Mein Filmtagebuch 2024

Ob Neustarts oder (wieder)entdeckte ältere Streifen: Die stärksten Filme und Serien (und zuweilen auch das Gegenteil davon) aus meinem persönlichen heurigen Filmjahr.

 

Die Rezension zum Oscarkandidaten Rustin folgt in Kürze.

Ein höchst hagerer Serienkiller wird nach fünfzehn Jahren Haft aus dem Gefängnis entlassen und zwei Menschen, ein Polizist und die nun erwachsene Tochter eines seiner früheren Opfer, setzen alles daran, ihn zu Fall zu bringen. In Missing You aus dem Jahr 2016 inszeniert der südkoreanische Regisseur Mo Hong-jin einen Weg der Rache, der für nicht wenige der Beteiligten in den Abgrund führt. Dabei werden nicht die Hintergründe aller wichtigen Figuren ausreichend erklärt, um das Abhängigkeitsverhältnis zwischen ihnen nachvolziehbar zu machen. Allein die beunruhigende Gestalt von Hauptdarsteller Kim Sung-oh sticht aus dem durchschnittlichen Thriller und bleibt im Gedächtnis.

Es könnte sein, dass sich der spanische Regisseur David Moragas für seinen Film A Stormy Night aus dem Jahr 2020 Andrew Haighs brillantes Dialogdrama Weekend (2011) zum Vorbild genommen hat. Unter der Prämisse eines aufziehenden Sturms und gestrichener Flüge kommt ein junger Filmemacher bei einem Mitbewohner einer Freundin unter. Das zuerst scheue Sich-aneinander-Herantasten, dann die immer offenere Annäherung der beiden recht unterschiedlichen schwulen Männer, ihre Gespräche, die aus Fremden so etwas wie Freunde machen, das alles hat schon viel mit Weekend zu tun. Doch weiter gehen die Gemeinsamkeiten nicht; zu hölzern agieren die Darsteller, zu oberflächlich bleiben die Dialoge. Die Schwarzweiß-Fotografie hingegen wirkte auf mich sehr stimmig.

Andrea lässt sich scheiden ist ein Film, in dem sich mehr zwischen den Zeilen abspielt als in den Worten, die die Charaktere tatsächlich aussprechen. In seiner zweiten Regiearbeit nach Wilde Maus (2017) entwirft der österreichische Schauspieler, Kabarettist und Autor Josef Hader eine von Leere durchzogene Szenerie, eine ausgebleichte Landschaft aus Hügeln und Feldern, die in der sommerlichen Hitze den Atem anzuhalten scheint. Birgit Minichmayer verkörpert die Titelfigur, Polizistin in einem kleinen Weinviertler Ort, mit meist beherrschtem Gesichtsausdruck. An ihr scheint die Eintönigkeit des Immer-Selben abzuprallen, selbst die anlassigen Scherze der Männer, die ihre Empfindungen der Sinnlosigkeit im Alkohol zu ertränken versuchen: da reißt sich jemand zusammen, einfach, weil alles so ist, wie es eben ist., und sie nichts daran ändern kann. Als ihr der Noch-Ehemann eines Nachts betrunken vors Auto taumelt und sie ihn überfährt, begeht sie Fahrerflucht, erlebt kurz darauf aber voller Staunen mit, wie ein Religionslehrer und trockener Alkoholiker sich selbst für den Täter hält und die Schuld auf sich nimmt. Josef Hader gibt diesen Charakter mit der ihm eigenen perspektivenlosen Melancholie, dieser stillen Verzweiflung am Leben, die der lakonische, treffsicher gesetzte Humor der Dialoge immer wieder für ein paar Momente aufzureißen vermag. Am Schluss steht so etwas wie der Funke von Hoffnung auf einen Aus- und Aufbruch; in einer Spiegelung des ersten Bildes, in dem ein Auto auf uns zufährt, fährt ein anderes fort von diesem Ort; Andrea, die am Steuer sitzt, hat ein konkretes Ziel, und das ist schon ziemlich viel in diesem Hineinhorchen in die Seelen zerrissener Menschen.

