Liebesverbot

Mario (Schweiz 2018)

Ich persönlich kann mit Fußball und allem, was damit zusammenhängt, nicht sonderlich viel anfangen. Umso erstaunlicher, dass es Marcel Geislers Filmdrama Mario gelungen ist, mich tief zu berühren. Der Konflikt, inwieweit es Schwule mit der Ehrlichkeit sich selbst und ihrer Umwelt gegenüber halten, inwieweit sie mit sich selbst im Reinen sind und zu sich selbst zu stehen vermögen, das Thema der Identitätssuche also, ist eines der zentralen Narrative des queeren Films. Insofern bietet Mario aufgrund der Menschlichkeit und Empathie, mit der Geisler seine Charaktere zeichnet, ein Potential des Mitfühlens, das weit über das geschilderte Fußballermilieu hinausgeht. Die Genauigkeit, mit der er die Beengtheit des Handlungsspielraumes für seine beiden schwulen Protagonisten darin darstellt, führt darüber hinaus aber dazu, dass man sich auch als personifiziertes Gegenteil eines Fußballfans für die Sache zu interessieren vermag.

Mario, die Figur, um deren Gefühlswelt sich die Geschichte nicht nur titelbedingt dreht, spielt als Stürmer für eine Berner U 21-Mannschaft und träumt von der Karriere als Fußballprofi. Diese, besonders auch von seinem ehrgeizigen Vater penibel geplante Zukunft, sieht sich auf den Kopf gestellt, als ihm in der Person von Leon ein deutscher Kollege an die Seite gestellt wird. Die Gefühle, die die beiden füreinander entwickeln, erscheinen ihnen anfangs selbst nicht ganz geheuer und versuchen sie zu verbergen. Wie sie einander näher kommen, schüchtern, behutsam, mit heimlichen Blicken voller Begehren, aber auch voller Furcht, sich vor dem anderen eine Blöße zu geben, entwickelt der Film auf einfühlsame Weise. Als Leon schließlich in der Spielerwohnung, die sie sich teilen, über seinen Schatten springt und Mario küsst, fährt dieser zurück und stößt ihn entsetzt weg. Als sich Leon am nächsten Abend bei ihm entschuldigt, lässt Mario jedoch die Schranken fallen und küsst ihn seinerseits. Später liegen sie nackt beisammen. Dass es doch schön gewesen sei, meint Leon und fragt ihn: „Wovor hast du so eine Angst?“ Und Mario wird, als die zwei jungen Männer einander von ihrer schwulen Vergangenheit erzählen, seine raren Erfahrungen mit dem sehr schönen Satz begründen: „Ich wusste nicht, dass es dich gibt.“

Schon kurz nach einer Zeit der Nähe und der Innigkeit, die die beiden, obgleich sehr diskret, genießen, folgen erste Gerüchte, abschätzige Blicke in der Dusche und Schwulenwitze in der Umkleide. Mario und Leon werden von ihren Mannschaftskollegen offensichtlich gemieden und sogar bei der Klubleitung angeschwärzt. „Wir müssen es abstreiten, egal, was passiert“, ist Marios erste Reaktion. Den Verantwortlichen gegenüber gibt er sich wie ein geschlagener Hund. Dass die Sponsoren und Fans etwas von der Sache erfahren könnten, ist deren größte Sorge. Sie selbst, so die scheinheilige Rechtfertigung, hätten natürlich nichts gegen Homosexuelle, es dürfe aber nichts an die Öffentlichkeit dringen: „Verhaltet euch normal. Diskret.“ Marios Agent bringt es auf den grausamen Punkt: „Es gibt Sachen, die sind einfach tabu: Drogen, Sex mit Minderjährigen, Schwulenzeug, das geht nicht als Spieler.“ Die Drohung: „Euer Marktwert ist im Keller, wenn es rauskommt.“ Und die Vorgabe: „Ihr seid nicht schwul.“ Dieses Prinzip sollten sie durchziehen und sich zur Untermauerung auch mit Frauen in der Öffentlichkeit zeigen. Regisseur Gisler erklärte die Problematik in einem Interview: „Man darf viele Emotionen ausdrücken und sich praktisch überall berühren, aber es darf im Fußball nicht schwul sein – diese Grenze darf nicht überschritten werden. Schließlich will man als „ganzer Mann“ wahrgenommen werden und da hat Homosexualität nichts zu suchen.“ Auf dem Fußballfeld verlange man von den jungen Männern Kampfgeist, Siegeswillen und Durchsetzungsvermögen, Eigenschaften, die viele ausschließlich heterosexuellen Männern zutrauten. „Der Fußball ist ein Testosterongeschäft, da wird ein traditionelles Männlichkeitsbild vermarktet.“

