Ein Film, ein Liebesgedicht

The Cakemaker (האופה מברלין, Deutschland/Israel 2017)

Seit Erich Frieds berühmtem und oft zitiertem Gedicht von 1983 wissen wir es: Wenngleich zuweilen von Unsinn, Unglück, Angst und Schmerz gesprochen wird, von einer Lächerlichkeit oder mitunter sogar Unmöglichkeit – „Es ist, was es ist, sagt die Liebe.“ The Cakemaker, das Regiedebüt von Ofir Raul Graizer, ist ein Film, dem dieses im wahrsten Sinne des Wortes wohl unfassbarste aller Gefühle zur sanften, zarten, bittersüßen Poesie gerät. In seiner behutsam-sensiblen Inszenierung entwirft er eine Dreiecksgeschichte zwischen Deutschland und Israel, zwischen traditionellen Wertvorstellungen und Aufbruch, zwischen Melancholie und hoffnungsvollem Sehnen, eine Erzählung, der es nie um homo oder hetero geht, sondern um das, was man „fließende sexuelle Identität“ nennen mag, und immer nur um den einzelnen Menschen und seine verwirrten und verwirrenden Empfindungen.

Da ist Thomas, der in Berlin eine kleine Bäckerei betreibt, und da ist Anat, die in Jerusalem ein Café führt; zwischen ihnen steht Oren, Anats Mann und gleichzeitig Thomas’ Liebhaber. Ihre oft widersprüchlichen und von Unsicherheit geprägten Empfindungen hat Graizer in Bilder gegossen, die meist ganz still sind und mitunter sogar schweigen, die aber zwischen den ungesagten Zeilen so wunderbar beredt sind. Tim Kalkhof gibt dem Konditor Thomas das Gesicht eines zurückhaltenden jungen Mannes, der die meiste Zeit nur für sich ist, ich möchte fast sagen in sich lebt. Allein in der Beziehung mit Oren (Roi Miller) öffnet er sich. Die kurze Zeit, die dieser auf Geschäftsreisen zusammen mit ihm verbringt, scheinen Thomas zu genügen. Er redet nicht viel, aber Oren gegenüber spricht er aus, was ihm wichtig ist. Im Grunde genommen sind sie dabei nie wirklich zu zweit, immer zu dritt – fast greifbar ist Anat (die ausdrucksstarke Sarah Adler) in ihrer Mitte. Ob Thomas nicht allein sei, wenn er sich bei seiner Familie in Israel befinde, will Oren vom Geliebten wissen. Er habe seine Arbeit, verneint dieser, die Wohnung: „Dich.“ Schon seine Großmutter, erklärt er, habe gemeint, man solle wertschätzen, was man habe. Die Erinnerung an Oren genüge ihm in den Wochen zwischen seinen Besuchen in Berlin. Wenn sie dann miteinander schlafen, begehrt Thomas von Orens ehelichen Zärtlichkeiten zu erfahren: doch nicht, um sich damit selbst zu quälen, sondern in dem Ansinnen, nichts von dem geliebten Menschen auszublenden, alles als gut und richtig zuzulassen, was diesen eben ausmacht. Wann er zuletzt mit seiner Frau zusammen gewesen sei, möchte Thomas wissen, wo er sie berührt und geküsst habe. „Und was hast du dann gemacht?“ – „Liebe. Wir haben Liebe gemacht.“

Diese Worte und dabei das Bild, wie Oren und er einander ganz nah sind, hat Thomas im Kopf, als er sich Monate später, als Oren längst tot und Thomas nach Jerusalem gegangen ist, in Anat verliebt hat und mit ihr schläft. Er trägt dabei ein Shirt aus dem Schrank seines Liebhabers – auch mit Anat ist Thomas nicht allein, Oren ist in ihren Gedanken bei ihnen. Erst Wochen nach Orens Tod hat Thomas die Wahrheit erfahren; dass Oren nach dem letzten Besuch nie ans Handy ging und seine Nachrichten nicht beantwortete, brachte ihn fast zum den Verstand. Nun ist auf den Spuren dessen, was Orens Leben denn ausgemacht hat, nach Jerusalem gekommen. Seine Arbeit als Küchenhilfe in Anats Café und dass er dabei Orens Frau und seinen Sohn Itai lieb gewonnen hat, scheint seine Art der Aufarbeitung seiner Trauer zu sein. Davon, dass sich der Verkehrsunfall just in dem Moment abspielte, als Oren von zu Hause ausgezogen ist, um mit Thomas ein neues Leben in Deutschland zu beginnen, wird er erst später erfahren. Ebenso hat Anat zu diesem Zeitpunkt keine Ahnung davon, dass es der Geliebte ihres Mannes ist, in den sie sich verliebt hat. Nun, in der Küche des Cafés, kommen die beiden verlorenen Seelen einander ganz nah; Anat legt den Kopf an Thomas’ Schulter und ihre Hand in seinen Nacken, ihr Verhalten ist von großer Vorsichtigkeit geprägt, sie sind einsame und verletzte Menschen, die nur eines nicht wollen: den anderen zu verletzen.

Was so einfach natürlich nicht ist. Es ist die Suche nach einem selbstbestimmten Dasein, die Oren vor seinem Unfall zu einer Entscheidung trieb und die jetzt letztlich auch das Handeln von Anat und Thomas leitet. Erst durch die Beziehung zu Thomas findet Anat jenen entscheidenden Schritt ins Leben zurück, der ihr den Mut gibt, Orens Koffer zu öffnen. Sie findet darin Rechnungen aus Berlin, darunter auch jene von Thomas’ Konditorei. Sie hört Orens Handy ab und vernimmt darauf Thomas’ verzweifelte Nachrichten und seine Bitten, ihn doch zurückzurufen. Als sie die Worte hört: „Ich liebe dich!“, scheint es eigentlich nur noch die Trennung von Thomas zu geben.

Die Schilderung von Orens Doppelleben, dazu Anats Konflikte mit Orens konservativem Bruder Moti, der im Café auf der Einhaltung der Gebote für koscheres Essen beharrt, und Thomas’ widersprüchliche Gefühle, auch was seine Rolle eines schwulen Mannes an einschlägigen Treffpunkten in Jerusalem betrifft – dass diese Vielfalt an Problemkreisen, die der Film anreißt, nicht überfrachtet wirkt, ist auch der geradezu greifbaren Sinnlichkeit seiner Erzählweise zu danken, wenn es um die Zubereitung und den Verzehr von Essen geht. Am Spruch, dass Liebe (auch) durch den Magen geht, kommt man bei diesem Film nicht vorbei. Schon bevor Oren den Mut findet, Thomas in seiner Konditorei anzusprechen, verspeist er mit höchstem Genuss eine Schwarzwälder Kirschtorte – in einer späteren Spiegelung schleckt Anat, als sie sich unbeobachtet fühlt, sogar den Teller aus. Wie hier Teig geknetet wird, wie Kekse verziert und allerlei anderes Backwerk zubereitet und verkostet wird, mit welchem sichtlichen Genuss die Kunden im Café die für sie so ungewohnten süßen Kreationen des deutschen Bäckers probieren, ist eine Vorwegnahme der Wärme der Blicke und der Erotik der Berührungen zwischen den Liebenden. Die verhaltene Melancholie und die Zärtlichkeit dieser Szenen sind es, die The Cakemaker zu einem Gedicht über die Liebe machen, zu einem wahren filmischen Liebesgedicht.