Vom Flüstern und vom Schreien und vom Schweigen

Loev (Indien 2015)

Die gesamte Erzählung dieses Streifens, geschrieben, produziert und inszeniert vom indischen Filmemacher Sudhanshu Saria, ist gebündelt in diesem einen, wunderbar schwebenden Moment. Zwei junge Männer sitzen hoch auf einem Felsen und blicken ins Tal tief unter ihnen. Sie befinden sich auf einer Wanderung in den Bergen. Sie sind frühmorgens von ihrem Hotel aufgebrochen, der eine, Jai, müde vom Jet-Lag, droht immer wieder damit, nicht mehr weiter zu gehen, der andere, Sahil, ist voller Elan und treibt ihn an. Die Wanderung, zuletzt anstrengendes Klettern hat sie hierher zu diesem Felsvorsprung gebracht. Wir haben sie zuerst nur aus großer Entfernung betrachten können, waren weit über ihnen inmitten der felsigen Schlucht, jetzt aber sind wie auf einmal ganz nah bei ihnen. Sie sitzen nebeneinander, vor ihnen die grandiose Aussicht, die sie aber gar nicht wahrzunehmen scheinen. Der Wind umspielt ihre Gesichter, Sahil hat die Lider geschlossen, Jai starrt vor sich hin, dann wendet er sich dem Freund zu und seine Augen sprechen Bände, sie flüstern von Liebe und schreien von der Verzweiflung, nichts von diesen Gefühlen laut aussprechen zu können. Und bleiben, als nun Sahil die Augen öffnet und sich seinerseits Jai zuneigt, doch nur wieder stumm. „What?“ – Was denn los sei, fragt Sahil und lacht. Und wir bleiben, zumindest für diesen Abschnitt des Films noch, ahnungslos, was sich zwischen den beiden gleich abspielen wird.

„Hier stehe ich und spüre, wie der Winter aus mir herausrinnt“, sagt Astrid Lindgrens Ronja Räubertochter im gleichnamigen Roman. „Bald bin ich so leicht, dass ich fliegen kann.“ Ein anderes Medium, ein ganz anderes Genre, hier die Kinderliteratur, dort ein schwuler Film, hier ein Satz, so rein und perfekt, dass es beinahe weh tut, ihn zu lesen, dort die wilde Szenerie der Schlucht, die außen vor bleibt ob der wilden Gefühle, die in Sahil und Jai toben. Worüber die Worte der schwedischen Autorin ebenso sprechen wie die Bilder des indischen Regisseurs, ist natürlich die Liebe. So leicht, so unbeschwert, dass es uns erscheint, als würden sie gleich abheben, kommen uns Sahil und Jai in einigen der Szenen des Films vor, in anderen jedoch so bleiern und schwer, dass nicht einmal dem Sturm ihrer Emotionen gelingt, sie in die Arme des anderen zu werfen. Loev lautet der Titel des Films, eine bewusste Vertauschung von Buchstaben im Wort „love“; dennoch ist klar, worum es inmitten all des Chaos in den Herzen der beiden jungen Männer im Grunde genommen natürlich geht, denn von Erich Fried wissen wir: „Es ist, was es ist, sagt die Liebe.“

So verworren die Gefühlsebene der beiden Charaktere, so einfach und stringent ist die Struktur des Films. Sahil ist Musiker in Mumbai, sein Jugendfreund Jai hat es als Geschäftsmann in den USA zu beträchtlichem Wohlstand gebracht. In unregelmäßigen Abständen treffen sich die beiden, wir begleiten und beobachten sie bei einem Wochenendausflug in die Western Ghats in der Umgebung der Stadt, beim Kauf einer Gitarre, beim Abendessen, im Kino und eben auch bei dieser Wanderung. Das unmittelbare, sehr glaubwürdige, zuweilen fast improvisiert wirkende, jedoch nie beliebige Spiel von Shiv Pandit als Jai und besonders Dhruv Ganesh als Sahil seziert ihre Stärke, ihre Zartheit und Verletzlichkeit, wie sie aus ihren beredeten Augen spricht, und packt uns am Herzen. Der Film und seine beiden Protagonisten sagen uns gerade dann sehr viel, wenn sie schweigen, und durch das, was sie nicht aussprechen, wenn sie reden; doch tatsächlich genügt ein Blick in ihre Augen, um zwischen den gesagten und den nicht gesagten Zeilen lesen zu können. Ein Schritt vorwärts und dann gleich wieder zwei zurück: Wir werden Zeugen von Alltäglichem und Außerordentlichem und dabei von Momenten, in denen die sorgsam aufrecht erhaltene Fassade bröckelt und bricht. Dass Jai zum Zweck ihrer Ausflugsfahrt ein teures rotes Cabrio gemietet hat, versetzt Sahil in Verzücken, was aber nicht über die emotionalen und auch sexuellen Unsicherheiten und auch Verletzungen hinwegtäuschen kann, die in ihrer komplexen Freundschaft, die wohl auch Liebe war und ist, Wunden gerissen haben. Immer wieder gibt es versteckte Hinweise auf ihr Unvermögen in der Vergangenheit, miteinander eine Beziehung aufrecht zu erhalten. Dass sie auch in der Gegenwart daran scheitern werden, vermuten wir von Anfang an.