Der Titel der Dokumentation 78/52 von Alexandre O. Philippe bezieht sich auf die Anzahl der Einstellungen und Schnitte in Hicthcocks legendärer Duschszene in Psycho (1960). Sieben Tage dauerten die Dreharbeiten im Dezember 1959 und 45 Sekunden läuft die fertige Szene im Film. Welche verschiedensten Aspekte des Filmemachens, von ungewöhnlichen Kameraeinstellungen und dem innovativen Schnitt bis zu Herbert Herrmanns ennervierenden Geigenklängen, der Streifen revolutionierte, damit befasst sich diese auf spannende Weise erhellende Doku. Regisseure wie Peter Bogdanovich und Guillermo del Toro, eine Reihe von Fachleuten aus der Branche und sogar Janet Leighs Bodydouble Marli Renfro sorgen in einer Art Super-Close-up der Szene für jede Menge Hintergrundsiformationen und analysieren sie Einstellung für Einstellung. Die immense Bedeutung des Films und die Genialität der Szene werden uns dadurch anschaulich vor Augen geführt.

Eine Geschichte, die sich in den Jahren 2000 und 2001 tatsächlich zugetragen hat, nimmt der iranische Regisseur Ali Abbasi als Grundlage für seinen sozialkritischen Kriminalfilm Holy Spider. In der Stadt Maschhad, die für den Islam als besonders heilig gilt, macht ein vordergründig braver Familienvater Jagd auf Prostituierte. Bei der Verfolgung seines Ziels, die Straßen von dem Schmutz ihrer Existenz zu reinigen, ermordet er sechzehn Frauen und erfährt, als ihm eine junge Journalistin trotz widrigster Umstände auf die Schlichte kommt, als Held im Kampf gegen Unmoral großen Zuspruch von seiner Familie und weiten Teilen der Bevölkerung. Faszinierende Einblicke in das Leben im sogenannten Gotteststaat entlarven den religiösen Fanatismus und die Bigoterie dieses patriarchalen Systems und aller, die sich ihm fügen. Am Schluss demonstriert der älteste Sohn des Mörders an seiner kleinen Schwester die Vorgehensweise des Vaters und stellt voller Stolz in den Raum, dessen Taten fortführen zu wollen; der Kreislauf der Gewalt hat sich geschlossen. 

Im Grunde genommen ist der psychologische Arthouse-Krimi Inside des griechischen Regisseurs Vasilis Katsoupis eine One-Man-Show für Willem Dafoe; und der Mann mit den markanten Gesichtszügen geht auch tatsächlich in der Rolle des Kunsträubers Nemo bis zur totalen Hingabe auf. Bei einem Beutezug (Schiele!) wird er aufgrund eines falschen Codes für die Alarmanlage in einem High-Tech-Penthouse hoch über der New Yorker Skyline eingeschlossen. Von der Außenwelt völlig abgekapselt, macht er über mehrere Wochen eine wahre Tour de force an Emotionen durch: von Wut und Hoffnung über Verzweiflung und dem Verfall in den Wahnsinn bis hin zu einem Ende, das mehr Fragen offenlässt als beantwortet. Eine überaus reizvolle Grundidee, die auch die erste Hälfte des Films in Spannung hält, wird schließlich zu sehr mit Symbolik und Methaphern überfrachtet und in metaphysische Spekulationen getrieben. Ist Nemo im Grunde genommen in sich selbst gefangen? Kommt sein Bestreben, durch zu eine in großer Höhe angebrachte Lichtluke zu entfliehen, einer Art Himmelfahrt gleich? Und weshalb ist er plötzlich verschwunden? Wir dürfen drüber sinnieren.

