Der Stammbaum


1

 

Als seine Frau Edith bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam, sah sich Paul unvermittelt in einer Situation, die er in Gedanken schon des Öfteren durchgespielt hatte; denn immer, wenn ihm seine Ehe als eine Art Gefängnis vorgekommen war, hatte er sich der Vorstellung hingegeben, wie es wäre, frei zu sein. An dem Morgen, an dem er durch einen Anruf seiner Schwester von Ediths Tod erfuhr, saß Paul auf einer Schaukel auf dem Kinderspielplatz in einem Park unweit des Wiener Südbahnhofes. In der Hoffnung, das Koffein würde ihn wach machen, hatte er noch eine mitgebrachte Dose Kaffee geleert, doch der erwünschte Effekt war nicht eingetreten. Paul war am Eindösen, da ließ ihn das Läuten auffahren. Er versuchte, an das Handy zu kommen, kriegte es im schwankenden Sitzen aber nicht aus der Hosentasche. So rappelte er sich auf, dabei stieß er die Dose um, die er vorhin neben sich auf dem Boden abgestellt hatte. Der letzte Rest Kaffee floss in den Rindenmulch unter der Schaukel. Paul kümmerte sich aber nicht darum und fummelte das Handy hervor. Das dauerte so lang, dass er gar nicht mehr auf das Display sah, sondern sich gleich meldete.

 

Die Stimme seiner Schwester klang ganz anders als sonst. Paul erkannte sie erst nach dem dritten Nachfragen, obwohl sie auch dann ihren Namen nicht genannt hatte. Die Schwester schluchzte, ihre Verzweiflung griff über die große Entfernung, die sich zwischen ihnen befand, nach Paul und auf ihn über, sodass ihm auf einmal Angst kalt über den Rücken lief. Dann, endlich, konnte er sich einen Reim auf das machen, was sie ihm unter Tränen zu sagen versuchte. Es zog ihm den Boden unter den Füßen fort.

 

Zwei Stunden später war Paul daheim. Er hätte nicht sagen können, wie er dorthin gekommen war. Das Lenken geschah mechanisch, die ganze Autofahrt wie in Trance. Nicht einmal vom Spielplatz zu seinem Auto zu gelangen, den Schlüssel ins Schloss zu stecken und ihn herumzudrehen, einzusteigen und zu starten war bewusst passiert. Aber Paul stieg aufs Gas, als könnte er dadurch noch etwas ändern.

 

Edith war tot, und rund um ihn und in ihm drinnen war die Welt zu einem Stillstand gekommen. Jede auch noch so hypothetische Vorstellung von einem Leben ohne Edith, wie sie ihm bisweilen durch den Kopf gegangen war, eine Idee, von der er im Grunde genommen immer schon gewusst hatte, dass sie nicht wirklich etwas mit ihm zu tun hatte, war innerhalb weniger Sekunden zu den dummen und unsinnigen Gedankenspielen eines Idioten geronnen.

 

Und da waren Philipp und Viola. Sie lagen einander in den Armen, und keiner von ihnen war fähig, ein Wort herauszubringen. Die Zeit lief in rasendem Tempo rückwärts, und Edith hatte gar keinen Unfall gehabt, sie war draußen im Garten, auf dem Kippstuhl in der Sonne: Gib acht, Edith, mit deinen vielen Muttermalen solltest du dich besser in den Schatten legen, aber komm doch lieber herein, die Kinder haben einen Kuchen gebacken, einen Biskuitboden haben sie mit schönen reifen Erdbeeren belegt, einen Ferienfeierkuchen sozusagen, in solchen Momenten hast du doch immer gemeint, wie glücklich wir uns schätzen könnten, solch wunderbare Kinder zu haben, angestrahlt hast du mich und die Kinder dann, dass es den beiden fast peinlich wurde, und ja, dort draußen ist Edith, ist eure Mama, Kinder, wartet, ich werde gehen und sie zu uns hereinholen, wir gehören einfach zusammen, mein Platz ist hier bei euch, mein Platz ist nicht in einem Wiener Park, ganz allein am frühen Morgen, und Ediths Platz ist auch hier, nicht bei einem Klassentreffen, von dem sie mitten in der Nacht heimfährt und dabei, weil sie zu viel getrunken hat, die Kontrolle über ihren Wagen verliert, nein, das ist alles Unsinn, das ist alles nicht so abgelaufen, Edith ist nicht tot, Edith lebt, Edith …

 

Alles, was Paul inmitten all dieses Wirrwarrs in seinem Kopf denken konnte, war Ediths Name. Ihr Gesicht, zu einer weißen Fratze mit blutigen Rissen verzerrt, umschwirrte ihn wie eine Heimsuchung, der zu entrinnen ihm nicht gelang. Alles, was ihn davor bewahrte, den Verstand zu verlieren, waren seine Kinder, an denen er sich festklammerte und die sich an ihn klammerten, als wäre es ihrem Vater möglich, ihnen Halt zu geben.