Berührungen

Moonlight (USA 2016)

In seinem Gedicht If, 1895 geschrieben und erstmals 1910 in der Sammlung Rewards and Fairies veröffentlicht, beschwört Rudyard Kipling die Tugend der Gelassenheit, wie sie in der Viktorianischen Zeit als erstrebenswerte typisch englische Eigenschaft angesehen wurde. „If you can keep your head when all about you/Are losing theirs …“ heißt es etwa gleich zu Beginn des Poems und kurz darauf weiter: „If you can wait and not be tired by waiting …“ Warten zu können und dabei des Wartens nicht überdrüssig zu werden – den Lohn dafür stellt Kipling in den letzten beiden Versen in Aussicht: „Yours is the Earth and everything that’s in it,/And – which is more – you’ll be a Man, my son!“ Ein Mann zu sein und darum, dieser Mann zu werden, sich dabei in Geduld zu üben, zu sich selbst zu stehen und sich nicht zu verbiegen, geht es auch in Barry Jenkins’ mit einem Golden Globe und drei Oscars prämierten Filmdrama Moonlight.

Der Bezug zum Filmtitel wird in einer Szene zwischen dem Dealer Juan (Mahershala Ali) und dem neunjährigen Chiron (Alex R. Hibbert mit großen fragenden Augen) dargestellt, den alle ob seiner schmächtigen Statur nur Little nennen. Wir befinden uns in der von Gewalt und Drogen geprägten Gegend von Miamis South Beach. Chiron wird regelmäßig von seinen Mitschülern tyrannisiert und leidet unter der Drogensucht seiner Mutter. Juan erzählt ihm von seiner wilden Kindheit auf Kuba und versucht, dem kleinen Jungen so etwas wie Stolz und Selbstbewusstsein zu vermitteln: Es gebe überall auf der Welt Schwarze, denn sie seien die ersten Menschen gewesen. Im Mondlicht, so habe ihm eine alte Frau damals erklärt, würden schwarze Jungen blau aussehen – ein metaphorisches Bild für die Schönheit jedes Lebewesens. Und Juan stellt den Zusammenhang dar, den Chiron erst viel später verstehen wird: An einem Punkt des Lebens sei es entscheidend, dass er selbst wähle, wer er sein wolle – eine Entscheidung, die ihm niemand abnehmen könne.

In der Struktur eines Tryptichons entwirft der Film Porträts von Chiron als Kind, Jugendlicher und dann auch als Erwachsener. Worauf darin alles hinausläuft, ist die Möglichkeit, zu einem anderen Menschen Vertrauen zu entwickeln, sind Berührungen der Haut und der Seele. Die Schlüsselszene dazu zeigt Juan, wie er Chiron das Schwimmen beibringt. Hier gelingen dem Film magische Bilder. Aus dem Blickwinkel halb unter Wasser, im Auf und Ab der Wellen, sind wir so nah wie nur möglich an den Personen und erleben Chirons Unsicherheit, seine anfänglichen Angst und die darauffolgende Freude über seinen Erfolg so unmittelbar mit, als würden wir selbst gerade unsere ersten Schwimmversuche machen. Das kann man, so man möchte, auch als metaphorische Taufe verstehen. Juan, dessen Namen auf Deutsch Johannes (der Täufer) bedeutet, legt die Hand unter Chirons Kopf und verspricht ihm, ihn über Wasser zu halten, er solle ihm nur vertrauen: Denn er sei der Mittelpunkt der Welt. Da gibt der Junge nach und lässt die Wand aus Misstrauen seiner Umwelt gegenüber, die für ihn bisher notwendig zum Überleben war, sinken. Ob er bereit sei, allein zu schwimmen?, fragt ihn Juan schließlich. Und es gelingt.

Das Narrativ des Films beschreibt einen Transformationsprozess in drei Schritten. Chirons Erlebnisse der meist unschönen Art verändern ihn merklich, seine Reaktion auf die Einflüsse seiner Umwelt führen jedoch meist in die innere Emigration. Es sei ihm gelungen, Darsteller mit „ängstlich wirkenden Augen“ zu finden, meinte Regisseur Jenkins einmal. Dieser erkennbare Schmerz mache es glaubhaft, dass es sich um die Entwicklung derselben Person handle. Chirons Name kann in Zusammenhang mit dem Zentauren Cheiron aus der griechischen Mythologie gebracht werden, der als Halbbruder von Zeus, Poseidon und Hades in der Götterwelt nirgends so richtig dazuzugehören scheint. So bleibt er auch in der zweiten Phase der Filmerzählung ein Außenseiter. Ashton Sanders ist als schlacksig-ungelenkter sechszehnjähriger Teenager zwar gewachsen, was die Körpergröße, nicht aber, was sein Selbstbewusstsein betrifft. Und gerade, als er glaubt, jemanden gefunden zu haben, der so ist wie er selbst, muss er eine Enttäuschung erleben, die sein Leben aus den Angeln reißt.