Welchem Genre sich der Film Little Joe der österreichischen Regisseurin Jessica Hausners zuordnen lässt, ist fraglich. Science-fiction-Horror mit einer gehörigen Portion Zukunftsangst ist darin enthalten, ein psychologischer Thriller ist die Geschichte rund um die titelgebende genmanipulierte Pflanze, die Glücksgefühle auslösen soll natürlich auch. Die Molekularbiologin Alice kommt sich in dem Personengeflecht von Mitarbeiter:innen, ihrem Sohn und dem Ex-Mann, das sie umgibt, mehr und mehr wie ein Fremdkörper vor. Mit den konsequent aufeinander abgestimmten Farben, dem artifiziellen Setting, dem betont gestelzten Spiel der Darsteller:innen und dem mit schrillen Flöten, Trommeln und hohem Pfeifen zuweilen enervierenden Sounddesign ist Little Joe ein Kunstfilm, wie er im Buche steht. Wie schon in Philipp Kaufmanns Klassiker Die Körperfresser kommen aus dem Jahr 1978 entsteht bald eine Stimmung der unwirklichen Bedrohung, in der die Figuren nicht mehr sie selbst zu sein scheinen und sich fühlen, als ob sie ihr Leben nur noch spielen würden - mit dem einzigen Zweck, die Pflanze zu verbreiten. Den unbedingten Mut zur Eigenständigkeit kann man Jessica Hausner, so wie bei wohl allen ihren filmischen Arbeiten, auch bei Little Joe nicht absprechen.

Paul Schrader wurde als Drehbuchautor von Scorseses Taxi Driver (1976) bekannt und inszenierte Richard Gere zum Mann für gewisse Stunden (1980). Mit seinem Streifen The Card Counter legt er nun einen Streifen ganz im Stil dieser Zeit vor. Oscar Isaac gibt einen ehemaligen Foltersoldaten aus dem Lager Abu Ghraib, der nach einem langen Gefängnisaufenthalt zum Berufsspieler mit der im Titel genannten Fähigkeit wird. Erst spät im Film wird klar, weshalb er einen jungen Mann mit Schulden und ohne Lebensziel (Tye Sheridan) unter seine Fittiche nimmt und was das alles mit einem Spezialisten für Sicherheitssysteme (Willem Dafoe) zu tun hat. Ein sehr kühler Film um Schuld und die (Un)Möglichkeit von Sühne, um "die mönchische Geduld des Wartens" (David Ehrlich) beim Spiel und im richtigen Leben, der Distanz zu uns hält wie seine Figuren zueinander. Was einerseits Spannung erzeugt, andererseits kaum Mitgefühl mit ihnen und ihrem Schicksal aufkommen lässt.  

Gar nicht gelungen ist die Serienadaption der Brad Pitt/Angelina Jolie-Actionkomödie Mr. & Mrs. Smith aus dem Jahr 2005. Bei diesen beiden Bestandteilen, die die Kinovorlage so unterhaltsam machten, fehlt es hier an allen Ecken und Enden. Die zwei Hauptcharaktere stellen aus Gründen der Tarnung miteinander verheiratete Profikiller dar, wobei Donald Glover eher Schwiegermutterliebling als Heldenfigur ist und wir nie verstehen werden, weshalb in aller Welt die farblose Maya Erskine besetzt wurde. Auch die Action nehmen wir ihnen nicht ab und ist zudem lauwarm inszeniert und die Sparte Komödie ertrinkt in ewigen und schier ewig andauernden Dialogschienen ohne Witz und Charme. Insgesamt also ein Konglomerat an vergeudeten Gelegenheiten. 

Der österreichische Regisseur Adrian Golginger hat wirklich eine goldene Hand bei der Besetzung seiner überaus fordernden Kinderrollen. In seinem autobiografischen Debütfilm Die beste aller Welten aus 2017 verkörpert der damals neunjährige Jeremy Miliker Golgingers Alter ego, der das Zusammenleben mit seiner drogensüchtigen Mutter und ihrem Freundeskreis aushalten muss. Verena Altenberger gibt diese junge Mutter mit dem unbedingten Willen, selbst in ihren dunkelsten Stunden für ihren Sohn da zu sein und ihm die im Filmtitel genannte Lebenswelt zu ermöglichen - eine andere kennt der kleine Adrian ja auch nicht. Jeremy Milikers Spiel ist dabei beglückend in seiner Authentizität und Ehrlichkeit, Parameter, die (abgesehen vom ein bissl gar glatten Schluss) auch Golgingers Inszenierung auszeichnet.

Da meine Begeisterung für Adrian Golgingers neuen Film Rickerl gar so groß war, hat mich die nachgeholte Sichtung seines Streifens Der Fuchs aus dem Jahr 2022 ziemlich enttäuscht. Die Anfangssequenzen sind berührend: Ein Bergbauernhof, eine große Familie, harte Arbeit und viel zu wenig zu essen, ein einziger Erdapfel als Abendessen für den Jüngsten, den achtjährigen Franz, der am darauffolgenden Tag vor Erschöpfung zusammenbricht, der Vater, der versucht, der Frage des fiebernden Kindes, ob er denn sterben müsse, mit einer Geschichte zu begegnen. Das Zusammenspiel des kleinen Max Reinwald und Karl Markovics ist von feinen Zwischentönen geprägt und geht zu Herzen. Dann aber wird Franz als Knecht an einen reichen Bauern verkauft, schreiend klammert er sich an den Vater und kann dennoch nichts dagegen ausrichten, aus diesem Umfeld an Menschen, die einander das einzige schenken, das sie haben, nämlich Liebe, gerissen zu werden. Sprung, und jetzt wird's schlimm. Im Krieg fungiert Franz als Motorradkurier, zuerst in Polen, anschließend beim Vorstoß in Frankreich. Das Grauen des Krieges bleibt hier Illustration, es müssen ein paar Explosionen im Hintergrund und einige Leichen am Wegesrand belegen, drei weitere treiben im Meer, sonst scheint's den Beteiligten nicht allzu schlecht zu gehen: einige gute Kameraden, die Unterkunft in einem Schloss, die Annäherungen an eine junge Französin und Motorradfahrten durch idyllische Wiesenlandschaften und Wälder. Und da ist auch noch der im Titel genannte Fuchs, den Franz verletzt aufliest, über ein Jahr hindurch großzieht und in der Posttasche überall hin mitnimmt, den er so lieb gewinnt wie sonst keinen Menschen, das Kindheitstrauma lässt grüßen. Simon Morzé spielt diese Figur recht leblos, er soll halt auch jemand sein, der vor der Gefahr, in Beziehungen zurückgewiesen zu werden, zurückschreckt, vielleicht ist das ja sogar recht passend. Aber kein Moment des Films nach den Markovics-Szenen vermag mich zu rühren; er wirkt unecht, gezwungen, rein behauptet. Was Krieg bedeutet, ist nicht einmal ansatzweise zu ahnen, diese Verniedlichung ist so ärgerlich wie der Niedlichkeitsfaktor des kleinen Fuchses hoch.

Auch das gibt es ab und zu: Im Deutschen ist der Filmtitel gelungener als im französischen Original, weil auf zweierlei Arten interpretierbar. Im vorjährigen Cannes-Sieger Anatomie eines Falls geht es um den buchstäblichen Todessturz eines Mannes vom Balkon oder einem Fenster aus in den Schnee, Regisseurin Justine Triet zeigt aber auch den Fall ins schier Bodenlose, den daraufhin im Laufe eines Jahres mit Verhören, Mutmaßungen und einer Gerichtsbverhandlung das Leben seiner Frau und seines sehbehinderten Sohnes nimmt. Mit Sandra Hüller und Milo Machado Graner in den beiden tragenden Rollen, beide herausragend in ihren lange Zeit zurückgehaltenen, früher oder später aber ausbrechenden Emotionen, lüftet Triet so manches Lebensgeheimnis der Familie in zahlreichen Monologen und Dialogen und erzeugt dabei einen fast unglaublichen Spannungssog. Großes Gefühlskino entsteht dabei aber nicht, in der makellos-kühlen Inszenierung betrachten wir die Figuren selbst dann wie von außen, wenn die Kamera in manchen Szenen ganz nah bei ihnen ist. Dabei entsteht so etwas wie Hochachtung vor einem geradezu perfekten Film und den Leistungen der Beteiligten, mitgerissen sind wir dennoch kaum.

Unterschiedlicher könnten The Brothers Sun in der gleichnamigen achtteiligen Netflix-Serie kaum sein. Der eine, Bruce, Fraktion tolpatschiges Weichei, lebt mit seiner Mutter in Los Angeles und sieht sich hin- und hergerissen zwischen seinem Medizinstudium und der Freude am Improvisationstheater. Der andere, Charles, ganz Sixpack-Martial-Arts-Badass, aber auch mit beeindruckenden Backkünsten, leitet unter seinem Vater eine Verbrecherorganisation in Taipeh. Anschlag auf den Papa, Charles reist nach Kalifornien, um die Mama samt Bruder zu beschützen - und muss erkennen, dass sie im Hintergrund einige Fäden zieht. Michelle Yeoh gibt Mama Sun voll tougher Mutterliebe, Sam Li als Bruce und Justien Chien komplemettieren die sympathische Familienzusammenführung zwischen Humor und toll choreografierten Kämpfen. Alles in allem flott, kurzweilig und sehr unterhaltsam.

Erza Miller gibt den jungen Ben Kingsley und beide verkörpern das exzentrische Malergenie Salvador Dalí in der Filmbiografie Daliland der American Psycho-Regisseurin Mary Harron. Die Handlung kreist um das New Yorker St. Regis Hotel und den Winter 1974, den Dalí zusammen mit seiner Muse Gala (Barbara Sukowa) und seiner Partyentourage in den Geburtswehen einer neuen Ausstellung verbringt. Ich war als Jugendlicher hingerissen von der Kunstfigur des Malerfürsten und seinen (damals für mich) mysteriösen Gemälden voll brennender Giraffen und zerrinnender Uhren. Davon ist in dem bieder inszenierten Film nicht viel zu sehen, wer mein Interesse für die Thematik nicht aufzubringen vermag, wird von dem Film nicht viel halten. Ausgenommen vom letzten Ultra-Close up auf Ben Kingsleys Augen, diesem Blick eines alten kranken Mannes, der nicht mehr viel Leben vor sich hat.

Und dann stehen sie einfach so da und sagen kein Wort; hingegen vermitteln ihre Blicke und ihre Körpersprache alles über ihre Gefühle füreinander und ihre Traurigkeit über das nicht gelebte gemeinsame Leben. Der autobiografisch geprägte Film Past Lives der südkoreanisch-kanadischen Autorin und Regisseurin Celine Song stellt Fragen über verpasste Gelegenheiten, auf die es keine eindeutigen Antworten gibt: Das Wiedersehen zwischen einer jungen, mittlerweile verheirateten Frau und ihrer Jugendliebe nach vierundzwanzig Jahren ist ein einziges von Zerrissenheit gemartertes Wenn. Teo Yoo und John Magaro in den Rollen der beiden Männer an der Seite dieser Frau (Greta Lee) verkörpern ihre Figuren ungemein authentisch und mit geradezu herzzerreißenden Sensibilität. Ein leises Abschiedsgedicht in Bildern, schlicht und einfach reinste Filmpoesie.

Die Serie The Artful Dodger fungiert als Art Fortsetzung zu Charles Dickens' berühmtestem Roman Oliver Twist. Als Setting haben wir eine Hafenstadt im Australien der Mitte des 19. Jahrhunderts vor uns und darin ein sympathisches bis bitterböses Figurenpersonal. Da gibt es einen trinkfreudigen Gouverneur mit strenger Gattin und schöner, aber kranker Tochter (Maia Mitchell), die alles über Medizin gelesen hat und sich mit feministischer Courage dafür einsetzt, sie auch ausüben zu dürfen. Weiters eines überaus talentierten jungen Chirurgen (Thomas Brodie-Sangster in der Titelrolle als Historien-Version von Doogie Howser), dem noch nie praktizierte Operationsmethoden als erstem gelingen. Natürlich taucht auch Fagin auf, der Lehrherr für die jugendlichen Trickdiebe im originalen Roman, mit verschlagem Augenzwinkern und merklichem Gusto von David Thewlis verkörpert. Es geht drunter und drüber, und dann gesellt sich auch noch Oliver Twist himself zu dem Spiel, in rotgesichtig-dicklicher Gestalt und voller heimtückischer Pläne. Die Musik ahmt mit Cembalo und kratzenden Geigen Hans Zimmers Sherlock Holmes-Sountrack nach, das ist nicht neu, treibt die Charaktere aber spritzig durch die Handlung. 

Es ist eine Weihnachtsparty im Freundeskreis, von der aus sich Oliver (Luke Evans) von seinem Ehemann Marc (Daniel Levy) zu einer Geschäftsreise verabschiedet. Wenig später verstirbt er bei einem Unfall und Marc steht auf seinem langen und steinigen Weg zur Akzeptanz eine Zeit der Trauer bevor - während der er auch herausfinden muss, dass der Geliebte eine Affäre hatte. Good Grief schwankt zwischen (mäßig lustiger) Komödie und (mäßig zu Herzen gehendem) Drama. Ganz nett, aber auch nicht mehr.

