Mein Filmtagebuch 2024

Ob Neustarts oder (wieder)entdeckte ältere Streifen: Die stärksten Filme und Serien (und zuweilen auch das Gegenteil davon) aus meinem persönlichen heurigen Filmjahr.

 

Unglaublich, die Privilegien und der Reichtum, in dem die Expats leben, also Ausländer:innen mit Arbeitsplatz Hongkong, unglaublich aber auch die Tristesse, die ihre Existenz umfangen hat und aus der sie einfach keinen Ausweg zu finden scheinen. Die Serienadamption des Romans von Yanice E. K. Lee verfolgt das Schicksal von drei dieser Frauen mit US-amerikanischem, indischem und koreanischem Hintergrund, verwebt es aber auch mit jenem ihrer Filipino-Bediensteten. Wobei es Nicole Kidman, wohnhaft in einem Luxustower auf dem Peak, abrupt den Boden unter den Füßen wegzieht, als ihr kleiner Sohn auf einem Nachtmarkt von einem Moment auf den anderen verschwindet. Der Sturz in den Abgrund ist tief, der Aufprall desillusionierend. So ausgefeilt gezeichnete Charaktere gab es in einer Serie schon lange nicht mehr, ihr Umfeld ist glaubwürdig, ihre Einsamkeit und Trauer umfangen uns auf fast unangenehme Weise. Die vierte und fünfte Folge verharren dann aber doch zusehr am Stand und erzählen uns dabei wenig Neues; wie so oft bei Serien hätten Kürzungen die Intensivität des Gesamteindrucks noch verstärkt.

Angesichts der nebenstehenden Abbildung aus dem Reißer Im Wasser der Seine könnte man auf spannenden Haihorror hoffen, der Film dazu enttäuscht jedoch in jeder Linie. Themen werden angerissen und nicht weiterverfolgt, die Charrakterzeichnung begnügt sich mit aufgerissenen Augen, die Haie bewegen sich allzu ruckartig, zuweilen ist nicht klar, ob wir uns in einer Satire befinden oder das Ganze ernst gemeint ist. Ach ja, die Handlung: Haie, darunter ein ungeheures Muttertier, bevölkern die Seine während eines Triathlons. Mit mehr Geschick hätte sich aus dieser Idee wohl etwas machen lassen.

Der Idee der inneren Dämonen, die einen Menschen zur Verzweiuflung zu treiben vermögen, nimmt sich die mitreißende Miniserie Eric an. Die Geschichte um das Verschwinden eines Buben ist im New York der Achtziger mit all dem Schmutz, der Korruption und der Kriminalität dieser Periode angesiedelt, Benedict Cumberbatch verkörpert mit Hingebung die Rolle des Vaters, eines Puppenspielers und Alkoholikers, der sich, getrieben von Schulgefühlen und in Begleitung des titelgebenden imaginierten Monsters, auf dessen Suche macht. Stimmige Atmosphäre, interessante Figuren (Gaby Hofffmann als nicht minder desperate Mutter, McKinley Belcher III als versteckt schwuler schwarzer Polizist), nachvollziehbare Entwicklungen: perfekter Bingestoff. 

Nach den kathatrophal hässlichen CGI-Gewittern der jüngsten Godzilla- und/oder King Kong-Filme mit ihrer dummen Story und den flachen Charakteren geriert sich der japanische Streifen Godzilla Minus One als wohltuende Handarbeit mit Bildsequenzen, denen man auch wirklich folgen kann. Zum siebzigsten Jahrestag des Starts der ursprünglichen japanischen Filmreihe, deren Einträge mich durch die Sonntagsnachmittagsvorstellungen meiner Jugend in den Siebzigern begleiteten, wird diese auf ihren Ursprung, die Zeit des Atombombentests im Pazifik und des Kalten Krieges zurückgeführt. Im Mittelpunkt des Kampfes gegen den stets wütenden Riesensaurier steht ein Kamikazepilot mit Überlebensschuld-Syndrom, die Geschichte ist interessant, das Schauspiel für unsereins aber zuweilen arg outriert und die Auftritte des Ungeheuers sind  ebenso behäbig wie dessen ungelenke Bewegungen bei der Zerstörung Tokios. 

Es ist einer der großen magischen Momente der Filmgeschichte, wenn die beiden Schwestern Celie und Nettie nach Jahren der gewaltsamen Trennung und der Demütigung und Gewalt durch Männer einander in einem Mohnfeld wieder gegenüberstehen, wenn sie einander in die Hände klatschen und über ihnen der rote Ball der Sonne thront wie das Auge eines gütigen Gottes. Dieses Gänsehautgefühl aus Steven Spielbergs Klassiker Die Farbe Lila (1985) nach dem Briefroman von Alice Walker kommt in der rezenten Musicaladaption aber nicht auf. Allzu glattgebügelt mäandert die Geschichte der Emanzipation einer Reihe von schwarzen Frauen im Süden der USA dahin, allzu banal und bieder die Inszenierung von Regisseur Blitz Bazawule, allzu selten bleibt die recht beliebige Musik trotz engagiertem Cast und interessanter Choreografien im Gedächtnis. 

Die Gruppe von jungen Außenseitern, das Geheimnis, das über der Kleinstadt schwebt, das Monster, das in regelmäßigen Zeitabständen aus dem Verborgenen wiederkehrt - nichts an dem spanischen Horrorfilm The Bogeyman Origins ist neu, wir kennen das alles aus Es oder Stranger Things; von letzterem Stoff ist die Musik sogar fast eins zu eins gestohlen. Trotzdem funktioniert die Geschichte anfangs recht gut, um die persönlichen Hintergründe der Jugendlichen baut sich eine unheimliche Atmosphäre auf. Was der Film dann aber daraus macht, ist langweilig, weil eben schon so oft gesehen, und im Finale fast ärgerlich banal.

Eine Vater-Sohn-Geschichte in recht ungewöhnlichem Fantasy-Gewand: Der französische Regisseur Thomas Cailley entwirft in seinem Film Animalia das Bild einer Welt, in der Mutationen von Menschen zu Tieren auftreten. Diese Mischwesen werden in speziellen Zentren ruhiggestellt, unter ihnen ist die Ehefrau von Francois und Mutter seines Sohnes Émile, die ein schwieriges Verhältnis eint. Und auch Émile bemerkt an sich die ersten Anzeichen einer Wandlung. Seine nächtliche Flucht durch ein Maisfeld, gejagt von Stelzengehern, die die Szenerie überblicken können, ist nur eine der kreativen Ideen in der Umsetzung des Stoffes, den wir gut und gern als Coming-of-Age der innovativeren Art bezeichnen dürfen. Was den Streifen aber wirklich sehenswert macht, ist das diffenzierte Spiel des jungen Paul Kircher, der hier nach seiner tollen Leistung in dem Drama Der Gymnasiast eine weitere überaus berührende Darstellung liefert; durch seine Körpersprache, die Gestik und seine Mimik macht er den Verlauf der Mutation zur nuancierten Erkundung seiner Figur und ihres Weges in die Freiheit.

Jüngst habe ich in meiner Rezension zu dem Film Im letzten Sommer den französischen Jungdarsteller Samuel Kircher als große Entdeckung bezeichnet, nun liefert sein älterer Bruder Paul in Christophe Honorés feinem psychologischen Drama Der Gymnasiast eine nicht minder großartige schauspielerische Leistung ab. Er geht völlig in der Rolle des siebzehnjährigen schwulen Lucas auf, der sich nach dem Unfalltod seines Vaters aus der Sicherheit seines bisherigen Lebens geschleudert sieht. Hin- und hergerissen zwischen den Gefühlen von Hilflosigkeit, Wut und Trauer, versinkt er in der Suche nach seinem Platz im Leben und der Welt in einer tiefen Depresssion mit selbstzerstörerischen Zügen. Die Kamera ist ganz nah bei ihm und seiner von der wunderbaren Juliette Binoche verkörperten Mutter. Honorés Film ist das tiefgehende und berührende Porträt eines Jugendlichen und seiner Familie, die in ihrem Versuch, mit dem Verlust eines geliebten Menschen zurande zu kommen, in Sprachlosigkeit unterzugehen drohen und schließlich dennoch einen für sie passenden Weg zur Kommunikation finden.

Nach über dreißig Jahren wiedergesehen und immer noch herzlich gelacht: Die österreichische Komödie Muttertag aus 1993 ist eine Abfolge von Gags zwischen Satire und Sarkasmus und meist treffender Pointen rund um den im Titel genannten Festtag, in der wir einige der heimischen Kabarett-Lieblinge in jungen Jahren wiedersehen dürfen. Erdacht haben die Geschichte Roland Düringer und Alfred Dorfer, zusammen mit Reinhard Nowak und Andrea Händler agieren sie gleich in mehreren Rollen. Erfrischend wie damals.

Martin Scorseses allseit überaus gepriesenes Alterswerk Killers of the Flower Moon mutet zuweilen wie ein Wettstreit im Grimassenschneiden an, den sich Leonardo DiCaprio und Robert De Niro als wahre Wölfe im Schafspelz da liefern, ihr beständiges Overacting ist kaum zu ertragen. Ebenso verhält es sich mit den in ihrer Redundanz ins schier Endlose gezogenen Dialogen. Die Geschichte wäre brisant und hochspannend: Serienmorde an Angehörigen des Stammes der Osagen zu Beginn des letzten Jahrhunderts, um durch das Erbe an das Land der Indigenen mit den reichen Ölfunden zu gelangen. Heiratspolitik der grausamen Sorte also - ein griffigerer, stringenter erzählter Film von vielleicht der halben Länge dieses dreieinhalbstündigen Möchtegern-Epos hätte den Plot wohl besser im Auge behalten. Zu den Figuren, die zuweilen beinahe wie ein Persiflage auf sich selbst wirken, erhalten wir so wenig emotionalen Zugang wie sie füreinander zu empfinden scheinen: Die große Liebe zwischen DiCaprio und seiner Ehefrau (Lily Gladstone mit meist steinernem Gesichtsausdruck - wie in aller Welt kam es zur Oscarnominierung?) wird behauptet, ist aber nie wirklich nachvollziehbar. Langweilig, ich komme leider zu keinem anderen Urteil. 

Mit jeder schwachen neuen Arbeit schwindet die Hoffnung, dass M. Night Shyamalans rege Vorstellungskraft erneut einen Geniestreich wie seinen Erstling The Sixth Sense (1999) hervorbringen könnte. Sein neuer Thriller Knock at the Cabin ist da keine Ausnahme. Die Prämisse ist wieder einmal einfallsreich. Ein schwules Paar und ihre kleine Tochter verbringen eine Auszeit in einem recht ordentlich ausgestatteten Häuschen im Wald, da stehen auf einmal vier Fremde vor der Tür. Die Forderung: Ein Mitglied der kleinen Familie müsse sich opfern, um den Untergang der Menschheit zu verhindern. Holzschnittartig gezeichnete Charaktere versus ein ordentlich entwickelter Spannungsbogen, die Sache könnte noch gut gehen. Doch die banale Auflösung stellt wie schon oftmals zuvor in Shyalamans Filmen den größten Hemmschuh für wirklich gelungenen Thrill dar.

