Sie schlugen und sie küssten sich

Shameless (USA seit 2011)

Damiens und Toms Körper sind übersät von blauen Flecken und Blutergüssen, als sie endlich soweit sind, voreinander auszusprechen, was sie wirklich füreinander fühlen. Den Großteil der Tragikomödie Mit siebzehn (2016) des französischen Altmeisters André Téchiné prügeln die beiden Burschen, sympathisch verkörpert von Kacey Mottet Klein und Corentin Fila, aufeinander ein, wann immer sie einander über den Weg laufen – und da sie dieselbe Klasse besuchen und Damiens Mutter Tom als Pflegekind aufnimmt, als seine Adoptivmutter auf dem Bergbauernhof schwanger wird, ist dies recht häufig der Fall. Das geht so weiter, bis die plötzliche Zensur des Todes von Damiens Vater, der als Hubschrauberpilot in Afghanistan dient, alle Beteiligten zum Nachdenken bringt. Am Schluss des Films läuft Tom über einen Berghang und breitet dabei die Arme aus, als ob er fliegen könnte – und landet auf diese Weise geradewegs in Damiens Armen und im gemeinsamen Glück.

Nett erzählt, aber ziemlich vorhersehbar, plätschert diese Handlung dahin. Konträr dazu steht das Beispiel von Ian und Mickey, zweien der Protagonisten der amerikanischen Serie Shameless, die aufs Anschaulichste illustriert, dass die wirklich komplexen Figuren und Beziehungen heutzutage oftmals im Fernsehen gezeichnet werden. Brutal mutet auch der Umgang an, den diese beiden jungen Männer miteinander pflegen – selbst wenn sie Sex miteinander haben, wirkt es wie ein Ringkampf, und der Wunsch nach Zärtlichkeit und echter Nähe geht dabei anfangs immer nur von Ian aus. Eine ungleich intensivere Szenerie als jene von Téchinés ländlich-kleinstädtischer Idylle: Die Arena, in der Ian und Mickey sich beweisen müssen, ist die von Gewalt, Alkohol und Drogen dominierte South Side von Chicago, ihre dysfunktionalen Familien, die Gallaghers und die Milkovichs, sind das, was man allenthalben als „poor white trash“ bezeichnen würde. Ihre Mitglieder, angefangen vom versoffenen Vater Frank (William H. Macy) und seiner ältesten Tochter Fiona (Emmy Rossum), der im Versuch, die Familie irgendwie zusammenzuhalten, das eigene Leben abhanden zu kommen droht, haben zum Leben zuwenig und zum Sterben zuviel und hängen dem meist unmöglichen Traum nach, es vielleicht doch einmal schaffen zu können.

Und da ist der schwule Ian (Cameron Monaghan, rote Haare, blasse Haut, traurige Augen), der es schon als Teenager mit dem verheirateten Inhaber des Minimarktes treibt, in dem er jobbt. Er verliebt sich in Mickey (Noel Fisher, ganz geballtes Konfliktpotential), der bei jedem Schritt und jeder Geste die nervöse Aggressivität des Überdrübermacho raushängen lässt – dass der Grund dafür der unbeholfene Versuch ist, seine Unsicherheit zu kaschieren, wird erst allmählich offensichtlich. Ian und Mickey treffen sich an allen möglichen und unmöglichen Orten zum Sex, was an ihrem seltsam distanzierten Verhältnis vorerst aber nichts ändert. Denn Mickey ist zerfressen von der Angst, sich eine Blöße zu geben – und in dem Milieu, in dem er aufgewachsen ist und sein täglicher Überlebenskampf stattfindet, würde ein Outing genau eine solche bedeuten. Ian aber fühlt sich in seiner Sexualität wohl, er drängt Mickey, zu ihrer Liebe zu stehen. Die Reise ihrer Beziehung, ihre ganz persönliche road to happiness, wie sie Shameless ausleuchtet, ist nie einfach und bequem, gerade deshalb jedoch die vielleicht emotional reifste eines gleichgeschlechtlichen Paares im derzeitigen Fernsehen. Mickey öffnet sich erst nach Ians Zeit in der Armee und als Tänzer und Escort in einem schwulen Nachtklub seinen wahren Gefühlen und spricht sie auch Ian gegenüber aus. Sein allgemeines Outing folgt in der Szene nach der Taufe seines kleinen Sohnes.

