Von Freundschaft und der ersten Liebe

Mein bester Freund (Argentinien 2018)

Von James M. Barrie, dem viktorianischen Autor und Schöpfer der Figur des Peter Pan, wird eine Geschichte vom Begräbnis seines älteren Bruders David erzählt, der beim Schlittschuhlaufen im Eis einbrach. James glaubte, seine Eltern sagen gehört zu haben, dass besser er an Stelle des Bruders gestorben wäre. Er zog sich sogar Davids Kleider an, um auf diese Weise die Liebe seiner Mutter zu erobern. Und der Schock über das unerbittliche Ticken der Zeit, das für jeden von uns unweigerlich zum Tod führt, inspirierte ihn Jahre später zu seinem Theaterstück über den Jungen aus „Nimmerland“, der nicht erwachsen werden will.

Eine ähnliche Szene spielt sich auch in Stand By Me aus 1986 ab, Rob Reiners atmosphärisch dichter, wunderbar sensibler sommerlicher Freundschaftsidylle nach einer Novelle von Stephen King. Am Grab seines Bruders bildet sich der zwölfjährige Gordie (Wil Wheaton) ein, sein Vater hätte seinen Tod dem des Bruders vorgezogen. Zwei Tage lang sind Gordie und seine drei besten Freunde daraufhin in den Wäldern rund um ihre Heimatstadt Castle Rock unterwegs: Chris (River Phoenix), der beschuldigt wird, in der Schule das Milchgeld gestohlen zu haben, Teddy (Corey Feldman), der von den Heldentaten seines Vaters in der Normandie prahlt, und der dicke Vern (Jerry O’Connell), dem das Gerücht von einem vermissten Jungen unterkommt, der angeblich unter einen Zug geraten sein soll. Die Freunde machen sich auf die Suche nach dem Leichnam und durchleben dabei eine Zeitspanne, in denen ihnen das Kindsein entgleitet und sie die ersten Schritte zum Erwachsenwerden tun. Als sie die Leiche endlich im Gebüsch abseits der Bahngeleise gefunden haben, bricht Gordie zusammen. „Why did he have to die?“, stößt er hervor und meint nicht den Jungen, den sie gar nicht kannten, sondern den kürzlich verstorbenen Bruder. Was ihn so quält, ist der Gedanke, für seine Eltern nicht gut genug zu sein: „My dad hates me!“ - „He just doesn’t know you“, widerspricht ihm sein bester Freund Chris und nimmt den Schluchzenden in die Arme.

Die Nähe zu einem Menschen, zu einem Kameraden, dem man vertraut wie sonst keinem – der Grat zwischen rein platonischer Freundschaft und Gefühlen, die man auch Liebe nennen kann, mag mitunter ein sehr schmaler sein. Dass offenbar nur einer der beiden Freunde schwul ist, ergibt die reizvolle Ausgangssituation für Mi mejor amigo, den ersten Langfilm des argentinischen Regisseurs Martin Deus. In der Szenerie einer kleine Stadt und der umliegende wilden Natur Patagoniens findet eine Geschichte der Selbsterkenntnis von universeller Richtigkeit statt. Auf den sensiblen und eher musisch interessierten Lorenzo übt Caíto, ein Jahr älter, nach außen hin härter als Lorenzo, muskulös und tätowiert, von Anfang an eine geradezu unwiderstehliche Faszination aus. Caíto ist der Sohn eines Jugendfreundes von Lorenzos Vater, die Familie bietet ihm Quartier, während sich Caítos Vater nach einem vorgeblichen Unfall im Krankenhaus befindet. Obwohl sich Lorenzo nach außen sehr ruhig, fast reserviert gibt, toben in ihm Gefühle, deren Einordnung ihm große Schwierigkeiten bereiten. In Angelo Mutti Spinetta hat Regisseur Deus dafür einen idealen Darsteller gefunden; seinem Gesicht, seinen Gesten, seinem ganzen Körper ist anzumerken, wie sehr ihm das, was er um sich herum und in sich drinnen wahrnimmt, zu schaffen macht. Aus seiner Beherrschtheit brechen zuweilen seine fahrigen, eckigen Bewegungen und seine Verzweiflung – die Weise, wie er sich durch die Haare fährt und daran festkrallt oder wie er die Hände vor die Augen legt, um nicht sehen zu müssen, was zu sehen ihm zu große Schmerzen bereitet. Nach dem Sport bewegen sich in der Umkleide die nackten Jungen um Lorenzo herum wie in Zeitlupe – er ist keiner von ihnen und lebt wie in einer eigenen Welt. Bald darauf lässt er eine Freundin beim Sex gewähren, sie ist die Aktive und Lorenzo nachher eher verzweifelt und orientierungslos. Als ihn das Mädchen anruft und meint, sie würde ihn bereits vermissen, wehrt er sie brüsk ab: „Du bist ja verrückt.“