Ryan Murphys Anthologieserie Feud, zweiter Streich mit dem Zusatztitel Capote vs The Swans; Und im Vergleich zur ersten Staffel (siehe unten) mit einem allzu langgezogenen und langweiligen Ergebnis. Bennett Millers Film Capote entwarf 2005 ein faszinierendes Porträt des brillanten Schriftstellers im Rahmen der Recherche zu seinem Bestseller Kaltblütig. Murphy und Co-Produzent und -Regisseur Gus van Sant (!) versuchen dies nun anhand der heftigen Konflikte, die sich gegen Ende seines Lebens mit Freundinnen aus der New Yorker Society (die "Swans") ergaben, als Capote begann, ihre intimsten Geheimnisse literarisch zu verabeiten. Der britische Schauspieler Tom Hollander gibt eine beachtenswerte Vorstellung von Capotes affektiertem Gehabe und seinem sprachlichen Singsang; acht Stunden lang der in ziemlich redudanten Dialogen ausgebreiteten, stets um die eigenen Befindlichkeiten kreisenden egoistischen Laymoranz der Figur zuzusehen, die sich zudem mit den Persönlichkeiten ebensolcher und in diesem Sinne uninteressanter Damen befasst, ist dann aber doch ein bissl viel. In einer pointiert-scharfen Kürze wäre hier definitiv die Würze gelegen. 

Ryan Murphy, der Schöpfer einer langen Reihe von Streaminghighlights wie American Horror Story und Dahmer, ist auch das Mastermind hinter der Anthologie-Serie Feud - Die Feindschaft zwischen Bette und Joan. Wie der Titel schon indiziert, geht es um eine Art von Fehde, in der ersten Staffel aus dem Jahr 2017 um die komplizierte und gar nicht freundliche Beziehung zwischen den Hollywooddiven Bette Davis und Joan Crawford. Auf dem absteigenden Ast ihrer Karrieren, drehen sie im Jahr 1962 den Schwarz-weiß-Psychothriller Was geschah wirklich mit Baby Jane?, der sich im Nachhinein als großer Wurf entpuppen sollte. Verletzter Stolz, Unsicherheit, Einsamkeit, die Angst vor dem Älterwerden und Nicht-mehr-Gesehenwerden sind die persönlichen Dramen, die Murhy als Triebfedern hinter der zum Teil grotesken Rivalität zwischen den beiden Schauspielerinnen herausarbeitet, sein beträchtlicher Gusto für den Mythos Hollywood, Filmtratsch und schneidende Wortspitzen gipfelt etwa in der faszinierenden Szenenfolge um die Oscarverleihung 1963. Susan Sarandon als Bette Davis und besonders die großartige Jessica Lange als Joan Crawford stehen ihm dabei mit beachtlichen Leistungen zur Seite.

Vor zehn Jahren profitierte der überaus gelungene österreichische Psychothriller Ich seh ich seh von der viralen Versicherung eines Bloggers, bei der Vorschau des Films würde es sich um "the sacriest trailer ever" handeln. Dies trifft meinem Eindruck nach eher auf den Trailer zum Horrorfilm Evil Dead Rises zu, den ich als dermaßen angsteinflößend empfand, dass ich es vorzog, mir den Streifen bei Tageslicht zu Gemüte zu führen. Wäre nicht nötig gewesen, denn der in perfektem Herzschlag-Timing geschnittene Trailer entpuppte sich als gruseliger als das dann doch eher konventionellen Bahnen gehorchende Splattermovie um einen Dämon, der in einer Erdbeben-Sturmnacht von den Migliedern einer Familie Besitz ergreift. Gegen Schluss hin wird das Ganze extrem blutig, was dann doch wieder jene goutieren werden, denen auch der Trailer gefallen hat.

Entgegen aller anderslautender Behauptungen: Nein, Zendaya ist keine gute Schauspielerin. Sie hat nicht mehr als drei Gesichtsausdrücke auf Lager: Lächeln, Schmollmund und Zorn samt dazugehöriger Falte. Aus der Rolle der Tennisspielerin Tashi in dem Drama Challengers von Call Me By Your Name-Regisseur Luca Guadagnino hätte eine talentiertere Mimin denn auch vielleicht mehr Tiefe und Hintergrund herausgeholt, was aber auch schon den einzigen Kritikpunkt an dieser spannenden "ménage à trois" darstellt. Zwei Tennistalente, Patrick (God's Own Country Josh O'Connor) und Art (Mike Faist), beste Freunde und Sportpartner von Jugend an, sehen sich in einem Dreiecksverhältnis mit Tashi gefangen, sie ist Katalysator für Emotionen wie Begehren und Liebe und bleibt, selbst nach einem Unfall vom Profisport ausgeschlossen, doch kalt und berechnend. Guadagnino inszeniert die Duelle, ob jene im Sport oder jene in dem in Form von zahlreichen verschachtelten Rückblenden erzählten komplexen Beziehungsgeflecht, mit großer visueller und akustischer Hingabe zu einem starken psychogischen Katz-und-Mausspiel mit überraschendem Ausgang. 

Eine dankbare Altersrolle hält die Tragikomödie Swan Song des amerikanischen Drehbuchautors und Regisseurs Todd Stephens für das filmische Urgestein Udo Kier bereit. Er spielt den einstigen Friseur Pat, der nach einem Schlaganfall ein tristes Dasein in einem Seniorenwohnheim fristet. Aus diesem reißt ihn die Nachricht, dass eine reiche Bewohnerin der kleinen Stadt, bis zu einem Zwist eine gute Freundin, in ihrem Testament verfügt hat, er solle ihr für die Beerdigung Haare und Make-up machen. Der Weg zu ihr gerät Pat zur Erinnerungsreise in sein Leben, den Beruf, die Freunde, die Liebe - und schließlich zur Erkenntnis, doch so etwas wie Spuren hinterlassen zu haben. Udo Kier macht diesen alten schwulen Mann zu einer berührenden Charakterstudie zwischen Einsamkeit, Stolz und dem Ringen um Würde.  

Als Ein Glücksfall, wie auch der Titel lautet, erweist sich der neue Film von Woody Allen. Der mittlerweile 89-jährige Autor und Regisseur legt mit dem Streifen eine geistreiche, von sanfter Sozialironie getragene Kriminalkomödie mit einem, je nach persönlicher Sicht, völlig unglaubwürdigen oder meisterhaften finalen Twist vor. Bewundernswert ist jene Leichtigkeit der Inszenierung, die Allens Alterswerk durchzieht und in der sich die Geschichte wie in einem plätschernden Fluss aus Gersprächen in den unterschiedlichsten Zusammensetzungen des Figurenpersonals entwickelt. Eine von ihrem reichen und ziemlich skrupellosen Ehemann dominierte junge Auktionistin, das unerwartete Zusammentreffen mit einem Verehrer aus der Schulzeit, eine leidenschaftliche Affäre und die Frau Mama mit detektivischem Gespür - ihr Spiel um Liebe und Eifersucht unterhält uns beim Ansehen prächtig. Ob davon etwas bleiben wird, ist aber eine andere Frage.

Eine verhängnisvolle Affäre stellt die französische Regisseurin Catherine Breillat in den Mittelpunkt ihres Filmdramas Im letzten Sommer. Wie aus sicherer Distanz beobachtet sie die Geschichte um eine auf Missbrauchsfälle spezialisierte Anwältin, die sich, gelangweilt vom biederen Familienleben, auf eine Liebschaft mit ihrem siebzehnjährigen Stiefsohn einlässt. Wenn aus den Charakteren aber die Gefühle brechen, beim Sich-aneinander-Herantasten, beim Sex, beim Weinen, dann ist die Kamera und sind mit ihr unsere Blicke ganz nah bei ihnen. Die fabelhafte Léa Drucker als Frau mittleren Alters, die die Versäumnisse der Jugend nachholen zu können glaubt, Olivier Rabourdin als ihr Mann, der nicht weiß, wie ihm geschieht, und der junge Samuel Kircher, eine Entdeckung, als trotzig-aufmüpfiger Jugendlicher ziehen uns in den Bann ihres intensiven Zusammenspiels um die Zerrissenheit zwischen der Sehnsucht nach Geborgenheit und der plötzlichen Leidenschaft.

Es gibt Filme, die altern in Würde, und andere, denen ist dies nicht vergönnt. Der Tierhorrorfilm Willard aus dem jahr 1971 gehört zu letzteren. Die Geschichte um die introvertierte Titelfigur und seine Beziehung zu Ratten kommt zwar ganz ohne Effekte aus, sondern setzt auf die dressierten Nager, ist in der Charakterzeichnung aber oberflächlich und im Schauspiel dermaßen übertrieben, dass sie heutzutage nicht einmal mit großem filmhistorischen Interesse zu goutieren ist. 

Der Zeitpunkt, da eine Reihe der Mitglieder der weltberühmten K-Pop-Band BTS den südkoreanischen Militärdienst leisten müssen, erschien den Beteiligten offenbar als guter Moment für einen Rückblick in die über zehnjährige Erfolgsgeschichte der Gruppe. BTS Monuments: Beyond the Star ist die achtteilige Dokumentation betitelt, zusätzlich sind ein Buch und ein Photobook erschienen. Geschildert wird der anfangs steinige Weg der sieben Burschen von Praktikanten bis hin zu Idolen im K-Pop-Business in faszinierenden Konzertausschnitten und den harten vorangegangenen Proben, Reiseberichten, Home stories sowie zahlreichen und in der Summe eher redundanten Interviews, die die Artists zuweilen als Selbstzweifler und Melancholiker zeigen. Für nicht Eingeweihte stellt sich das Ganze in seinen ständigen Zeitsprüngen als eher verwirrend dar, für Fans ist es natürlich ein Fest.

Basierend auf dem gleichnamigen international erfolgreichen Jugendbuch von Benjamin Alire Sáenz, entwirft der Film Aristoteles und Dante entdecken die Geheimnisse des Universums die Geschichte einer Freundschaft, die zur Liebe wird. Die beiden im Titel genannten Burschen, beide Einzelgänger voller Selbstzweifel, erleben im El Paso der späten Achtziger ihr Coming-out - vor sich selbst, voreinander und vor ihren Familien. Regisseurin Aitch Alberto geht dabei auf einfühlsame und zielgruppengerechte Weise vor, doch zuweilen erscheint mir die Szenenfolge allzu sprung- und skizzenhaft, ich hätte sie mir auserzählter gewünscht. Das authentische Spiel  der Newcomer Max Pelayo und Reese Gonzales und so mancher poetische Moment im Regen oder unter dem weiten texanischen Sternenhimmel wissen dafür aber bis zu einem gewissen Grad zu entschädigen.

Was für ein grauenhafter Film! Schon der erste Teil hatte uns nichts zu sagen, die Fortsetzung Rebel Moon 2: Die Narbenmacherin setzt noch einiges in Bezug auf wahre Logikkrater drauf. Regisseur Zack Snyder gelingt es in seiner Vergewaltigung von Kurosawas Sieben Samurai-Stoff einfach nicht, Figuren zu schaffen, die echte Charaktere sind, und deshalb ist uns in den redundant geschilderten Kämpfen ihr Überleben auch ziemlich egal; Mitfiebern war einmal - in all dem Bombast an dummen Dialogen, schwülstiger Musik und ständig eingesetzter Zeitlupe tritt die ganze Sache eigentlich von der ersten bis zur letzten Minute auf der Stelle und erzeugt bloß Langeweile. Szenen wie die Ermordung des Königs samt Kostümen aus einem Faschingsfundus, die Weizenernte im Gegenlicht und das Verteidigungstraining, das in null Komma nichts auch schon erledigt ist, sind von ausgesuchter Dämlichkeit, da hilft auch nicht, dass wir Sofia Boutella die Actionheldin namens Kora durchaus abnehmen. Snyder runiert sogar den Showdown zwischen ihr und dem nazihaften Oberbösewicht (Ed Skrein) durch offensichtliche Schnitte - Zensur im Sinne der angestrebten Netflix-Familientauglichkeit?

