Von der Schwere der Wiederkehr des Gleichen

For My Brother (Dänemark 2014)

In seinem überaus erfolgreichen Roman Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins (1984) reflektiert der tschechisch-französische Schriftsteller Milan Kundera über Nietzsches Vorstellung der „ewigen Wiederkehr des Gleichen” – diese sei „ein geheimnisvoller Gedanke, und Nietzsche hat damit manchen Philosophen in Verlegenheit gebracht: alles wird sich irgendwann so wiederholen, wie man es schon einmal erlebt hat, und auch diese Wiederholung wird sich unendlich wiederholen.” Kunderas Figuren, der Prager Chirurg Tomas und die Kellnerin und spätere Fotoreporterin Teresa, leiden unter diesem unentrinnbaren Kreislauf, diesem schicksalhaften Band der Wiederholung, in dem uns die Dinge bedrückender und in all ihrer drückenden Schwere erscheinen, nämlich „ohne den mildernen Umstand ihrer Vergänglichkeit.” Eine Flucht daraus sei nicht möglich, wiewohl sie als ersehntes Ziel vor Augen stehe. „It must be nice to disappear/To have a vanishing act”, hat Lou Reed eben diese Idee in seinem Song „Vanishing Act” aus 2003 ausgedrückt: To always be looking forward/And never looking back."

So ähnlich mag sich auch Aske fühlen, der siebzehnjährige Protagonist in Brian Bangs berührender Missbrauchsstudie For min brors skyld. Der junge Schauspieler Elias Munk, der im Gegensatz zu den Charakteren in so manchen amerikanischen Filmen und Fernsehserien nicht Jahre älter aussieht als es seine Rolle als Teenager erfordert, macht Askes Verzweiflung und innere Zerrissenheit in einer Intensität nachfühlbar, die zu Herzen geht. In seinen Augen wohnt das blanke Entsetzen ob des Wissens, welche Qualen er sich zu erdulden selbst auferlegt hat – nämlich einzig und allein aus dem Grund, eben diese Pein seinem zwölfjährigen Bruder Bastian (Christoffer Jensen) zu ersparen. Aske ist in einem Drehrad der Gewalt und der Erniedrigung gefangen, seit er ein kleines Kind war. Er ist erst zehn, als sein Vater Lasse (Allan Karlsen) mit seinem pädophilen Bruder Hans (in seiner schmierigen Freundlichkeit gespenstisch: Frank Schiellerup) den verhängnisvollen Deal des Missbrauchs schließt. Diese Zweckgemeinschaft funktioniert als Spiegelung der Zusammengehörigkeit von Aske und Bastian – als Pervertierung des Begriffs der Bruderliebe, um die sich dieser Film im Eigentlichen dreht.

Der Beginn des Streifens erzählt die Vorgeschichte: Die ganze Familie inklusive der Oma ist campen, die Buben plantschen im Wasser, doch ihrer Mutter sind Hans’ Blicke und seine zur Schau gestellte Liebenswürdigkeit von Anfang an ein Dorn im Auge. Trotzdem ist für Aske (als Kind dargestellt von Frederik Ingemann Brandt) kein Platz im Auto, als sich seine Mutter anschickt, die Großmutter nach Hause zu bringen: Er solle einstweilen im Zelt lesen, sie sei bald zurück. Kaum ist der Wagen abgefahren, beginnt das Feilschen um den Buben. Ob er ihm Geld leihen könne, fragt Lasse Hans. Kein Problem, meint dieser, doch es ist klar, dass die Gegenleistung ein Spaziergang mit Aske sein würde. Es ist offensichtlich: nicht zum ersten Mal. Aske weigert sich und weint vor Angst, doch der Vater schlägt ihn: „Du tust, was man dir sagt!” Es ist ein beklemmendes Bild, geradezu die Verhöhnung der Normalität, wenn der Onkel und sein Neffe Hand in Hand in den Wald gehen. Dort kniet sich Hans vor Aske hin und zieht ihm die Hose hinunter: „Ich mag dich sehr.” Die Mutter, der Unheil schwant, als sie Aske bei ihrer Rückkehr nicht im Zelt vorfindet, überrascht Hans nackt vor dem Buben. Dann das abrupte Ende ihrer Flucht mit Aske vor ihrem Mann und seinem Bruder, als sie auf der Straße durch den Wald von einem herankommenden Auto niedergestoßen wird. Das Laufrad von Askes Leben, wie es sich von nun an abspielen wird, ist in seiner unerträglichen Wiederkehr des Gleichen in Gang gesetzt, sich im Sinne Lou Reeds daraus zu befreien, kann ihm aber schon allein deshalb nicht gelingen, weil die Möglichkeit, Bastian ein ähnliches Martyrium zu ersparen, nur durch die folgsame Unterwerfung unter die Forderungen und Regeln seines Vaters besteht.

Nach außen führt Aske die Existenz eines ganz normalen Schülers in einer dänischen Kleinstadt. Er hat einen besten Freund, Mädchen zeigen Interesse an ihm. In Wahrheit aber ist seine Welt von Angst, Gewalt und dem Alkoholismus seines Vaters kontrolliert. Allein die enge, überaus fürsorgliche Beziehung der Brüder ist für sie ein Hafen der Geborgenheit, der sie am Leben erhält. „Auf diese Weise zeigt er, dass er traurig ist“, versucht Aske herunterzuspielen, dass der Vater Bastian beim Abendessen geschlagen hat. Dann bringt er ihn zu Bett. Offensichtlich ist es üblich, dass er Bastian ein Schlafmittel verabreicht, der jüngere Bruder nimmt die Pille wie selbstverständlich; Aske weiß, was an diesem Abend noch geschehen wird und möchte verhindern, dass Bastian davon etwas mitbekommt. Er legt sich zum Einschlafen zu ihm ins Bett und erzählt ihm eine Geschichte über zwei Prinzen, Mias und Ramo, die durch ein Tal mit blühenden Blumen reiten und eine Prinzessin aus den Klauen des Fürsten der Dunkelheit zu retten versuchen. „Bleibst du, bis ich eingeschlafen bin?“, will Bastian wissen. „Natürlich“, versichert ihm Aske. Anschließend nimmt er Viagra und bereitet sich für den Gast vor, der bald an der Tür klingeln wird. Der Vater hat schon die Scheinwerfer positioniert und steht mit der Kamera bereit, als eine Frau eintritt. Ihre Rolle und weshalb sie zahlt, anstatt bezahlt zu werden, um in dem Homeporno mit Aske aufzutreten, versteht der Film nicht zu vermitteln. Aske jedenfalls agiert routiniert und besteht auf Drängen des Vaters aufgrund höherer Einnahmen auch nicht auf der Verwendung eines Kondoms. In diesem Haus, das ist nun ganz ersichtlich, geht es um alles andere als um Askes Wohl. Dem täglichen Überlebenskampf ordnet Aske alles unter, selbst die eigene Würde, die ihm schon längst geraubt wurde. Mache er nicht alles mit, so sein Vater, würde sein Bruder an die Reihe kommen. „When I'm alone/I am defenseless/Just like the boy I was/Afraid in the dark“, singt Jeangu Macrooy in seinem wunderschönen Lied „Grow“ und setzt die hoffnungsvollen Zeilen nach: „One day I'll find/Some peace of mind.“ Diesen inneren Frieden kann Aske aber nicht finden. Wie ein kleiner Junge, wehrlos und voller Angst in der Dunkelheit, so fühlt er sich. Und denkt dabei aber nicht an sich selbst. „Lieber Gott!“, betet er in dieser Nacht: „Bitte gib acht auf Bastian.“