Lorenzo und Caíto hingegen verbringen mehr und mehr Zeit zusammen. Wenn Caíto die Nacht auf einer Matratze in Lorenzos Zimmer verbringt, beim gemeinsamen Radfahren und Fußballspielen und wenn sich der ältere Bursch am Strand das Shirt auszieht – sosehr Lorenzo die Zeit mit dem Freund genießt, so perplex macht ihn die Unbekümmertheit, in der sich dieser ihm gegenüber verhält. Einmal bewahrt Lorenzo Caíto vor einer Prügelei wegen eines Mädchen, er bringt ihn ins Bett und wischt ihm behutsam mit dem Ärmel seines Pullis die Tränen ab, als Caíto seine Gefühle nicht länger zurückzuhalten vermag; hier genügen ein paar Gitarrenakkorde, um eine wunderschöne zärtliche Stimmung zu erzeugen. Tatsächlich ist Lautaro Rodríguez als Caíto viel zu sehr mit seinen eigenen Problemen beschäftigt, um mitzukriegen, was in Lorenzo vorgeht. Er kann nachts nicht schlafen und hat einen Vorrat an Pillen bei sich – für den Notfall, falls es ihm einmal wirklich sehr schlecht gehen sollte. An einer späteren Stelle des Films werden wir gemeinsam mit Lorenzo erfahren, welcher Art das Geheimnis ist, das Caíto sosehr martert, welche Dämonen ihn tatsächlich plagen: Er ist es, der für den Krankenhausaufenthalt seines Vaters verantwortlich ist – und letztlich für seinen Tod.

In seinem einzigartigen Roman Das Böse kommt auf leisen Sohlen (1962), der wohl ins Horrorgenre fällt, entwirft Ray Bradbury die Geschichte von zwei Freunden, Jim und Will, denen die Sehnsucht, älter zu werden, im Nacken sitzt, und von Wills Vater, der sich nichts sosehr wünscht, als wieder jung zu sein. Eines Nachts zieht das Böse in Form eines Jahrmarkts der unwiderstehlichen Verheißungen und falschen Versprechungen in die kleine Stadt ein. Auf einem Karussell kann man in der Zeit vor oder zurück fahren, kann älter oder jünger werden, vergisst dabei aber, wer man wirklich ist. Die Erzählungen von Ray Bradbury, dieses Träumers der amerikanischen Literatur, haben uns immer wieder zu Jungen gemacht, die mit leuchtenden Augen und roten Wangen durch geheimnisvolle Sommernächte streifen, denen der Wind durchs Haar fährt wie Geisterfinger, die über ein abgemähtes Feld laufen, dabei die Arme ausstrecken und sich frei wie Vögel fühlen, zu Jungen, die die Welt um sich herum mit allen Sinnen erleben, so intensiv wie später nie wieder – in dem Bewusstsein, dass schlichtweg alles möglich ist, dass sich sämtliche Schrecken und Wunder aus ihrer Vorstellung auch tatsächlich zutragen könnten. Das sind Jungen, denen es den Atem verschlägt ob der unendlichen Möglichkeiten unserer Welt und jener, die eigentlich nur in der Fantasie existiert und doch ab und zu Wirklichkeit wird. „Das war jene Woche im Oktober, in der sie über Nacht erwachsen wurden“, heißt es im Prolog von Das Böse kommt auf leisen Sohlen über Jim und Will, „in der ihnen das Jungsein entglitt.“