Der Erzählstrang der Serie, der die beiden betrifft, kulminiert kurz vor dem Ende der vierten Staffel, nach nicht weniger als siebenundvierzig Folgen, in dem Augenblick, als der gewalttätige Schläger Mickey aus Liebe über seinen Schatten springt – ein in diesem Fall beträchtlicher Sprung. Seine Heirat mit der russischen Prostituierten Svetlana (Isidora Goreshter mit herrlich schwarzhumorigen Onelinern) war dazu angetan, seinen homophoben Vater von seiner Heterosexualität zu überzeugen. Nun, am Tag der Taufe seines Kindes, bezeichnet Ian Mickey und sich selbst schon nach dem Aufstehen in der Früh als Paar, das sich verstecken würde. Mickey verwehrt sich dagegen, dass ihn Ian in die Kirche begleitet. Dass dieser trotzdem erscheint, überrascht uns nicht. Die verbale Auseinandersetzung geht nach der Taufe weiter. Wir befinden uns beim allgemeinen Besäufnis in einer Bar, als Svetlana Mickey drängt, Ian nach Hause zu schicken. Dieser aber bleibt eisern: „If you make me leave, don’t come over. I’m sick of living a lie, aren’t you?“ Darauf Mickey: „Ian, what you and I have makes me free. Not what these assholes know.“ Monaghans und Fishers intensives Spiel ist ein Tanz um den sprichwörtlichen Vulkan, dessen Ausbruch der eine herbeisehnt und der andere fürchtet; in jedem Moment wirkt es glaubhaft und geht zu Herzen.

Als dann Mickeys Vater in die Szene platzt und sich in üblen Witzen über sogenannte Schwuchteln ergeht, schickt sich Ian an zu gehen. Mickey meint, er würden ihm später nachkommen, darauf Ian: „No, don’t. We’re done.“ – „What the fuck are you talking about?“ – „I don’t have any interest in being a mistress anymore.“ Mickey kontert: “When did you get so dramatic?” Und Ian:  „When I realized what a pussy you are.“ Hier wird ein wunder Punkt getroffen und der Wortwechsel zunehmend aggressiver: „Say it again, I’m gonna kick your fucking ass.“ Ian kommt ihm ganz nah, das Band zwischen ihren vor Traurigkeit und Zorn funkelnden Augen ist zum Zerreißen gespannt. „You think you’re a tough man? You’re not. You’re a coward.“ Mickey habe Angst vor seinem Vater, vor seiner Frau. „You’re afraid to be who you are.“ Mit seiner Jacke geht Ian zur Tür. In Mickey kämpfen die widersprüchlichsten Gefühle, Noel Fisher lebt die Zerrissenheit seiner Figur: „Well good. Leave. What the hell do I care, bitch?“ Und endlich setzt er sich gegenüber seinem Vater, seiner Erziehung, dem Umfeld seines bisherigen Lebens in dem ruppig-trotzigen Ton durch, der ihm zueigen ist: „I just want everybody here to know I’m fucking gay. A big ole 'mo.“

Es herrscht Totenstille im Raum, als Ian langsam auf ihn zukommt. „You happy now?“ fragt ihn Mickey. Das Leuchten in Ians Miene bedarf keiner Antwort. Da setzt die Musik wieder ein und beginnen die Leute wieder zu tanzen; keine Reaktion, keiner nimmt Notiz von ihnen. Doch bevor auch nur ein Hauch von Kitsch aufkommen könnte, folgt der typische Shameless-Bruch: Mickeys Vater stößt plötzlich den Tisch um, an dem er sitzt, und stürzt sich auf seinen Sohn. „I’ll fucking kill you! You son of a bitch!“ Er schlägt Mickey zusammen, woraufhin sich Ian auf ihn wirft und sich eine veritable Kneipenschlägerei entwickelt. Später lecken sich Ian und Mickey auf der Straße mit blutverkrusteten Gesichtern ihre Wunden. „I think I broke half a fucking tooth“, meint Mickey. Und Ian: „Yeah, my ribs don’t feel so good.“ Ein Schluck aus dem Flachmann. „So you really came out, huh?“, spricht Ian wieder an, worum es im Eigentlichen geht. Mickey versucht wie gewohnt, seine Rührung zu überspielen: „Doesn’t mean I’m gonna wear a fucking dress or anything.“ – „Nobody fucking asked you to. Though you do have really nice legs.“ Ein Blick, ein Grinsen, befreiendes Lachen: „You’re a fucking dick.“ Dann werden sie ganz ernst. Sie drücken sich aneinander und sind in diesem Moment der Zärtlichkeit einfach das, was ihnen nur ganz selten vergönnt zu sein scheint – glücklich.

