Sinne eines Männlichkeitsbeweises aufgezwungen wurde. Dabei ist der Junge um ein Haar abgestürzt und konnte nur mit Mühe wieder hochgezogen werden. Erleichtertes, keuchendes Umarmen unter Tränen, Finger, die sich in die Jacke des anderen krallen, ein intensives Band aus Blicken. Dem Vater, der dies misstrauisch beobachtet, ist klar, wie nahe die beiden Jungen einander stehen. Wie sehr Thor selbst von solchen Gefühlen verunsichert, geradezu überwältigt wird, zeigt seine Reaktion, als sie wieder zuhause sind. „Heut Abend möchte ich gern allein bleiben“, wehrt er das Angebot seines Freundes ab, nach draußen zu gehen. Und dann fällt der Zusatz: „Sei einfach wieder normal. Dann wird alles gut.“ Thor erwidert Kristjáns Blick auf diese Bemerkung nicht. Er schaut ihm durchs Fenster nach, als er aus dem Haus geht und sich nochmals nach ihm umdreht. Zwischen ihnen, auf dem Fensterbrett, ist Thors Sammlung von Actionfiguren aufgereiht. Als er sich von ihnen abwendet, ist es, als würde er seine Kindheit endgültig hinter sich lassen.

In dieser Nacht, in der später auch Schnee fallen wird, verliert Thor seine Unschuld. Er hat Sex mit Beta, danach läuft er durch die Wiesen und lässt sich zwischen die Gräser fallen. Auf seinen Lippen ist ein Lächeln, er hat endlich die Unsicherheit, ob er nicht vielleicht doch so ist wie Kristján, zur Seite schieben können. Derweil sitzt dieser im Pferdestall und weint und brüllt sich um sein Seelenheil. Und während sich Thor am Ziel seiner Träume wähnt, versucht sich Kristján mit der Pistole, mit der in einer früheren Szene Schafe zu Tode gebracht wurden, das Leben zu nehmen.

Herzzerreißend ist die Szene, in der Thor und Kristján zum letzten Mal zusammentreffen. Kristján ist aus dem Krankenhaus entlassen worden, doch seine Mutter will Thor nicht zu ihm lassen. Beta hat ihn wissen lassen, mit ihm nur noch gut befreundet sein zu wollen, und Thor ist all die schiefen Blicke im Dorf satt. Bei einer Party haben Jugendliche das Gemälde zu Gesicht bekommen, das Thor und Kristján wie ein Liebespaar zeigt – und jetzt Kristjáns Selbstmordversuch. Mit blutenden Wunden von einem Streit mit einem älteren Burschen, fasst Thor einen Plan. Beta lenkt Kristjáns Mutter ab und Thor steigt durchs Fenster in sein Zimmer. Er versperrt die Tür und setzt sich auf  den Bettrand. In seinem Werk Wahnsinn und Gesellschaft (1961) beschäftigt sich der französische Philosoph Michel Foucault mit den Mechanismen der Aussonderung von „Anderem“ durch Gesellschaften und versucht dabei zu verstehen, „wie Subjekte sich mit der Macht der Normen auseinandersetzen und Wege entwerfen, auf denen sich die eigene Existenz neu erfinden lässt.“ Vielleicht befindet sich Kristján in diesem Moment genau am Anfang dieses Prozesses der Findung und Akzeptanz seiner schwulen Identität, Theo hat wohl schon ein genaueres Bild seiner eigenen heterosexuellen. Selbst mit einem großen Pflaster auf der Wange, betrachtet er Kristján, der mit einem Verband um den Kopf ganz still daliegt. Wie es ich denn gehe, fragt er, und ob er und seine Mutter wirklich nach Rekjavik ziehen würden – er könne ihn dort besuchen kommen. Kristján dreht weinend seinen Kopf zur Seite, da legt ihm Thor die Hand auf den Arm und der Freund die seine darauf. Wieder, wie in Schlüsselszenen zuvor, hört man in dem stillen Zimmer ihr heftiges Atmen, wieder ersetzten die ruhigen Blicke der Buben, in denen das tiefe Verständnis des anderen wohnt, ihre Worte. Auf einmal fängt Kristjáns Mutter an, gegen die verschlossene Tür zu klopfen. Panik liegt in ihrer Stimme, sie befürchtet neuerlich Schlimmes. Da beugt sich Thor zu seinem Freund und küsst ihn auf die Wange. Ein letzter Blick, dann klettert er aus dem Fenster und rennt auf dem Erdweg davon.