Sechs Jahre vor ihrem furchtbaren Barbie-Film beschäftigte sich die amerikanische Regisseurin Greta Gerwig auf ungleich einfühlsamere Weise mit der weiblichen Psyche. Lady Bird will der Teenager Christine genannt werden. Sie absolviert ihr Abschlussjahr auf einer katholischen High School und hat nur einen Gedanken: der für sie engen Welt des kalifornischen Sacramento entfliehen zu können und an einer Ostküstenuni aufgenommen zu werden. Saoirse Ronan verkörpert die Unsicherheit des Mädchens und die komplexe Beziehung zu ihrer Mutter auf exzellente Weise und hebt die Erzählung um jugendliches Aufbegehren, Selbstfindung und erste Liebe (Timothée Chalamet in einer kleinen Rolle, in der er nicht viel zu tun hat) über das Niveau der dem Genre des Coming-of-Age immanenten Versatzstücke. 

Auf einem populären Webtoon basierend, spinnt die südkoreanische Serie A Killer Paradox in acht Folgen ein mörderisches Netz um den Charakter eines jungen Mannes namens Lee Tang (Choi Woo-shik aus Train to Busan und Parasite) mit der besonderen Gabe, "böse Menschen" zu erkennen, die er flugs - anfangs unbeholfen, dann immer raffinierter - auch gleich ins Jenseits befördert. Die für solche Serien typischen skurrilen Einfälle, sowohl inhalticher Natur als auch die visuelle Gestaltung betreffend, wissen in den ersten Folgen zu unterhalten, als sich die Erzählung in der zweiten Hälfte aber von Tang ab- und Figuren wie einem dicklichen Computernerd, einem Polizisten mit Vaterkomplex und einem älteren Serienkiller mit Diabetes zuwendet, flacht die Spannung merklich ab.

Dass Rachel Zegler schön singen kann, hat sie in Spielbergs West Side Story (2021) bewiesen, darin war sie die Idealbesetzung für die Rolle der Maria. In Francis Lawrences Prequel zur Hunger Games-Saga jedoch, betitelt Die Tribute von Panem - The Ballad of Songbirds and Snakes, gelingt es ihr nicht, ihrer Filmfigur Format zu geben. Als junge Bewohnerin des District 12 namens Lucy Gray Baird schwingt sie sich durch die tatkräftige Mithilfe von Coriolanus Snow, des späteren Präsidenten der Diktatur Panem, zur Siegerin der Hungerspiele auf, und hier liegt auch das Grundproblem des Films: Zwischen den beiden existiert keine Chemie, ihre Leidenschaft, ja Liebe füreinander ist in keinem Moment nachfühlbar. Der fesche Brite Tom Blyth steht im Zentrum der Handlung und macht die zerfaserte Erzählung von der Wandlung vom Burschen aus einer verarmten Familie zum Mentor der Hungerspiele, späteren Soldaten und schließlich Stipendiaten der Universität der Hauptstadt glaubhaft nachvollziehbar. "Es sind die Dinge, die wir am meisten lieben, die uns zerstören", hören wir am Schluss aus dem Off; im Falle von Coriolanus Snow ist dies zweifellos der Wille zur Macht, ihm und seinem Darsteller hätte ein stringenterer und damit spannenderer Film gebührt.

Eine Erinnerung an Der Club der toten Dichter schwebt über der winterlichen Szenerie von The Holdovers, dem allerorts überaus gepriesenen und mit allerlei Preisen bedachten neuen Film des amerikanischen Regisseurs Alexander Payne. Weihnachtsferien in einem exklusiven Neuengland-Internat des Jahres 1970, ein einzelner Schüler (der überzeugende Newcomer Dominic Sessa), sein Geschichtslehrer (Paul Giamatti wird immer dann peinlich, wenn er witzig zu sein versucht) und die Köchin (Weshalb in aller Welt hat Da'Vine Joy Randolph für diese durchschnittliche Darstellung Oscar und Golden Globe bekommen?) bleiben als einzige zurück; es ist von Anfang an vorgezeichnet, dass sie sich zusammenraufen werden, gemeinsam lässt sich das schwere Binkerl, das auf ihnen allen lastet, einfach leichter bewältigen. Als Tragikomödie wird der Film apostrophiert, doch die Sprunghaftigkeit zwischen den beiden Polen dieser Bezeichnung zerstört jede Art von Stimmung, sobald sie im vorhersagbaren Gang der Handlung endlich einmal aufgebaut wurde. Kaum eine Szene, die wir so oder ähnlich nicht schon in anderen Internatsfilmen gesehen haben - und nicht einmal beim Lecken der seelischen Wunden kommt Tiefe oder Rührung auf. Was immer diverse Jurys in diesem Film gesehen haben, ist mir bis zum Schluss leider verschlossen geblieben.

Mit Cannes-Siegern kann ich im Allgemeinen ja ziemlich viel anfangen, bei dem Body-Horror Titane aus 2021, von der französischen Regisseurin Julia Ducournau mit geradezu aggressiver Kälte in Szene gesetzt, ist dies aber nicht der Fall. Eine Serienmörderin (Agathe Rousselle) mit einer Titanplatte im Kopf fühlt sich mit Fahrzeugen sexuell verbunden und nimmt auf der Flucht die Identität des verschwundenen Sohnes eines älteren Feuerwehmannes an. So weit, so konfus, in der dröhnenden Lautheit der Inszenierung haben nur leider tiefe Gefühle und damit die Möglichkeit zur Identifikation mit den Figuren keinen Platz.

Zum hundertjährigen Studiojubiläum kommt der möglicherweise uninspirierteste Disney-Film aller Zeiten. Die Geschichte von Wish dreht sich um einen Magierkönig, der seinem brav disversen Volk nur ihm angenehme Wünsche erfüllt, und dem Mädchen Asha, das dem monarchischen Grundprinzip wie in Disneyfilmen üblich zwar huldigt, gegen die genannte Bestimmbarkeit der Wünsche aber rebelliert. Der Inszenierung fehlt jeglicher Charme, die Story ist in sich unlogisch, die Heldin von sich selbst zusehr überzeugt, um Identifikationsfigur zu sein, die musikalischen Einlagen sind ein fader Einheitsbrei und die Sidekicks von konsequenter Einfallslosigkeit.

Die brillante Kameraführung von Robert Elswit, die bis ins letzte Detail durchdachte Komposition jeder einzelnen Einstellung, das edle Schwarzweiß der Bilder: Die für Netflix produzierte Miniserie Ripley ist ein grandioses Fest fürs Auge. Steven Zaillian, Oscarpreisträger für das Drehbuch von Schindlers Liste, erzählt die Geschichte von Patricia Highsmiths psychopathischem Antihelden in gemächlichem Tempo und langen Dialogen, die jenen seltsamen Spannungssog entfalten, der uns atemlos mit dem Mörder Tom Ripley mitfiebern lässt. Nach Alain Delon (Nur die Sonne war Zeuge, 1960) und Matt Damon (Der talentierte Mr. Ripley, 1999) verkörpert Andrew Scott, von dessen schaupielerischen Qualitäten wir uns erst jüngst in All of Us Strangers überzeugen konnten, die Titelrolle - und hier liegt die Schwäche der Sache: Scott ist mit seinen fast fünfzig Jahren eigentlich eine glatte Fehlbesetzung für den Charakter des jungen Blenders - Härte statt Charme, maskenhafte Züge statt Verletzlichkeit. Es gelingt Scott nicht, Toms Gier, jemand anderer zu sein, zu vermitteln, seine Kunst, sich selbst unsichtbar zu machen und in die Haut anderer Menschen zu schlüpfen, auch nicht sein Begehren, dem reichen Lebemann Dickie Greenleaf (auch körperlich) nahe zu sein und, in der Erkenntnis, dass dies nicht möglich ist, ganz er zu werden. Erst als Dickie, mit einem Anker beschwert, auf dem Grund des Meeres ruht und sich die weiteren Folgen um Toms Psychospiel mit Dickies Freundin Marge und der Polizei drehen, wirkt Scott glaubwürdiger; dann haben wir uns auch schon an seine neue, reifere, gesetztere Interpretation der Figur gewöhnt und sind längst der Faszination dieser großartigen Serie erlegen.

Der britische Regisseur Andrew Haigh nimmt in seinem Filmdrama All of Us Strangers die Grundkonstellation seines brillanten Erstlings Weekend als dem Jahr 2011 wieder auf: Zwei in ihrer Einsamkeit gefangene Männer, der ältere Adam und der wesentlich jüngere Harry, treffen zusammen und lernen, sich einander durch Sex und immer offenere Gespräche zu öffnen; und allmählich entsteht so etwas wie echtes Vertrauen zwischen ihnen. Von Anfang an kreiert Haigh durch die düstere Szenerie in einem Hochhauskomplex mit nur zwei bewohnten Wohnungen eine Stimmung des Geheimnisvollen, und als Adam auf seine Eltern im Alter vor ihrem Unfalltod dreißig Jahre zuvor trifft, verstärkt sich diese unwirkliche Atmosphäre. Wer würde nicht gern mit seinen Eltern auf Augenhöhe in der Kindheit Erlebtes aufarbeiten? Adam erhält die Gelegenheit dazu, was zu einer Reihe von emotional berührenden Dialogszenen führt. Seine Beziehung zu Harry wird immer intensiver, doch irritierende Momente häufen sich. Eine Art Kammerspiel über jeden Menschen als Insel - der Weg zum finalen Twist der Geschichte geht zu Herzen, die faszinierende, haltlos traurige Wendung am Schluss hat mich unvorbereitet getroffen. Andrew Scott als Adam und Paul Mescal als Harry harmonieren auf Gänsehaut erzeugende Weise, sie zeigen bedingungslos ehrliche Verletzlichkeit in einem Film über Verlust und Isolation, über nicht weniger als das Leben und den Tod. 

Im Klassiker Lohn der Angst aus dem Jahr 1953 war es Yves Montand, der sich unter der spannungssteigernden Anleitung von Regiemeister Henir-Georges Clouzot um den gefährlichen Transport von Nitroglyzerin über südmerikanische Wellblechpisten zu kümmern hatte, in William Friedkins Remake Atemlos vor Angst aus 1977 verkörperte Roy Scheider den Abenteurer, der sich auf die halsbrecherische Fahrt macht. Ein talentloses Team rund um den französischen Regisseur Julien Lexlercq ist nun für die Netflix-Neuverfilung unter dem ersten der beiden Titel verantwortlich, außer die Handlung in die Wüste zu verlegen und eine weibliche Hauptfigur einzuführen ist den Beteiligten nichts Neues eingefallen. Seelenlose Action mit Darstellungen ohne jedes Charisma. 

Als hätte eine KI die Charaktere entworfen und das Script verfasst, so mutet sich Antoine Fuquas Rachethriller Equalizer 3 an - wobei vom Thrill aufgrund der Vorhersehbarkeit des Verlaufs und Ausgangs nicht viel zu spüren ist. Ein Städtchen an der italienischen Amalfiküste, darin alle Menschen gut und reinen Herzens, kein Wunder, dass Opa Denzel Washington für sie und gegen die Camorra ins Feld zieht, auf seine ultrabrutale Art und Weise. Faszinierend, wie Washington inmitten all des dummdreisten Verhaltens der Figuren mit feinen Nuancen seines Spiels dennoch Akzente zu setzen weiß.

