Eine ganz andere Liebe

 

Der Kuss

 

Michaels Schatten schleicht die Mauer entlang wie der eines Stummfilmvampirs mit gierig ausgestreckten Krallen. Im Garten dahinter ist die Vorstellung von Frankenstein bereits im Gange. Den Geräuschen nach zu urteilen, wird die Kreatur vom verrückten Wissenschaftler gerade durch die Blitze des Gewittersturms zu ihrem bemitleidenswerten Leben erweckt. Michael hat den Film schon mehrere Male gesehen, er hat die Szene vor Augen, den peitschenden Regen, den Donner, den einsamen Wachturm, die Apparaturen, das Wesen aus zusammengenähten Leichenteilen auf einer Bahre hoch oben in der Öffnung im Turm. Mit diesen Bildern im Hinterkopf biegt Michael um die Ecke und geht langsam auf den Eingang des alten Kinos zu. Niemand ist zu sehen, auch hinter der Kassa nicht. Aber die Türen stehen offen. Michael bleibt für einen Moment stehen, mit gesenktem Kopf, als gebe es auf seinen Turnschuhen eine geheime Botschaft zu entdecken. Er fährt sich über die Narbe auf seinem Kinn, er beißt sich auf die Zähne, er versucht, den Kloß in seinem Hals hinunterzuschlucken. Dann hebt er den Kopf und zieht die Schultern nach unten, so betritt er das Gebäude. Er durchquert das Foyer, auch hier steht eine Tür offen. Durch einen dunklen Flur gelangt er in den hinteren Teil des Gebäudes. Er war noch nie hier, doch die dramatische Musik wird lauter und weist Michael den Weg. Dann steht er in der Tür zum Garten, direkt unter der großen Leinwand, auf der die Kreatur, die für die Menschen ein Monster darstellt, ihre ersten Bewegungen macht. Michael hat keine Ahnung, ob er für die Zuschauer zu sehen ist. Er steht im Dunkeln unter der hell erleuchteten Leinwand; er schätzt, dass ihn niemand bemerkt hat, höchsten als Schatten an der Fassade des alten Kinos. Dennoch läuft er rasch ein paar Schritte zu Seite. Im Schutz einiger Büsche an der Gartenmauer ist ihm wohler. Jetzt beginnt er sich umzuschauen. Soweit er sehen kann, ist die Aufmerksamkeit der Zuschauer ganz auf den Film gerichtet; wie schon vorhin bezweifelt Michael, dass jemand sein Kommen zur Kenntnis genommen hat. Die meisten Bänke und Stühle sind besetzt, Daniel und sein Onkel können mit dem Besuch der Vorstellung zufrieden sein. Michael ist aber nicht überrascht darüber, denn es ist ein warmer Abend und die Attraktion des Open Air-Kinos ist noch ganz neu für die kleine Stadt.


Michael geht entlang der Mauer zum hinteren Teil des Gartens. Er hat Daniel noch nicht entdecken können, vermutet ihn aber an dem kleinen Stand mit Erfrischungen, in dessen Nähe er sich jetzt befindet. Doch dann erkennt er Daniels Onkel, der gerade damit beschäftigt ist, Dosen mit Cola und Sprite aus einer kleinen Kühltruhe zu holen und an der Vorderseite des Standes aufzuschlichten. Als er ihm den Rücken zukehrt, huscht Michael rasch an dem Stand vorbei und drückt sich wieder ins Dunkel ein Stück abseits. Offenbar hat Daniels Onkel die Bewegung hinter seinem Rücken wahrgenommen, denn er dreht sich um und schaut um sich. Einen Augenblick später fährt er aber in seiner Arbeit fort. Michael weiß selbst nicht, weshalb er so geheimnisvoll tut. Er hätte den Onkel auch nach Daniel fragen können, doch ihm ist lieber, dass niemand etwas davon ahnt, dass er nach ihm sucht. Eigentlich, überlegt Michael, bleibt jetzt nur noch ein Ort, an dem Daniel sein könnte. Er steuert auf die Gartenhütte im hintersten Bereich des Grundstücks zu. Von dort, aus einem offenen Fensterausschnitt, dringt der flirrende Lichtstrahl des Projektors, der sich quer durch den nächtlichen Himmel bis zur Leinwand auf dem alten Kino bohrt. Michael gibt sich keine Gelegenheit, seine Entscheidung zurückzunehmen, sondern geht mit raschen Schritten zur Tür des Häuschens. Er öffnet sie, tritt ein und schließt sie wieder hinter sich.


