Tom Ripleys Wiederkehr

The Assassination of Gianni Versace: American Crime Story (USA 2018)

Da will einer hoch hinaus, und wir schauen ihm zu, wie er dabei buchstäblich über Leichen geht. Das „whodunit“, also die Suche nach dem Täter im klassischen Kriminalstück, ist in einer solchen erzählerischen Struktur hinfällig; hingegen interessiert das „whydunit“, die Erkundung der Motive und Hintergründe dieser Charaktere. Wie auf einem Seziertisch und mit unerbittlicher Konsequenz bohrt sich die Nachforschung auf der Suche nach dem Kern von Andrew Cunanan, dem Killer des Modeschöpfers Gianni Versace in der neunteiligen Netflix-Serie über dessen Ermordung vor seinem Anwesen im Art Deco-District von Miami Beach im Juli 1997, die im Titel und in der Darstellung als Hinrichtung inszeniert wird; diese Ermittlung greift von Folge zu Folge weiter in seine Vergangenheit zurück, in seine Biografie und Persönlichkeit, fast möchte man sagen in die Essenz seines Wesens. Was dabei herauskommt, ist ein schillerndes, ein hochgradig spannendes, ein berückendes psychologisches Drama.

In seinem Essay über das Werk des Romanciers Henry James schrieb der im Jahr 2017 verstorbene bulgarisch-französische Schriftsteller und Wissenschaftler Tzvetan Todorov von der Suche nach einem gewissen „abwesenden Grund“ als Basis jedes literarischen Erzählens. Die anfängliche Abwesenheit eben dieses Grundes sei der Motor, der jede Geschichte in Gang setze, die angeführte Suche treibe sie vorwärts. Sei der Grund der Handlungen, seien die Motive der Charaktere gefunden, so Todorov, habe die Erzählung ihr Ende erreicht. So handhabt es auch die Serie: Erst im finalen Moment, wenn sich der Killer in die Enge ohne Ausweg getrieben fühlt, führt uns die Geschichte vom Leben und Sterben der beiden zentralen Figuren, von Andrew und Versace, auf die Bühne des Opernhauses von San Francisco und zu jenem Zusammentreffen, das die Saat für die Mordtat legt. Wir erkennen die Tiefe der Verletzungen, die Andrew über die Jahre hinweg empfinden musste, und verstehen die Richtung, in die sie sein Tun getrieben haben, und dass dahinter die Sehnsucht nach Auslöschung stand – nicht nur des Objekts seiner unerfüllten Begierde, sondern in erster Linie seiner eigenen verhassten Existenz. „Are you drunk?“, fragt ihn einmal seine Mutter beim Heimkommen in den Morgenstunden. „Drunk on dreams”, ist Andrews Antwort. „What dreams?” – „Dreams on getting out of here. Dreams on getting far, far away from here.” Und er verspricht seiner Mutter, sie eines Tages aus der Armut der kleinen Wohnung wegzubringen: „We’re going up. High. Sky-high where they all look up on us and we look down on them.”

Der Schauspieler Darren Criss, einst bekannt geworden durch die Fernsehserie Glee (deren Schöpfer Ryan Murphy auch die Formate American Horror Story und American Crime Story entwickelte, deren zweite Staffel The Assassination of Gianni Versace ist), leiht Andrew Cunanan, dem Killer mit dem charmanten Auftreten und dem Engelsgesicht, sein Talent zur Wandlungsfähigkeit. Er ist in diesem Sinne eine Art moderner Tom Ripley, die Wiedergeburt von Patricia Highsmiths Mann ohne und gleichermaßen so vieler Eigenschaften. Der Psychiater und Psychoanalytiker Stephan Doering hat diesen faszinierenden Charakter, der in der Personifizierung des von ihm sosehr verehrten, ja begehrten Dickie Greenleaf bis zur völligen Aufgabe seiner eigenen Person aufgeht, einmal so beschrieben: „Der talentierte Mr. Ripley ist ein geniales Beispiel für einen Täter mit einer assoziativen Persönlichkeitsstörung. Er ist eben nicht von Anfang an das Monster, sondern die Umstände machen ich dazu, und man merkt Stück für Stück, welche antisoziale Kraft in ihm steckt. Man wird ja nicht mit 30 zum Psychopathen, das ist eine lebenslange Entwicklung.“ 