Einen solchen magischen Moment führt Mein bester Freund des Nachts in einem Pinienwald herbei. Trotz der Sorgen von Lorenzos Mutter fahren die Burschen mit dem Rad zum Strand und zelten im nahen Wald – eine Art Ausbruch aus dem Alltag, der Lorenzo mutig macht. Dass er einmal mit einem Psychologen reden wolle, erzählt Lorenzo und gibt auf Caítos Frage als Grund an, dass die Dinge in seinem Leben besser laufen sollten: Obwohl immer Leute um ihn herum wären, fühle er sich doch manchmal allein. „Wie schwul!“, ist Caítos harscher Kommentar, eine Vorahnung des nächsten Morgens. Da kommt es nämlich zu einer handfesten Auseinandersetzung zwischen den beiden Jungen. Caíto simuliert einen Krampf im kalten Wasser, Lorenzo taucht nach ihm, doch natürlich war alles nur Spaß. Lorenzos ist wütend: Auch sein Handy, gekauft von selbst verdientem Geld, ist kaputt. Er rempelt den anderen an und steigert sich in Rage; es wirkt fast hilflos, als er auf Caíto einzuschlagen beginnt. Dessen ironischer Kommentar: „Du hast Kraft!“ Und dann der in Hinblick auf seinen Vater im Krankenhaus viel sagende Zusatz: Man solle nie die Fassung verlieren, nicht jemandem mit einer Eisenstange über den Kopf schlagen.

Die zwei Jungen beschließen, eine weitere Nacht zu bleiben. Ein Lagerfeuer am Strand, sie kiffen, Lorenzo verfällt in haltloses Albernheit. Dann starren sie in die Flammen, jeder in seinen eigenen Gedanken gefangen. Er solle die Augen schließen, bittet Lorenzo schließlich Caíto. Und beugt sich dann schüchtern zu ihm und gibt ihm einen Kuss auf die Wange. Caíto regiert anders als von Lorenzo insgeheim erhofft und von uns vielleicht erwartet – nicht heftig, sondern ganz ruhig und unaufgeregt kommt es zu einer freundschaftlichen Umarmung: „Ich hab dich gern, Mann.“

Schwule erste Liebe oder doch "nur" Freundschaft – dieser schöne Film macht kein großes Aufheben darum, sondern nimmt die Dinge einfach, wie sie sind. In John Boynes Kurzgeschichte „Haystack Girl“, erschienen in der Sammlung Beneath the Earth (2015), outet sich der jugendliche Protagonist Danny seiner Zwillingsschwester gegenüber als homosexuell. Boyne beschreibt die Emotionen, die ihm dabei durch den Kopf gehen: „For all the tears, I felt a sudden rush of relief at saying the words out loud. I’d said them to myself hundreds of times over the last few years, almost always in disbelief, but there they were now, out in the world, setting off their own adventures.” Die Reaktion der Schwester ist eine denkbar unangenehme, sie informiert sogleich ihre Freundin und diese alsbald die gesamte Schule. Als ungleich einfühlsamer erweist sich Lorenzos Mutter (Mariana Anghileri) in einem behutsam-intimen Gespräch mit ihrem Sohn. Dass sie Caíto gern habe, versichert sie ihm, nachdem die Wahrheit über den sogenannten Unfall ans Tageslicht gekommen ist. Lorenzo widerspricht ihr: Sie gebe sich bloß Mühe, sie sei großherzig, sich jedoch stets bewusst, dass Caíto der Sohn jenes Freundes des Vaters sei, der den Grund dargestellt habe, dass die Familie vor Jahren in den Süden des Landes gezogen sei – damit der Vater Abstand zu den Drogen fände. Ob sich Lorenzo vorstellen könne, was es für sie bedeutet habe, alles aufzugeben, meint die Mutter, ob er sich in ihre Lage versetzen könne? Und spricht dann den Kern des Themas an: „Hast du irgendwelche besonderen Gefühle für ihn?“ – „Was für Gefühle?“ – „Da ist nichts dabei“, betont die Mutter und nennt Lorenzo mit seinem Kosenamen Lolo. Dieser wehrt sie ab, er wolle über diese Sache nicht reden, doch die Mutter lässt nicht locker: Sie habe schon mit seinem Vater darüber gesprochen: „Es ist nichts dabei.“ Und ob er denn kein Vertrauen zu ihr habe, sie würde ihm zuhören. „Bist du in Caíto verliebt?“ Lorenzo ist schockiert, er wolle jetzt nicht darüber reden, wiederholt er immer wieder und windet sich und hält sich die Hand vor die Augen und dann die Hände vors ganze Gesicht. Das alles im Esszimmer des Elternhauses, in einem halben Morgenlicht, in dem alles möglich ist und nichts möglich sein muss und die Mutter, nicht weniger nervös als ihr Sohn, an ihrer Zigarette zieht. „Ich bin nicht verliebt“, verbarrikadiert sich Lorenzo. „Er tut mir einfach total leid. Das ist alles.“ Doch er kann seiner Mutter dabei nicht in die Augen schauen und sie schickt sich an zu gehen. Da springt Lorenzo auf: „Warte!“ Er umarmt sie. „Ich hab dich lieb!“