Hirokazu Kore-eda (Goldene Palme für Shoplifters, 2018), der Meister des Kammerspiels des täglichen Lebens, aus dessen Hintergründen zweilen höchste menschliche Dramatik erwächst, bedient sich in seiner neuesten Arbeit Die Unschuld einer multiperspektivischen Erzähltechnik. Der deutsche Titel lenkt vom Eigentlichen ab; Monster heißt der Streifen im japanischen Original und in der internationalen Auswertung, und genau darum geht es auch: Um die Frage, was an Monströsem, nämlich aus Selbstzweifeln genährten Unwahrheiten und Lügen, in uns schlummert und wie diese, so wie immer bei Kore-eda durch Menschlichkeit in Wahrhaftigkeit überführt werden könnten. Die Mutter, der Lehrer, das Kind - inwiefern in der Schule Gewalt ausgeübt wird und von welcher Seite aus, wie eine Frau mit dem Verlust des Ehemannes und eine andere dem Tod der Enkelin zurande kommt, wie sich der Umgang eines jungen Lehrers mit den ihm anvertrauten Kindern gestaltet, wie die beiden Buben Minato und Yori zueinander stehen - Kore-eda erzählt die Ereignisse in drei Szenenfolgen jeweils aus der subjektiven Sicht der jeweiligen Figuren, und erst allmählich entsteht dadurch ein Gesamtbild, dem wir trauen können. Der dritte Akt, der sich um die Freundschaft zwischen den beiden Buben dreht, findet dabei Bilder und Einstellungen, die zu Herzen gehen, und mündet in einen Aufbruch, eine Art Wiedergeburt, in vollendeter Kinopoesie.

Als Art Kunstprojekt aus Bildern, Tönen und zuweilen einer schwarzen oder roten Leinwand erweist sich der mit einem Auslandsoscar ausgezeichnete Spielfilm The Zone of Interest des britischen Regisseurs Jonathan Glazer. Nicht immer leicht zugänglich, in Teilen experimentell und fast sperrig, weil nicht plotzentriert, dabei ungemein erleuchtend, verdeutlicht der Streifen konsequent wie sonst kaum eine filmische Arbeit Hannah Arendts Überlegungen zur "Banalität des Bösen". Glazer zeigt das Leben der Familie des Kommandanten des Konzentrationslager Auschwitz, Rudolf Höß. Nur durch eine Mauer vom Lager getrennt, spielt sich in einer großen Villa mit prächtigem Garten das Familienleben ab, wird gemeinsam gegessen und plantschen die Kinder im Schwimmbecken, als hätten alle Scheuklappen aufgesetzt. Was vom Grauen des KZs bis hierher dringt, sind Geräusche einer eigens aufgebauten Tonbibliothek, sind Rufe, Schreie, Schüsse und zuweilen Salven, sind aber auch die rauchenden Schornsteine - dazwischen die Mauer als Trennlinie zwischen soganennter Normalität und dem Unvorstellbaren. Im Vordergrund dazu präsentiert Frau Höß ihrer Mutter ihre Blumenzucht, hält Kaffeetratsch und kommandiert ihre Angestellten herum. Sandra Hüller verkörpert diese Frau mit schier unglaublicher Borniertheit und Kälte, Christian Friedel verhält sich als Lagerleiter liebevoll zu seinen Kindern und fällt im nächsten Moment am Telefon Todesurteile. Ein Gefühl der Unbehaglichkeit hat mich bei diesem Film erfasst und bis zum Ende, wenn Putzkräfte die Schaukästen im Auschwitz von heute reinigen, nicht mehr losgelassen.

Die Serie 3 Body Problem wurde von Netflix zum Großereignis gehypt, und die meisten Medien verbreiten die Botschaft brav und getreu. Dabei handelt es sich bei den bislang acht Folgen um die bevorstehende Ankunft von Außeriridischen auf der Erde und eine damit verbundene Gruppe junger Wissenschaftler:innen um eine technisch gut gemachte, aber von nicht gerade charaismatischer Darstellung getragenen Neuaufguss von Spielbergs Unheimliche Begegnung der dritten Art aus dem Jahr 1977; den Esprit und Enthusiasmus, besonders aber auch die Fähigkeit zu staunen, dieses Meisterweks geht der heutigen durchkalkulierten Produktion schmerzlich ab. 

Was das Duo Veronika Franz und Severin Fiala, verantwortlich für das ausgeklügelte Drehbuch und die meisterhafte Regieführung des österreichischen psychologischen Historiendramas Des Teufels Bad, geschaffen hat, ist ein wahres Wunderwerk. In der Geschichte der jungen Agnes, die sich in ärmlichem bäuerlichen Milieu in der Mitte des 18. Jahrhunderts an ihrer Sensibilität, der religiösen Indoktrination ihrer Zeit und ihres Umfeldes und den Anforderungen des harten Arbeitsalltags zerrieben fühlt, tut sich der Abgrund einer Welt auf, in der das Hoffen und Suchen nach so etwas wie einer eigenen Identität schlichtweg keinen Platz hat. Der Ausweg in die Grausamkeit, den sie schließlich wählt, ist historisch verbürgt und erscheint uns wohl gerade aus diesem Grund ungeheuerlich. Kamermann Martin Gschlacht wurde mit dem Silbernen Bären der Berlinale ausgezeichnet, die Bilder, die er nur mit dem Licht von Fackeln und Kerzen kreiert, vertiefen die atmosphärische Authentizität des Werks, wie auch der unheimliche Score und die im Dialekt gehaltenen Dialoge der bei den Dreharbeiten improvisierten Szenen. In der Hauptrolle macht Anja Plaschg Agnes' tiefe Emotionen, die man heute als Depressionen bezeichnen würde,  mit unglaublicher Intensität nachvollziehbar; ihre in einem einzigen Take gedrehte Beichtszene, hier zitiere ich Kamermann Gschlacht, ist schon jetzt Filmgeschichte. 

Die feministische Frankensteiniade Poor Things des griechischen Regisseurs Giorgos Lanthimos, mit einem Goldenen Löwen in Venedig und dem Oscar für die Hauptdarstellerin Emma Stone ausgezeichnet, ist Kunstkino in Reinkultur, vemochte mich emotional aber nicht zu berühren. Ein exzentrischer Arzt (Willem Dafoe mit vernarbtem Gesicht) verpflanzt im viktorianischen London das Gehirn eines ungeborenen Kindes in den Körper seiner Mutter, einer Selbstmörderin, und erweckt diesen durch Eletrizität wieder zu Leben. In grobem Schwarzweiß sind jene Passagen des Films gehalten, in denen Bella lernt, sich zu bewegen, zu sprechen und sich nach üblichen gesellschaftlichen Regeln zu verhalten. In den Teilen des Films, der ihren Ausbruch aus dieser Existenz beschreibt, schöpft Lanthimos aus knalligsten Farben. Eine Suche nach dem Ich, nach einem selbstbestimmten Leben als Frau, was auch die Bereiche von Bildung und von Sexualität betrifft, die Bella mit großem Selbstbewusstsein auskostet - anfangs ist man vom Rausch der betont künstlichen Bilder und dem Reichtum an Ideen mitgerissen, alsbald beginnen sich diese aber im Kreis zu drehen und totzulaufen; erst gegen Ende schwingt sich Poor Things wieder zum Esprit der Anfangsszenen auf.

Der Krimiserie Death and Other Details gelang es zu Beginn, mein Interesse mit spritzigem Erzählton, visueller Raffinesse und einem Locked-Room-Mystery auf einem im luxuriösen Art déco gestylten Kreuzfahrtschiff zu wecken; vielleicht, so dachte ich, ist heutzutage im Genre der Agatha-Christie-Nachahmungen doch auch weniger Peinliches als Kennegh Brannaghs grässliche Poirot-Schändungen möglich. Zumindest letztere Hoffnung hat die Serie erfüllt, für wirklichenBinge-Gusto ist die Handlung mit ihren bescheidenen Twist und Enthüllungen aber zu sehr in die Länge von zehn Folgen gezogen, um an der Stange halten zu können.

Es ist wirklich beachtlich, welche Haken zwischen Genres und Stimmungen südostasiatische Filme zuweilen zu schlagen imstande sind. Der taiwanesische Streifen The Pig, the Snake and the Pigeon folgt dem todbringenden Feldzug eines Kriminellen (Ethan Juan), der sich, im Glauben, unheilbar an Lungenkrebs erkrankt zu sein, auf die Spur der beiden meistgesuchten Killer des Landes macht. der in Hongkong geborene Regisseur Wong Ching-po schöpft aus dem Vollen: Was als blutiger Noir-Thriller mit musikalischen Ankängen zum Italo-Western beginnt, entwickelt sich in der zweiten Hälfte unvermutet zur scharfen Sozialsatire auf selbsternannte Gurus und das Leben in einer Kommune und entwirft kurz vor dem konsequent radikalen Ende sogar einen besonders romantischen Moment.

Als filmischer Snack für Zwischendurch funktioniert das Heist-Movie Lift recht gut. Eine Gruppe von Meisterdieben soll auf geheiß der Interpol während eines Fluges Goldbarren im Wert von einer halben Milliarde Dollar stehlen - was auf einfalls- und überaus waghalsige Weise vorerst nach Plan abzulaufen scheint, dann aber aus Gründen der Dramaturgie gründlich schiefgeht. Ein Vehikel für Stars aus der zweiten Reihe (Kevin Hart, Jean Reno, Sam Worthington) und trotz der hässlichen CGI der Flugzeuge spritzig inszeniert. 

Die dritte und finale Staffel der queeren schwedischen Teenie-Serie Young Royals lässt sich anfangs recht fad an, ohne Überraschungen zieht sich die Liebesgeschichte zwischen dem Kronprinzen Wille und seinem "Bettelknaben" Simon vier Folgen durchs typische Eliteschulenleben mit Schmusen, Partys und einer genervten Königin dahin, bevor sie in der vorletzten merklich an Tempo und Dramatik gewinnt und sich in der letzten nochmals zu Herzschmerz in Reinkultur aufschwingt. Edvin Ryding und Omar Rudberg sind so nett wie gewohnt, ein bissl mehr Pfeffer hätte der Sache nicht geschadet.

Der deutsche Regisseur Jobst Oestmann ist, so kann man nachlesen, primär mit Tatort-Folgen und ähnlichen Fernsehkrimis beschäftigt. Wie ein solcher mutet auch seine Coming-of-Age-Geschichte 2er ohne aus dem Jahr 2008 an, besonders so manche Biederkeit des Drehbuches, die musikalische Untermalung und der unnötige Kommentar aus dem Off weisen in diese Richtung. Die beiden damaligen Jungdarsteller Tino Mewes und Jakob Matschenz verkörpern Außenseiter, die miteinander Rudern für einen Zweier ohne Steuermann trainieren und dabei, um den nötigen Gleichklang herzustellen, einander so ähnlich wie Zwillinge werden möchten. Es wird viel geredet, doch die Figuren werden nicht schlüssig gezeichnet; die psychologischen Zusammenhänge bleiben unklar und das tragische Ende so unbefriedigend wie der ganze Film.

