Reise durch die Nacht und in den nächsten Tag

Théo & Hugo (Frankreich 2016)

Zwei Männer sitzen in einem Boot, Théo et Hugo dans le même bateau heißt der mit dem Berliner Teddy Award ausgezeichnete Film des Regieduos Olivier Ducastel und Jacques Martineau im französischen Original. Wie sie in diese Situation gekommen sind, sehen wir gleich zu Beginn, und zwar in der vermutlich längsten Sexszene der Filmgeschichte. In den ersten zwanzig Minuten tauchen wir mit den beiden titelgebenden Protagonisten ein in den Darkroom einer Pariser Schwulenbar, und dort geht es aufs Deutlichste zur Sache. Rote Beleuchtung, dröhnende Musik, nackte Körper in Ekstase, hemmungsloses Verlangen – der Verdacht, hier könnte es sich um Pornografie handeln, kommt jedoch nicht auf.  Zwei junge Männer treffen zufällig aufeinander und können nach dem ersten Blick die Augen und das Herz nicht mehr voneinander lassen. Darum geht es in dieser wunderbaren Liebesgeschichte: um Begehren und Leidenschaft, aber auch um die Romantik der Reise einer langen Nacht in den nächsten Tag und das, was an Wochen und Monaten und Jahren danach vielleicht noch kommen mag.

Théo und Hugo verlassen den Club gemeinsam, es ist nach vier Uhr früh, wir werden bis sechs Uhr mit ihnen durch die langsam erwachende Stadt streifen – auf dem Leihrad, zu Fuß, mit der Métro – und ihnen dabei zuhören, wie sie über ihre Berufe und Kindheit reden, über die Schönheit von Penissen und Balzac. Und – unfreiwillig – über HIV. Sie sprechen darüber, wie besonders ihr Sex war und dass darauf die Bezeichnung „faire l’amour“ zutreffen würde, also Liebe machen. Théo meint, es sei das erste Mal gewesen, dass er so etwas getan habe, und Hugo ist außer sich, als er die Bedeutung dieser Worte versteht. Hugo ist nämlich positiv und entsprechend aufgebracht – über Théo, kein Kondom verwendet zu haben, und über sich selbst, dies nicht bemerkt zu haben. Ihr Weg führt sie von der Leichtigkeit des sexuellen Kontakts unvermittelt in die Konfrontation mit existentiellen Fragen und konsequenterweise alsbald in die Notaufnahme einer Klinik. Trotz Théos anfänglicher Abwehrhaltung bleibt Hugo an seiner Seite: Er erinnere sich, erzählt er, wie allein er damals war, als er auf seine Diagnose wartete. Théo ringt um Fassung und lässt sich seine Ratlosigkeit und Verwirrtheit nicht anmerken. Dann aber bricht immer wieder die schiere Panik aus seinem Blick. Während ihnen die Schwester Erklärungen zur Medikation und der weiteren Vorgangsweise gibt, sind Théo und Hugo ganz still und lassen ihre Augen sprechen. Wir beobachten sie in diesen langen ruhigen Einstellungen, die wirken wie der Realität entnommen. Das Leben dieser Nacht in langen flüssigen Einstellungen – der Cutter Pierre Deschamps setzt seine Schnitte selten, unmerklich und so elegant, dass sie fließend und ganz und gar unaufgeregt den Blickwinkel des jeweilig vorigen Bildes aufnehmen. Die Darsteller in diesen Bildfolgen sind schlichtweg großartig. Geoffrey Couët als Théo und François Nambot als Hugo agieren mit berührender Ernsthaftigkeit, ihr Spiel wirkt zuweilen wie improvisiert und immer ungemein authentisch. Eine seltene Glaubwürdigkeit durchdringt diesen teils charmanten, teils melancholischen Film und macht die ungewöhnlich schnell entstehende Intimität zwischen den beiden Figuren nachvollziehbar. Wir sehen hier etwas, das wirklich ist, weil es einfach wahr ist, und dies ist der Grund, weshalb uns die Szenen dieses Films, die Dialoge und die Blicke und Gesten im Schweigen dazwischen sosehr am Herz packen.