Jean-Paul Sartre beschäftigt sich in seinem Hauptwerk Das Sein und das Nichts aus dem Jahre 1943 mit der Beziehung zwischen dem Individuum und seinen Handlungen. Der französische Philosoph untersucht darin, inwieweit wir durch unsere Handlungen und durch das, was wir uns vornehmen, definiert werden. Sind wir das, was wir tun, oder existieren zwischen „der Wahrheit unserer Person und unseren Handlungen“ ein Unterschied, ein Abstand? Die Sehnsucht der Auslöschung des verhassten Selbst stellt sowohl für Tom Ripley als auch für Andrew Cunanan die hauptsächliche Antriebskraft ihres Agierens dar. Sie vereinen in sich die beiden Seiten des manichäisch-gnostischen Prinzips der hellen und der dunklen Anteile ein und derselben Persönlichkeit. Die Seiten, die sie als die dunklen erkennen, stören das Bildnis ihrer Selbst, das sie nach außen zu repräsentieren versuchen, damit wollen sie nichts zu tun haben – und geben ihnen doch immer wieder nach. In psychodynamisch differenzierter Darstellung nehmen sie die Identität eines anderen in Besitz – Tom Ripley jene von Dickie Greenleaf, des geradezu vergötterten Freundes, Andrew Cunanan jene des gebildeten jungen Aufsteigers. Im Moment des Absturzes, wenn sich der Stolz verletzt und das Ego mit all seinen unmöglichen Träumen herabgesetzt sieht, reagieren beide mit kompromissloser Brutalität.

Als Waise bei seiner grausamen Tante Dottie aufgewachsen, ist Tom ebenso von dem Gefühl getrieben, ja heimgesucht, nie genug geliebt zu werden, wie Andrew, der von seinem Vater jahrelang zum Star der Einwandererfamilie inszeniert wird, bis diese durch seine illegalen finanziellen Machenschaften alles Geld verliert. In ihrer Sucht nach Liebe scheitern beide am Gegenüber, an übersteigerten Erwartungen, an den Zweifeln an sich selbst. Tom erschlägt Dickie bei einer Bootsfahrt auf dem Meer mit einem Ruder und nimmt in der Folge seine Identität an – einzig als ein Anderer, in der Verwandlung zu Dickie, bietet sich in seinem Wahn die Möglichkeit, Akzeptanz und Liebe zu verdienen. Der Selbsthass ist auch Andrews Triebfeder; im Gefühl, dass sein Leben als Kind und Jugendlichen nur Lug und Trug war, steht auch sein Selbstwert auf tönernen Füßen. Bei einer Geburtstagsfeier gibt er Jeffrey (Finn Wittrock), einem Bekannten, der seinen Job bei der Marine verloren hat, weil er einem schwulen Soldaten beigestanden ist und dadurch in den Augen seiner Kollegen und Vorgesetzten selbst suspekt wurde, ein Paket mit der Bitte, es ihm später vor den anderen Gästen als Geschenk zu überreichen: Er wolle, dass es so aussehe, als ob er Freunde hätte – nicht nur eine Erniedrigung seiner selbst, sondern auch Jeffreys, der eigentlich so etwas wie ein guter Freund sein könnte. In der Folge stößt er all jene vor den Kopf, die es vielleicht wirklich gut mit ihm meinen. Er setzt den alternden Schwulen herab, der ihm aus echter Zuneigung ein Leben in Luxus ermöglichen würde – und gleichermaßen sich selbst als das Objekt von dessen Begierde; denn einer, der ihn, den Unwerten, liebt, könne doch seinerseits nicht seiner Liebe wert sein. So schraubt er die Forderungen an den reichen Liebhaber dermaßen hoch, dass die Trennung unvermeidlich ist. Und als ihn sein Freier Lee Miglin (Mike Farrell), ein erfolgreicher Architekt mit schlimmen Gewissensbissen ob des Betrugs an seiner Ehefrau, in geheime Pläne eines Wolkenkratzers einweiht, er ihn somit als Menschen und nicht bloß als Escort näher in sein Leben einbeziehen möchte, erschlägt er ihn in dessen Garage: der Mord am Freier als vorweggenommener Mord an sich selbst. Das Wechselspiel zwischen Sein und Schein sieht sich in einem berührenden Handlungsstrang gespiegelt, der sich mit der Ehefrau des Architekten (Judith Light in einer bedrückend intensiven Darstellung) befasst, die per Teleshopping eine Kosmetiklinie vertreibt. Sie sieht sich nicht nur mit der grausamen Ermordung ihres Mannes, sondern auch mit seiner Homosexualität konfrontiert. Leugnung, Erkenntnis, Zusammenbruch – und dann das rührende Festhalten an dem, was sie für die Gewissheit ihres Lebens gehalten hat: „We were a team.“