Wieder spielt diese Szene am Strand. Ein erster Joint mit Kevin (Jharrel Jerome), in den er sich insgeheim verschaut hat. Wir schauen auf die beiden Burschen herab wie aus der Sicht des Mondes, der gutheißt, was sich in seinem Licht abspielt. Und das ist aus der Sicht des ewigen Außenseiters Chiron eine Menge. Es hat den Anschein, als würde sich ihm Kevin, der laute Macho, öffnen. Zuweilen, meint er, würden die Menschen stehen bleiben, wenn sie die Meeresbrise spürten – ganz still werden und innehalten. „I guess all you can hear is your own heartbeat, right?“, vermutet Chiron. Und Kevin: “It feels so good it makes you wanna cry.” Dass er manchmal so viel weine, gesteht Chiron daraufhin, dass er denke, er würde zu Tränen werden. Da legt ihm Kevin den Arm um die Schulter und die Blicke der beiden Jungen werden ganz erst. Behutsam, ganz vorsichtig und zögernd, um ein Haar noch zurückweichend, nähern sie sich aneinander an. Es kommt zum Kuss, und Chiron vergräbt sein Gesicht in Kevins Nacken – so nah wie in diesem Moment war er noch nie einem anderen Menschen. „I’m sorry“, flüstert Chiron später. Betretenes Schweigen, als Kevin ihn anschließend nach Hause fährt, Scham in Chirons Augen. „I see you around“, verabschieden sich die zwei betont kumpelhaft mit Handschlag. Chirons fragender Blick bleibt vorerst unbeantwortet. Die Antwort, nämlich dass es besser wäre, sich keinem sosehr zu öffnen, erhält er in der Schule. Um sich vor einer Gang von Burschen zu beweisen, soll Kevin als Bewährungsprobe Chiron verprügeln. Kevins Taktik, ihn so rasch wie möglich außer Gefecht zu setzen und ihn auf diese Weise vor dem Schlimmsten zu bewahren, geht aber nicht auf: Chiron kommt immer wieder auf die Beine. Als er am nächsten Tag den Anstifter der Aktion niederschlägt, wird er von er Polizei abgeführt und der Schule verwiesen.

Teil drei, zehn Jahre später. Chiron wird aus der Strafanstalt entlassen und nennt sich nun Black (Kevins früherer Spitzname für ihn). Er kommt daher wie der archetypische „Pimp“: Aggressivität ausstrahlend, mit Goldzähnen, Goldkette, Ohrringe, ein aufgepumpter Muskelberg – und dennoch tief drinnen so traurig, verletzt und verletzlich wie eh und je. In beiderlei Hinsicht ist Trevante Rhodes’ grandiose darstellerische Leistung völlig authentisch. Wieder ist es Nacht und Chiron hat sich auf die Suche nach dem ehemaligen Freund (André Holland als erwachsener Kevin) gemacht und ihn in einem Diner gefunden, wo er als Kellner arbeitet. „Hello stranger”, ist aus der Jukebox zu hören, „it seems so good to be back again/How long has it been?/It seems like a mighty long time.“ Sie sitzen einander gegenüber, keine Worte, gesenkte Blicke, alles ist in der Schwebe wie damals. „Who is you, man?”, dringt Kevin, der von sich selbst sagt, nach vielen Jahren endlich bei sich selbst angekommen zu sein, später in Chiron. „I’m me“, lautet die Antwort. Es ist für Chiron nicht einfach, seine Gefühle zum Ausdruck zu bringen. Er habe lange Zeit versucht zu vergessen, was geschehen sei, gibt er dann doch von sich preis. Dann habe er sich als Mann neu erfunden. Und schließlich, mit Zittern in den Zügen seines Gesichts und in der Stimme, die Worte, die alles erklären: „You’re the only man that’s ever touched me.“

Wie damals am Strand liegt in der nächsten Einstellung Chirons Kopf an Kevins Schulter. Kevin streichelt seine Haare und Chiron kann endlich seine Augen schließen. Es ist, als lernten die beiden Männer in diesem Moment des gegenseitigen Vertrauens aufs Neue Schwimmen, als fände wieder eine Taufe statt; als hätte sich ihre Sehnsucht lang genug in Geduld geübt und seien sie nun bei sich selbst angekommen: als jene Männer, die sie ihr ganzes Leben werden wollten. Im Schlussbild sehen wir Chiron wieder als Kind am Strand. Die Wellen rollen heran und im Rauschen des Ozeans und dem Licht des Mondes wirkt seine Haut nicht schwarz, sondern so blau wie in Juans Gesichte. Chiron hat seine Schönheit gefunden, er weiß nun, wer er wirklich ist.