Der Twist, auf den der Thriller Hypnotic hinausläuft, ist ja nun kein so übler und soll hier nicht verraten werden, doch stellt sich die Frage, ob man überhaupt so lange bei der Stange bleibt, um ihn enträtselt zu bekommen. Zu uneinheitlich und schlecht durchdacht ist der Inszenierungsstil von Robert Rodriguez - anfangs wirr und überhastet, in manchen Szenen nicht auserzählt, wie plötzlich abgewürgt, in anderen wird allzu vieles herausgeplappert, was sich eigentlich erst entfalten sollte. Und hölzener als Ben Afflecks Spiel als Cop auf der Suche nach seiner verschwundenen Tochter geht nun wirklich nicht mehr; es geht um Hypnose und inwiefern sich Menschen dadurch beeinflussen lassen, fast wie in einem solchen Zustand wirkt auch Herr Affleck.

Ich erinnere mich noch gut an das Schwärmen meiner Elterngeneration über den jungen Horst Buchholz im deutschen Nachkriegskino von 1957, ich selbst bin dann Anfang der Achtziger den Abenteuern von John Moulder Brown in einer der für damals typischen TV-Miniserien gefolgt; nun also Jannis Niewöhner, ebenfalls gutaussehend und charmant, als Titelheld in Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull. Die Frauen (und ein Graf) liegen auch ihm als Kellner in einem Pariser Nobelhotel zu Füßen, und anfangs macht es sogar Spaß, seinem trickreichen Agieren bis hin zur Übernahme der Identität eines jungen Marquis (David Kross) zuzusehen. Detlev Bucks Adaption des Romans von Thomas Mann, bei dessen Umsetzung zu einem Drehbuch ihm Daniel Kehlmann zur Seite stand, gerät aber im Verlauf der Handlung immer mehr zum von so manchen Nebenfiguren Teil laienhaft vorgetragenen Theaterklamauk mit völlig lächerlichem Ende (das in dieser Form übrigens im Roman gar nicht vorkommt).

Es ist wie in einem der psychologischen Dramen von Autoren wie Tennessee Williams, bei denen es besonders viel Finesse der Regie bedarf, sie von der Theaterbühne in ein realistischeres filmisches Setting zu transferieren. Zwar hat Drehbuchautor und Regisseur Scott Boswell den Stoff seiner Lowest-Budget-Independent-Produktion A Wake über den Tod eines von zwei Zwillingsbrüdern und die emotionalen Schluchten, in die dieser die einzelnen Mitglieder seiner Familie stürzt, direkt für den Film entwickelt, bis auf wenige Ausnahmen spielen sich die einzelnen Dialoge aber wie Teile einer szenischen Aufführung ab. Bei der im Titel angesprochenen Totenwache brechen dann Hintergründe zu den Figuren (versteckte Homosexualität, Mobbing, Drogenmissbrauch, Lieblosigkeit in der Familie) ans Tageslicht, manch unbeholfene Darstellung, der zum Teil katastrophale Ton und unnatürlich wirkendes Make-up killen aber oft die Stimmung. Noah Urrea in den Rollen der Zwillinge und Kolten Stewart als Freund des einen wissen in ihrem Spiel hingegen zu überzeugen und nehmen uns gegen Ende doch noch ein Stück mit auf ihrer Trauerreise. 

Familienaufstellung von Papa und zwei Teenietöchtern in der in ausgebleicht-edlen Farben fotografierten südafrikanischen Savanne: Schon in der Sixties-Serie Daktari spielte ein Löwe die Hauptrolle, damals war es ein schielendes Haustierexemplar namens Clarence. Im Tierhorror Beast - Jäger ohne Gnade aus dem Jahr 2022 ist es eine bösartig-räudige, gar nicht so übel computergenerierte Version des angeblichen Königs der Tiere, der sich auf die Jagd nach Wilderern, aber auch die unter diese geratene US-Familie macht. Selbst Scar wirkt gegen dieses Monster in vernarbter Fellgestalt wie ein Lämmchen, da hat Papa Idris Elba mit der Verteidigung seiner Filmtöchter alle Hände voll zu tun. Relativ lange ungeschnittene (auch Action-)Szenen steigern die Spannung und am Schluss rettet ein freundliches Löwenrudel die Ehre seiner Gattung.

Guy Ritchies Gaunerkomödie The Gentlemen aus dem Jahr 2019, mit Matthew McConaughey, Charlie Hunnam und Hugh Grant hochkarätig besetzt, war spritzig-launige Unterhaltung, nun präsentiert der Regisseur ein Serien-Spin-off, ohne dafür aus einem erkennbaren Reservoir an Ideen schöpfen zu können. Es geht um einen jungen Adeligen, der nach dem Tod des Vaters zwar Titel und Anwesen, jedoch auch beträchtliche Schulden und das Drogenlabor unter den Ställen erbt. Theo James erledigt diese Rolle ohne erkennbares darstellerisches Potential und bewegt sich mit meist gerunzelter Stirn und ohne weitere Ausdrucksmöglichkeiten durch eine unnötig in die Länge gezogene Handlung, aus der nur ab und zu Ritchies gewohnt skurrile Einfälle, was inhaltliche Wendungen oder seinen sonst rasanteren Inszenierungsstil betrifft, zu echtem Amüsement führen.

Würde es sich bei Drehbuchautor Carter Smith nicht auch um den Regisseur von Swallowed - Es ist in dir handeln, wäre das Script wohl geshreddert und nicht verfilmt worden. Der kamertechnisch stimmig bebilderte Body Horror dreht sich um zwei schwule Freunde, die im Irrglauben, Drogen über die Grenze nach Kanada zu schmuggeln, Kondome mit Insektenlarven verschlucken. Hätten die Burschen oder der böse Drahtzieher der Sache schon einmal etwas von Abführmitteln gehört, wäre alles ohne weitere Dramatik in zwanzig Minuten erledigt; da dies aber offenbar nicht der Fall ist, versucht man, eine gesamte Filmhandlung lang an die verschluckten Würmer zu kommen. Der fesche Cooper Koch und der knorrige Mark Patton geben sich zwar redliche Mühe, den dummplatten Dialogzeilen Leben einzuhauchen, die meiste Zeit dominiert aber unfreiwillige Komik.

Die Flucht aus der Enge der Provinz, dabei die Suche nach der eigenen Identität, ist nicht erst seit der psychologischen Studie Rückkehr nach Reims (2009) und den erfolgreichen Romanen von Edouard Louis (Das Ende von Eddy, 2014) ein immer wieder aufgegriffenes Thema. Der Romancier Philippe Besson reiht sich mit seinem wunderschön-traurigen autobiografischen Buch Hör auf zu lügen aus dem Jahr 2017 in das Genre dieser Geschichten. Die Liebesbeziehung zwischen zwei siebzehnjährigen Burschen, Stéphane und Thomas, in den Achzigern und das Zusammentreffen von Stéphane und Lucas, dem Sohn von Thomas, fünfunddreißig Jahre später erzählt nun Regisseur Olivier Peyon in stimmungsvoll-ausgebleichten Sommerbildern, die jenen aus einem Herbst der Erinnerung gegenüberstehen. Guillaume de Tonquédec als Stéphane sieht Besson tatsächlich sehr ähnlich und Victor Belmondo lässt in der Rolle des Lucas Erinnerungen an seinen Großvater Jean-Paul in jungen Jahren aufkommen. Ein Film, getragen von der Melancholie einer lebenslangen unglücklichen Liebe, jedoch nicht so zu Herzen gehend wie die literarische Vorlage.

Bei dem psychologischen Kriminalfilm The Lesson handelt es sich um das Spielfilmdebut der britischen Regisseurin Alice Throughton und um eine biedere Version des Aufregers Saltburn aus dem Vorjahr. Ein Jedermann in einem für ihn ungewohnten Umfeld des großen Wohlstands: Die Geschichte um einen jungen Literaturwissenschaftler, der als Privatlehrer für den Sohn (Stephen McMillan) eines berühmten Schriftstellers (Richard E. Grant) und einer recht mysteriösen Kunstkuratorin (Julie Delpy) angeworben wird, beginnt eher gemächlich, weiß dann aber einen gewissen Sog aus Andeutungen auf unter der Oberfläche des privilegierten Familienlebens versteckten schwarzen Flecken zu entwickeln. In der Auflösung liegt keine große Raffinesse, ein Spoiler-Prolog killt von vornherein die Überraschung; doch die tolle Besetzung rund um den sympathischen Daryl McCormack, der in Meine Stunden mit Leo (2022) schon Emma Thompson neue Lust aufs Leben zu machen gelang, hält uns bis zum Schluss bei der Stange.

Meisterregisseur David Lean nannte sich selbst einmal einen "picture chap", einen, der alles tut für die perfekte Einstellung, und Denis Villeneuve ist ihm in diesem Sinne ein gelehriger Schüler. Auch inhaltlich haben mich manche Szenen im Partisanenkampf der Fremen gegen die bösen glatzköpfigen Harkonnen in Dune Part Two an Leans Geniestück Lawrence von Arabien (1962) erinnert. Und Villeneuve liefert uns natürlich auch tatsächlich das bildgewaltige Epos, als das sich bereits der erste Teil (2021) der Verfilmungt von Frank Herberts Sci-fi-Romanzyklus Der Wüstenplanet (ab 1963) erwies. Das ist großes Kino, keine Frage. Doch Villeneuve, der vielleicht während der Dreharbeiten noch nicht wusste, ob ein dritter Teil finanzierbar wäre, hat soviel in die Handlung gepackt, dass diese mitunter überhastet wirkt und potentiellen Gänsehautmomenten nicht genügend Raum zu Entfaltung gibt. Ich hätte mir Paul Atreides' Wandel zum Messias langsamer und insofern auch nachvollziehbarer gewünscht und von seiner Liebe zur Fremin Chani gern mehr gesehen als einen romantischen Sonnenuntergangskuss auf einer Düne - dann hätte Timothée Chalamet auch mehr Gelegenheit zu jener charakterlichen Tiefe gehabt, die seine Reifung vom Jugendlichen zum Mann im ersten Teil so auszeichnete. Ich hätte gern mehr von der Beziehung Pauls zu seinem Lehrer Javier Bardem erfahren, auch miterlebt, dass es wohl mehr braucht als eine einzige Beobachtung, um den Ritt auf einem Wurm meistern zu können. Ich wäre auch gern intensiver in die Figur des psychopathischen Feyd-Rautha Harkonnen, den Austin Butler mit gandioser Bösartigkeit ausstattet, vorgedrungen, und weshalb man einen Schauspieler wie Christopher Walken in der Rolle des Imperators ohne Möglichkeiten zur Rollengestaltung verheizt, kann ich gar nicht verstehen. Dies ist natürlich Jammern auf höchstem Niveau, denn alles, was uns Dune Part Two bietet, ist großartig; allein, der Stoff hätte noch so viel mehr hergegeben - vielleicht hätte diese Geschichte in zwei Filme aufgeteilt werden sollen. Nun müssen wir uns eben darauf einlassen, einfach zu genießen, was sich uns vor unseren Augen abspielt, und die Lücken mit unserer eigenen Fantsie füllen.