Es ist die raue Poesie dieses Films, die ihn von anderen Geschichten um die seelische Mühsal des Coming out unterscheidet. Baldur Einarsson als Theo und Blær Hinriksson in der Rolle von Kirstján sind denn auch unverbrauchte Gesichter, die ihren Figuren mit großer Sensibilität, dem Mut, Weichheit und Verletzlichkeit zu zeigen, und, wenn es denn darauf ankommt, einer gehörigen Portion Trotz und wachsender innerer Stärke das echte, ungeschönte, authentische Leben von Jugendlichen verleihen, die im Spinnennetz ihrer Gefühle gefangen sind.

In der Schlussszene des Films starrt Thor unter fast bedrohlichen Wolken in die Brandung, als gelte es, darin Antworten auf all seine Fragen zu finden. Er beobachtet einen Jungen  beim Angeln mit einer Schnur, wie er es am Anfang des Films zusammen mit Kristján und den anderen Burschen gemacht hat. Wie sie damals, fängt auch das Kind einen Seeskorpion und graust sich davor. Er agiert aber anders als Thor, der den Kopf des Fisches mit den Füßen zertreten hat. Er wirft ihn zurück ins Meer. In der bildhaften Sprache von Märchen, unter anderen etwa jenem Grimm’schen mit dem Titel „Ferenand getrü un Ferenand ungetrü“, kann ein Fisch als Phallussysmbol gesehen werden, somit ginge es in den beiden Angelszenen von Herzstein um die sich gerade entfaltende Sexualität der Jugendlichen. Das Zertreten seines Kopfes entspräche der (unbewussten) Weigerung, über die damit verbundenen Gefühle nachdenken zu wollen, weil sie Angst machen können, so wie man eben oft Angst vor dem Unbekannten hat. Am Ende des Films driftet der Fisch, den der Junge ins Wasser zurückgeworfen hat, darin eine Zeitlang umher. Dann kommt wieder Leben in ihn und er schwimmt davon. Dies sehen wir nun nicht mehr durch die Augen von Thor, der den angelnden Jungen beobachtet hat, sondern, da es sich unter Wasser abspielt, aus der Perspektive eines allwissenden Erzählers, der auch die innere Stimme der Jungen sein könnte. Es erscheint mir demnach legitim, sich auf eine Richtung der Interpretation einzulassen, wie sie Ueli Leuthold in seiner Abhandlung Von Coming Out, Gay Pride und Stiefkind-Adoption. Männliche Homosexualität in den Märchen der Brüder Grimm (2017), wenngleich auf andere Texte angewandt, nahelegt: Thor und Kristján sind nun, nach allem, was sie erlebt haben, bereit, die Gedanken in ihrem Kopf, was all ihre Sehnsüchte und Befürchtungen betrifft, zuzulassen und damit ihrer Sexualität den nötigen Freiraum zur Entfaltung zuzugestehen; sie sind in diesem Sinne eins mit sich selbst und unbeschwerter im Umgang miteinander geworden.

In Jean-Paul Sartres Saint Genet (1952) heißt es: „Es kommt nicht darauf an, was man aus uns gemacht hat, sondern darauf, was wir aus dem machen, was man aus uns gemacht hat.“ Und Didier Eribon nennt es „die metaphernreiche Sprache Genets“, wenn dieser davon schreibt, dass irgendwann die Zeit kommen würde, „wo man den Rotz, mit dem man bespuckt wird, in Rosen verwandelt, die Beschimpfungen in Blumenkränze und Sonnenstrahlen“. Das Ende von Herzstein erlaubt den Ausblick, dass auch Kristján sein ureigenste Element gefunden hat oder zumindest eines Tages finden wird. Und dass er darin aus dem, was die Sommertage mit Thor aus ihm gemacht haben, ein gutes Leben formen wird.