Hier führe ich Tagebuch über die Bücher, die ich im Laufe des Jahres 2024 gelesen habe.

Ich habe den Roman Damals im Sommer des deutschen Autors Florian Gottschick als nette Nebenbei-Unterhaltung zu lesen begonnen, das Thema einer ersten Liebe in den Ferien Ende der Neunzigerjahre klang ansprechend. Die sich schüchtern anbahnende Freundschaft mit einem anderen Burschen, erste Erfahrungen in den Dünen, kleine Rivalitäten mit dem älteren und viel cooleren Bruder, die Selbstfindung in der eigenen Homosexualität - die Rezensionen waren allenthalben sehr positiv. Gestolpert bin ich dann schon bald über so manche krasse Stilblüten: "An diesem Tag umschmiegte mich die Hitze wie ein aufdringlicher Liebhaber, dessen allgegenwärtige Hände in Übergriffigkeiten umzuschlagen drohten." Das tut weh! Die Handlung fließt dann aber locker und unterhaltsam dahin, bis der Autor gegen Ende anscheinend mehr will und die Geschichte mit einer Reihe weiterer Probleme überfrachtet. Und wo er tiefgründig zu sein versucht, kommen wieder die Stilblüten. In den richtigen Händen könnte ich mir die Erzählung aber gut als melancholischen Sommerfilm vorstellen.

Ein junger schwuler Dachdecker auf der Walz und dabei auf der Suche nach Freundschaft, Sex, Liebe und in erster Linie nach sich selbst, und das alles angesiedelt in den Jahren 1978/79: Da hoffte ich auf, wie vom Klappentext versprochen, eine atmosphärisch stimmige erzählung über das "Entkommen aus dem tristen Schweigen der westdeutschen Vorwende-Provinz in die gelöste Rhetorik eines freien Geistes". Leider hat mich der Roman Der Spunk von Michael Roes aber nicht gefunden; das mag an dem flapsisgen deutschen Dialekt liegen, in dem Gabriel, mit naivem Staunen über Frankfurt und West-Berlin bis nach Südfrankreich unterwegs, über sich erzählt und an der immergleichen Redundanz seiner Erlebnisse. Das Buch lässt für mich jeden Charme vermissen, tut mir leid, zu den Charakteren wollte sich beim lesen keine Nähe einstellen, und so war es mir gegen Ende auch ziemlich egal, ob es was wird mit Gabriel und "Pille" aus Berlin.

Nach ihrem großen Erfolg mit dem Roman Engel des Vergessens war es etliche Jahre lang eher still um die Autorin Maja Haderlap. Nun legt sie mit Nachtfrauen ein Buch vor, das sich drei Generationen Südkärntner Frauen mit slowenischen Wurzeln widmet. Mira kehrt in das Dorf ihrer Kindheit und Jugend zurück, ihre alte Mutter Anni soll auf den Umzug in ein Pflegeheim vorbereitet werden, deren Mutter wiederum wurde von den Gräuel des Krieges heimgesucht. Ihr Ringen mit prekären Lebensumständen, unabwägbaren politischen Entwicklungen und patriachalischen Lebensformen führen zu jenen kleinen und größeren Tragödien, in denen ihnen die ersehnte weibliche Autonomie zuweilen als unerreichbar erscheinen mag. Haderlaps Sprache ist konzentriert und fern pathetischen Überschwangs, dringt aber tief in Mias und Annis Charaktere ein und lässt uns an ihrem Leben und den Erinnerungen an das teilhaben, was früher war und sie zu den Frauen gemacht hat, die sie heute sind.

Der Sauhund aus dem Titel heißt Flori, ein laut Verlagstext junger Mann, "der so lange fortläuft, bis er selbst bei sich ankommt." Der junge Bad Tölzer Autor Lion Christ hat seinen Debutroman im Jahr 1983 und später angesiedelt, wobei ich die Szenen vor Floris Flucht aus der Enge eines Kaffs in die Großstadt München besonders gut beschrieben fand. Zu Beginn hat Flori gerade seinen Zivildienst hinter sich gebracht und im Schulfreund Gregor eine erste Liebe gefunden. Er weiß insgeheim aber nur eins: Er muss weg von der Mutter, die ihn zu erdrücken droht, vom biederen Vater und einem Umfeld, in dem er keinen blassen Schimmer von den Möglichkeiten seiner Zukunft hat. Diese Passagen sind pointiert gestaltet, die Dialoge im Dialekt sitzen, die Charaktere sind glaubhaft. In München wird die Szenerie klischeehafter. Flori trifft auf das schwule Leben, in Clubs und auf Klappen macht er mit Drag Queens, Drogen, unverbindlichem Sex, Freiern und den ersten schwarzen Wolken einer neuen Krankheit namens AIDS Bekanntschaft. Simplicissiumus, der er eigentlich ist und immer bleiben wird, ist er aber nur von der Sehnsucht nach dem einen "richtigen" Menschen beseelt. Als er diesen im letzten Teil des Buches kennenlernt und sich in seiner Unsicherheit und großen Verletzlichkeit vorerst gegen eine engere Beziehung stemmt, weiß das Buch, wissen sein Ton und die liebenswert-unbeholfene Hilflosigkeit seiner Charaktere mit berührenden Momenten wieder zu überzeugen.

