Irrfahrt

Xenia (GL/FR/Bel 2014)

Wann immer der sechzehnjährige Danny seinen älteren Bruder mit dem Kosenamen Ody ruft, verwehrt sich dieser dagegen und besteht auf der korrekten Version seines Namens: Odysseus. Womit die Art ihrer Reise von Athen nach Thessaloniki vorgegeben ist. Denn für die beiden Brüder, halbe Albaner ohne griechische Pässe, ist es eine wahre Irrfahrt, die sie zu bestehen haben. Sie müssen sich gegenüber homphoben und fremdenfeindlichen Anfeindungen behaupten, wobei man nicht sagen könnte, dass die Polizei auf ihrer Seite wäre – in einer Gesellschaft also, die mit ihnen nichts anzufangen weiß. Ihr Ziel ist es, den Vater aufzuspüren, der sich einst aus dem Staub machte, als Danny zwei Jahre alt war. Quasi zum Drüberstreuen möchte Ody im Angedenken an ihre verstorbene Mutter, eine Schlagersängerin, auch noch den Gesangswettbewerb „Superstar“ gewinnen. Und ich kann nur sagen: Sie auf diesem Weg mit seinen Höhen und Tiefen und dabei den humoristischen und dramatischen Momenten zu begleiten, macht ziemlich viel Freude.

„[…] Er nemlich in dieſe Welt kommen / was  || er darinn geſehen / gelernet / erfahren und auß=  || geſtanden […]“ heißt es im ausführlichen Zusatztitel von Grimmelshausens Barockroman Der abenteuerliche Simplicissimus (1668/69). Danny, sehr süß und sehr offensichtlich schwul, sprunghaft, berstend vor jugendlicher Energie und dann wieder so naiv wie ein kleines Kind, ist eine moderne Version eines solchen Schelms. An seiner Seite fällt dem besonnenen Ody, dessen achtzehnten Geburtstag die beiden in einer Szene des Films feiern, die Rolle des Erwachsenen zu, der an Eltern statt die Verantwortung auf sich nimmt, den jüngeren Bruder vor dem Unbill zu beschützen, auf den er in seinem unbedarften Übermut ständig zuzusteuern scheint. Zwischen Kostas Nikouli und Nikos Gelia stimmt die Chemie aufs Vortrefflichste, sie geben das Brüderpaar in Panos H. Koutras’ von liebevollen Nuancen durchzogener Filmkomödie über ihre moderne Odyssee mit großer Natürlichkeit und Authentizität. Wenn sie etwa zu einer Gesangsnummer gemeinsam mit ihrem Ersatzvater Tasso (Aggelos Papadimitrou), der geradewegs dem Käfig voller Narren entstiegen sein könnte, in dessen Wohnung mit wackelnden Hüften und „gebrochenen“ Handgelenken herumspringen, greift ihre überbordende Spielfreude auf uns über. Und in der Szene, in der Ody sein Casting mit einem Lieblingslied der Mutter absolviert und Danny mit vorgehaltener Pistole ihren (vermeintlichen oder tatsächlichen, das wird nie völlig geklärt) biologischen Vater dazu zwingt, ihm dabei durch das Handy zuzuhören, entsteht echte Rührung.

Als Gänsehautmoment des Streifens habe ich aber jene Sequenz empfunden, in der Danny Abschied von seiner Kindheit nehmen muss. Die ganze Zeit hat er in seiner Umhängtasche seinen weißen Hasen Dido mit sich getragen, immer wieder hat er sein Gesicht in dessen weichem Fell vergraben und sich dabei an die behaarte Brust des Vaters erinnert, an die er sich als kleines Kind beim Einschlafen geschmiegt hat. Jetzt hat Danny in Verteidigung seines Bruders vor faschistischen Schlägertypen seine Waffe abgefeuert. Die Polizei hetzt Ody und ihn durch einen Wald, da holt Danny auf einmal Dido aus der Tasche. Sein Hase sei verletzt, schluchzt er, er leide Schmerzen; er hält ihn Ody hin: Der Bruder solle ihn von seinen Qualen erlösen. Genau in diesem Augenblick erkennen wir gemeinsam mit Danny die Wahrheit: dass uns der Film die ganze Zeit genarrt hat und wir die Szenen mit Dido als echtem Hasen aus Dannys Blickwinkel miterlebt haben. Dido ist ein Stofftier, die Füllung fliegt nach allen Seiten, als Ody an seinen Gliedern reißt. Dass der Schock für Danny entsetzlich ist, glauben wir ihm gern.

Ein veritabler Bildungsroman also, auch Coming-of-age genannt, in luftig-leichtem und auch verträumtem Gewand. Wenn Danny und Ody später in einem Boot, das einen Fluss hinunter treibt, eingeschlafen sind, sehen wir die Welt so wie in Dannys Traum. Eine unwirklich-schöne nächtliche Landschaft, der Mond steht am Himmel, sein Schein glitzert auf dem stillen Wasser, ein Hirsch und ein Reh und allerlei anderes Waldgetier stehen am Fluss und blicken dem Boot nach – eine märchenhafte Szenerie. Und Dido, der Stoffhase, ist wieder lebendig geworden und folgt seinem Freund, obwohl stark mitgenommen, am Ufer entlang. Diese Nische des Kindseins wird sich Dannys Denkweise wohl immer bewahren, auch wenn er sich bei der Suche nach dem Vater am nächsten Tag wieder als junger Erwachsener beweisen muss.

„Xenia“ nennt sich ein verlassenes, verwahrlostes Hotel, in dem die Brüder für einige Zeit auf ihrer Reise Unterschlupf finden und Atem schöpfen können. Übersetzt heißt das „die Gastfreundliche“, aber auch „die Fremde“ – das sind die beiden Pole, zwischen denen sich die Brüder, die sich nirgends wirklich zugehörig fühlen können, bewegen. Eines Nachts nach der Geburtstagsfeier seines Bruders, als sie zuviel getrunken haben, taucht Dido nochmals auf. Der Hase ist jetzt fast zu einem Riesen angewachsen und es ist ein Abschiedsbesuch, den er Danny abstattet. Ihre Träume, die Sehnsucht nach einem Vater und griechischen Pässen – nach Anerkennung und dem Gefühl, einen Ort gefunden zu haben, an dem sie ihren Platz haben, eine Art von Heimat eben, und nach der Gewissheit des Selbstwertes, der ihnen gebührt, werden Danny und Ody wohl weiterhin verfolgen. Und eines Tages, das hoffen wir alle nach diesem feelgood-movie, wohl an ihrem ganz persönlichen Ithaka an Land gehen.