In dem amerikanischen Film The Night Listener (2006), der auf einem Roman des Tales of the City-Autors Armistead Maupin basiert, erfährt der von Robin Williams dargestellte schwule Radiopoet Gabriel Noone von einem Romanmanuskript, das angeblich von einem jungen Missbrauchsopfer verfasst wurde. „The thought of that haunted me all night“, formuliert Noone seine Motivation, sich auf die Suche nach dem Burschen zu machen. „What would it be like to be fourteen and still believe in the bogeyman, knowing it was the same person who gave you life.“ Das Urvertrauen von Kindern ihren Eltern gegenüber und die grausame Weise, mit der es von diesen ad absurdum geführt wird – diesen bewegenden Ansatz verspielt The Night Listener für einen Thrillerplot, der trotz des wunderbaren Hauptdarstellers bald in erzählerischer Unentschlossenheit zerläuft. For My Brother hingegen konzentriert sich auf eben diesen Konflikt der Gefühle, die Aske schier zu zerreißen drohen. Sein Vater ist sich darüber im Klaren, was er da eigentlich anrichtet; seine Unsicherheit der ganzen Situation, nicht zuletzt aber auch sich selbst gegenüber, dieser Zwiespalt, den er mit Alkohol und Gewalt an seinen Söhnen zu verdrängen sucht, ist immer wieder fühlbar. „Was hast du erzählt?“, herrscht er Aske nach einem Besuch von dessen bestem Freund Silas (Oliver Bjørnholdt Spottag) an. Er schlägt ihn nieder und würgt ihn, mehr als mit seinen Händen mit einem Blick auf ein Foto der beiden Brüder und der Drohung: „Vielleicht sollten wir es beenden.“ Aske weiß, was sein Vater damit meint: „Nein, Papa, ich mache alles.“ – „Vielleicht“, bohrt der Vater seine Drohung tiefer in Askes Befürchtungen, „wird er es besser machen.“ Aske fleht ihn an, diesen Schritt nicht zu gehen, er kniet vor ihm auf dem Boden und klammert sich an seine Beine. Der Vater verhöhnt ihn: Er sei armselig wie seine Mutter. Und: „Du kannst mir später zeigen, wie du es machst.“

Diese Ankündigung mündet in die physisch grausamsten Szene des Films. Der Vater bringt Aske zu drei Männer, deren Wagen auf einem Feldweg parken, einer von ihnen ist sein Onkel Hans. „Tu, was man dir sagt“, befiehlt ihm der Vater, sonst wäre es das letzte Mal: „Du weißt, was das bedeutet.“ Die Männer ziehen sich Masken über und fallen über Aske her, sie verbinden ihm die Augen und transportieren ihn im Kofferraum eines SUVs zu Dünen über dem Meer. Dort werfen sie ihn zu Boden und halten ihn fest, während ihn einer von ihnen vergewaltigt. Der Vater führt die Kamera. Später steht Aske da wie ein geprügelter Hund, die Männer aber sind geradezu euphorisch und redselig, sie reißen zotige Witze und stoßen mit Bier an. „Auf einen großartigen Tag!“ – „Auf dich, Aske! Du bist der Beste.“ Und einer von ihnen fügt hinzu: „Und so schön kratzbürstig. So, wie wir sie mögen.“ Der Vater hingegen wirkt mürrisch, er befielt Aske, zu verschwinden; ist es so etwas wie der Anflug schlechten Gewissens, der ihn daran hindert, die Situation wie die anderen Männer zu genießen? Aske seinerseits sucht das Weite, er rennt über die Dünen und Klippen am Meer, gelangt an einen Fluss und läuft ins Wasser. Hier, ganz allein und völlig außer sich, schreit er heraus, was sonst immer von ihm zu hören verlangt wird: „Mach schon! Nimm mich! Tu es! Worauf wartest du?“ Und dann kauert er schluchzend, verzweifelt, seiner Achtung und Selbstachtung beraubt, im Gras.