Neville Wakefield vermerkte in einem Interview im Frankfurter Ausstellungskatalog von 1995 über die Fotografien von Wolfgang Tillmans, dass es dem Künstler um „die Spannung zwischen der Wunschvorstellung, so wie sie im Image kommerzialisiert wird, und der Unverletztheit des Ichs, das unabhängig von seinen unzähligen Repräsentationsformen existiert“ gehe. Um die Unverletzlichkeit von Andrews Ich ist es nach einer Nacht mit David (Cody Ferns Spiel besticht mit seiner Sensibilität), in seiner Funktion als junger aufstrebender Architekt eine parallele Figur zum arrivierten Lee Miglin, aber geschehen. In seiner Fantasie erhebt sich aus dem, was für David nicht mehr, aber auch nicht weniger als eine schöne gemeinsame Nacht war, das Ideal der so lange Zeit gesuchten und nun endlich gefunden Liebe, eine Beziehung fürs ganze Leben. „He’s a home“, sagt er bei anderer Gelegenheit über David. Als er erkennen muss, dass dieser seine tiefen Gefühle nicht teilt, tut sich unter ihm aber ein Loch ohne Boden auf. „Who are you trying to be?“, fragt ihn David, als ihn Andrew zu einer weiteren Gelegenheit mit seiner Zuneigung geradezu überschüttet und durch eine Einladung in ein Luxushotel, teures Essen und ebensolche Einkäufe zu beeindrucken versucht. Jemand, den man lieben könne, ist die Antwort. Später wird er Jeffrey mit einem Hammer erschlagen und David zu einer gemeinsamen Flucht zwingen, an deren Ende er auch ihn tötet. Als sich David mit dem Mut von einem, der nichts mehr zu verlieren hat, Andrew entgegenstellt und ihm den Irrweg ihrer vermeintlichen Liebe und des gemeinsamen Lebens vor Augen führt, in den sich sein Geist verrannt habe, hat er keine Chance mehr. Der Moment, als ihn Andrews Kugeln von hinten treffen, führt David in die Jagdhütte zurück, in der er einst mit seinem Vater saß und seine erste Tasse Kaffee trank. Bei diesem Ausflug erkannte der kleine David, dass das Töten nichts für ihn war, und der Vater reagierte darauf mit dem schönen Satz, dass es okay sei, nicht jagen zu wollen, dass dies eben nichts für jeden sei – und er auch das Kaffeetrinken mit ihm genossen habe. Mit dieser Erinnerung stirbt David; und Andrew legt sich zu ihm ins Gras wie zu einem Geliebten und es kehrt Ruhe ein wie zwischen zwei Menschen, die einander wirklich viel bedeuten.

