Der Junge im Spiegel

Marvin (Frankreich 2017)

Der kleine rothaarige Junge steht auf den Bahngeleisen und blickt –konzentriert und entschlossen – dem Zug entgegen. Langsam schält sich dieser aus der Unschärfe der ersten Bilder, langsam schrumpft die Entfernung zwischen der Maschine und dem Kind. Schon wähnen wir den Jungen unter den Rädern, da schwenkt die Lok zur Seite und passiert ihn auf einem Nebengleis. Dass wir in diesem Augenblick mit dem Schlimmsten gerechnet haben, ist in den Schikanen begründet, denen sich Marvin, der den im wahrsten Sinne des Wortes schillernden Nachnamen Bijoux, also Schmuck, trägt, allerortens ausgesetzt sieht. In der Schule sind es ältere Jungen, die ihn als Schwuchtel beschimpfen, ihn bespucken und ihm die Lippen rot bemalen. In seiner Familie hat er keinen Rückhalt. Seine überforderte Mutter schwelgt in Fantasien, sie hätte ihre Kinder abtreiben sollen, der Vater ist ein Prolet, Alkoholiker und Kettenraucher, auch der ältere Bruder  hat nur rüden Spott für Marvin über. Später, als junger Student in Paris, wird er einen anderen Namen annehmen – mit so etwas wie Glänzen und Glitzern hatte seine Kindheit ohnehin nichts gemein. Doch trotz dieses äußeren Zeichens des Bruchs mit der Vergangenheit und der Distanz zu seinem neuen Leben als Teil des intellektuellen Theatermilieus, fühlt sich Marvin deplaziert – allzu unwirklich, geradezu surreal erscheint ihm das Hier und Jetzt aufgrund seiner Herkunft.

Marvins Geschichte, wie sie die französische Regisseurin Anne Fontaine (Coco Chanel) als lose Adaption des grandiosen Romans Das Ende von Eddy (2014) von Édouard Louis erzählt und wohl auch durch Didier Eribons Sozialstudie Rückkehr nach Reims (2009) inspiriert wurde, beginnt mit dem Geräusch von nervösem Keuchen – der erwachsene Marvin schminkt sich, er dehnt seinen Körper und versucht, sich in den letzten Momenten vor Beginn seines autobiographischen Bühnenprogramms zu sammeln. Wir hören das Läuten, das den Beginn der Vorstellung einleitet und daraufhin in das Klingeln der Schulglocke und in eine erste Szene der Demütigung mündet, die Marvin, das Kind, von älteren Jungen erleiden muss. Damit ist die Struktur des Films vorgegeben – die Klammer der Theateraufführung, die Marvins Leidensweg, seine Passion, zum Inhalt hat, lässt Szenen seiner Erinnerung vor unseren Augen lebendig werden. „Ich glaube ganz sicher, dass wir alle auf die eine oder andere Art Schaden erleiden“, heißt es in Julian Barnes’ Roman Vom Ende einer Geschichte (2011). Die zentrale Methapher in der Erforschung des Schadens, den Marvin aus seiner Kindheit mit in sein Leben als junger Erwachsener nimmt, ist jene des Spiegels. Wann immer er sich in einem Bus oder Zug von einem Ort zum anderen bewegt, sehen wir sein Bild in der Scheibe – jede Reise stellt für ihn den Versuch des Ausbruchs aus der Enge des proletarischen und homophoben Gefängnisses dieser Kindheit in der französischen Provinz dar. Marvin ist darin einer, der beobachtet, der die Welt um sich herum ablaufen sieht, der in diese Abläufe aber kaum eingreift und der nirgendwo so richtig dazuzugehören scheint. Die Eltern und Geschwister, die am Esstisch keinen Blick füreinander haben, sondern stumpf in den Fernseher starren, die Körper der anderen Jungen im Schwimmbad, die Spiele der Kinder im Schulhof – Marvin versucht, die Zeichen in dieser Welt zu deuten, von der er nur eines versteht: dass sie nicht die seine ist. „Tod den Schwuchteln!“ steht an der Busstation geschrieben. Als Marvin seinen Vater fragt, was das Wort „schwul“ denn eigentlich bedeute, hört er von abnormem Verhalten und einer Geisteskrankheit. Insofern ist Marvin ein sehr leiser, ein fast stummer Bub. In den Augen des hinreißenden Kinderdarstellers Jules Porier spiegelt sich seine große Traurigkeit, aus der nur ab und zu ein Funke von Trotz und Widerstand aufblitzt. Nur bei den Theaterproben in der Schule geht Marvin aus sich heraus. Dann schlüpft er in die unterschiedlichsten Rollen, lässt die Mitglieder seiner Familie aus seinem Mund sprechen. Was in diesen Szenen fehlt, sind seine eigenen Worte; diese wird er erst beim Verfassen seines Stücks Jahre später finden. Finnegan Oldfield gibt diesem jungen Mann und seinen mitunter verzweifelten Versuchen, seine Gefühle in Worte zu fassen, ein blasses, nachdenkliches, ernstes Gesicht; scheu, verwirrt und verloren steht da einer in seinem Leben, nur in ganz seltenen Momenten wirken seine Züge gelöst. Die Kamera ist dabei meist ganz nah bei ihm – auch wenn er das nicht ist, sich noch nicht selbst gefunden hat. „Alles steckt in einem, was man sieht und fühlt“, heißt es einmal im Film und an anderer Stelle fällt der Satz: „Der Unterdrücker gibt dem Unterdrückten eine Identität.“ Es ist für Marvin ein langer schmerzhafter Prozess, die Identität, die ihm als Kind  von seiner Umgebung aufgezwungen wurde, allmählich wieder abzulegen.

