Dieses Interview führte der Verlag HOMO Littera anlässlich der Veröffentlichung meines Sachbuches Gay Movie Moments Anfang Februar 2018 mit mir. Es ist auch auf der Homepage des Verlags nachzulesen.

 

Vor Kurzem ist dein erstes Sachbuch „Gay Movie Moments“ erschienen. Wie bist auf die Idee gekommen, ein Buch über die stärksten Gänsehautmomente des schwulen Films beziehungsweise Serien zu schreiben? War dir das Thema persönlich wichtig?

Paul: Dass mir Filme sehr wichtig sind, ist mittlerweile ja kein Geheimnis mehr, ich hege wirklich eine große Leidenschaft dafür. Ich erinnere mich an die schier grenzenlose Begeisterung, mit der ich als Kind die Sonntagnachmittagsvorstellungen der Filmreihen über Winnetou und Godzilla besucht und die coolsten Szenen anschließend nachgespielt habe. Ein solch vorbehaltloses Schwärmen kommt einem als Erwachsener ja abhanden. Filme, das Schreiben und Lesen sind für mich seitdem zentrale Komponenten meines Lebens. Es ist kein Wunder, dass ich deshalb schon seit langem direkt und indirekt auch über Filme schreibe. In mehreren meiner Romane spielen Filme und Kino eine wichtige Rolle. So kommt es in Eine ganz andere Liebe während einer Freiluftaufführung des Klassikers Frankenstein zum ersten Kuss zwischen den beiden Protagonisten. Auch die Eröffnungsszene des Romans Hände ist eine sehr filmische, denke ich: die nächtliche Kirche, der Schein einer Taschenlampe – und dann dieser Dreizehnjährige, der den Heiligenfiguren auf den Fresken mit Hammer und Meißel die Hände wegzustemmen beginnt. Oder auch der Beginn von Damals ist vorbei, als ein Junge in die Donau springt, um einen anderen vor dem vermeintlichen Selbstmord zu retten. Das könnte man fast eins zu eins im Film umsetzen. Mein Schreibstil scheint sich ja auch an der Sicht von Filmfiguren zu orientieren und die Szenenfolgen sind nicht selten vom Aufbau von Fernsehserien beeinflusst. Leserinnen und Leser haben mir auch schon oft erzählt, dass sie beim Lesen meiner Texte die Ereignisse wie in Filmbildern quasi vor sich ablaufen sehen. Wenn ich in meinen beiden jüngsten Romanen Ein Lächeln mit Zukunft und Fahren mit wehendem Haar die Schicksale gleich mehrerer Figuren aufrolle und wie beim Zusammensetzen eines Puzzles miteinander verbinde, mag dies den Charakter von Fernsehserien haben, die in der heutigen Zeit die Rolle der ausufernden Romane des 19. Jahrhunderts übernommen haben. Einige der Charaktere aus Fahren mit wehendem Haar spielen in meinem Beitrag zur Anthologie Sein schönster Sommer eine Rolle – den ich in ironischer Brechung in der Form des Drehbuches zu einer schwulen Soap gestaltet habe. Womit sich der Kreis zum filmischen Schreibstil schließt. Der Schritt zu den essayistischen Texten über Filme war dann kein sehr großer, das kam wie von selbst. Ich habe zuerst nur für mich begonnen, über einzelne Filmszenen zu schreiben, ganz einfach aus Interesse und der Freude an der Tätigkeit. Daraus entstand schließlich die Idee, ausgehend von den Stimmungen, die Filmszenen erzeugen, tiefer in ihre Analyse einzudringen, Querverbindungen zu anderen Gänsehautmomenten, zu psychologischen und philosophischen Aussagen und Thesen zu schaffen, zu dem gedanklichen Überbau, in den sie mir eingebettet erscheinen. Irgendwann habe ich herausgefunden, dass es ein Buch, das sich dieser Vorgehensweise bedient, noch nicht gegeben hat. Das war der Anstoß, die Arbeit an Gay Movie Moments konkret aufzunehmen.

 

Deine Leser kannten dich bis jetzt aus dem Bereich der Belletristik. War es für dich als Schriftsteller eine große Umstellung, ein Sachbuch zu schreiben?