"Mei potschertes Leb'n" heißt ein Lied aus dem Jahr 1986, in dem die Boxlegende Hans Orsolic Einschau hält in ein Leben, das ihm einfach nicht in den Griff zu kriegen gelingt. Es funktioniert wie eine Blaupause auf die Titelfigur von Rickerl, einem Wiener Musiker, der sich trotz großen Talents ständig selbst im Weg zu stehen scheint. Voodoo Jürgens verkörpert ihn mit großer Sensibilität und einer Authentizität, die wohl von den beträchtlichen Ähnlichkeiten zwischen der Filmfigur und ihm selbst kommt. Der großartige Film des jungen österreichischen Drehbuchautors und Regisseurs Adrian Golginger, konsequent im Wienerischen Dialekt gedreht, lebt von der ungekünstelten Nähe zum Milieu und den darin verankerten Charakteren, aber auch von der Intimität einer Vater-Sohn-Geschichte, in der Gefühle nur selten ausgesprochen werden, in ganz einfacher und stiller Zartheit und Zärtlichkeit aber für Vater und Kind erfahrbar werden. Die Schlussszene, in der der sechsjährige Ben Winkler (eine Entdeckung!) mittels eines selbst geschriebenen Liedes dem "potscherten" Vater seine unbedingte Liebe erklärt, gehört zum Berührendsten, das seit langem auf der Leinwand zu sehen war.

Und gleich die zweite Staffel von The White Lotus. Selbe Idee, anderer Ort: Diesmal stellt ein Luxushotel auf Sizilien den Schauplatz für die überspannten Spielchen der reichen Gäste dar, samt im Meer treibender Leiche. Die dunklen Wellen rauschen und der Ätna spuckt Feuer, die Atmosphäre ist stimmig. Zwei superreiche Ehepaare aus der IT-Branche, ein Trio aus Vater, Sohn und Opa auf der Suche nach ihren italienischen Wurzeln, zwei Prostituierte, die auch ihr Scherflein zur allgemeinen Verwirrung beitragen, und auch die tolle Jennifer Coolidge ist wieder im Boot und gerät ins Visier einer schwulen Verbrechergruppe. Die Struktur ist aus der ersten Staffel abgekupfert, die Figuren sind weniger originell gezeichnet, der satirische Charakter bleibt aber bestehen und bei der ganzen Sache mitzuraten macht weiterhin Spaß. Gewichtiger Bonus sind die italienischen Schlager als Klangkulisse.

Ein Resort auf Hawaii und darin diese Ansammlung schräger Charaktere: ein Hotelmanager mit Drogenproblemen, ein Flitterwöchler mit Mutterkomplex, seine Gerade-erst-Ehefrau mit Zweifeln, eine einsame alternde Blondine auf der Suche nach Zweisamkeit, eine dysfunktionale Familie mit kontrollsüchtiger Mutter, gewissenbissegeplagtem Vater und schwer pubertierendem Tennagenachwuchs ... Die Gesellschaftssatire The White Lotus von Mike White blickt in den sechs Folgen der ersten Staffel aus dem Jahr 2021 mit sarkastischer Neugier in die individuellen Abgründe seines reichen, aber nicht immer schönen Figurenpersonals. Das sind mit Gusto inszenierte Dialoge und Szenen, die, genau auf den Punkt geschrieben, immer die wundeste Stelle treffen und entlarven, was sich hinter den Fassaden der Figuren verbirgt.

Nach Eingeschlossene Gesellschaft wieder ein Film über den Mikrokosmos Schule, spielt Das Lehrerzimmer aber in einer ganz anderen Liga. Genau beobachtet, klug geschrieben, in realistischen Bildern festgehalten und ausgezeichnet gespielt, zeichnet der Streifen das Drama einer jungen Lehrerin (Leonie Benesch), die einer Reihe von Diebstählen an ihrer Schule auf den Grund zu gehen versucht. Ausgelöst wird dadurch ein Strudel an Verdächtigungen, Vorurteilen und Verlemdungen, in dem ein Wort das andere gibt und sämtliche Versuche, sich in die Haut eines anderen zu vesetzen und offen miteinander zu kommunizieren, wie in einem unerbittlichen Sog ins Leere führen. Ein beunruhigendes Thema, mit großer Konsequenz umgesetzt.