Ziemlich oft ist es ja umgekehrt: Das Riesenbudget von Blockbustern protzt mit Bombast und Effekten, krankt aber an der oberflächlichen Zeichnung der Charaktere oder der inneren Logik der Geschichte. Bei For My Brother ist das Gegenteil der Fall – eine jener finanziell ausgehungerten Miniproduktionen, denen man zumindest ein klein wenig höheres finanzielles Fundament gewünscht hätte. Die puristische Inszenierung und die groben Bilder vermitteln große Nähe zur Realität, das stimmt schon. Aber die Führung der Handkamera erscheint zuweilen unprofessionell, die Schnitte unmotiviert und deshalb irritierend, und die Musik unpassend bis penetrant, wo ein talentierterer Komponist als der in den Credits genannte Jonas Frederik vielleicht bescheidener agiert und sogar auch einmal ganz einfach Raum für Stille zugelassen hätte. So wirken manche Momente improvisiert, wo dies die Unmittelbarkeit des Gezeigten stärkt, in anderen jedoch schaut das Ganze einfach nach schlechtem Handwerk aus. Es ist die Unmittelbarkeit der Darstellung der geschundenen Kinderseelen, die mich aber gepackt und nicht mehr losgelassen hat. Askes Versuch, durch seine Selbstaufgabe seinen Bruder vor dem Schlimmsten zu bewahren, ist anrührend, läuft aber natürlich ins Leere. An einem Abend gibt er Silas‘ Drängen nach und geht mit ihm zu einer Party in einem Schwimmbad. Der Vater schläft, Bastian scheint sicher zu sein und für Aske zumindest ein Abend möglich, der etwas mit der Normalität anderer Jungendlicher zu tun hat. Doch im Schwimmbad geht alles schief und zu Hause gerät die Situation völlig aus dem Ruder. Aske versagt beim Sex mit einem Mädchen und sieht sich dem Spott der anderen und dem völligen Unverständnis seines dicklichen und nicht so umschwärmten Freundes Silas ausgesetzt. Aske sitzt wie ein Häufchen Elend da, vor Scham rinnen ihm Tränen übers Gesicht. Silas ist entsetzt: „Du hast keinen hochgekriegt?“ – „Würdest du auch nicht“, bricht es aus Aske heraus, „wenn dein Vater dich vergewaltigt und zwingt, Sex mit Fremden zu haben.“ Es ist gesagt, das größte Geheimnis ist ausgesprochen, Silas kann ihm kaum glauben. Indes ist Bastian das Schlimmste zugestoßen. Beim Heimkommen kann Aske den kleinen Bruder nicht finden; was er hingegen findet, ist Bastians grüne Unterhose neben dem Bett des schnarchenden Vaters. Und dann Bastian selbst, aufgelöst, verzagt, eingeschüchtert und unverständig, was ihm da wirklich passiert ist, in seinem Versteck im Wald. „Er sagt, es wäre dein Fehler“, schluchzt der kleine Bruder. Und gleich darauf: „Aber er ist mein Vater.“ – „Es muss ein Ende haben.“ – „Ist doch egal.“ – „Nein, es ist nicht egal.“ – „Ich will nicht nach Hause.“ – Und Askes Versprechen: „Das musst du nicht.“

„Die Hölle sind die anderen“, formuliert Jean-Paul Sartre in seinem 1944 uraufgeführten Drama Huis clos (Geschlossene Gesellschaft). In ihrer existentialistischen Geworfenheit sehen sich seine drei Protagonisten nach ihrem Tod in einen Raum gesperrt, in dem sie einander als Peiniger und Opfer ausgeliefert sind – die ewige Wiederkehr des Gleichen, ohne Hoffnung auf ein Ende. Askes und Bastians Höllenfahrt – der Grund dafür liegt nicht einmal bei ihnen selbst. In eine Existenz gezwungen, die sie sich so selbst nie ausgesucht hätten, sind sie Opfer von Menschen und Umständen, denen sie nun, ganz und gar in die Enge getrieben, doch zu entkommen versuchen. Anders als Sartres Charaktere, die den Ausbruch aus ihrem Gefängnis selbst dann nicht wagen, als die Tür plötzlich offen steht, nehmen sie Silas‘ Angebot an, in der Hütte seiner Eltern in Norwegen Zuflucht zu suchen. Und was Sartres Figuren fürchten, nämlich das Trugbild eines nur vermeintlichen Auswegs in die Freiheit, das wird sich für Aske und Bastian bestätigen und als Falle erweisen. Eine Ahnung davon erhalten wir bereits an ihrem ersten Abend in der Abgeschiedenheit der Hütte, wenn Aske seinem Bruder abermals eine Gutenachtgeschichte erzählt. Sie haben an diesem Tag zumindest einen Hauch an Hoffnung geatmet. Bastian kuschelt sich an seinen großen Bruder, der die Geschichte von den zwei Prinzen wieder aufnimmt. Männer werfen die Prinzen zu Boden und quittieren ihre inständige Bitte, doch mit dieser Brutalität aufzuhören, mit verächtlichem Lachen. Nur allzu bald wird diese Gewalt das Leben der Geschwister über die sprichwörtlichen Klippen treiben.