Im ersten Moment ist er fast blind, und auch Daniel kann ihn offenbar nicht erkennen. „Wer ist da?“, hört er ihn auch tatsächlich in die Dunkelheit abseits des Lichts aus dem Projektor fragen.


„Ich bin’s“, sagt Michael. Obwohl er leise spricht, treten die Geräusche und die Musik vom Film auf einmal in den Hintergrund, und seine Stimme steht im Raum wie etwas Greifbares.


„Du bist gekommen?“, fragt Daniel ungläubig.


„Wieso nicht?“


„Ich habe nicht damit gerechnet. Nicht nach dem, was gestern war.“


„Ich musste kommen.“ Michael presst die Lippen zusammen. Er hebt den Arm, als würden Gewichte daran hängen, und streckt seine Hand aus, um das Gesicht des Jungen vor ihm zu berühren. Daniel weicht fast unmerklich vor ihm zurück, doch dann hält er inne und senkt ganz leicht den Kopf. Michael streicht über Daniels Wange, wie um sich davon zu überzeugen, dass er echt ist.


„Warum?“, fragt Daniel mit rauer Stimme.


„Weil ich dir etwas sagen will.“


Daniel hebt seinen Blick. „Was willst du mir sagen?“


Michael räuspert sich. „Dass das, was ich gestern gelabert habe, nur Blödsinn war. Dass ich in Wahrheit froh bin, dass du so bist, wie du bist.“


„Und wieso denkst du plötzlich so?“


Ein kurzes Zögern, dann: „Weil, wenn du anders wärst, könnte ich nicht das tun.“


Mit diesen Worten beugt sich Michael nach vorn und küsst Daniel auf den Mund. Es ist, als würde er zum ersten Mal in seinem Leben einen Menschen küssen, und in gewissem Sinne ist es ja tatsächlich das erste Mal. Michael kann nicht klar denken, sein Herz rast in seinem Kopf, und ihm ist, als würde er jeden Moment in tausend Stücke zerspringen. Es ist ein Gefühl des Bodenlosen, es ist der freie Fall aus seiner bisherigen Welt in etwas ganz und gar Neues. Die Lippen, die er schmeckt, entziehen sich ihm nicht, sie sind warm und weich und irgendwie süß und salzig gleichermaßen, und sie öffnen sich für ihn. Michael schnauft auf, als würde er nicht genug Luft bekommen, aber noch bevor er seinen Mund zurückziehen könnte, spürt er Daniels festen Griff an seinem Hinterkopf. Daniels zweite Hand schlüpft in eine Tasche von Michaels Jeans, und auf diese Weise zieht ihn der andere Junge ganz nah an sich heran.


„Jetzt lasse ich dich nicht mehr gehen. Nicht, nachdem du das getan hast.“


Daniel presst die Worte zwischen zwei Atemstößen hervor, und wie um ihnen Nachdruck zu verleihen, saugt er Michaels Lippen mit den seinen ein. Daniels Zunge erkundet Michaels offenen Mund, sie leckt immer wieder für kurze Momente über seine Ohrläppchen und die pulsierenden Adern seines Halses, doch gleich darauf suchen sie wieder seine Lippen. Dass währenddessen auf der Leinwand die unglückliche Kreatur zusammen mit einem kleinen blonden Mädchen Blüten ins Wasser eines Sees wirft und dann, weil sie es nicht besser weiß, das Kind gleich hinterher, nehmen die beiden Jungen nicht wahr. Draußen vor der Gartenhütte läuft die Zeit nach normalen Maßstäben ab, und auf der Filmleinwand macht sich der Mob mit Fackeln auf die Jagd nach dem Wesen, das für sie ein Monster ist. Michael und Daniel aber sind in ihrer eigenen Welt versunken, in der es keine Zuschauer im Garten des alten Kinos gibt und keine brennende Windmühle, in der die Kreatur zu Tode kommt, nur sie beide und für jeden von ihnen das neue und unbeschreibliche Gefühl, endlich jemanden in der Armen zu halten, der so ist wie er selbst.