Vertreibung aus dem Paradies

Kater (Österreich 2016)

Ein Idyll, ein Davor und ein Danach und dazwischen ein Moment des völlig Unerwarteten. Der Tiroler Regisseur Händl Klaus entwirft in seinem zweiten Spielfilm Kater die Vertreibung eines schwulen Paares aus dem Paradies ihrer Beziehung. Die Berufe – Hornist beim Radio-Symphonieorchester Wien und Disponent für das Orchester –, das Haus am Stadtrand von Wien, der Garten, der die Zutaten für raffinierte Gerichte liefert, die Freunde, in deren ausgelassener Runde sich diese verkosten lassen: Da haben sich zwei Männer, Stefan und Andreas, ein perfektes Leben aufgebaut und zudem, das wird in den fast schwebend leicht erzählten Szenen zu Beginn des Films deutlich, in ihrer Liebe und dem Begehren füreinander eine Art von gelassener Sicherheit gefunden, die ganz im Anderen aufgeht und doch auch genügend Raum für Eigenständigkeit belässt. Wie um ein kleines Kind kümmern sie sich voll der Zuneigung auch um ihren Kater Moses, dem Stefan dann von einem Moment auf den anderen und ohne ersichtlichen Grund das Leben nimmt.

Eine Sekunde nur, ein knackender Laut, schon liegt Moses leblos in Stefans Armen; das Entsetzen beider Männer wird zu einer Wand, die auf einmal zwischen ihnen aufgetaucht ist und die unüberwindbar scheint. Die Verletzung von Vertrautheit und Vertrauen, die Frage, wie weit man einen anderen Menschen, auch wenn er einem noch so nahe steht, wirklich kennen kann, verhandelt dieser wunderbar zarte, wunderbar zärtliche, wunderbar ernsthafte Film. Lukas Turtur und Philipp Hochmaier bewegen sich darin mit viel Mut zur Nacktheit – der körperlichen, aber nicht minder der seelischen. Sie erleben die schockstarre Verwunderung über den anderen und über sich selbst, die eine tiefe Verwundung ist, auf so intensive Weise, dass man sie als Zuschauer immer wieder an den Schultern schütteln möchte: So redet doch endlich wieder miteinander! Denn das Leben, wie sie es geführt haben und im Grunde ihres Herzens auch gern weiterführen würden, lässt sich nicht so einfach konservieren wie die Früchte aus dem Garten. Lange Zeit hüllt sich Andreas nach Stefans unerhörter Tat in Schweigen und Stefan versinkt in der Hölle des reuevollen Unverständnisses über sich selbst. Später beginnt Andreas in der Küche unvermittelt auf seinen Partner einzuprügeln, der sich auf dem Boden zusammenrollt und nicht zur Wehr setzt, weil er selbst für sich kein Verzeihen kennt. Und auch als Stefan nach einem Sturz vom Obstbaum ein Auge verliert, bereitet die im wahrsten Sinne des Wortes neue Sicht der Dinge zwischen ihnen nicht nur ihm Schmerzen: Stefan möchte nur seine Hand auf den Bauch des Geliebten legen, möchte ihn endlich wieder körperlich spüren – da zuckt Andreas zurück wie unter einem Stromschlag.

Der Name Moses, die tote Schlange, die eines Tages im Haus liegt, der Sturz von einem Baum, der für die beiden Männer einen neuen Weg zur Erkenntnis einleitet – die Bibelbezüge sind offensichtlich und bleiben doch in der behutsamen Gestaltungsweise des Films unaufdringlich und verhalten. Der französische Schriftsteller Henry de Montherlant benennt Ungewissheit als Charakteristikum von Intelligenz und meint weiter: „Tasten ist ihr Werkzeug.“ So gewiss wie zuvor werden sich Stefan und Andreas nicht mehr fühlen, doch der Film verhandelt in seiner authentischen Darstellung ihre Sehnsucht, die Nähe von früher wiederzufinden – eine Sehnsucht so groß, dass es ihnen fast das Herz zerreißt. In einem besonders berührenden Moment beobachten wir sie, wie sie sich aneinander herantasten und wieder aufeinander einzulassen beginnen. Sie stehen am Fenster ihres Hauses und schauen in den Garten. Im Gespräch, das zögernd und sehr leise verläuft, wenden sie sich einander zu. Stefan fasst zum erstem Mal seine Ängste in Worte: Er fürchte sich davor, auch sein zweites Auge zu verlieren. Und: „I hätt mi so gern immer im Griff. Ich hab Angst […] dass i was tu.“ Sie umarmen sich. „Des is mei Angst. Dass du mi verlasst. Dass i di verlier.“ Sie schauen einander in die Augen, als Stefan ausspricht, dass „so etwas“, also ein Akt der Gewalt, das Unvorhersehbare, Unerklärliche auch in Zukunft wieder geschehen könne. Soviel, das wird offensichtlich, muss ab nun zwischen ihnen klar sein, und das stellt ihre Beziehung auf eine neue Ebene. Denn die Vertreibung aus dem Paradies hat eben auch den Schritt auf die Stufe einer höheren Ebene zur Folge, weg vom Naiv-Kindlichen hin zum bewussteren Umgehen miteinander, das Erwachsensein ausmacht.

„Jeder Zweifel ist die Forderung nach einer Methode“, schreibt der spanische Philosoph José Ortega y Gasset. Die Zweifel sind gesät, Stefans und Andreas’ Methode, damit umzugehen und wieder zum Gemeinsamen zu finden, ist ihre Liebe. Wozu ein Mensch fähig ist und ob es jemals so etwas wie Gewissheit innerhalb von Beziehungen geben kann – der schwierige Lernprozess, den die zwei Männer durchmachen, führt sie aus dem Gefängnis der Entfremdung schließlich doch wieder zueinander. „Liebe ist für mich die Kraft, die das aushält“, resümiert Händl Klaus in einem Interview. „Auch dieses Fremde im anderen. Die zum anderen hält – halten muss, als irrationale Kraft. Und wenn es noch so schwierig ist. Dann ist es Liebe.“ Stefan und Andreas treffen sich in der Musik wieder, die schon immer ein wichtiges Bindeglied zwischen ihnen war. Der Song von Miles Davis: „The sea, the sky/And you and I/We’re all blues“ – Andreas hört die ersten Takte im Garten und findet Stefan im Wohnzimmer im selbstvergessenen Tanz. Die beiden umkreisen einander, so öffnen sich die Schleusen ihrer Gefühle, die so lange verschlossen waren. Sie ziehen einander die Shirts über den Kopf und können in der Umarmung Haut an Haut einander endlich wieder spüren und miteinander atmen, finden einander in dem alten Geliebten, der zu einem neuen Geliebten geworden ist, und wieder Ruhe in ihrer Seele.