Narben

 

Prolog

 

Im Herbst, in dem er siebzehn wurde, lernte Thomas einen Jungen kennen, der Hunde vergiftete. Damals konnte Tho­mas noch immer an nichts anderes denken als an seinen Vater und die Umstände, die dazu geführt hatten, dass seine Mutter und er aus der kleinen Stadt weg­ziehen muss­ten, in der sie bis zu diesem Zeitpunkt gelebt hatten. Seit dem Umzug in die Großstadt kam sich Thomas vor wie ein Insekt, das in eine feindliche Umwelt geraten war und dort verwirrt und ziellos umherirrte. Er fühlte sich nackt und hilflos. Er hasste es, hier leben zu müs­sen, ohne dass ihn jemand ge­fragt hatte, ob er das über­haupt wollte, und in eine Schule ge­hen zu müssen, wo es niemanden gab, mit dem er ein ver­nünfti­ges Wort reden konnte. Er vermiss­te sein bisheriges Leben.

 

Sein bisheriges Leben, das war das Le­ben mit sei­nen El­tern und seiner besten Freundin Katharina gewesen. Das war das Leben in der kleinen Stadt, in der er gebo­ren war und aufwuchs, in der er jede Ecke und jeden Win­kel kannte und jeden noch so schma­len, vom Un­ter­holz überwucherten Weg durch die umliegenden Wäl­der. Wenn er jetzt darü­ber nachdachte, kam ihm vor, dass er die­­ses bisherige Leben wie eine Hülle getra­gen hat­te, wie eine zweite Haut. Das hatte ihm Sicher­heit ge­geben, das hat­­te ihn stark gemacht.

 

Und dann diese Nacht, dieser Streit. Die Türen, die zu­­schlu­gen, das Auto, das star­tete. Das Dröhnen der plötz­­li­chen Stille, die das Haus und seine Bewohner wie eine tonnen­schwere Last erdrückte. Und später, im Halb­­schlaf der frü­hen Morgenstunden das Läuten des Telefons.

 

Damals hatte Thomas’ zweite Haut Feu­er gefan­gen, da­mals war sie ver­schmort. So überstürzt und un­ver­­mutet, dass er es lan­­ge Zeit gar nicht glauben konnte, hatten die Er­eig­nisse dieser Nacht einen Schluss­strich unter sein bis­he­riges Leben gesetzt. Was ihm blieb, waren Gefühle, die ihm Angst mach­ten.

 

Da war diese Wut, die in jedem Muskel, in jeder Seh­ne, in je­der Faser seines Kör­pers tobte wie ein Sturm. Die er am liebs­ten mit seinen Lungen herausge­schrien und seinen Fäus­ten heraus­getrom­melt hät­te und trotz­dem die meiste Zeit in sich behielt. Die­se Wut kon­zentrierte sich auf seine Mutter. Denn sie war es wohl, die an dem letzten Abend die Dinge ins Rollen ge­bracht hatte. Und immer wenn er daran dachte, fühlte sich Tho­­­mas besonders verzweifelt und so schrecklich hilf­los: Weil ihm be­wusst war, dass er das, was damals pas­siert war, um nichts in der Welt unge­schehen zu machen ver­moch­te.

 

Und da war noch etwas, da war noch ein Gefühl in ihm, das er lange Zeit nicht ge­nau benennen konnte, das ihn aber am bloßen Herzen gepackt hatte und den ge­schmol­zenen Insektenpan­zer, diese Res­te seiner zwei­ten Haut, zu einem rußgeschwärzten Netz aus Erin­nerun­gen, zu seinem Ge­fängnis machte.

 

Der Junge, der Hunde vergiftete, war fast zwei Jahre älter als Thomas. Aber in dem Herbst, in dem er zu ver­ste­hen be­gann, dass es seine Art von Trauer war, die ihm so zusetzte, war dieser Junge der einzige Mensch, der ver­stand, wie er empfand.