Der Kreis der Serienhandlung schließt sich mit dem Mord an Gianni Versace, mit dem diese in der ersten Folge begonnen hat. Der venezolanische Schauspieler Édgar Ramirez gibt die Figur des Modeschöpfers in genialer Maske als Menschen, dessen Melancholie und Selbstzweifel nur durch die beständige Suche nach Schönheit in Zaum gehalten werden können. Nun werden wir tatsächlich Zeugen der Tat sowie der Jagd auf den Täter und ihrer medialen Inszenierung – die Oberhoheit über die Kommerzialisierung des Ich, wie sie in Wolfgang Tillmans’ Fotografien hinterfragt wird, ist zu diesem Zeitpunkt allen Charakteren inklusive Versaces Schwester Donatella (Penélope Cruz) und seinem langjährigen Partner Antonio D’Amico (Ricky Martin) längst aus der Hand genommen. Auch Andrew, der sich auf einem Hausboot versteckt hält und mittlerweile von Hundefutter aus der Dose ernähren muss, registriert sich selbst als Bestandteil einer Kriminalgeschichte auf sämtlichen Kanälen. Mittels Fernsehen und Beamer nimmt er quasi an der Trauerfeier für den Modeschöpfer mit all den Berühmtheiten von Lady Diana bis Elton John teil. So wie Antonio, der als Versaces schwuler Partner nicht zur Familie zählt und dem der Priester deshalb den Handkuss verwehrt, ist er trotz der zentralen Rolle, die er in dieser Geschichte gespielt hat, gleichzeitig beobachtender Außenstehender. „Walk through the valley of death“, singt ein Chor in der Kirche und tönt auch durch das Hausboot: „Be my shepherd/You will comfort me.“ Derweil rasiert sich Andrew den Schädel. „Most likely to be remembered“, stand einst über ihn im Jahrbuch seiner Schule. Und während im Fernsehen zu sehen ist, wie die Polizei das Hausboot stürmt, überprüft er seinen Anblick im Spiegel neben dem Bett und schießt sich schließlich in den Mund. In der Sekunde seines Todes erst erfahren wir von seiner Beziehung zu Gianni Versace, von der er so oft erzählt hat, die aber gar keine war. Ein Rückblick führt uns auf die Bühne der Oper von San Francisco. Versace hat eine Aufführung mit Kostümen ausgestattet und Andrew, der sich ihm in einer Schwulendisco aufgedrängt hat, zur Premiere eingeladen. Sie trinken Champagner, das Erwartbare bahnt sich an; doch Andrew glaubt, die Gelegenheit seines Lebens wäre gekommen. „What if you had a dream your whole life that you were someone special but no one believed it?”, stellt er sich selbst und seine Vision in den Raum. „They’d smile at you and say, Oh, sure, sure.” And then what if the first person that truly believed you was the most incredible person you’d ever met?” Er könne Designer werden, meint Andrew in völliger Überschätzung der Situation, er habe alles über diesen Beruf gelesen und wisse alles darüber. Er könne Versaces Assistent werden oder sein Protegé  – hier mit ihm zu sein „feels like destiny.“ Der Angesprochene ist misstrauisch, er mustert Andrew prüfend und gibt ihm den Rat, nicht andere überzeugen zu wollen von dem, was er noch machen werde, sondern es einfach zu tun. „Can’t you feel it?“, versucht Andrew heraufzubeschwören, was im Grunde genommen nie möglich war. Er versucht, Versace zu küssen, doch dieser wehrt ihn ab. Eines Tages, meint er, würde Andrew den Grund für seine Zurückweisung verstehen. Doch zu so etwas wie tieferem Verständnis in die eigene Seele sind Menschen wie Tom Ripley und Andrew Cunanan nicht imstande; sie haben sich längst im Labyrinth ihrer Psyche verirrt. Als Befreiungsschlag, wenn sonst nichts mehr funktioniert, dient die Gewalt; auch wenn sie sich, wie in diesem Fall, gegen sie selbst richtet.