In ihrer Analyse der Methapher des Spiegels bei Hermann Hesse schreibt die Literaturwissenschaftlerin Helga Esselborn-Krumbiegel von der „gebrochenen Identität“ und meint damit „die Desintegration des Individuums“ in der schwierigen Phase von Selbstbegegnung und Selbsterkenntnis. Wie Alice in Lewis Carrolls Fortsetzung ihrer Reise ins Wunderland aus 1871 hinter dem Spiegel über dem Kaminsims eine Parallelwelt entdeckt, stellt sich Marvins Selbstreflexion beim Schreiben und der Aufführung seines Stücks als Hinabsteigen in den Spiegel der eigenen Seele dar. „Jeder Mensch ist aber nicht nur er selber, er ist auch der einmalige, ganz besondere, in jedem Fall wichtige und merkwürdige Punkt, wo die Erscheinungen der Welt sich kreuzen, nur einmal so und nie wieder“, heißt es in Hesses Roman Demian (1919). Der Lebensrückblick des Protagonisten namens Sinclair ist darin eben jene Suche nach Ich-Gewissheit, die auch Marvin anstrebt.

„In der Auseinandersetzung mit den Werten und Normen des Elternhauses, der Autorität, ja „Heiligkeit“ des Vaters“, schreibt Helga Esselborn-Krumbiegel, „wird der Heranwachsende sich selber fremd, erfaßt [sic!] ihn die Angst vor den eigenen ungebändigten Wünschen, Trieben und Phantasien. Höhepunkt seiner zunächst nur phantasierten Auflehnung gegen die Autorität ist der geträumte Vatermord.“ Marvin sieht sich eben in dieser Auseinandersetzung mit der Figur des Vaters als Versinnbildlichung seiner Herkunft aus der Unterschicht gefangen. Sie bestimmt sein Denken, sein Grübeln, sie treibt seine Verunsicherung dermaßen voran, dass sie zu Beginn seiner Zeit in Paris, als er seine neu gefundene Freiheit doch eigentlich genießen sollte, nichts damit anzufangen weiß und diese seine Ziellosigkeit seine ganze Handlungsfähigkeit zu lähmen scheint. Die Lösung, die der Film anbietet, ist jedoch das Gegenteil des tatsächlichen oder auch nur angedachten Vatermordes. Was Marvin am Schluss des Films erreicht, ist – in Grenzen – die Versöhnung mit dem Vater und der eigenen Vergangenheit.

Marvin wird durch einen älteren Liebhaber in die Pariser Theaterszene eingeführt; im Verhältnis zu ihm wirkt er paralysiert, unfähig, Entscheidungen zu treffen und wie in Trance – einmal mehr driftet er ohne Sinn und Halt durchs Leben. Erst der Unfalltod des Ersatzvaters und die damit einhergehende zwangsläufige Loslösung befähigen ihn zu autonom bestimmtem Handeln. Marvin hat dabei wie jeder junge Held in Märchen und Sagen, Mentorinnen und Mentoren zur Seite, die ihm helfen, den rechten Weg zu gehen. Durch den Liebhaber hat er Isabelle Huppert kennengelernt, die ihn zur Realisierung seines Theaterstücks ermutigt und darin die Rolle seiner Mutter spielt – natürlich ein Glücksfall für den aufstrebenden Autor und Darsteller. Eines nachts läuft er betrunken vor das Auto seiner ehemaligen Direktorin, Mme. Clément, die ihn einst ermuntert hat, doch der Schauspielgruppe der Schule beizutreten. Als er nach Paris kam und seinen Namen ablegte, nahm er den ihren an. „Es spielt keine Rolle, was man ist“, meint sie. Man sei nur Staub, seinen Frieden mit dem Gedanken zu machen, nichts zu sein, sei möglich; und sie macht ihm klar: „Was zählt, ist das, was tief in unserem Innersten ist, unser Unbekanntes.“ Ein Moment, der in Marvin den Beginn einer Art von Wandlung auslöst, ist die Antwort eines Theaterdirektors, der später zu seinem Vertrauten wird, auf die Frage eines Journalisten, aus welchem Grund er das Thema der Homosexualität zum zentralen seines Spielplans gemacht habe. Als „Neger“ beschimpft, so seine Erklärung, würde ein Kind nach Hause gehen und von seinen Eltern Trost im Gefühl empfangen, dass da jemand ganz einfach für ihn da sei. Ein Kind, das die anderen als „Schwuler“ bezeichnen würden, habe niemanden – eine „radikale Form des Exils“, so die Bezeichnung des Direktors und weiter: „Dieses arme, traurige und homosexuelle Kind, das ich war, fühlt sich nirgendwo zu Hause. Es ist ein Fremder in seinem eigenen Haus, in seiner eigenen Familie.“ – „Ich bin wie Sie“, bricht es aus Marvin daraufhin unter Tränen hervor. Und er erhält den Anstoß, seine Erfahrungen in seine Kunst einfließen zu lassen: „Weil Sie so wie ich sind, machen Sie was aus Ihrem Anderssein.“