Wenn er wieder einmal eine ganze Nacht lang von älteren Männern missbraucht wird, sieht das Knabe Antinoos sich selbst als Vogel, der aus seinem Körper fliegt und von hoch oben das grausige Treiben wie von außen verfolgt. Ich, Sperling heißt demnach auch der historische Roman von James Hynes. Antinoos wächst als namenloses Waisenkind in einem Bordell in einem römischen Ort an der spanischen Südküste auf. Einige der Prostituierten, fast allesamt Sklavinnen, kümmern sich um ihn wie Mütter, doch er erfährt Zwang, Gewalt und Schmerz am eigenen Leib - ein Leben in Elend ist ihm vorgezeichnet, besonders, als er älter wird und nun selbst Freiern gefügig sein muss. Ich, Claudius, Kaiser und Gott nannten sich der Roman von Robert Graves (1934) und die dazugehörige erfolgreiche Fernsehserie (1976), in der ein alter Mann, in diesem Fall eben der Kaiser Claudius, Rückschau auf sein Ldeben hält. In Ich, Sperling ist es der alte Sklave, der sich an die Vergangenheit erinnert, mit dem Unterschied, dass nur die Kindheit des gepeinigten Protagonisten abgedeckt wird - vielleicht ist ja eine Fortsetzung geplant. Dieser kann man mit Interesse entgegensehen, denn Hynes schöpft bei seiner Erzählung aus dem Vollen, seine Sprache ist bildreich und die Antike entsteht vor unseren Augen mit fast zum Angreifen anschaulicher Lebendigkeit. Ein Roman über die Traumata der Gedemütigten und Entrechteten, aber auch über die Zärtlichkeit und Liebe, die zwischen diesen Figuren entsteht, und deren unbedingten Willen zu überleben.

Die Herbstnovelle der deutschen Autorin Jana Walther ist die Fortsetzung ihres Romans Im Zimmer wird es still, dessen damalige Veröffentlichung ich direkt mitverfolgen konnte. Ich fand ihn damals und finde ihn heute zärtlich, traurig und, obwohl es sich um das Thema von Krankheit und Tod dreht, lebensbejahend. In dieser Weise hat mich auch Herbstnovelle berührt. Jana Walther beschreibt auf unaufdringliche, leise und wahrscheinlich gerade deshalb so intensive Weise die Hochzeit von Peter und Andreas am Krankenbett und den bald darauf folgenden Krebstod von Peter. Sie beschreibt aber auch den Weg, den Andreas in den Wochen und Monaten darauf geht, seine Trauer, seine Verlorenheit in der Welt, die täglichen Verrichtungen, die Zwiegespräche mit Peter an dessen Grab - und dann, ganz allmählich, seine Annäherung an Mark, der vom besten Freund zu mehr wird. Das ist  gefühlvoll und geradezu behutsam geschildert: als Weg zurück ins Leben.

Weil er erfährt, dass sein Sohn auf eine Eliteschule der Nazis aufgenommen werden möchte, kommt Franz Schindl eine Dreiviertelstunde zu spät in die Fabrik - und wird noch im letzten Kriegsjahr 1945 eingezogen. In wunderbarer, auf raffinierte Weise einfacher Sprache und unter Einbeziehung von entdeckten Feldbriefen seines Großvaters entwirft der hauptberuflich als Dermatologe tätige Dr. Andreas Schindl in Die Verspätung das Bild einer Kindheit und Jugend in der Härte des ländlichen Lebens in den Dreißigerjahren des vergangenen Jahrhunderts. Es gelingt ihm, auf nur etwa 120 Seiten eine in sich abgerundete historische Erzählung zu gestalten, die in weiten Teilen auf den Biografien von Mitgliedern seiner Familie beruht: Wie einige wenige dahingesagt Sätze ein Leben völlig verändern können, weiß uns tief zu berühren. Zudem ist das Büchlein überaus schön gestaltet.

Im fünften Band der Heartstopper-Comicsreihe sprechen Charlie und Nick zueinander die drei schwerwiegenden Worte aus und müssen sich mit der Frage auseinandersetzen, inwieweit sie mit einer räumlichen Trennung, begründet durch die Wahl Besuch eines weiter entfernten Colleges, durch den älteren Nick zurande kommen können. Liebenswert und zart wie gewohnt, erzählt Alice Oseman ihre schwule Liebesgeschichte auf altersadequate und warmherzige Weise; das ist nicht so frisch gelungen wie in den ersten Bänden, vermag den Lesenden aber dennoch ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern.