Der Zwerg im Sarg

Sterben für Anfänger (GB 2007)

Alles beginnt unter denkbar schlechten Vorzeichen. Wir verfolgen die Fahrt des Wagens des Bestattungsunternehmens auf diversen Umwegen über einem Stadtplan den gesamten kurzweiligen Vorspann lang, doch als Daniel einen letzten Blick auf seinen Vater im Sarg werfen möchte, muss er feststellen, dass der Leichnam vertauscht wurde. Also alles wieder retour – und als der richtige Verstorbene im efeuumrankten englischen Landhaus aufgebahrt ist, nehmen die Dinge erst ihren wirklich katastrophalen Lauf.

Macht man sich auf die Suche nach Definitionen für den typisch englischen Humor, stößt man auf Qualitätsmerkmale wie die Trockenheit des Witzes, unverblümte Direktheit, Understatement und Selbstironie. Die Charakterisierung von Ungeheuerlichem als recht alltägliche Vorkommnisse – all diese Kriterien zeichnen auch jene Variante aus, die man als schwarzen Humor bezeichnet, einen Begriff, den der Surrealist André Breton erstmals in seiner Schrift Anthologie de l’humour noir (1940) fomulierte. Er schreckt vor Tabus wie Verbrechen, Behinderung und Tod nicht zurück, verhandelt Absurdes und Morbides auf sarkastische Weise und benutzt sexuelle Anzüglichkeiten oftmals als Methode zur Überschreitung von gesellschaftlich aufgestellten Grenzen. In diesem Sinne ist Death at a Funderal, wie die Filmkomödie Sterben für Anfänger so schön wortspielerisch im Original betitelt ist, britisch-schwarzen Humor at its very best dar.

Die Ausgangssituation der Geschichte des Muppets-Schöpfers Franz Oz ist so simpel wie sie Möglichkeiten für die diversesten Irrungen und Verwirrungen bietet. Eine Trauerfeier, die versammelte Familie und der Freundeskreis, wobei sich unter den Mitgliedern dieser beiden Gruppen so manch seltsame Gestalt befindet. Onkel Alfie (Peter Vaughan) in seinem Rollstuhl auf der Suche nach einer Toilette; Daniels Bruder, der versnobte Romanautor Robert (Rupert Graves), der dem finanziellen Ruin nahe steht; der Nebenerwerbsdealer Troy (Kris Marshall); der nervöse Simon (Alan Tudyk), der statt einer beruhigenden Valiumtablette eine von Troys Drogenmischung mit dem Effekt schluckt, dass er splitterfasernackt auf das Dach des Hauses klettert; der Hypochonder Howard (Andy Nyman), der sich immer neuen besorgniserregenden weil imaginär gesundheitsbedrohlichen Situationen ausgesetzt sieht; der liebestolle Justin (Ewen Bremner), der Simons Verlobte Martha (Daisy Donovan) auf Schritt und Tritt verfolgt – sie alle und andere mehr stellen für den schüchternen Daniel (Matthew Macfayden), der die unliebsame Aufgabe hat, die Totenrede auf seinen Vater zu halten, vor immer neue Herausforderungen. Das Darstellerensemble ist bestens gelaunt, ein Gustostückerl an Witz und Komik jagt das nächste, die Pointen werden mit lockerer Verve platziert und dabei so manche Grenze des sogenannten guten Geschmacks aufs Köstlichste umschifft bis unterschritten.

Und dann ist da noch ein kleinwüchsiger Gast, den niemand kennt. Peter (dargestellt von Game of Thrones-Tyrion Peter Dinklage) entpuppt sich als heimlicher Geliebter des Verstorbenen und kann dem perplexen Daniel zum Beweis auch entsprechendes Fotomaterial vorlegen. Die Szene, in der sich Daniel erstmals so richtig im Arbeitszimmer seines Vaters umzusehen beginnt – und ihm dabei angesichts der homoerotischen Bilder und Statuen geradezu die Augen übergehen, ist nur einer von vielen wunderbar entlarvenden und somit komischen Momenten dieses Films. Sie laufen darauf hinaus, dass Daniel zusammen mit seinem Bruder, Howard und Troy Peter kurzerhand fesselt und knebelt. Nachdem sich dieser durch allerlei Herumspringen selbst k. o. geschlagen hat, sind sie davon überzeugt, ihn umgebracht zu haben. Welch besseres Versteck gibt es bei einer Trauerfeier als den Sarg, in dem, so schmiedet das verzweifelte Quartett seinen perfiden Plan, außer dem Verstorbenen doch auch noch ein Zwerg Platz haben müsse – sozusagen im Tode vereint, was im Leben verheimlicht werden musste.

Sie haben Glück, denn die Gäste sind mittlerweile angesichts des nackten Simon im Garten versammelt. Die Szene, in denen die Vier versuchen, den bewusstlosen Peter in den Sarg zu bugsieren, ohne dass die Gäste etwas davon mitkriegen, und jene, in der Daniel während seiner Totenrede immer wieder von Klopfzeichen aus dem Sarg unterbrochen wird und schließlich der Deckel auffliegt und Peter daraus hervorspringt – unübertrefflicher Klamauk tiefschwärzester Art, perfekt getimt und choreografiert. All der herrliche Tumult, der daraufhin losbricht, gipfelt darin, dass der Witwe die diskriminierenden Fotos zu Augen kommen und sie sich mit Geschrei auf den ehemaligen Liebhaber ihres Mannes stürzt.

Besonders schön finde ich die Auflösung dieses Chaos. Daniel erhebt seine Stimme und hält eine berührende Rede auf seinen Vater, der wie sie alle kein fehlerloser Mensch gewesen sei – „but he was a good man and he loved us.“ Das Leben, meint Daniel stockend, aber aus tiefstem Herzen, sei nicht einfach. Sie seien alle in eine Welt voller Verwirrungen geworfen: „A world full of questions and no answers, death always lingering round the corner.” Es gehe darum, sein Bestes zu geben: „And my dad did his best.“ Und Daniels Resümee: „When you all leave here today, I’d like you to remember my father for who he really was: a decent, loving man. If only we could be as giving and as generous and as understanding as my father was, the world would be a far better place.” In diesem Sinne bewahrt der Film trotz all seiner Tabubrüche die Würde des Verstorbenen und dadurch auch seine eigene.