Paul: Im Jahr 1990 – ich habe, um die Frage beantworten zu können, das Datum überprüft – ist mir die Taschenbuchausgabe von Wolf Wondrascheks Menschen. Orte. Fäuste in die Hände gefallen. Ich habe damals so ziemlich alles aus dem Diogenes-Verlag gelesen. In dieser Sammlung von „Reportagen und Stories“, wie der Untertitel lautet, gab es eine Reihe von ganz kurzen Porträts von legendenumwobenen Plantagenhäusern am Mississippi. Ich weiß noch heute, dass mich diese Texte fasziniert haben; manche dieser Gebäude haben ja auch schon in Filmen das Setting gegeben. Mit einer solchen Präzision des Ausdrucks und gleichzeitig in dieser atmosphärischen Dichte wie Wondraschek wollte ich auch einmal zu schreiben versuchen. Ich kenne journalistisches Arbeiten ja auch aus der Praxis; die Essays in Gay Movie Moments sind für mich eine Art Mischung aus beidem: dem gründlichen Recherchieren und genauen, möglichst klaren und logisch nachvollziehbaren Argumentieren auf der einen Seite, auf der anderen jedoch auch der Freiheit in der Art des Flusses von Assoziationen zu arbeiten, dabei Figuren, Handlungssträngen, Themen und Ideen nachzuspüren, als wäre ich mit der Entwicklung eines Romans beschäftigt. Es hat mir immenses Vergnügen gemacht, diese Texte zu schreiben und dabei ausgehend vom Einfluss des genannten Vorbildes meinen ganz eigenen Stil zu formen.

 

Wie viel Zeit nahm „Gay Movie Moments“ in Anspruch, es zusammenzustellen beziehungsweise zu schreiben?

Paul: Wie gesagt habe ich ziemlich lange an dieser Art von Texten gefeilt, viele Jahre schon. An den Gay Movie Moments geschrieben habe ich wohl mehr als drei Jahre, wenngleich nicht ausschließlich an diesem Projekt. Parallel dazu sind auch meine letzten beiden Romane entstanden.

 

Wie darf man sich die Arbeit rund um „Gay Movie Moments“ vorstellen? Hast du dir bereits während des/der Films/Serie Notizen gemacht? Oder bist du der klassische Zuseher, der danach seine Überlegungen niederschreibt? Wie sah die Vorgehensweise zu „Gay Movie Moments“ aus?

Paul: Auf manche der ausgewählten Filme bin ich rein zufällig gestoßen, andere standen von Anfang an auf meiner Liste, über die ich in Gay Movie Moments unbedingt schreiben wollte. Mehrere, über die ich sehr positive Kritiken gelesen hatte, musste ich nach dem Anschauen wieder von dieser Liste streichen, weil sie mich entweder einfach nicht überzeugt haben oder weil es sich dabei zwar um Streifen handelte, die im Kanon des queeren Kinos einen mitunter sogar wichtigen Platz innehaben, für mich aber nicht das aufgewiesen haben, worum es mir eben in erster Linie ging: um den Gänsehautmoment, der dir die Tränen in die Augen oder einen Angstschauer über den Rücken treibt oder dir das Herz übergehen lässt vor Mitgefühl. Wenn ich mich für einen Film entschieden habe, kam ein zweites oder sogar drittes Anschauen mit dem Notizblock, wobei es bei deutschen und englischen Filmen einfacher war, Originalzitate aufzuschreiben, als bei Filmen in anderen Sprachen. Woran soll man sich da halten? An Untertitel? An Drehbuchauszüge, wie man sie im Internet findet? Dummerweise gibt es da nämlich zuweilen beträchtliche Unterschiede. Deshalb habe ich mich dazu entschieden, englische Zitate immer im Original zu belassen, um zumindest hier keine Verzerrungen zu riskieren; die meisten Leserinnen und Leser werden diese Zitate wohl verstehen. Was dann folgte, war die Recherche über die Hintergründe der Produktionen, Schauspieler, Regisseure, die Rezeption. Ich hatte dann eine Datei mit sehr umfangreichen Notizen zu dem jeweiligen Film, in die ich auch Zitate aus anderen Büchern oder von Philosophen und Autoren aufnahm, die mir zur Handlung und dem Thema als passend erschienen. Der letzte Schritt – und das war immer der, der mir am meisten Spaß machte – war, aus diesem umfangreichen Konvolut an Ideen einen möglichst eleganten und präzisen Text zu formen, der trotz der oftmals tiefgehenden Überlegungen, die darin ausgedrückt werden, doch leicht und verständlich lesbar ist und aus dem meine Leidenschaft für das Produkt, um das es eigentlich geht, nämlich den ganz konkreten Film, herauszulesen ist.