Es hat einige Zeit gebraucht, bis ich in den Kriminalfilm Bad Lands des japanischen Regisseurs Masato Harada hineingefunden habe. Ist es zu Beginn nicht ganz einfach, die Sprünge in der Zeichnung der Charaktere und dem Verlauf der Handlung nachzuvollziehen, macht diese Komplexität aber bald den besonderen Reiz des Films aus. Ein Geschwisterpaar, das gar keines ist, ein Vater, der sich als Peiniger entpuppt, dazu kommen Betrugsfälle, Spielschulden und auch einige Morde; und die im Titel genannte Bar als Rückzugsverortung, an der sich Kaffee mit viel Zucker genießen lässt. Sakura Ando und der J-Pop-Star Ryosuke Yamada beweisen beträchtliche schauspielerische Qualitäten zwischen Stoik und Verzweiflung.

Der Look von The Creator ist grandios. Regisseur Gareth Edwards, der schon mit dem Star Wars-Spin-off Rogue One zu begeistern wusste, gelingt es, futuristische Aspekte und technische Entwicklungen auf eine Weise in realistischen Settings zu verankern, die wundersame und dennoch geerdete Szenerien entwickeln. Nach der Explosion einer Atombombe in Los Angeles befindet sich die Menschheit im Krieg gegen eine künstliche Intelligenz, die vom sogenannten New Asia aus operiert. John David Washington gibt - exzellent wie immer - einen ehemaligen Spezialagenten, der reaktiviert wird, um sich auf die Suche nach dem "Schöpfer" der AI zu machen. Sehr spannend und mit immer wieder neuen Wendungen versehen, weiß der Streifen auf inhaltlicher wie optischer Hinsicht zu fesseln; und endlich einmal eine charakterlich ausgefeilte Figur im Zentrum eines Blockbusters zu sehen, macht Freude.

Ein staubtrockener Sommer in einem Ferienhaus an der Ostsee und ein brennder Frischling auf der Flucht vor einer lodernden Flammenwalze: Roter Himmel betitelt der deutsche Regisseur und Drehbuchautor Christian Petzold dementsprechend auch seinen großartigen Film. Thomas Schubert spielt den schnöseliger und ständig genervter Jungautor Leon, dem das zweite Buch so gar nicht gelingen will, Paula Beer ist die geheimnisvolle Nadja im roten Sommerkleid und nimmt bald den Mittelpunkt des Freundeskreises (Leons Freund Felix und Nadjas Liebhaber Devid finden Gefallen aneinander) ein. Hier ist so viel Unausgesprochenes "zwischen den Zeilen" spürbar, dieser Schwebezustand ist bezaubernd; und was als leichte Sommerkomödie beginnt, wird alsbald zum Drama mit bitterem Ende. Am Schluss regnet es Asche und wir hören die letzten Absätze aus Leons neuem Buch, das die gesehene Geschichte als Thema hat. Liebe und Schmerz und das Leben mittendrin - ein wunderbarer Film.

Letzten Sommer machte das Internetphänomen "Barbenheimer" die Runde; damit gemeint ist der Wettstreit zwischen zwei sehr unterschiedliche Großproduktionen, Barbie und Oppenheimer. Ersteren fand ich schon ziemlich schwach, zweiterer ist meiner Meinung nach Christopher Nolans schwächster Film - was natürlich keinen wirklich schlechten Film meint. Der Regisseur schaffte es nur bisher, uns mit jedem seiner Stoffe zu verblüffen und nie zuvor gesehene bahnbrechende Akzente zu setzen. Die Lebensgeschichte des "Vaters der Atombombe" zieht sich aber über drei Stunden mit (bis auf die Szene der Explosion der Testbombe) fast ununterbrochenem bombastischem Score, dem es sogar gelingt, die schier endlosen Diskussionen, Befragungen und Hearings auf eine Weise voranzutreiben, die uns über weite Strecken in ihren Sog zieht, uns andererseits aber auch schier erdrückt. Cilian Murphy in der Titelrolle und besonders auch Robert Downey Jr. agieren exzellent, doch Nolans Bilder sind diesmal althergebracht und die dazwischengeschnittenen Clips von kreisenden Atomen, sprühenden Funken und Explosionen wirken banal. Am Schluss jedenfalls sehen wir Oppenheimer von Selbstzweifeln und Schuldgefühlen zerfressen, denn in einer früheren Szene geäußerte Ängste um ein globales Wettrüsten sind Realität geworden: "Now, I am become Death. The destroyer of worlds."