Als sie das Krankenhaus verlassen, wählen Théo und Hugo den Weg zufällig. „Ich folge dir.“ – „Und ich folge dir.“ Sie kriegen Hunger, suchen nach einer Bäckerei und finden schließlich einen Döner, der noch geöffnet hat. Sie laufen an einem Kanal im Osten der Stadt entlang und erleben für ein paar Momente ein Gefühl von Freiheit. Und gleich darauf die Frage nach den zu erwartenden Nebenwirkungen für Théo. Hugo, der die Therapie seit seinem achtzehnten Geburtstag einnimmt, versucht in Worte zu fassen, was so unfassbar ist: Dass für ihn das Virus, auch wenn unter der Nachtweisgrenze, doch immer vorhanden sei – „Es ist da.“ Und der schockierend offene Nachsatz: Er schaffe es einfach nicht, Frieden damit zu schließen, sondern lebe Tag für Tag dagegen an. „Ich will dich küssen und schlagen zugleich“, meint Théo gleich darauf. Aggressiv kommt er auf Hugo zu und presst ihn gegen einen Laternenpfahl, ein Messen der Kräfte, nur um dann weich zu werden und in seine Umarmung zu sinken.

Selbst als die beiden Männer über die Schönheit der Romantik sprechen, kommt dazwischen wieder der Gedanke hoch: „Wenn ich positiv bin …“ In der vielleicht romantischsten Szene dieses an romantischen Szenen nicht armen Films lehnen sie am Geländer über einem Bassin, sie blicken über das Wasser auf die Lichter der Stadt wie Kate und Leo am Bug der Titanic. Hugo küsst Théos Nacken – ein Moment der Abkehr von der Welt, ein intensives Spüren des anderen Menschen. Aber dann sind da wieder Vorwürfe und die Frage nach der Schuld. Solle er sich „HIV+“ auf den Hintern tätowieren lassen, braust Hugo auf. Er sucht das Weite, doch Théo folgt ihm und entschuldigt sich. Sie hätten sich beide nicht richtig verhalten, über Schuld wollten sie nicht reden. Und es kommt zu einem langen, intensiven, innigen Kuss. Er habe sich bei ihm einfach sicher gefühlt, versucht sich Théo zu erklären, da habe er nicht nachgedacht: „Ich war ruhig, glücklich.“ Und Hugo: „Zwischen uns war etwas Logisches. Wir waren nicht misstrauisch.“ In ihrer Umarmung drehen sie sich ganz langsam wie in einem innigen Tanz. „Wir begehrten einander“, stellt Théo fest. „Wir begehrten zuviel“, meint Hugo. „Das Begehren ist dumm. Aber es ist gut, so zu begehren wie wir.“ Als ob sie betrunken gewesen wären, hätten sich beide gefühlt. Und es fällt der vielsagende Satz: „Komischer Anfang für eine Beziehung.“

Hugo ist es auf einmal wichtig, die erste Métro des Tages zu erwischen. Sie fahren von der Station Stalingrad los, sitzen einander gegenüber und lächeln sich einfach an. Sie haben schon so vieles ausgesprochen, nun sagen sie, was sie sagen wollen, ohne zu reden. In Théos kleiner Wohnung zieht Hugo ihn dann  ganz langsam aus. Er liebkost seinen Körper mit poetischen Worten und mit Küssen: seine Ohren, seinen kratzenden Bart, seinen Hals, seinen Geruch, seine Brustwarzen, seinen Bauch, seinen Penis. Zu mehr kommt es nicht, doch sie vereinbaren einen Anruf, bevor sie am selben Tag für die Bluttests ins Krankenhaus gehen müssen. Hugo verlässt die Wohnung, Théo öffnet die Jalousie des Dachfensters und lässt das Licht des neuen Tages in den Raum. Da klopft es an der Tür, Hugo kann nicht von ihm lassen. Er lädt Théo ein, mit ihm in seine Wohnung zu kommen. Und dann beginnen sie, den Traum von einem gemeinsamen Leben zu spinnen: „Machen wir weiter.“

Théo ist noch skeptisch, doch Hugo entwirft ein Bild, in dem sie die achtundzwanzig Tage der Therapie miteinander verbringen, dann die drei Monate bis zum Bluttest und gleich die nächsten zwanzig Jahre. „Und dann?“, will Théo wissen. Dann würden sie sich wohl trennen, meint Hugo: „Wie alle anderen.“ - „Ist es das wert?“, fragt Théo.

„Wir gehen vorwärts. Wir haben keine Angst“, ist Hugos Antwort. „Niemand ist eine Insel“, hat der englische Dichter John Donne in seinen metaphysischen Meditationen geschrieben. Théo und Hugo haben ihren gemeinsamen Kontinent betreten. Die Ziffern auf Hugos Handy springen in diesem Augenblick auf sechs Uhr: „Jetzt fängt es an.“ Kann man von der großen, hemmungslosen, alles vereinnahmenden Liebe reden, ohne in Kitsch zu verfallen? Dass es möglich ist, führt uns dieser wunderbare Liebesfilm aufs Vortrefflichste vor Augen.