 

Du analysierst über 80 Filme und Serien in „Gay Movie Moments“. Was waren deine Auswahlkriterien für die Titel? War es schwierig, sich für/gegen bestimmte Filme/Serien zu entscheiden?

Paul: Wie ich in meinem Vorwort zum Buch formuliere, gab es bei der Auswahl ein einziges Kriterium: meinen persönlichen Geschmack. Ich habe das Buch als „Liebeserklärung an schwule Filme und Serien“ bezeichnet und denke, genau dies macht seinen Reiz aus. Hätte ich mich auf theoretische Diskussionen eingelassen, was Strömungen und Tendenzen des queeren Kinos betrifft, würde das Buch heute ganz anders aussehen. Natürlich hatte ich diese akademischen Auseinandersetzungen beim Schreiben im Hinterkopf, doch mein Ansatz und meine Intentionen waren und sind eben ganz andere.

 

Manche Filme in „Gay Movie Moments“ sind keine typischen Werke des „Queer Cinemas“, und dennoch hast sie aufgegriffen. Warum war es dir wichtig, diese neuen, durchaus interessanten Blickwinkel auf bestimmte Filme aufzuzeigen?

Paul: Ich habe mich oft gewundert, wie blind die Rezeption von Filmen in den Medien des Mainstream sein muss, um zum Beispiel nicht zu erkennen, dass es in der Auseinandersetzung der beiden im Titel angeführten Personen im Streifen Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford nicht um das Nacheifern eines jungen Mannes gegenüber seinem großen Idol geht, sondern schlicht und einfach um unerfüllte Liebe. Und zwar um ein schwules Begehren, denn wäre einer der beiden weiblichen Geschlechts gewesen, dann hätten die Kritik und die Zuschauer den Film auch so gelesen. Filme wie diesen aus meiner etwas anderen Sicht aufzurollen, hat mir Spaß gemacht. Und schwule Momente in Pocahontas oder auch Skyfall zu interpretieren – ein Vergnügen für mich, mich mit Bösewichtern aus dem Kosmos von Disney und Bond zu befassen! Ich meine, wie blind muss man sein, um das Lied „YMCA“ von den Village People zu spielen und zu ignorieren, was eigentlich dahinter steckt? Da sind wir auch schnell bei Rock Hudson, James Dean und Liberace, bei Spartacus und Ben Hur und den Versuchen, zu vertuschen, was doch eigentlich offensichtlich ist. In meinem Buch kommen solche Hinweise aber nur dann vor, wenn sie mit einem echten Gänsehautmoment zusammenhängen.

 

„Gay Movie Moments“ stellt keine Best-of-Liste filmischer Werke dar, sondern soll vielmehr eine Hommage an die stärksten Gänsehautmomente des schwulen Films sein. Kannst du dennoch einen Film oder eine Serie nennen, der/die dich besonders geprägt beziehungsweise bewegt hat?

Paul: Ich liebe alle Filme und Serien, über die ich in meinem Buch geschrieben habe. Für mich ist Schreiben eine sehr schöne, aber auch sehr anstrengende Betätigung. Ich habe deshalb immer nur über das geschrieben, was meine Seele entzündet. Aber wenn du mich fragst, ob ich einen Film herausgreifen kann, dann komme ich unweigerlich zu Francois Ozons Die Zeit, die bleibt zu sprechen. Der Streifen beschreibt die letzten Wochen und Tage eines schwulen Mannes, zu Beginn der Handlung ein ziemlicher Egoist, der erfährt, dass er nur noch kurze Zeit zu leben hat, und der versucht, mit der Welt und sich selbst Frieden zu schließen. Ich habe diesen Film sicherlich schon öfter als zehn Mal gesehen und ich schwöre dir, dass ich nicht nur beim Schreiben des Essays dazu, sondern bei jedem Schritt des Redigierens und Korrigierens, also immer, wenn ich die letzten beiden Absätze meines Textes gelesen habe, Tränen in den Augen hatte. Irgendetwas an den Bildern dieses Films hat mich ganz tief im Herzen gepackt.