Dass dieses Glück nicht von allzu langer Dauer sein wird, liegt in der Natur dieser Serie. Sie hält für Ian nämlich eine schlimme Krankheitsdiagnose bereit; wie auch seine Mutter ist er bipolar. Diese Umstände verändern auch Mickey. Trotz seines Hangs zur Gewalt war es immer schon seine offenbare Verwundbarkeit, mit der er selbst so gar nicht umgehen konnte, die ihn zu solch einem differenziert gezeichneten Charakter macht. Seine Angst um Ian, die Furcht, ihn und damit das zu verlieren, was sein Leben nun endlich lebenswert macht, führt zu einigen der stärksten Szenen der Serie. Ian seinerseits will die neue Wahrheit über sich selbst nicht akzeptieren, er weiß so gar nicht mit seiner Krankheit umzugehen und weigert sich, die Medikamente zu nehmen, die aus ihm eigenem Empfinden nach so etwas wie ein Zombie machen, ihm seine Eigenständigkeit rauben würden. Er entführt Mickeys Sohn, landet für einige Zeit sogar in einer psychiatrischen Anstalt und verschwindet ohne Abschied  von einem Tag auf den anderen mit seiner Mutter. Mickey, auf dessen Anrufe er nicht antwortet, ist halb wahnsinnig vor Sorge. Als Ian ihn eines Morgens doch anruft, fällt das behelfsmäßige Schutzschild, das Mickey um sich herum aufgebaut hat, in sich zusammen. Er läuft zum Haus der Gallaghers und findet Ian auf der Treppe sitzen. Noch schwer atmend und voller Nervosität: „The fuck you’ve been?“ Ian, bleich, ausgemergelt und mit roten Augen, bringt das Gespräch sofort auf den Punkt, der ihn nicht zur Ruhe kommen lässt: „I hate the meds. You gonna make me take them?“ Mickeys Antwort: „You get fucking nuts when you don’t.“ – „You gonna wanna be with me even if I don’t?“, will Ian wissen. Trotz der Tränen in ihren Augen ist es wie bei einem Duell mit Worten, deren Bedeutungsschärfe ihre Beziehung Schnitt für Schnitt zerschneidet – wie immer bei Shameless auf den Punkt geschrieben. „You used to love me“, sagt Ian. „And now you don’t even know who I am.“ Und der Zusatz: „Shit, I don’t know who I am half the time.“ Mickey versichert ihm seiner Liebe. „The hell does that even mean?“, gibt Ian zurück. „It means we take care of each other.“ Doch Ian beharrt: „I don’t want you sitting around worrying, watching me. Waiting for me to do my next crazy shit.” – „It means thick and thin.” Von einem wie Mickey bedeuten diese Worte die Welt: „Good times, bad. Sickness, health. All that.“ Nun ist er es, der zu ihnen als Paar stehen würde, sogar in den schwierigen Zeiten, die sich durch Ians Krankheit aufgetan haben. Doch Ian braucht alle Energie für sich selbst, für Mickey bleibt dabei kein Platz. „The hell is wrong with you?“, stottert Mickey als Reaktion auf Ians aufgesetzten Zynismus, der über das Bild von ihnen beiden im Hochzeitssmoking spottet. „Too much!”, lautet die Antwort. „Too much is wrong with me!” Mickey könne nichts daran ändern. „You can’t fix me because I’m not broken. I don’t need to be fixed, okay? I’m me!“ Und Mickey, ganz still, zu Tode verletzt: „This is it. This is you breaking up with me … Really? Fuck!“

Wenn Mickey im Laufe der sechsten Staffel im Gefängnis sitzt und sich ein falsch geschriebenes Tattoo ritzt, in dem er seine Liebe zu Ian festhält, ist dies ein ähnlich starkes Sinnbild wie die Glasscheibe, zu deren beiden Seiten sie sitzen, als Ian ihn endlich auf Svetlanas Betreiben doch einmal besucht. Ihre Wege waren so lange Zeit fest miteinander verwoben, nun weisen sie in unterschiedliche Richtungen. Es ist eine sehr erwachsene Erkenntnis, die Shameless thematisiert: Manchmal genügt es einfach nicht, jemanden zu lieben. Auch andere der brillant gescripteten Charaktere der Serie treffen immer wieder impulsiv die falsche Entscheidungen und verletzen dadurch gerade die, die sie am meisten lieben. So scheitern sie meist in ihrem Bemühen, mit den beschissenen Karten, die das Schicksal ihnen ausgeteilt hat, zurande zu kommen. In wunderbaren kleinen Augenblicken aber, wie eben dem, in dem Mickey seine Liebe öffentlich macht, finden auch sie ihr Glück; und wenn es auch nicht von Dauer ist, sie haben es erlebt.