In der Rahmenhandlung von Stand By Me ist es ein erwachsener Gordie (Richard Dreyfuss), Schriftsteller und inzwischen selbst Vater, der auf seine Kindheit in den Fünfzigerjahren zurückblickt und sich wünscht, die Zeit zurückdrehen zu können. Nach ihrem Abenteuer auf der Suche nach der Leiche kehren die vier Freunde als andere nach Castle Rock zurück. Gordie hat entschieden, die Leiche des verunglückten Jungen im Wald zurückzulassen, ein anonymer Telefonanruf bei der Polizei hat den Rest erledigt. In der Nacht zuvor haben sie sich noch bei der Wache im Wald vor unheimlichen Geräuschen gefürchtet, haben am Lagerfeuer über die Geschichte eines Kuchenesswettbewerbs mit drastischen Folgen gelacht und über Comicfiguren wie über reale Menschen diskutiert: „Mickey’s a mouse, Donald’s a duck, Pluto’s a dog. What’s Goofy?“ - „Goofy’s a dog. He’s definitely a dog.“ – „He can’t be a dog. He drives a car and wears a hat.“ - „Oh, God. That’s weird. What the hell is Goofy?“ Coming-of-age: Sie waren nur zwei Tage von zu Hause fort, doch als in den frühen Morgenstunden die ersten Häuser der Stadt vor ihnen auftauchen, erscheint ihnen diese verändert, kleiner. Aus dieser, für die Eventualitäten des weiteren Lebens offenen Stimmung fließen denn auch die letzten Sätze, die der erwachsene Gordie in seinen Computer tippt: „I never had any friends later on like the ones I had when I was 12. Jesus, does anyone?“

So intensiv wie die Freundschaft zwischen Gordie und Chris in Stand By Me erscheint mir auch jene zwischen Lorenzo und Caíto – Mein bester Freund lässt sich auf den überaus verwirrenden Moment des unausgesprochenen Begehrens jeodhc geradliniger ein, mit Ernsthaftigkeit, großer Einfühlsamkeit und feinem Scharfsinn, was die Zusammenhänge menschlicher Emotionen betrifft. Nachdem er vom Tod seines Vaters erfahren hat, dreht Caíto durch. Er nimmt seine Pillen, die ihn eine Zeitlang außer Gefecht setzen, anschließend überrascht ihn Lorenzo dabei, wie er das Schlafzimmer seiner Eltern durchstöbert. Er glaubt nicht seiner Beteuerung, nur nach Aspirin gesucht zu haben, es kommt, wie schon im Pinienwald, zu einem heftigen, auch körperlichen Streit. Caíto stürmt davon, Lorenzo bleibt in seiner Wut, die auch Trauer ist, allein. Er kauert auf dem Boden, er umarmt einen Polster, er weint. Da kommt Caíto zurück. Er habe nur das Geld gesucht, das er in den letzten Monaten bei der Arbeit in einem Sägewerk verdient habe, erklärt er. Und dass er Lorenzos Eltern nicht weiter zur Last fallen wolle. Verzweiflung, Tränen, er streckt Lorenzo die Hand hin, dieser zieht ihn in einer Umarmung ganz fest an sich. Lorenzos Augen sind geschlossen, dann folgt ein langer Blick in jene seines Freundes. Schließlich bleib er abermals allein zurück. Er kauert auf dem Boden, er geht auf die Straße, er räumt die Wohnung zusammen, er schlägt mit der Faust gegen die Wand und sinkt wieder in die Knie. Dann holt er ein zerknülltes Shirt von Caíto unter dem Bett hervor und drückt sein Gesicht hinein. Der Abschied von der ersten Liebe tut weh, auch wenn das Objekt dieser Liebe die Art seiner Gefühle nicht zu teilen vermochte. So ist Lorenzo ist allein in der Schule und in dem Burgerlokal, wo er einmal mit Caíto dessen Geburtstag gefeiert hat, und bleibt auch allein im Wald und am Strand, wo ihm der Wind durchs Haar weht. Und doch hat er einen wichtigen Schritt aus dem „Nimmerland“ seiner Kindheit zur Erkenntnis über sich selbst bereits getan. „Die Flucht vor Gefühlen verbiegt die Menschen nur“, hat der deutsche Filmemacher Joseph Vilsmaier 2014 in einem Interview gesagt. Lorenzo, soviel dürfen wir spekulieren, wird wohl geradlinig durch sein erwachsenes Leben gehen.