Der Tag und die Stunde

Jonathan (Deutschland 2016)

Der Wald, der Regen, Schwaden von Nebel, ein heraufziehendes Gewitter und die Sonne am nächsten Morgen – auf betörende Weise fängt die Kamera von Jeremy Rouse die Szenerie um das Bauernhaus ein, in dem der vierundzwanzigjährige Jonathan seinen krebskranken Vater Burghardt pflegt. Aufgerieben zwischen der schweren Arbeit auf dem Bauernhof und der Verantwortung für den wortkargen Vater, sieht er sich an die eigenen Grenzen getrieben. „Ich kann das nicht mehr!“, wehrt Burghardt einmal die Hilfe ab, die ihm sein Sohn bietet. Was er meint, sind die Schmerzen und die schlimmen Nebenwirkungen der Chemotherapie, ist die Hoffnungslosigkeit, die sich seiner bemächtigt hat. Ebensolche Gedanken mögen Jonathan heimsuchen, dem die Angst, das eigene Leben zu verpassen, in den Augen brennt. „Der Mensch weiß nicht erst seit Augustinus, dass er sterben muss, ohne Tag und Stunde zu kennen“, schreibt der Historiker Robert Fossier in seinem Sachbuch Das Leben im Mittelalter. Burghardt ist dem Tode ganz nah, die Marter der Krankheit ist dem Schauspieler André Hennicke auf erschreckende Weise ins totenkopfähnliche Gesicht geschrieben. Für Jonathan ist die Ungewissheit, wann der Vater denn dem Sterben nachgeben muss, eine Qual. Jannis Niewöhner macht die Verletzlichkeit und die Verzweiflung hinter seiner ruhigen Schale spürbar. „(…) man möchte sagen, die Absicht, dass der Mensch „glücklich“ sei, ist im Plan der „Schöpfung“ nicht enthalten“, formuliert Freud in Das Unbehagen in der Kultur. In der Situation, in der Vater und Sohn sich gleichermaßen als Gefangene sehen, würden ihm Jonathan und Burghardt wohl gleichermaßen beistimmen.

Und dann wird mit der Ankunft von Burghardts Jugendfreund Ron (Thomas Sarbacher) alles anders. Der Todkranke blüht auf, er zieht sich ein frisches Hemd an, er kämmt sich die Haare – und impliziert doch auch, dass damals etwas vorgefallen sein muss, das ihm immer noch unaussprechlich erscheint. „Ich habe mich dafür gehasst“, sagt er zu Ron „und ich habe versucht, dich dafür zu hassen.“ Jonathan fühlt sich von dem Eindringling Ron in seiner Rolle, all die Last allein tragen zu müssen, beschnitten und weiß mit dem Wandel seines Vaters nichts anzufangen. Er drängt ihn, doch von früher zu erzählen und davon, auf welche Weise seine Mutter ums Leben gekommen ist: „Ich weiß nämlich gar nichts, Papa.“ Doch Burghardt blockt wieder ab; wie all die Jahre zuvor rennt der Sohn gegen eine Wand aus Schweigen.

Erst als Jonathan seinen Vater und Ron am Meer aufspürt, werden ihm die Zusammenhänge klar – und die Erkenntnis kommt als Schock. Er findet sie tanzend zwischen den Dünen und hört Burghardts Beichte mit an, dass er damals, als Ron und er zusammen waren, nie an die Möglichkeit eines Selbstmords seiner Frau gedacht habe. Das Bild vor Jonathans Augen: Burghardts Kopf auf Rons Schulter. Er will sich voll der Wut der Enttäuschung auf den Vater stürzen: „Du bist Schuld an ihrem Tod! Ich scheiß auf deine Liebe!“ Und Burghardts Geständnis: Dass er bereits die Koffer gepackt, ihn jedoch das Weinen seines kleinen Sohnes zurückgehalten hätte. Und Ron: „Dein Vater hat nichts falsch gemacht. Er konnte es nicht richtig machen.“

Ein guter Tod, ein Sterben in Würde – Burghardt setzt seine letzten Reserven ein, um dieses sein Sehnen wahr werden zu lassen. „Es sind meine zwei Wochen“, beharrt Burghardt darauf, selbst entscheiden zu dürfen, auf welche Weise er die Zeit, die ihm noch bleibt, verbringen möchte. Was folgt, sind sein Zusammenbruch, die Einlieferung ins Krankenhaus und eine wundersam berührende Szene, in der der alte sterbende Mann noch einmal den Geliebten spüren darf. Burghardt wirkt zerbrechlich in Rons Armen, als die beiden nachts im Bett im versperrten Krankenzimmer beisammen liegen. Trotz der Schläuche und Kanülen ziehen sie einander aus, sie umarmen und küssen einander – voller Gier nach so etwas wie dem Rest von Leben sind ihre Berührungen, ist das Nachspüren im Anderen, wie es früher gewesen ist und nicht mehr sein kann.

Das Ende des Films hält für seine Charaktere Vergebung und Versöhnung bereit. „Jetzt mal echt“, will Jonathan unter Tränen von seinem Vater wissen: „Wenn ich nicht gewesen wäre …“ Der Gedanke, ihn vom Leben abgehalten zu haben, als er noch jung war, macht ihn fast verrückt. Doch Burghardt widerspricht ihm: „Du bist der beste Teil von Mama und mir. (…) Ich hab dich verdammt lieb, du sturer Bock.“ Das Gespräch wird ihr letztes bleiben. „Ich hab Angst“, flüstert Burghardt später fast unhörbar auf seinem Sterbebett. Die Antwort: „Bald hast du’s geschafft.“ Der Respekt, die immense Ehrfurcht, die der polnische Regisseur Piotr J. Lewandowski dem Thema und seinen Charakteren entgegenbringt, spricht aus diesen Momenten. Sie sind nicht nur Bildfolgen, vor derer Deutlichkeit und Intensität sich die meisten anderen Filme wohl drücken würden, sondern getragen von großem Ernst, der etwas mit Wahrhaftigkeit zu tun hat. Burghardt windet sich im Todeskampf, er nimmt Abschied im Kreise seiner Lieben – winzige Blicke und Berührungen. Es ist ein unerhörter Vorgang, eine Zumutung, was da mit einem passiert, ohne dass man etwas daran ändern könnte, wiewohl der natürliche Ablauf der letzten Dinge. „Ich bin bereit“ – Burghardts Worte sind kaum mehr hörbar. Und dann ist es überstanden. Der Tag und die Stunde sind markiert, ein Leben ist zu Ende. Ein anderes, jenes von Jonathan nämlich, steht an der Weiche zu neuen Zielen. Vielleicht ist ihm ja sogar entgegen Freuds Vermutung so etwas wie Glück beschieden.