Als „Spiegelstadium“, erstmals 1936 vorgestellt, bezeichnete der französische Psychiater und Psychoanalytiker Jacques Lacans eine Entwicklungsphase des Kindes. Zwischen dem 6. und 18. Lebensmonat, so Lacan, würden Kleinkinder erstmals ihr eigenes Bild im Spiegel erkennen und sich vollständig, die Gliedmaßen zusammen mit dem eigenen Gesicht, wahrnehmen. In diesem Sinne sucht Marvin, herausgefallen, eigentlich geflüchtet aus seiner Kinderwelt, inmitten des Kaldeidoskops seiner Erinnerungen seine wahre Identität – ein Bild seines Selbst, das nicht von den Wertungen der Umwelt geprägt ist, sondern von seiner eigenen Ich-Erfahrung. Dies ist verbunden mit dem Zusammenbruch seiner bisher – wenngleich als Martyrium empfundenen – gelebten Identität. Der Blick in den Spiegel, als den man die Erarbeitung seines Theaterstücks und dann auch die Aufführung in einem reflektierenden Wasserbecken sehen kann, wirft ihn auf sich selbst zurück. Das Doppelgängermotiv von Dorian Gray und seinem Bildnis, von Dr. Jekyll und dem bösen Mr. Hyde ist evident. Was im Raum stehen bleibt, ist die Frage, ob es Marvin gelingen wird, die verlorene Einheit mit seinem alten Ich zu finden, oder ob er Zeit seines Lebens ein unglücklich Streunender, ein Getriebener, ein Heimatloser, was den Ort betrifft, aber auch im Geiste bleiben wird.

Eine Erinnerung: Der hilflose Versuch, des Vaters, Nähe zu dem Sohn zu schaffen, der ihm so fremd ist, dass ihm die Worte fehlen. Als Marvin, das Kind, in eine Theaterschule aufgenommen wird, besteht der Vater darauf, ihn zum Zug zu bringen. Er  steckt ihm Geld zu und warnt ihn vor Schwarzen und Arabern: Er solle sich vor ihnen in acht nehmen, denn sie wären allesamt Verbrecher – vor kurzem noch hätte er Schwule in diese Liste aufgenommen. Auf sehr ernsthafte, sehr intime und aufrechte Weise kümmert sich der Film um sein Thema und seine Figuren.  „Ich will nicht gehen“, meint Marvin nach dem Erfolg seines Stücks in einem Interview. „Ich will zurückkommen. Das ist alles, was ich will.“ Und als seine Kindheit angesprochen wird, erzählt er von Momenten der Freude, sogar des Glücks. Mit dem Zusatz: „Aber das Leid ist wie ein Scheinwerfer, der einen nachts anstrahlt. Dadurch verschwindet alles andere.“

Abermals sehen wir Marvins Spiegelbild, als er im Zug wieder in den Ort fährt, der einmal sein Zuhause war. In einem früheren Gespräch hat sich sein Vater nach dem Buch erkundigt, das nach dem Bühnenstück erschienen ist. Marvin hat ein Exemplar mitgebracht und macht sich daran, es für den Vater zu signieren. Doch dann zögert er; dem Vater, der nun bei der Müllabfuhr arbeitet, wird er sagen, er habe es im Zug liegen lassen. Der Vater jedoch hat ein Geschenk für ihn, seinen Ehering; mit der berührenden Erklärung: „Ihr dürft ja heute heiraten.“ Ein wunderschöner Moment der Reinigung, der Versöhnung mit dem Damals und dem Heute und dem eigenen Ich dann am Schluss des Films. Marvin steigt auf einen Hügel über dem Dorf und blickt von dort in den Sonnenuntergang. Er sieht sich selbst als Kind, abgewandt und an eine Steinmauer gelehnt. Doch auf einmal schaut Marvin, das Kind, Marvin, den jungen Mann direkt an – und lächelt. Beide, die jetzt eins sind, haben die Antwort auf ihre Fragen gefunden: Diese Antwort sind sie selbst.