Tatsächlich Liebe

Please Like Me (Australien 2013-2016)

Ein junger Bekannter hat sich die bekannte Filmszene als Vorbild genommen und selbst in die Tat umgesetzt. Er war damals gerade achtzehn, nahm am Weihnachtsabend all seinen Mut zusammen und fuhr in den Nachbarort, wo der Mitschüler wohnte, in den er insgeheim verliebt war. Die Textkarten, der Kassettenrekorder, daraus die leise Musik von „Stille Nacht“ – ganz wie in der herrlichen Sequenz aus Love Actually (2003), wenn sich Mark (Andrew Lincoln vor seinem Ruhm als Sheriff Rick in The Walking Dead) als einer entpuppt, der trotz aller Aussichtslosigkeit mit der Liebe, die er für die mit seinem besten Freund verheiratete Keira Knightly schon lange Zeit mit sich herumgetragen hat, nicht länger zurückhalten will. Im nächsten Jahr, so der Text auf den Karten, die Mark hochhält, würde er mit viel Glück mit einer Frau ausgehen, die so aussehe wie die abgebildeten Models, doch weil Weihnachten sei und man an diesem Abend die Wahrheit sagen solle: „To me you are perfect and my wasted heart will love you …“ – Und als man sich schon fragt, wie in aller Welt sich jemand allen Ernstes solche Sätze zu schreiben traut, reißt Drehbuchautor/Regisseur Richard Curtis das Ruder aus dem Schmalz: „… until you look like this:“ Und auf der nächsten Karte sehen wir das Foto einer verschrumpelten Mumie.

Mark bringt sein Wagemut in diesem Weihnachtsklassiker zumindest einen freundschaftlichen Kuss der Angebeteten ein und die Gewissheit, getan zu haben, was ganz einfach getan werden musste: zu diesem Zeitpunkt, an diesem Ort. Meinem Bekannten blieb bei seinem Outing sogar der kleine Glücksmoment eines solchen Kusses verwehrt. Doch genau die Stimmung dieser Szene zwischen hemmungslosem Sentiment und dessen ironischer Brechung macht auch den Reiz der australischen Serie Please Like Me aus, zu deren Charakterisierung das Adjektiv „liebenswert“ geradezu erfunden worden sein könnte. Zudem ist die Aktion diesmal sogar von Erfolg gekrönt.

Unter den wechselnden Liebesbeziehungen der vierunddreißig Folgen, aufgeteilt in vier Staffeln, ist jene zwischen Josh und Anthony die aus schwuler Betrachtungsweise zentrale. Josh Thomas, der Autor und Hauptdarsteller der Serie, hat darin eigene Erfahrungen verarbeitet. Die Konzeption einer Dreier-WG mit dem von ihm verkörperten schlacksig-unbeholfenen Protagonisten Josh, einem ewig Unsicheren und Suchenden, als Angelpunkt zwischen Themen wie der manisch-depressiven Erkrankung der Mutter, der Scheidung der Eltern, einer neuerlichen Beziehung des Vaters samt Geburt eines Babys, den Freundschaften unter, nennen wir es mal unkonventionellen Charakteren, die Wirrungen und Verwirrungen des Lebens, der latent lauernden Furcht vor Einsamkeit, die bohrende Sehnsucht, ganz und gar zu einem anderen zu gehören und sich selbst dabei nicht aus den Augen zu verlieren. Es ist die authentische, unmittelbare, zuweilen fast improvisiert anmutende Ehrlichkeit in der Vermittlung von Situationen, die wie aus dem Leben gegriffen wirken, die uns das Gefühl geben, schon immer Teil dieses Spiels zwischen Drama und Humor gewesen zu sein.

Josh und Anthony (Keegan Joyce mit großen Augen und meist verwirrtem Blick) also und das Hin und Her ihrer Liebe. Josh gibt sich alle erdenkliche Mühe mit seinem von Angstneurosen geplagten Freund. Dass Anthony keinen Sex mit ihm haben möchte, treibt ihn sogar zu der Vermutung, für den Feschak einfach nicht gut genug auszusehen. Dass ihr Date gerade in einem Irrgarten aus mannshohen Hecken stattfindet, versetzt Anthony noch mehr in Unruhe: „I don’t want you to get too close and then realize I’m actually not that likeable“, meint er. Und setzt nach: „I’m not ready to be vulnerable for you.”