Eben mit diesem Vorurteil versucht der Film aufzuräumen und zeigt letztlich, wie die Liebenden daran zerbrechen. Es ist Leon, der mit dem Arrangement nicht einmal zu Anfang zurechtkommt. „Für mich ist das nicht einfach eine Fickgeschichte.“ Und er spricht seine tiefen Gefühle für Mario aus: „Auch wenn es komisch klingt, ich liebe dich.“ In seinen Tränen liegt bereits die Ahnung, dass diese Geschichte kein glückliches Ende finden kann. Aaron Altaras als Leon und Max Hubacher in der Rolle des Mario berühren uns nicht nur in dieser intensiven Szene direkt am Herzen. Ganz still und behutsam und ohne sich banaler Mittel der äußeren Dramatik zu bedienen, lassen sie uns die innere Zerrissenheit ihrer Figuren erahnen und legen ihre Wunden bloß. Letztendlich scheitern sie an dem Liebesverbot, das ihnen auferlegt wird. Zwar ist Mario auch seinen Eltern gegenüber ehrlich: „Ich liebe den Leon“, betont er, als ihn sein Vater auf aggressive Weise zur Rede stellt. Gegenüber der Umwelt wird er aber zum Meister im Leugnen und Vertuschen und dem vermeintlich schönen Schein inklusive Alibi-Freundin. Leon kann da nicht mehr mit. In der Umkleide kommt es schließlich zum Eklat. Mario wird ein Plastikpenis untergeschoben, provokante Sätze fallen, da verleugnet Mario vor den Kollegen sich selbst und seine Beziehung zu Leon. Dieser ist fassungslos. „Ich hab das Lügen so was von satt“, ist seine Reaktion, kurz bevor er die Schweiz verlässt und das Spiel mit Lug und Trug, damit aber auch natürlich seine Liebe zu Mario, hinter sich lässt.

Der Film findet einen Schluss, der nicht nur die beiden Protagonisten, sondern auch uns zu Tränen rührt. Mario ist der Aufstieg in die Profiliga gelungen und spielt für einen deutschen Klub. Er führt ein Doppelleben samt Vorzeigefreundin, hat Leon aber nie vergessen können. Eines Tages hält er es nicht mehr aus und sucht Leon in dessen Wohnung auf. Als sie einander wieder gegenüberstehen, ist es wie eine Beichte: Er habe ihn so oft angerufen, er habe aber nie abgehoben und auf einmal sei die Nummer ungültig gewesen. Und zu seinem Verhalten von früher: „Ich hatte einfach Angst.“ – „Du hast dich für den Fußball entschieden“, entgegnet ihm Leon und wertet Marions Einwurf, er habe überlegt, aufzuhören: „Du ohne Fußball!“ Er sei vielleicht nicht so mutig wie Leon, rechtfertigt sich Mario, was Leon zurückweist: „Das hat nichts mit Mut zu tun.“

Wir erfahren von Leons Leben seit seinem Weggang, seit seiner Flucht aus der Schweiz und all den Heimlichkeiten. Er absolviere mittlerweile eine Ausbildung zum Tontechniker und spiele nur noch in einer Amateurmannschaft: „Ich habe es nicht mehr ausgehalten. Das Lügen macht einen alle.“ Eine Feststellung, die auch Mario, der nur noch mit Schlaftabletten Ruhe findet, nachvollziehen kann. Wie groß seine insgeheime Hoffnung war, dass sie doch wieder zusammenkommen könnten, offenbart sich, als Leons neuer Freund heimkommt. Da fällt die Maske endgültig: dieses totale Entsetzen, diese abgrundtiefe Verletzung in Marios Augen: „Du hast keine Ahnung. Ich denke ständig an dich. Ich weiß nicht, was ich ohne dich machen soll.“ Doch es ist zu spät für die Ehrlichkeit: „Ich kann nicht wieder zurück“, steht Leons Lebensentwurf fest. Erst als Mario die Wohnung verlassen hat, erkennen wir, dass auch Leons Kühle nur aufgesetzt war; er wischt sich die Tränen von den Wangen und wir machen es ihm nach. Mario, so zeigen uns die letzten Bilder des Films, spielt weiter Fußball. Aber er weiß selbst, dass er, was seine Menschlichkeit betrifft, nicht in der Liga spielt, in die er eigentlich gehört.