Auf den ganz realen Klippen nahe der Hütte sitzen die Burschen am nächsten Tag. Die Gletscherberge, davor ein See – die Szenerie scheint sie von der Außenwelt abzuschotten und ihnen Schutz zu bieten. „Du bist mein bester Freund“, sagt Bastian dankbar. – „Und du bist mein bester Freund.“ Bastian legt seinen Kopf in den Schoß des Bruders, sein Urvertrauen ist fast greifbar. Askes Augen, die schon zu viel gesehen haben für einen Siebzehnjährigen, sprechen von den Schmerzen, die er erdulden musste, jene des Bruders sind noch kindlicher, in ihnen liegt ein Ausdruck, als könnte es ihm noch gelingen zu vergessen, was ihm angetan wurde. Abends in der Hütte entspinnt sich ein weiterer dieser ganz einfachen und umso berührenderen Dialoge zwischen ihnen. „Denkst du, Papa vermisst uns?“, fragt Bastian. „Vermisst du ihn?“, meint Aske. Und der kleine Bruder: „Ich vermisse Mama.“ – „Ich weiß.“ – „Es tut so weh.“ Und darauf wieder: „Ich weiß.“ In einer Umarmung finden sie für diese Nacht ihren Frieden.

Doch als Aske aufwacht, ist das Bett neben ihm leer. Er ruft nach Bastian, erhält aber keine Antwort. Vor dem Haus, im strömenden Regen, steht der Vater und hält Bastian eine Pistole an den Kopf. Er droht ihm, Aske stürzt sich auf ihn, es entspinnt sich ein Kampf. Schließlich kniet der Vater auf Aske: „Ich werde dich Gehorsam lehren!“ Er würgt seinen Sohn und vergleicht ihn mit seiner „Hurenmutter“. Da schlägt Bastian mit einem Ast auf ihn ein. Aske kann dem Griff des Vaters entkommen und die Brüder laufen davon und versuchen, im Wald Deckung zwischen den Bäumen zu erlangen. Der Vater schießt ihnen hinterher: „Ihr seid tot! Ihr werdet verrotten!“ Eine Kugel trifft Bastian im Rücken.

Bevor sich der Vater vor der Hütte selbst das Leben nimmt, stirbt Bastian auf einer Blumenwiese im Regen in Askes Armen. „Beib bei mir!“, fleht, weint, schluchzt Aske wieder und immer wieder. „Du und ich, Bastian!“, versucht er das längst Unmögliche heraufzubeschwören. „Du und ich!“ Dann bettet er den Körper des bereits leblosen Bruders neben sich im Gras, er streichelt ihn, springt dann aber auf und schaut um sich wie ein hilfloses Kind, die Finger im Mund, die Gedanken irgendwo, nur nicht in seinem Kopf: „Vergib mir!“ In Christophe Honorés Film Sorry Angel (2018), der unmöglichen Liebesgeschichte zwischen zwei Männern, Jacques und Arthur, denen AIDS einen grausamen Strich durch die Sehnsucht nach einer gemeinsamen Zukunft macht, fällt der Satz „Wir könnten ein schönes Leben haben, wir zwei“. Da legt sich Arthur nackt zu Jacques, dem gerade ein Brustkatheter gesetzt wurde, ins Krankenbett. „Ich kann nicht von einem Leben träumen, das es nicht geben wird,“ hat Jacques jedoch jede Vorstellung nach einem glücklichen Ende schon in einer früheren Szene von sich gewiesen. Eine ganz andere Geschichte, zumal zu einer sehr spezifischen Thematik sowie im Vergleich zu For My Brother geradezu eine Hochglanzproduktion und dennoch nicht ansatzweise so eindringlich gelungen. Aber so wie Jacques und Arthur ist auch Aske und Bastian der Ausweg aus ihrer Lebenshölle nicht gegönnt. Auf der Blumenwiese im Regen faltet Aske seinem kleinen Bruder die Arme über der Brust und legt sich zu ihm und schließt die Augen, so wie Bastians Augen bereits unwiderruflich geschlossen sind.