 

Im Wandel der Zeit hat sich das Medium Film stark verändert – von der einfachen Filmrolle zur DVD bis hin zum heutigen Streaming. Selbst viele Kinobesuche werden heute mittels 3D-Darstellung im wahrsten Sinne des Wortes zum hautnahen Erlebnis. Was hältst du von diesen Veränderungen? Verliert der klassische Kinobesuch sein Flair? Ist ein DVD- oder Filmabend durch Streaming noch dasselbe?

Paul: Das Kino wurde schon oftmals totgesagt – beim Aufkommen des Tonfilms, des Fernsehens, von Video – und hat doch immer überlebt. Die große Leinwand, das Gemeinschaftserlebnis – das hat schon was! Mit 3D kann ich aber überhaupt nichts anfangen, das stört mich nur. Ich gehe auch in keinen Film in 3D mehr; ich finde, die Technik lenkt hier viel zu sehr von den Charakteren und der Handlung ab, ich mag auch keine unscharfen Bilder. Schwule Filme gibt’s aber eh meistens nicht im Kino zu sehen. Dort stören mich leider auch sehr oft andere Besucher, wenn sie SMS schreiben und sich halblaut miteinander unterhalten. Und dieses ständige Rascheln mit den Chipssackerln! Ich bin aber daheim sehr gut ausgestattet, sodass ich Filme hier wirklich genießen kann. Und ich liebe das Binge Watchen von Serien. Eine ganze Staffel von Walking Dead oder Game of Thrones auf einmal – herrlich! Bei dem minimalen Angebot, das es in meiner Kindheit und Jugend gab – nie hätte ich mir diese Vielfalt und auch Qualität je träumen lassen. Ich finde das wunderbar!

 

Denkst du, dass du mit „Gay Movie Moments“ den schwulen Film mehr in den Vordergrund gerückt hast?

Paul: Das kann ich nicht wirklich beurteilen, warten wir mal ab, ob sich das Buch gut verkauft. Falls ja, dürfte es mir wohl gelingen, auf den einen guten Film und die andere empfehlenswerte Serie hinzuweisen. Die ersten positiven Rezensionen, die ich zu meinem Buch lesen durfte, sind in diese Richtung gegangen, dass sich die Leute dann auch einige der besprochenen Filme gekauft haben. Ich finde es aber insgesamt toll, dass immer mehr schwule Filme Anerkennung bekommen, denken wir nur an den vorjährigen Oscargewinner Moonlight, einen wunderbaren Film. Noch ein paar weitere Schritte aus der Nische in Richtung allgemeiner Akzeptanz, das wäre toll!

 

Auf deiner Website findet man zusätzliche besondere Gänsehautmomente aus Filmen und Serien. Dürfen sich Leser auf weitere schwule Szenenanalysen freuen? Oder planst du zukünftig eher wieder in den Bereich der Belletristik zurückzukehren?

Paul: Wenn im April mein neuer Roman Fahren mit wehendem Haar herauskommt, werde ich seit langem keine unfertigen Projekte in der Schublade liegen haben. Es gibt noch eine Idee, die mir im Kopf herumgeistert, doch dafür habe ich noch nicht den rechten Ansatzpunkt gefunden. Das ist bei mir immer so: Wenn der Zeitpunkt der richtige ist, fließen Texte nur so aus mir heraus. Ist es aber noch zu früh, geht gar nichts. Und diese Geschichte wäre tatsächlich absolutes Neuland für mich. Was neue Filmanalysen betrifft, hast du aber recht. Auf meiner Homepage www.paulsenftenberg.at veröffentliche ich laufend Texte zu schwulen Gänsehautmomenten, die es wegen des Redaktionsschlusses nicht ins Buch geschafft haben. Darunter sind ganz tolle Filme wie die französischen Streifen 120 BMP und Théo & Hugo oder der berührende österreichische Film Kater. Vielleicht wird es ja eines Tages eine aktualisierte und noch umfangreichere Neuauflage von Gay Movie Moments oder einen zweiten Band geben. Doch das ist Zukunftsmusik. Ganz aufzuhören, über schwule Gänsehautmomente zu schreiben, kann ich mir derzeit aber nicht vorstellen. Es macht einfach zuviel Freude.

 

Wir bedanken uns für das Interview und wünschen dir weiterhin viel Erfolg sowie einzigartige Gänsehautmomente durch das Medium Film.