Als Risqué Business sieht es dieses sympathische Duo an, sich vom konservativen Südkorea aus auf die Spur des gesellschaftlichen Erlebens von Beziehungen und Sexualität sowie auch der wirtschaftlichen Verwertung von Erotik in anderen Teilen der Welt zu machen. Der Komiker und Moderator Shing Dong-yup und der Sänger und Entertainer Sung Si-kyung bereisen in der ersten Staffel ihrer Netflix-Serie Japan und in der zweiten Taiwan, in der dritten, die sie nach Amsterdam, Berlin und Köln führt, sind sie schon ordentlich schockiert ob der dort üblichen Freizügigkeit. Die Sache ist humorvoll und unterhaltsam gemacht, die beiden gehen mit großen Augen und geröteten Wangen durch die ihnen neue Welt und führen freundliche Gespräche mit auskunftswilligen Einheimischen; anrüchig ist daran ganz und gar nichts. 

Der amerikanische Drehbuchautor Dustin Lance Black war schon zweimal mit den Vorlagen zu Biopics erfolgreich, für Gus Van Sants Milk (2008) und Clint Eastwoods J. Edgar (2011). Sein Script für den Streifen Rustin geht sorgfältig in der Schilderung der Zeitumstände vor, doch George Costello Wolfe spielt nicht in einer Liga mit Gus van Sant oder Clint Eastwood, den Regisseuren der oben genannten meisterlichen Filmen. Der Schauspieler Colman Domingo verkörpert engagiert die Rolle des im Titel genannten schwulen Bürgerrechts-Aktivisten Baynard Rustin, dem 1963 trotz widrigster Umstände und massiven Gegenwinds auch aus den eigenen Reihen die Organisation jenes Marsches auf Washington gelang, in dessen Verlauf Martin Luther King seine legendäre "I have a dream"-Rede hielt. Leider ist das Ganze ziemlich bieder geraten, dem Thema angebrachte große emotionale Szenen fehlen ganz und gar. 

Ein höchst hagerer Serienkiller wird nach fünfzehn Jahren Haft aus dem Gefängnis entlassen und zwei Menschen, ein Polizist und die nun erwachsene Tochter eines seiner früheren Opfer, setzen alles daran, ihn zu Fall zu bringen. In Missing You aus dem Jahr 2016 inszeniert der südkoreanische Regisseur Mo Hong-jin einen Weg der Rache, der für nicht wenige der Beteiligten in den Abgrund führt. Dabei werden nicht die Hintergründe aller wichtigen Figuren ausreichend erklärt, um das Abhängigkeitsverhältnis zwischen ihnen nachvolziehbar zu machen. Allein die beunruhigende Gestalt von Hauptdarsteller Kim Sung-oh sticht aus dem durchschnittlichen Thriller und bleibt im Gedächtnis.

Es könnte sein, dass sich der spanische Regisseur David Moragas für seinen Film A Stormy Night aus dem Jahr 2020 Andrew Haighs brillantes Dialogdrama Weekend (2011) zum Vorbild genommen hat. Unter der Prämisse eines aufziehenden Sturms und gestrichener Flüge kommt ein junger Filmemacher bei einem Mitbewohner einer Freundin unter. Das zuerst scheue Sich-aneinander-Herantasten, dann die immer offenere Annäherung der beiden recht unterschiedlichen schwulen Männer, ihre Gespräche, die aus Fremden so etwas wie Freunde machen, das alles hat schon viel mit Weekend zu tun. Doch weiter gehen die Gemeinsamkeiten nicht; zu hölzern agieren die Darsteller, zu oberflächlich bleiben die Dialoge. Die Schwarzweiß-Fotografie hingegen wirkte auf mich sehr stimmig.

Andrea lässt sich scheiden ist ein Film, in dem sich mehr zwischen den Zeilen abspielt als in den Worten, die die Charaktere tatsächlich aussprechen. In seiner zweiten Regiearbeit nach Wilde Maus (2017) entwirft der österreichische Schauspieler, Kabarettist und Autor Josef Hader eine von Leere durchzogene Szenerie, eine ausgebleichte Landschaft aus Hügeln und Feldern, die in der sommerlichen Hitze den Atem anzuhalten scheint. Birgit Minichmayer verkörpert die Titelfigur, Polizistin in einem kleinen Weinviertler Ort, mit meist beherrschtem Gesichtsausdruck. An ihr scheint die Eintönigkeit des Immer-Selben abzuprallen, selbst die anlassigen Scherze der Männer, die ihre Empfindungen der Sinnlosigkeit im Alkohol zu ertränken versuchen: da reißt sich jemand zusammen, einfach, weil alles so ist, wie es eben ist., und sie nichts daran ändern kann. Als ihr der Noch-Ehemann eines Nachts betrunken vors Auto taumelt und sie ihn überfährt, begeht sie Fahrerflucht, erlebt kurz darauf aber voller Staunen mit, wie ein Religionslehrer und trockener Alkoholiker sich selbst für den Täter hält und die Schuld auf sich nimmt. Josef Hader gibt diesen Charakter mit der ihm eigenen perspektivenlosen Melancholie, dieser stillen Verzweiflung am Leben, die der lakonische, treffsicher gesetzte Humor der Dialoge immer wieder für ein paar Momente aufzureißen vermag. Am Schluss steht so etwas wie der Funke von Hoffnung auf einen Aus- und Aufbruch; in einer Spiegelung des ersten Bildes, in dem ein Auto auf uns zufährt, fährt ein anderes fort von diesem Ort; Andrea, die am Steuer sitzt, hat ein konkretes Ziel, und das ist schon ziemlich viel in diesem Hineinhorchen in die Seelen zerrissener Menschen.

Der Titel der Dokumentation 78/52 von Alexandre O. Philippe bezieht sich auf die Anzahl der Einstellungen und Schnitte in Hicthcocks legendärer Duschszene in Psycho (1960). Sieben Tage dauerten die Dreharbeiten im Dezember 1959 und 45 Sekunden läuft die fertige Szene im Film. Welche verschiedensten Aspekte des Filmemachens, von ungewöhnlichen Kameraeinstellungen und dem innovativen Schnitt bis zu Herbert Herrmanns ennervierenden Geigenklängen, der Streifen revolutionierte, damit befasst sich diese auf spannende Weise erhellende Doku. Regisseure wie Peter Bogdanovich und Guillermo del Toro, eine Reihe von Fachleuten aus der Branche und sogar Janet Leighs Bodydouble Marli Renfro sorgen in einer Art Super-Close-up der Szene für jede Menge Hintergrundsiformationen und analysieren sie Einstellung für Einstellung. Die immense Bedeutung des Films und die Genialität der Szene werden uns dadurch anschaulich vor Augen geführt.

Eine Geschichte, die sich in den Jahren 2000 und 2001 tatsächlich zugetragen hat, nimmt der iranische Regisseur Ali Abbasi als Grundlage für seinen sozialkritischen Kriminalfilm Holy Spider. In der Stadt Maschhad, die für den Islam als besonders heilig gilt, macht ein vordergründig braver Familienvater Jagd auf Prostituierte. Bei der Verfolgung seines Ziels, die Straßen von dem Schmutz ihrer Existenz zu reinigen, ermordet er sechzehn Frauen und erfährt, als ihm eine junge Journalistin trotz widrigster Umstände auf die Schlichte kommt, als Held im Kampf gegen Unmoral großen Zuspruch von seiner Familie und weiten Teilen der Bevölkerung. Faszinierende Einblicke in das Leben im sogenannten Gotteststaat entlarven den religiösen Fanatismus und die Bigoterie dieses patriarchalen Systems und aller, die sich ihm fügen. Am Schluss demonstriert der älteste Sohn des Mörders an seiner kleinen Schwester die Vorgehensweise des Vaters und stellt voller Stolz in den Raum, dessen Taten fortführen zu wollen; der Kreislauf der Gewalt hat sich geschlossen. 

Im Grunde genommen ist der psychologische Arthouse-Krimi Inside des griechischen Regisseurs Vasilis Katsoupis eine One-Man-Show für Willem Dafoe; und der Mann mit den markanten Gesichtszügen geht auch tatsächlich in der Rolle des Kunsträubers Nemo bis zur totalen Hingabe auf. Bei einem Beutezug (Schiele!) wird er aufgrund eines falschen Codes für die Alarmanlage in einem High-Tech-Penthouse hoch über der New Yorker Skyline eingeschlossen. Von der Außenwelt völlig abgekapselt, macht er über mehrere Wochen eine wahre Tour de force an Emotionen durch: von Wut und Hoffnung über Verzweiflung und dem Verfall in den Wahnsinn bis hin zu einem Ende, das mehr Fragen offenlässt als beantwortet. Eine überaus reizvolle Grundidee, die auch die erste Hälfte des Films in Spannung hält, wird schließlich zu sehr mit Symbolik und Methaphern überfrachtet und in metaphysische Spekulationen getrieben. Ist Nemo im Grunde genommen in sich selbst gefangen? Kommt sein Bestreben, durch zu eine in großer Höhe angebrachte Lichtluke zu entfliehen, einer Art Himmelfahrt gleich? Und weshalb ist er plötzlich verschwunden? Wir dürfen drüber sinnieren.

Welchem Genre sich der Film Little Joe der österreichischen Regisseurin Jessica Hausners zuordnen lässt, ist fraglich. Science-fiction-Horror mit einer gehörigen Portion Zukunftsangst ist darin enthalten, ein psychologischer Thriller ist die Geschichte rund um die titelgebende genmanipulierte Pflanze, die Glücksgefühle auslösen soll natürlich auch. Die Molekularbiologin Alice kommt sich in dem Personengeflecht von Mitarbeiter:innen, ihrem Sohn und dem Ex-Mann, das sie umgibt, mehr und mehr wie ein Fremdkörper vor. Mit den konsequent aufeinander abgestimmten Farben, dem artifiziellen Setting, dem betont gestelzten Spiel der Darsteller:innen und dem mit schrillen Flöten, Trommeln und hohem Pfeifen zuweilen enervierenden Sounddesign ist Little Joe ein Kunstfilm, wie er im Buche steht. Wie schon in Philipp Kaufmanns Klassiker Die Körperfresser kommen aus dem Jahr 1978 entsteht bald eine Stimmung der unwirklichen Bedrohung, in der die Figuren nicht mehr sie selbst zu sein scheinen und sich fühlen, als ob sie ihr Leben nur noch spielen würden - mit dem einzigen Zweck, die Pflanze zu verbreiten. Den unbedingten Mut zur Eigenständigkeit kann man Jessica Hausner, so wie bei wohl allen ihren filmischen Arbeiten, auch bei Little Joe nicht absprechen.

Paul Schrader wurde als Drehbuchautor von Scorseses Taxi Driver (1976) bekannt und inszenierte Richard Gere zum Mann für gewisse Stunden (1980). Mit seinem Streifen The Card Counter legt er nun einen Streifen ganz im Stil dieser Zeit vor. Oscar Isaac gibt einen ehemaligen Foltersoldaten aus dem Lager Abu Ghraib, der nach einem langen Gefängnisaufenthalt zum Berufsspieler mit der im Titel genannten Fähigkeit wird. Erst spät im Film wird klar, weshalb er einen jungen Mann mit Schulden und ohne Lebensziel (Tye Sheridan) unter seine Fittiche nimmt und was das alles mit einem Spezialisten für Sicherheitssysteme (Willem Dafoe) zu tun hat. Ein sehr kühler Film um Schuld und die (Un)Möglichkeit von Sühne, um "die mönchische Geduld des Wartens" (David Ehrlich) beim Spiel und im richtigen Leben, der Distanz zu uns hält wie seine Figuren zueinander. Was einerseits Spannung erzeugt, andererseits kaum Mitgefühl mit ihnen und ihrem Schicksal aufkommen lässt.  

Gar nicht gelungen ist die Serienadaption der Brad Pitt/Angelina Jolie-Actionkomödie Mr. & Mrs. Smith aus dem Jahr 2005. Bei diesen beiden Bestandteilen, die die Kinovorlage so unterhaltsam machten, fehlt es hier an allen Ecken und Enden. Die zwei Hauptcharaktere stellen aus Gründen der Tarnung miteinander verheiratete Profikiller dar, wobei Donald Glover eher Schwiegermutterliebling als Heldenfigur ist und wir nie verstehen werden, weshalb in aller Welt die farblose Maya Erskine besetzt wurde. Auch die Action nehmen wir ihnen nicht ab und ist zudem lauwarm inszeniert und die Sparte Komödie ertrinkt in ewigen und schier ewig andauernden Dialogschienen ohne Witz und Charme. Insgesamt also ein Konglomerat an vergeudeten Gelegenheiten. 

Der österreichische Regisseur Adrian Golginger hat wirklich eine goldene Hand bei der Besetzung seiner überaus fordernden Kinderrollen. In seinem autobiografischen Debütfilm Die beste aller Welten aus 2017 verkörpert der damals neunjährige Jeremy Miliker Golgingers Alter ego, der das Zusammenleben mit seiner drogensüchtigen Mutter und ihrem Freundeskreis aushalten muss. Verena Altenberger gibt diese junge Mutter mit dem unbedingten Willen, selbst in ihren dunkelsten Stunden für ihren Sohn da zu sein und ihm die im Filmtitel genannte Lebenswelt zu ermöglichen - eine andere kennt der kleine Adrian ja auch nicht. Jeremy Milikers Spiel ist dabei beglückend in seiner Authentizität und Ehrlichkeit, Parameter, die (abgesehen vom ein bissl gar glatten Schluss) auch Golgingers Inszenierung auszeichnet.

Da meine Begeisterung für Adrian Golgingers neuen Film Rickerl gar so groß war, hat mich die nachgeholte Sichtung seines Streifens Der Fuchs aus dem Jahr 2022 ziemlich enttäuscht. Die Anfangssequenzen sind berührend: Ein Bergbauernhof, eine große Familie, harte Arbeit und viel zu wenig zu essen, ein einziger Erdapfel als Abendessen für den Jüngsten, den achtjährigen Franz, der am darauffolgenden Tag vor Erschöpfung zusammenbricht, der Vater, der versucht, der Frage des fiebernden Kindes, ob er denn sterben müsse, mit einer Geschichte zu begegnen. Das Zusammenspiel des kleinen Max Reinwald und Karl Markovics ist von feinen Zwischentönen geprägt und geht zu Herzen. Dann aber wird Franz als Knecht an einen reichen Bauern verkauft, schreiend klammert er sich an den Vater und kann dennoch nichts dagegen ausrichten, aus diesem Umfeld an Menschen, die einander das einzige schenken, das sie haben, nämlich Liebe, gerissen zu werden. Sprung, und jetzt wird's schlimm. Im Krieg fungiert Franz als Motorradkurier, zuerst in Polen, anschließend beim Vorstoß in Frankreich. Das Grauen des Krieges bleibt hier Illustration, es müssen ein paar Explosionen im Hintergrund und einige Leichen am Wegesrand belegen, drei weitere treiben im Meer, sonst scheint's den Beteiligten nicht allzu schlecht zu gehen: einige gute Kameraden, die Unterkunft in einem Schloss, die Annäherungen an eine junge Französin und Motorradfahrten durch idyllische Wiesenlandschaften und Wälder. Und da ist auch noch der im Titel genannte Fuchs, den Franz verletzt aufliest, über ein Jahr hindurch großzieht und in der Posttasche überall hin mitnimmt, den er so lieb gewinnt wie sonst keinen Menschen, das Kindheitstrauma lässt grüßen. Simon Morzé spielt diese Figur recht leblos, er soll halt auch jemand sein, der vor der Gefahr, in Beziehungen zurückgewiesen zu werden, zurückschreckt, vielleicht ist das ja sogar recht passend. Aber kein Moment des Films nach den Markovics-Szenen vermag mich zu rühren; er wirkt unecht, gezwungen, rein behauptet. Was Krieg bedeutet, ist nicht einmal ansatzweise zu ahnen, diese Verniedlichung ist so ärgerlich wie der Niedlichkeitsfaktor des kleinen Fuchses hoch.

Auch das gibt es ab und zu: Im Deutschen ist der Filmtitel gelungener als im französischen Original, weil auf zweierlei Arten interpretierbar. Im vorjährigen Cannes-Sieger Anatomie eines Falls geht es um den buchstäblichen Todessturz eines Mannes vom Balkon oder einem Fenster aus in den Schnee, Regisseurin Justine Triet zeigt aber auch den Fall ins schier Bodenlose, den daraufhin im Laufe eines Jahres mit Verhören, Mutmaßungen und einer Gerichtsbverhandlung das Leben seiner Frau und seines sehbehinderten Sohnes nimmt. Mit Sandra Hüller und Milo Machado Graner in den beiden tragenden Rollen, beide herausragend in ihren lange Zeit zurückgehaltenen, früher oder später aber ausbrechenden Emotionen, lüftet Triet so manches Lebensgeheimnis der Familie in zahlreichen Monologen und Dialogen und erzeugt dabei einen fast unglaublichen Spannungssog. Großes Gefühlskino entsteht dabei aber nicht, in der makellos-kühlen Inszenierung betrachten wir die Figuren selbst dann wie von außen, wenn die Kamera in manchen Szenen ganz nah bei ihnen ist. Dabei entsteht so etwas wie Hochachtung vor einem geradezu perfekten Film und den Leistungen der Beteiligten, mitgerissen sind wir dennoch kaum.

Unterschiedlicher könnten The Brothers Sun in der gleichnamigen achtteiligen Netflix-Serie kaum sein. Der eine, Bruce, Fraktion tolpatschiges Weichei, lebt mit seiner Mutter in Los Angeles und sieht sich hin- und hergerissen zwischen seinem Medizinstudium und der Freude am Improvisationstheater. Der andere, Charles, ganz Sixpack-Martial-Arts-Badass, aber auch mit beeindruckenden Backkünsten, leitet unter seinem Vater eine Verbrecherorganisation in Taipeh. Anschlag auf den Papa, Charles reist nach Kalifornien, um die Mama samt Bruder zu beschützen - und muss erkennen, dass sie im Hintergrund einige Fäden zieht. Michelle Yeoh gibt Mama Sun voll tougher Mutterliebe, Sam Li als Bruce und Justien Chien komplemettieren die sympathische Familienzusammenführung zwischen Humor und toll choreografierten Kämpfen. Alles in allem flott, kurzweilig und sehr unterhaltsam.

Erza Miller gibt den jungen Ben Kingsley und beide verkörpern das exzentrische Malergenie Salvador Dalí in der Filmbiografie Daliland der American Psycho-Regisseurin Mary Harron. Die Handlung kreist um das New Yorker St. Regis Hotel und den Winter 1974, den Dalí zusammen mit seiner Muse Gala (Barbara Sukowa) und seiner Partyentourage in den Geburtswehen einer neuen Ausstellung verbringt. Ich war als Jugendlicher hingerissen von der Kunstfigur des Malerfürsten und seinen (damals für mich) mysteriösen Gemälden voll brennender Giraffen und zerrinnender Uhren. Davon ist in dem bieder inszenierten Film nicht viel zu sehen, wer mein Interesse für die Thematik nicht aufzubringen vermag, wird von dem Film nicht viel halten. Ausgenommen vom letzten Ultra-Close up auf Ben Kingsleys Augen, diesem Blick eines alten kranken Mannes, der nicht mehr viel Leben vor sich hat.

Und dann stehen sie einfach so da und sagen kein Wort; hingegen vermitteln ihre Blicke und ihre Körpersprache alles über ihre Gefühle füreinander und ihre Traurigkeit über das nicht gelebte gemeinsame Leben. Der autobiografisch geprägte Film Past Lives der südkoreanisch-kanadischen Autorin und Regisseurin Celine Song stellt Fragen über verpasste Gelegenheiten, auf die es keine eindeutigen Antworten gibt: Das Wiedersehen zwischen einer jungen, mittlerweile verheirateten Frau und ihrer Jugendliebe nach vierundzwanzig Jahren ist ein einziges von Zerrissenheit gemartertes Wenn. Teo Yoo und John Magaro in den Rollen der beiden Männer an der Seite dieser Frau (Greta Lee) verkörpern ihre Figuren ungemein authentisch und mit geradezu herzzerreißenden Sensibilität. Ein leises Abschiedsgedicht in Bildern, schlicht und einfach reinste Filmpoesie.

Die Serie The Artful Dodger fungiert als Art Fortsetzung zu Charles Dickens' berühmtestem Roman Oliver Twist. Als Setting haben wir eine Hafenstadt im Australien der Mitte des 19. Jahrhunderts vor uns und darin ein sympathisches bis bitterböses Figurenpersonal. Da gibt es einen trinkfreudigen Gouverneur mit strenger Gattin und schöner, aber kranker Tochter (Maia Mitchell), die alles über Medizin gelesen hat und sich mit feministischer Courage dafür einsetzt, sie auch ausüben zu dürfen. Weiters eines überaus talentierten jungen Chirurgen (Thomas Brodie-Sangster in der Titelrolle als Historien-Version von Doogie Howser), dem noch nie praktizierte Operationsmethoden als erstem gelingen. Natürlich taucht auch Fagin auf, der Lehrherr für die jugendlichen Trickdiebe im originalen Roman, mit verschlagem Augenzwinkern und merklichem Gusto von David Thewlis verkörpert. Es geht drunter und drüber, und dann gesellt sich auch noch Oliver Twist himself zu dem Spiel, in rotgesichtig-dicklicher Gestalt und voller heimtückischer Pläne. Die Musik ahmt mit Cembalo und kratzenden Geigen Hans Zimmers Sherlock Holmes-Sountrack nach, das ist nicht neu, treibt die Charaktere aber spritzig durch die Handlung. 

Es ist eine Weihnachtsparty im Freundeskreis, von der aus sich Oliver (Luke Evans) von seinem Ehemann Marc (Daniel Levy) zu einer Geschäftsreise verabschiedet. Wenig später verstirbt er bei einem Unfall und Marc steht auf seinem langen und steinigen Weg zur Akzeptanz eine Zeit der Trauer bevor - während der er auch herausfinden muss, dass der Geliebte eine Affäre hatte. Good Grief schwankt zwischen (mäßig lustiger) Komödie und (mäßig zu Herzen gehendem) Drama. Ganz nett, aber auch nicht mehr.