Loev ist eine wunderbare, feine, kleine Liebesgeschichte, eingebettet in die faszinierend widersprüchliche Realität Indiens, ein melancholisches, wahres und wahrhaftiges Märchen, in dem die angeschnittenen Fragen keine einfachen Antworten bekommen. Der Fokus der möglichen Nähe auf dem Felsen hoch über dem Tal findet seinen krassen Kontrapunkt in der Szene einer Vergewaltigung. Jai und Sahil haben nach ihrer Rückkunft in Mumbai in einem Luxushotel eingecheckt, wo Jai den Geschäftsabschluss, für den er nach Indien gekommen ist, unter Dach und Fach bringen möchte. Sahil platzt unvermittelt in dieses Treffen und zeigt ein Verhalten, das auf eine Beziehung zwischen Jai und ihm schließen lässt. Er habe immer betont, in seiner Firma der coole Boss zu sein und sich verhalten zu können, wie es ihm beliebe, rechtfertigt sich Sahil, als ihn Jai später beschämt und wütend zur Rede stellt: „I only came down there to show you how not cool with it you actually are.“ Er wirft Jai vor, sich vor einem Coming out zu fürchten. Dieser kontert: „You’re pulling me. You’r pushing me.” Ein Wort gibt das andere, gegenseitige Vorwürfe reißen alte Wunden auf. Und dann, in einem kurzen Moment der Einsicht, Jai, aus tiefster Seele: „I like you. But I’m not your toy.” Sie küssen sich, doch Sahid zieht sich abrupt zurück: „That’s not what you want.“ In Jai sind aber alle Dämme gebrochen, er stürzt sich auf den schwächeren Freund, er drückt ihn aufs Bett und zieht ihm die Hose hinunter. Und danach, nach der Gewalt, die Scham, die Reue und Verzweiflung, etwas kaputtgemacht zu haben, das nie wieder heil werden kann.

„Verweile doch, du bist so schön!“ – Das Faust’sche Stoßgebet im Umfeld von zwei schwulen indischen Männern in der Einsamkeit der Bergwelt mit Ausblick aufs Tal: Ob sich der Kuss zwischen Sahil und Jai, den uns der Film erst ganz am Schluss zeigt, tatsächlich abgespielt hat oder von den Freunden, die vielleicht für immer auseinandergehen, bloß imaginiert ist, wird nicht dezitiert gesagt. Nach einem Abendessen zu viert im Restaurant des Hotels sind die beiden auf dem Flughafen angekommen. Jai schickt Sahil mit der Begründung fort, ihre Leben wären einfach zu verschieden und nach dem, was im Hotelzimmer geschehen sei, könne zwischen ihnen nichts mehr so sein wie zuvor. „Nothing happened“, versichert ihm Sahil: Alles sei in Ordnung. Jai hingegen weist ihn zurück: „Don’t do that.“ Denn seine Nachsicht würde alles noch viel schlimmer machen. Während Sahil später verloren vor dem Gebäude steht, schreibt ihm Jai eine SMS: „I love you.“ Ob er sie abschickt, bleibt genauso ungewiss wie die Sache mit der Erinnerung an den Kuss. Wir sind zurück in diesem Moment auf dem Felsen, doch an der Stelle, an der die Szene beim ersten Mal abgebrochen wurde, beugen sich die Gesichter der beiden Liebenden aufeinander zu. Sie küssen sich, voller Erstaunen, voller Liebe und Hingabe, und eigentlich ist damit alles gesagt und alles klar. In Sebastian Barrys hinreißenden Roman Tage ohne Ende schlägt sich ein irischer Simplicissimus durch die Wirren der amerikanischen Indianerkriege und findet immer wieder Halt in der Liebe zu seinem Freund, der eigentlich sein Lebenspartner ist, auch wenn dies in dieser Zeit und unter diesen Umständen nicht offen ausgesprochen wird. Einmal heißt es darin: „Die Zeit war nichts, was wir für endlich hielten, sondern etwas, das für immer weiterging, in diesem Augenblick aber stand alles still und kam zur Ruhe.

Dieser Moment für die Ewigkeit, herausgeschält aus Raum und Zeit, muss Sahil und Jai in ihrer bittersüßen Geschichte genügen. Tragischerweise trifft dies auch auf den wunderbaren Schauspieler Dhruv Ganesh zu, dessen direktes Spiel, das unbändigen Charme und große Lebensfreude vermittelt, wirklich Seinesgleichen sucht. Noch vor der Premiere des Films, der unter dem großen persönlichen Einsatz aller Beteiligten und mit Hilfe von Crowdfunding realisiert werden konnte und in nur sechzehn Tagen gedreht wurde, verstarb er an Tuberkulose.