Dracula meets Alien und das nicht im Weltraum, sondern auf dem Segelschiff, auf dem der untote Vampir nach London reist. Die letzte Fahrt der Demeter zeigt in meist ziemlich dumklen Bildern, wie pro Nacht einer der Seeleute nach dem anderen dezimiert wird. Das Ganze ist hübsch ausgestattet, jedoch ohne eigene Ideen nach Schema F gestaltet und deshalb völlig vorhersehbar; wahrscheinlich auch deshalb recht langweilig, weil keiner der Charaktere auch nur von annäherndem Interesse ist.

Eine nach dem Suizid ihres Verlobten traumatisierte Polizeikommissionarin auf der Spur eines Serienmörders, der es auf illegale thailändische Arbeiterinnen abgesehen hat: Der Kriminalfilm The Abandoned des taiwanesischen Regisseurs Ying-Ting Tseng zeichnet ein stimmiges Bild einer verzweifelten Frau am Rand des Abgrunds ihres Lebens, von Janine Chun-Ning Chan einfühlsam dargestellt: düstere Spannung mit romantischen Untertönen.

Wohltuend, dachte ich mir über einen weiten Verlauf der Comicverfilmung Morbius, endlich einmal ein Marvel-Spektakel ohne überkünstliche computergenerierte Kulissen, nervtötende Pseudowitzchen und endlosen Bombast. Der wie immer exzellente Jared Leto in der Rolle eines schwerkranken Arztes, der auf der Suche nach einem Heilmittel durch die Vermischung von Menschen- und Fledermaus-DNA zum Vampir mit zwei Seelen in der Brust wird, eine veritable Jekyll-und-Hyde-Geschichte um den Dualismus zwischen Gut undBöse im Kampf um den Wert des Lebens, zudem spannend und in knackiger Prägnanz gestaltet. Doch dann wird alles durch ein gehudeltes Finale ohne Gusto und Pfeffer auf eine Weise abgwürgt, die nahelegt, dass keiner der Beteiligten mehr Lust an der Sache hatte.

Als Lehrer kamen mir bei der Sichtung der Dramödie Eingeschlossene Gesellschaft des deutschen Regisseurs Sönke Wortmann durchaus die eine oder andere Typisierung und Bemerkung bekannt vor. Der Vater eines Schülers, der wegen eines fehlenden Punktes nicht zur Matura zugelassen werden soll, nimmt eine Runde an Lehrkräften eines Gymnasiums als Geiseln und zwingt sie zur Diskussion über Noten, Schulleben und die eigenen Prioritäten - wobei unter den Kolleg:innen bald alle Hemmungen fallen. Leider mündet die Sache alsbald in eine Aneinanderreihung von Klischees, besonders auch, was die erst verspätet zu Hilfe eilende Polizei betrifft.

Mein erster Film im neuen Jahr: Meine fantastische Mutter des italienischen Regisseurs Emanuele Crialese zeigt Penélope Cruz in der Rolle einer in ihrer unglücklichen Ehe gefangenen Frau, ihr einziger Halt sind die drei über alles geliebten Kinder. Das älteste, Adriana (von Luana Giuliani famos verkörpert), fühlt sich eher wie ein Bursch, was im Rom der 1970er-Jahre nicht unbedingt auf viel Verständnis stößt: "Du und Papa, ihr habt mich falsch gemacht." Ein stimmig ausgestattetes, ruhig erzähltes und einfühlsames Drama über das Suchen der eigenen Identität, das nach Angaben des Regisseurs autobiografische Züge trägt.