"Mei potschertes Leb'n" heißt ein Lied aus dem Jahr 1986, in dem die Boxlegende Hans Orsolic Einschau hält in ein Leben, das ihm einfach nicht in den Griff zu kriegen gelingt. Es funktioniert wie eine Blaupause auf die Titelfigur von Rickerl, einem Wiener Musiker, der sich trotz großen Talents ständig selbst im Weg zu stehen scheint. Voodoo Jürgens verkörpert ihn mit großer Sensibilität und einer Authentizität, die wohl von den beträchtlichen Ähnlichkeiten zwischen der Filmfigur und ihm selbst kommt. Der großartige Film des jungen österreichischen Drehbuchautors und Regisseurs Adrian Golginger, konsequent im Wienerischen Dialekt gedreht, lebt von der ungekünstelten Nähe zum Milieu und den darin verankerten Charakteren, aber auch von der Intimität einer Vater-Sohn-Geschichte, in der Gefühle nur selten ausgesprochen werden, in ganz einfacher und stiller Zartheit und Zärtlichkeit aber für Vater und Kind erfahrbar werden. Die Schlussszene, in der der sechsjährige Ben Winkler (eine Entdeckung!) mittels eines selbst geschriebenen Liedes dem "potscherten" Vater seine unbedingte Liebe erklärt, gehört zum Berührendsten, das seit langem auf der Leinwand zu sehen war.

Und gleich die zweite Staffel von The White Lotus. Selbe Idee, anderer Ort: Diesmal stellt ein Luxushotel auf Sizilien den Schauplatz für die überspannten Spielchen der reichen Gäste dar, samt im Meer treibender Leiche. Die dunklen Wellen rauschen und der Ätna spuckt Feuer, die Atmosphäre ist stimmig. Zwei superreiche Ehepaare aus der IT-Branche, ein Trio aus Vater, Sohn und Opa auf der Suche nach ihren italienischen Wurzeln, zwei Prostituierte, die auch ihr Scherflein zur allgemeinen Verwirrung beitragen, und auch die tolle Jennifer Coolidge ist wieder im Boot und gerät ins Visier einer schwulen Verbrechergruppe. Die Struktur ist aus der ersten Staffel abgekupfert, die Figuren sind weniger originell gezeichnet, der satirische Charakter bleibt aber bestehen und bei der ganzen Sache mitzuraten macht weiterhin Spaß. Gewichtiger Bonus sind die italienischen Schlager als Klangkulisse.

Ein Resort auf Hawaii und darin diese Ansammlung schräger Charaktere: ein Hotelmanager mit Drogenproblemen, ein Flitterwöchler mit Mutterkomplex, seine Gerade-erst-Ehefrau mit Zweifeln, eine einsame alternde Blondine auf der Suche nach Zweisamkeit, eine dysfunktionale Familie mit kontrollsüchtiger Mutter, gewissenbissegeplagtem Vater und schwer pubertierendem Tennagenachwuchs ... Die Gesellschaftssatire The White Lotus von Mike White blickt in den sechs Folgen der ersten Staffel aus dem Jahr 2021 mit sarkastischer Neugier in die individuellen Abgründe seines reichen, aber nicht immer schönen Figurenpersonals. Das sind mit Gusto inszenierte Dialoge und Szenen, die, genau auf den Punkt geschrieben, immer die wundeste Stelle treffen und entlarven, was sich hinter den Fassaden der Figuren verbirgt.

Nach Eingeschlossene Gesellschaft wieder ein Film über den Mikrokosmos Schule, spielt Das Lehrerzimmer aber in einer ganz anderen Liga. Genau beobachtet, klug geschrieben, in realistischen Bildern festgehalten und ausgezeichnet gespielt, zeichnet der Streifen das Drama einer jungen Lehrerin (Leonie Benesch), die einer Reihe von Diebstählen an ihrer Schule auf den Grund zu gehen versucht. Ausgelöst wird dadurch ein Strudel an Verdächtigungen, Vorurteilen und Verlemdungen, in dem ein Wort das andere gibt und sämtliche Versuche, sich in die Haut eines anderen zu vesetzen und offen miteinander zu kommunizieren, wie in einem unerbittlichen Sog ins Leere führen. Ein beunruhigendes Thema, mit großer Konsequenz umgesetzt.

Es hat einige Zeit gebraucht, bis ich in den Kriminalfilm Bad Lands des japanischen Regisseurs Masato Harada hineingefunden habe. Ist es zu Beginn nicht ganz einfach, die Sprünge in der Zeichnung der Charaktere und dem Verlauf der Handlung nachzuvollziehen, macht diese Komplexität aber bald den besonderen Reiz des Films aus. Ein Geschwisterpaar, das gar keines ist, ein Vater, der sich als Peiniger entpuppt, dazu kommen Betrugsfälle, Spielschulden und auch einige Morde; und die im Titel genannte Bar als Rückzugsverortung, an der sich Kaffee mit viel Zucker genießen lässt. Sakura Ando und der J-Pop-Star Ryosuke Yamada beweisen beträchtliche schauspielerische Qualitäten zwischen Stoik und Verzweiflung.

Der Look von The Creator ist grandios. Regisseur Gareth Edwards, der schon mit dem Star Wars-Spin-off Rogue One zu begeistern wusste, gelingt es, futuristische Aspekte und technische Entwicklungen auf eine Weise in realistischen Settings zu verankern, die wundersame und dennoch geerdete Szenerien entwickeln. Nach der Explosion einer Atombombe in Los Angeles befindet sich die Menschheit im Krieg gegen eine künstliche Intelligenz, die vom sogenannten New Asia aus operiert. John David Washington gibt - exzellent wie immer - einen ehemaligen Spezialagenten, der reaktiviert wird, um sich auf die Suche nach dem "Schöpfer" der AI zu machen. Sehr spannend und mit immer wieder neuen Wendungen versehen, weiß der Streifen auf inhaltlicher wie optischer Hinsicht zu fesseln; und endlich einmal eine charakterlich ausgefeilte Figur im Zentrum eines Blockbusters zu sehen, macht Freude.

Ein staubtrockener Sommer in einem Ferienhaus an der Ostsee und ein brennder Frischling auf der Flucht vor einer lodernden Flammenwalze: Roter Himmel betitelt der deutsche Regisseur und Drehbuchautor Christian Petzold dementsprechend auch seinen großartigen Film. Thomas Schubert spielt den schnöseliger und ständig genervter Jungautor Leon, dem das zweite Buch so gar nicht gelingen will, Paula Beer ist die geheimnisvolle Nadja im roten Sommerkleid und nimmt bald den Mittelpunkt des Freundeskreises (Leons Freund Felix und Nadjas Liebhaber Devid finden Gefallen aneinander) ein. Hier ist so viel Unausgesprochenes "zwischen den Zeilen" spürbar, dieser Schwebezustand ist bezaubernd; und was als leichte Sommerkomödie beginnt, wird alsbald zum Drama mit bitterem Ende. Am Schluss regnet es Asche und wir hören die letzten Absätze aus Leons neuem Buch, das die gesehene Geschichte als Thema hat. Liebe und Schmerz und das Leben mittendrin - ein wunderbarer Film.

Letzten Sommer machte das Internetphänomen "Barbenheimer" die Runde; damit gemeint ist der Wettstreit zwischen zwei sehr unterschiedliche Großproduktionen, Barbie und Oppenheimer. Ersteren fand ich schon ziemlich schwach, zweiterer ist meiner Meinung nach Christopher Nolans schwächster Film - was natürlich keinen wirklich schlechten Film meint. Der Regisseur schaffte es nur bisher, uns mit jedem seiner Stoffe zu verblüffen und nie zuvor gesehene bahnbrechende Akzente zu setzen. Die Lebensgeschichte des "Vaters der Atombombe" zieht sich aber über drei Stunden mit (bis auf die Szene der Explosion der Testbombe) fast ununterbrochenem bombastischem Score, dem es sogar gelingt, die schier endlosen Diskussionen, Befragungen und Hearings auf eine Weise voranzutreiben, die uns über weite Strecken in ihren Sog zieht, uns andererseits aber auch schier erdrückt. Cilian Murphy in der Titelrolle und besonders auch Robert Downey Jr. agieren exzellent, doch Nolans Bilder sind diesmal althergebracht und die dazwischengeschnittenen Clips von kreisenden Atomen, sprühenden Funken und Explosionen wirken banal. Am Schluss jedenfalls sehen wir Oppenheimer von Selbstzweifeln und Schuldgefühlen zerfressen, denn in einer früheren Szene geäußerte Ängste um ein globales Wettrüsten sind Realität geworden: "Now, I am become Death. The destroyer of worlds."

Dracula meets Alien und das nicht im Weltraum, sondern auf dem Segelschiff, auf dem der untote Vampir nach London reist. Die letzte Fahrt der Demeter zeigt in meist ziemlich dumklen Bildern, wie pro Nacht einer der Seeleute nach dem anderen dezimiert wird. Das Ganze ist hübsch ausgestattet, jedoch ohne eigene Ideen nach Schema F gestaltet und deshalb völlig vorhersehbar; wahrscheinlich auch deshalb recht langweilig, weil keiner der Charaktere auch nur von annäherndem Interesse ist.

Eine nach dem Suizid ihres Verlobten traumatisierte Polizeikommissionarin auf der Spur eines Serienmörders, der es auf illegale thailändische Arbeiterinnen abgesehen hat: Der Kriminalfilm The Abandoned des taiwanesischen Regisseurs Ying-Ting Tseng zeichnet ein stimmiges Bild einer verzweifelten Frau am Rand des Abgrunds ihres Lebens, von Janine Chun-Ning Chan einfühlsam dargestellt: düstere Spannung mit romantischen Untertönen.

Wohltuend, dachte ich mir über einen weiten Verlauf der Comicverfilmung Morbius, endlich einmal ein Marvel-Spektakel ohne überkünstliche computergenerierte Kulissen, nervtötende Pseudowitzchen und endlosen Bombast. Der wie immer exzellente Jared Leto in der Rolle eines schwerkranken Arztes, der auf der Suche nach einem Heilmittel durch die Vermischung von Menschen- und Fledermaus-DNA zum Vampir mit zwei Seelen in der Brust wird, eine veritable Jekyll-und-Hyde-Geschichte um den Dualismus zwischen Gut undBöse im Kampf um den Wert des Lebens, zudem spannend und in knackiger Prägnanz gestaltet. Doch dann wird alles durch ein gehudeltes Finale ohne Gusto und Pfeffer auf eine Weise abgwürgt, die nahelegt, dass keiner der Beteiligten mehr Lust an der Sache hatte.

Als Lehrer kamen mir bei der Sichtung der Dramödie Eingeschlossene Gesellschaft des deutschen Regisseurs Sönke Wortmann durchaus die eine oder andere Typisierung und Bemerkung bekannt vor. Der Vater eines Schülers, der wegen eines fehlenden Punktes nicht zur Matura zugelassen werden soll, nimmt eine Runde an Lehrkräften eines Gymnasiums als Geiseln und zwingt sie zur Diskussion über Noten, Schulleben und die eigenen Prioritäten - wobei unter den Kolleg:innen bald alle Hemmungen fallen. Leider mündet die Sache alsbald in eine Aneinanderreihung von Klischees, besonders auch, was die erst verspätet zu Hilfe eilende Polizei betrifft.

Mein erster Film im neuen Jahr: Meine fantastische Mutter des italienischen Regisseurs Emanuele Crialese zeigt Penélope Cruz in der Rolle einer in ihrer unglücklichen Ehe gefangenen Frau, ihr einziger Halt sind die drei über alles geliebten Kinder. Das älteste, Adriana (von Luana Giuliani famos verkörpert), fühlt sich eher wie ein Bursch, was im Rom der 1970er-Jahre nicht unbedingt auf viel Verständnis stößt: "Du und Papa, ihr habt mich falsch gemacht." Ein stimmig ausgestattetes, ruhig erzähltes und einfühlsames Drama über das Suchen der eigenen Identität, das nach Angaben des Regisseurs autobiografische Züge trägt.