Doch auch Anthony gibt sich Mühe. Das nächste Date organisiert er selbst, und da wird es ganz schön romantisch. Eine nächtliche Halle, Lichterketten sind über einen Platz mit Decken gespannt, Kerzenflackern und Wein. Josh kann nicht glauben, dass das alles wahr sein soll und macht sich noch lustig: „It’s just that this is exactly how 16-year-old girls imagine they’re gonna lose their virginity.“ Seine Nervosität macht sich in nicht gerade bühnenreifem Gesang Luft: „Kiss me …” Doch tatsächlich kommt es zum so heiß ersehnten Sex: sehr behutsam und zärtlich und im ständigen gegenseitigen Versichern, ob es dem anderen eh gut dabei gehe. Und Sixpence None the Richter singen die melodischere Version ihres Hits: „Oh, kiss me beneath the milky twilight/Lead me out on the moonlit floor …” Einige umständliche Positionswechsel später naschen die zwei Liebenden Käsehäppchen und Josh stellt die Frage, ob Anthony denn bei ihm übernachten werde. Dieser begründet seine Ablehnung mit den Eltern, vor denen er noch nicht geoutet sei und denen seine Abwesenheit über Nacht nicht verborgen bleiben würde.

Auf diese Bemerkung nimmt Anthony bei ihrem nächsten Treffen Bezug. Sie liegen zusammen im Bett und Josh kann kaum von seinem Freund lassen. Wie ein komischer Subtext zu ihrer Unterhaltung verknoten sich die Arme und Beine und Körper der beiden immer mehr ineinander. Anthony fühlt sich bereit für Geständnisse. Seinen Eltern, meint er, würde es gar nicht auffallen, wenn er nicht heimkomme. Und er setzt noch eines drauf mit der Ehrlichkeit: Er mache sich vor einem Treffen mit Josh auf dem Handy eine Liste mit möglichen Fragen und Gesprächsthemen. Im Fall, dass sie nichts miteinander zu reden wüssten, könne er aufs Klo gehen und diese Liste konsultieren. Und als Höhepunkt: Er habe Joshs Lieblingsfilm Love Actually in Wahrheit nie gesehen, habe ihn aber gegoogelt und den Inhalt nachgelesen. „And then I told you I loved it, too.“ Doch in diesem Moment mit Anthony, der auf ihm liegt wie eine Decke, kann Josh nichts aus der Fassung bringen: „I still like you.“

Mit dieser Art von Gleichmut ist es aber bald vorbei. In einer Regennacht torkelt Anthony betrunken in Joshs Zimmer und kuschelt sich zu ihm ins Bett. Er flüstert ihm mehrmals die magischen drei Worte ins Ohr: „I love you.“ Irritiert stellt sich Josh jedoch schlafend. Am nächsten Tag hingegen folgt eine seiner charmanten Inszenierungen: Im Hühnergehege hinter dem Haus setzt er Anthony ein Huhn auf den Kopf und sagt ihm, dass er ihn liebe. Ein Augenblick der Erwartung, eine entsprechende Antwort zu erhalten – doch der Angesprochene gibt vor, sich an nichts zu erinnern. Er würde Anthonys komplizierte Gedankenwelt akzeptieren, bricht die Enttäuschung dann aus Josh, aber: „Sometimes my feelings need to be thought of.“ Anthony windet sich weiterhin, er wolle sich zu nichts drängen lassen. In seiner Verletztheit, mit eingezogenen Schultern und schiefgelegtem Kopf, schickt ihn Josh, zutiefst enttäuscht, nach Hause: „I need you to go now.“

Die Geschichte treibt ihrer romantischen Lösung zu – die bereits erwähnte Szene mit den Schildern. Es ist Abend, Josh befindet sich im Haus, wir sehen ihn gemeinsam mit dem herantretenden Anthony durch die nur halb geschlossenen Jalousien. Anthony klopft und Josh öffnet ihm die Tür. „Stille Nacht” setzt ein, da macht sich auf Joshs Gesicht ein seliges Grinsen breit – als echter Fan von Love Actually ahnt er natürlich, was nun kommen wird. Dass er sich den Film nun angesehen habe, teilt ihm Anthony durch die Karten mit, aber nicht sagen könne, dass er ihm gefallen habe. Als „particularly troublesome” würde er die betreffende Szene empfinden, denn der Verliebte sei ein Stalker „and it oversimplifies love.“ Aber sie habe ihm die Idee gegeben, auf welche Weise er sich bei Josh entschuldigen könne, ohne es laut aussprechen zum müssen: „I’m sorry“, steht auf der nächsten Karte. „To me, you are perfect.“ Und endlich das ersehnte „I love you.” Liebevolle Blicke, der ersehnte Kuss und eine lange Umarmung, dann gehen sie zusammen ins Haus und wir erhaschen von ihnen noch einen Blick, als sich die Kamera von der Szenerie zurückzieht.

Und wenn diese Liebe auch nicht die gesamte Serie hält – was soll’s, die Szene dieses perfekten Moments ist einfach schön.